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Es war einmal...ein Mensch

Veröffentlicht am 03.12.2013

Totenmaske der Hildegard von Egisheim © genealogie-93-generationen.euTotenmaske der Hildegard von Egisheim © genealogie-93-generationen.euFacebook-Blog, 24. März 2013

Mittelalterliche Menschenantlitze – man kennt sie hauptsächlich etwas verschroben dreinblickend von Altären, als knitze Gesichter von Holzschnitten mit seltsam anmutenden runden Fischaugen oder als gestelzte holde Recken und Maiden aus Pergamenten von Ritterspielen. Deshalb sticht aus dieser Masse auch so sehr z.B. die "weiche" Gestalt der Uta von Naumburg (~1000 bis 1046) hervor, die im Naumburger Dom (unbedingt eine Reise wert!) zu bestaunen ist. So faszinierend wie die Büste der Nofretete in Berlin oder das Gesicht Romy Schneiders. Aber was genau ist das Faszinierende daran? Die perfekten, zeitlosen Proportionen, die – wie mathematisch genau berechnet – einen bewusst-unterbewussten Sinn für Ästhetik anspringen lassen?

Jedenfalls kann ich meinen Blick davon nur schwer abwenden, und diese Gesichter und die gewonnenen Eindrücke daraus halten noch lange nach.

Grade bei sehr alten Bildnissen fragt man sich: sahen die wirklich so aus? oder: sind das nur Idealbildnisse, um Herrscher/innen-Persönlichkeiten zu huldigen und um – als Gestalter/in – nicht in Ungnade zu fallen, wenn man Anzeichen von Gebrechen mit abbildet? Einige Portraits sind erhalten geblieben, die

auch Herrscher/innen mit "Behinderung" darstellen, wie z.B. ein Flachrelief des Pharaos Siptah (um 1200 v. Chr.) zeigt, der auf einen Stab gestützt steht: eines seiner Beine ist dünner als das andere, das er nicht belastet und im Gespräch mit einer anderen Person anwinkelt. Dieses Portrait zeigt die Wirklichkeit. Warum sich der Pharao so "menschlich" hatte abbilden lassen, ist nicht bekannt. Denn Pharaon/innen wurden wie Götter/Göttinnen behandelt und wurden als unsterblich angesehen.

In Deutschland existiert ein ziemlich unbekanntes Portrait, das wegen einer Besonderheit alle anderen, äußerst bekannten Darstellungen genau deswegen aber in den Schatten stellt: dabei handelt es sich um das Antlitz der Hildegard von Egisheim (~1024-1095). Durch ihre Heirat mit Pfalzgraf Kuno von Breisgau (gest. 1094) brachte sie eine immens große Mitgift in ihre neue Familie ein – ohne dieses Zutun wäre der Aufstieg der so bedeutenden Familie der Staufer unmöglich gewesen. Hildegard von Egisheim wird deswegen auch als "Mutter der Staufer" bezeichnet. Später gründete sie Kloster St. Fides im Elsass, wo sie auch begraben wurde.

Erst 1892 wurde bei einer Kirchenrenovierung ihr Leichnam wiederentdeckt, der eine Sensation barg: vor einem Altar wurden weibliche Überreste gefunden, die mit einer dicken Kalkschicht bedeckt waren. Aufgrund der Fundlage direkt vor dem Altar ("näher an Gott dran") geht man davon aus, dass es sich um eine hochgestellte Persönlichkeit gehandelt haben muss – Hildegard von Egisheim. Kalk wurde nur verwendet, wenn von den toten Körpern eine Gefahr ausging (z.B. bei Pest- oder Cholera-Epidemien).

Der Kalk hatte eine konservierende Wirkung: er passte sich an die sterbliche Hülle an und schuf durch seine Aushärtung ein realistisches Abbild des Menschen, während die Überreste nach und nach zerfielen. Auch bei Hildegard von Egisheim war das der Fall: vor allem ihre Gesichtsabdrücke haben sich erhalten. Dadurch konnte – wie bei den Toten von Pompeji und Herculaneum – ein Gipsabguss hergestellt werden.

Diese Totenmaske der Hildegard von Egisheim stellt nach heutigem Forschungsstand das einzige lebensecht erhaltene Antlitz eines sogar namentlich bekannten Menschen aus dem Mittelalter dar.

Wer dieses faszinierende Gesicht einmal "in echt" anschauen möchte, dem kann ich entweder direkt einen Ausflug nach Sélestat/Alsace oder einen Ausflug ins Schwabenländle empfehlen, und zwar zum Staufer-Dokumentationszentrum am Hohenstaufen – den Gipsabguss findet man an beiden Orten.

http://www.genealogie-93-generationen.eu/index.asp?nid=2505
http://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Hohenstaufen

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