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Musik und Verbrechen in der Lagune

Veröffentlicht am 02.12.2013

Markusplatz-Impression © allgemeinfrei (wiki commons)Markusplatz-Impression © allgemeinfrei (wiki commons)Facebook-Blog, Februar 2013


Schon mal in Venedig gewesen? Ja? Markusplatz angeguckt? Tauben gefüttert? Sich über das Hochwasser gefreut? Im Café Florian einen kleinen Espresso für 8 € getrunken? Keinen einzigen Einheimischen entdeckt? Willkommen in Disneyland!

Dabei will man im Urlaub doch das Besondere erleben, oder nicht? Komplizierter als das Hochwasser mit den nahezu alltäglichen Überschwemmungen ist die nahezu immerwährende Touristenschwemme. Was nicht heißt, dass Sie nicht hinfahren sollen. Nein! Vielleicht waren Sie auch noch nie in Venedig, weil sie sich genau davor fürchten?

Wer Venedigs stille, anheimelnde & poetische Sprache hingegen entdecken will, dem lege ich die komplette "Commissario-Brunetti"-Reihe von Donna Leon wärmstens ans Herz.

Noch ein Kommissar, der sich durch die Fälle drischt? Mitnichten! Brunetti lebt eher still & bescheiden in einem eher abgelegenen Winkel Venedigs, fernab von Touristenströmen. Zwar in einem Palazzo (welches Haus in Venedig ist eigentlich nicht alt?), jedoch in einem illegal gebauten Stockwerk. Das weiß Brunetti im ersten Band zwar noch nicht, wird aber großes Thema bei "Feine Freunde" (Bd. 9), als der Baugutachter vom Dach stürzt – oder gestoßen wird? Aber das ist eine andere Geschichte...

Venedig ist auch Musikstadt: Giuseppe Verdis Oper "La Traviata" beging dort 1853 ihre ausgebuhte Uraufführung im legendären Teatro La Fenice. Bei einer Aufführung in unserer Zeit wird Maestro Helmut Wellauer zwischen dem 2. und 3. Akt tot in seiner Kabine aufgefunden. Durchdringender Geruch von Bittermandeln lassen auf Giftmord schließen. Wer wars? Die lesbische Sopranistin, die mit Wellauers Homophobie nicht länger klar kam? Der junge, aufstrebende Dirigent, den Wellauer nicht an sein Dirigierpult ließ? Oder der Hausmeister? Oder war es doch ganz anders, wie man es sich als Leser/in selbst mit aller Krimi-Erfahrung nicht vorstellen kann?

Jedenfalls wird Guido Brunetti zur Leiche gerufen, der sich mühsam aus dem Bett quälen musste, um festzustellen, dass der eigentliche diensthabende Ermittler keine Lust dazu hatte. Doch Brunetti kennt seine Pappenheimer und vor allem seinen selbstherrlichen Chef, Vize-Questore Patta. Wenn man nicht alles selber macht...

Darunter leidet ab und an auch Brunettis Familie: seine Frau Paola, Literaturprofessorin an der Accademia, bekennende Kommunistin, die kein Blatt vor den Mund nimmt und aus altem Stadtadel stammt, seine beiden Kinder, die 13-jährige Chiara und der etwas ältere Raffaele. Und dann ist da noch Brunettis demenzkranke Mutter und Paolas exzentrische Eltern, die in einer Art Scheinwelt leben.

Daraus tankt Brunetti seine Kraft für seine Ermittlungen – und nebenbei aus den klassischen Fabeln & Geschichten der italienischen Renaissance-Dichter, die ihn das Irrenhaus Questura (Polizeipräsidum) oft vergessen lassen. Am glücklichsten ist Brunetti, wenn er seine Stadt für sich hat – frühmorgens, wenn der Nebel fällt und bei gutem Wetter sogar noch die schneebedeckten Gipfel der Alpen zu erkennen sind. Venedigs Licht und Poesie verzaubert auch ihn immer noch. Vor allem dann, wenn "La Serenissima" als alternde Kokotte noch einmal alles aufbietet.

Äußerst genau und sozialkritisch rollt Donna Leon auch die politischen, menschlichen und umweltlichen Dramen und Lachhaftigkeiten aus – auf einen reichen Schatz an nachbarschaftlichem Klatsch und Tratsch zurückgreifend. Seit mehr als 30 Jahren lebt Donna Leon in der alten Handelsstadt an der Lagune: als gebürtige Amerikanerin erlebte sie eine wahre Odyssee durch umkämpfte Krisengebiete und blieb als Flüchtling in Venedig hängen.

Lassen auch Sie sich von Brunettis liebenswürdiger, warmer menschlicher Art und vom Klang Venedigs verzaubern. Die ideale Auszeit in der Eiszeit.

Tipps zum Thema:

  • Die Hörspiele (Achtung: NICHT Hörbücher!) zur Brunetti-Reihe mit der unvergleichlichen Erzählerin Hannelore Hoger und den Original-Geräuschen und -Klängen aus Venedig.
  • Zum Gucken die Fernsehreportage "Die geheimen Gärten Venedigs" sowie der Klassiker "Wenn die Gondeln Trauer tragen". Oder auch James Bond in "Moonraker".
  • Wer auf den Spuren Virginia Woolfs in Venedig wandeln will, dem bringt das Buch "Reisen mit Virginia Woolf" (Jan Morris, Fischer-Verlag, 1995) etwas. 
  • Wer Venedig in den Ohren haben will, dem empfehle ich die CD "Wagner e Venezia" (Winter&Winter) mit dem fantabulösen Uri-Caine-Ensemble congenial auch für Akkordeon umgesetzt, live im Gran Caffé Quadri im Juni 1997.

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