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Entdeckungen im Kleinen Lautertal

Veröffentlicht am 30.03.2016

Lautertal-Collage © Susanne WosnitzkaLautertal-Collage © Susanne WosnitzkaAm Ostersonntag machte ich mit meiner Mama einen Ausflug ins kleine Lautertal. In diesem versteckten Tal gleich hinter Herrlingen bei Ulm, durch das einst die Urdonau floss und die Kalkfelslandschaft prägte, machten wir früher schon oft Ausflüge oder picknickten in den Wiesen am Bächle der Lauter. Ganz hinten im Tal, in Lautern, findet sich ein kleines uraltes Kirchlein und daneben ein hübsches Fachwerkhäuschen. Wir hatten uns damals schon immer gefragt, wer wohl das Glück hatte, dort in dieser Idylle und in dieser Ruhe zu leben.

Geht man noch ein Stück weiter nach ganz hinten ins Tal, kommt man zum Gasthaus Zum Lamm, das von einem Frauenpaar betrieben wird. Diese hatten das lange Zeit leerstehende Gasthaus aufgekauft und führen es bioökologisch weiter, unter der Bedingung der Vorbesitzer, nichts modern zu verändern. Dank dieser Auflage findet sich dort heute ein Juwel aus alter Zeit.

Hinter dem Gasthof befindet sich der "rauschende Bach", den wir als Kinder so genannt hatten, weil es dort eine Schleuse gibt, durch die das Wasser immer nur so durchgerauscht ist, wenn sie aufgedreht war. Das Wasser stammt aus einer Quelle im Felsen, die eigentlich keine Grundwasserquelle ist, sondern ein Seitenarm eines gigantischen unterirdischen Höhlensystems, das auch den Blautopf in Blaubeuren nährt.

Nach einem wunderbaren Essen – angeschmelzte Maultäschle mit Kartoffelsalat – trafen wir per Zufall eine alte Dame, die ebenfalls dort essen war und die als lokale Persönlichkeit bekannt ist: Linde Otto.

Linde Otto hat über Lautern und ihre Kindheit und vor allem das Überleben in den 1930er und 1940er Jahren ein Büchlein geschrieben. Ihre Mutter war

Dr. Gertrud Laupheimer, deren Mutter Bertha widerum 1907 Vorsteherin der Ortsgruppe des Württembergischen Vereins für Frauenstimmrecht war und die es geschafft hatte, dass ihre Tochter Gertrud als erstes Mädchen 1913 in Ulm Abitur machen konnte. Gertrud selbst studierte in Freiburg und München Volkswirtschaft mit Schwerpunkt Sozialpolitik, Agrarwesen und Bodenreform und setzte sich besonders für die Idee der Gartenstadtbewegung ein. In Tübingen promovierte sie 1926 und arbeitete anschließend in Berlin als freie Wissenschaftlerin für verschiedene Gärtnereisiedlungen.

In Berlin lernte Gertrud Adolf Otto kennen und lieben, der in reformerischen Kreisen verkehrte und 1908 Mitbegründer des Sozialistischen Bundes war. Er war befreundet mit Erich Mühsam, Martin Buber und Gustav Landauer, die sich sehr für jüdische Erwachsenenbildung einsetzten.

Die Beziehung zwischen Gertrud und Adolf war nach außen hin schwierig, da Adolf mit einer anderen Frau verheiratet war und Gertrud und Adolfs gemeinsame Tochter Linde "unehelich" zur Welt kam – Linde wurde dann über juristische Umwege doch noch für "ehelich" erklärt. Ihren leiblichen Vater Adolf erlebte sie aber nur eher über Distanz, der oft für die Reformbewegung unterwegs war und schon 1943 in Berlin starb.

Wegen ihrer "teiljüdischen" Herkunft war es ab 1933 schwierig geworden, zu leben und zu überleben. Annemarie Hundt führte damals – als "Arierin" – ein jüdisches Kinderheim in Herrlingen weiter, das Anna Essinger gegründet hatte, und konnte dadurch jüdische Kinder – und eben Linde Otto – in Schutz nehmen. Dr. Gertrud Laupheimer starb 1945 an Krebs, Linde kam weiter in Obhut von Annemarie "Amei" Hundt. In vielen kleinen Anekdoten berichtet Linde Otto in jenem Büchlein über ihre Kindheit im kleinen, verwunschenen Lautern.

Linde Ottos Großmutter war eine geborene Gutermann. Eine ihrer Vorfahrinnen ist somit Sophie von La Roche geb. Gutermann, die mit ihrem Roman Die Geschichte des Fräulein von Sternheim 1771 Weltruhm erlangte. Dieses Buch gab Christoph Martin Wieland anonymisiert heraus, da es für Frauen generell schwierig war, Werke selbst zu veröffentlichen. Als Sophies Tochter Maximiliane bei der Geburt ihres 13. Kindes starb, nahm Sophie von La Roche drei Enkelkinder auf, darunter Bettina und Clemens Brentano.

Wir erlebten gestern Linde Otto als alte, aber noch immer geistig und körperlich agile Frau, die sich ihren Sonntagsspaziergang nicht nehmen lässt – sie wohnt vorne im kleinen Fachwerkhäuschen an der Kirche, spielt regelmäßig auf ihrem Klavier und freut sich immer über Menschen, die Interesse für ihre Geschichte(n) zeigen. Derzeit wird eine Dissertation verfasst über Sophie von La Roche, und Linde Otto konnte auch dazu mit ihren Erzählungen beitragen.

Und auch meine Forschungswege kreuzen sich ein kleines bisschen mit dem Leben von Linde Otto, denn ich bin auf der Suche nach dem Briefwechsel der blinden Komponistin Maria Theresia Paradis mit ihrer engen Brieffreundin Sophie von La Roche...

Bild: Collage aus Lautern; in der Mitte Linde Otto, die sich auf den Heimweg macht.

 

Buchtipp
Linde Otto: Gertrud Laupheimer. Leben und Überleben im Kleinen Lautertal, Verlag Klemm+Oelschläger, Ulm 2014, 80 S.

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