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Sehen im Nicht-Sehen

Veröffentlicht am 04.04.2016

Maria Theresia Paradis gezeichnet von Faustine Parmantié 1784 © allgemeinfrei (wiki commons)Maria Theresia Paradis gezeichnet von Faustine Parmantié 1784 © allgemeinfrei (wiki commons)Inspiriert durch den Versuch einer Facebook-Followerin, einer blinden jungen Frau zu erklären, wie Sterne aussehen oder wie sie sich anfühlen können, habe ich mich an eine Begebenheit der blinden Komponistin Maria Theresia Paradis erinnert, die durch magnetische Behandlung plötzlich die Sterne sehen konnte, aber den Klang ihrer Musik verlor.

Ich erzähle eine Geschichte von ihr: Es war einst ein kleines Kind, das ein ganz furchtbares Erlebnis gehabt haben musste, denn es wurde über Nacht blind. Man erzählte, es sei ein Feuer gewesen, das sie erschreckt habe, aber vermutlich war es Missbrauch: ihre Augen verdrehten sich nach innen, sodass es absolut dunkel um sie wurde. Bald darauf stellte man fest, dass sie eine wunderbare Begabung für die Musik hatte und fantastische Melodien auf dem Klavier spielen konnte. Sie erhielt regelmäßig Unterricht und wurde zu einer Sensation, die auch eine Art Rente vom Kaiserhaus bekam. Manchmal spielte sie auch Orgel in einer der Wiener Innenstadtkirchen.

Und sie schrieb gern: eigene musikalische Werke und Briefe an Menschen, die sie über Gespräche und sonstigen Austausch in privaten Treffen kennengelernt hatte. Darunter war auch Joseph Haydn, der sie als erste Interpretin seiner "Schöpfung" auf dem Klavier einsetzte, weil er fand, dass sie als einzige in der Lage war, seine Musik so zu spielen, wie sie in ihm selbst klang.
Weil sie immer die Tinte beim Schreiben mit ihrer Hand auf dem Papier verschmierte, musste eine andere Lösung her: ihr späterer Lebensgefährte baute zusammen mit einem Mechanikus einen Setzkasten, der ähnlich wie eine kleine Druckerei funktionierte: aus einzelnen beweglichen Lettern konnte sie so ihre Briefe und sogar ihre Noten selbst drucken. Mit ihren Fingern konnte sie jeden einzelnen Buchstaben fühlen und richtig einsetzen.

1783 war es soweit: Maria Theresia war so weit ausgebildet, dass

sie auf Tournee gehen konnte. Und zwar nicht nur in und um Wien – nein! Sie wollte durch Europa reisen! Man verkaufte die Wohnung und packte alle Habseligkeiten in eine Reisekutsche. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Lebensgefährten ging es los, ab in den Westen. Maria Theresia hatte Briefkontakt mit Nannerl Mozart, der Schwester von Wolfgang Amadé Mozart, die sie schon sehnlichst in Salzburg erwartete. Von dort ging es weiter über München und Augsburg immer weiter in den Westen bis nach Paris. Um zu wissen, wo sie sich gerade aufhielt und wie es dort aussah, hatte ihr Freund ihr eine mobile Landkarte aus Pappmaché gebaut, auf der die Flüsse tief lagen, Berge eingearbeitet waren, Städte mit Nägeln und Dörfer mit Stecknadeln markiert waren – die Straßen bestanden aus Schnüren. So konnte sie immer wissen, wie weit es vom einen zum anderen Ort war.

An fast jeder Wegstation gab sie öffentliche Konzerte oder spielte in Privatwohnungen vor begeistertem Publikum auch ihre eigenen Werke. In den Zeitungen wurde ihre Durchreise schon Wochen vorher angekündigt. In Paris saß ein ganz wichtiger Mann im Publikum, der sie unbedingt kennenlernen wollte: es war Valentin Hayü, der sich gerade überlegte, die erste Blindenschule in Paris zu eröffnen, aber er hatte noch nicht so wirklich Ahnung, wie er das machen sollte. Er wollte wissen, wie sie mit anderen Menschen kommunizierte – und so zeigte sie ihm ihren geheimnisvollen Apparat. Valentin Hayü war so immens davon beeindruckt, dass er später das System von Maria Theresia Paradis nachbaute. Einer seiner Schüler war Louis Braille, der dieses System verbesserte und perfektionierte. Ohne den Setzkasten von Maria Theresia wäre die heutige Blindenschrift wohl nicht möglich gewesen.

Maria Theresia reiste weiter bis nach London. Dort bekam ihr die rußige Luft aber nicht besonders gut. Nachdem sie auf ihrer Reise mehrmals auch ihre enge Brieffreundin, die Schriftstellerin Sophie von La Roche in Speyer, besucht hatte, ging es über Berlin und Prag 1786 wieder nach Wien zurück.

Während dieser Zeit traf Maria Theresia noch auf einen anderen Mann, der ihr Leben ziemlich auf den Kopf stellen würde: Dr. Franz Anton Mesmer. Dieser beschäftigte sich in dieser Zeit mit Magnetismus, gab Aufsehen erregende Vorträge und war wie Maria Theresia selbst ein Shootingstar seiner Zeit. Er glaubte, Maria Theresia wieder sehen können zu lassen. Nach Diskussionen mit ihren Eltern und einigen Sitzungen mit Maria Theresia hatte er es tatsächlich geschafft, dass sich ihre Augen nach vorne gedreht hatten. Plötzlich konnte sie wieder sehen!

Aber wie kam dadurch ihr Leben durcheinander! Am lustigsten fand sie die Nasen in den Gesichtern der Menschen – die fand sie ganz schrecklich albern. Nächtelang lag sie wach und betrachtete den Sternenhimmel und den Mond, von denen sie ganz fasziniert war. Durch dieses äußere Sehen begann aber ihr inneres, seelisches Sehen nachzulassen – und plötzlich kam sie mit ihrem Klavierspiel und mit ihrem Musikgefühl nicht mehr klar, was sie extrem frustrierte. Ihre Eltern hatten zudem Angst, dass sie nun keine „blinde Sensation“ mehr sein und vom Kaiser auch kein Geld mehr bekommen würde. In einem heftigen Streit um all das schlug ihr die eigene Mutter – so geht die Erzählung – den Kopf gegen die Wand. Durch diesen Schlag, auch durch diesen persönlichen Angriff, kam das Kindheitstrauma wieder hoch und ihre Augen verdrehten sich wieder nach innen. Maria Theresia begab sich nie wieder in Behandlung.

Nach diesem Vorfall wollte sie aber auf eigenen Füßen stehen und gründete eine eigene Musikschule – für blinde und sehende Kinder! Durch ihr System, Notenwerte anhand von Kärtchen im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen, lernten die Kinder in ihrer Schule dreimal so schnell, wie Musik funktionierte. Das war so erstaunlich, dass selbst in den Zeitungen darüber berichtet wurde. Maria Theresia komponierte auch noch nebenbei und versuchte sich an Opern – anfangs erfolgreich nahm ihr Stern aber relativ schnell ab.

Sie starb ganz verarmt in Wien vermutlich mit großen Schulden, denn ihr Lebensgefährte musste dann ihren Hausstand verkaufen, sodass sich nur ganz wenige persönliche Gegenstände erhalten haben. Diese befinden sich im Museum der Wiener Blindenschule sowie eine lebensgroße Wachsbüste von ihr im Depot des Wien-Museums, die in Verehrung als großes Vorbild angefertigt und in einer Blindenschule ausgestellt war. Sie wurde auf dem gleichen Friedhof bestattet, auf dem auch Mozart liegt. Aber auch ihre Grabstelle ist heute nicht mehr bekannt.

Lange Zeit war ihre Geschichte vergessen, bis die berühmte Cellistin Jacqueline du Pré eines ihrer Werke, die „Sicilienne“, auf Schallplatte in den 1960er Jahren herausbrachte. Es ist ein ganz zauberhaftes Werk, das aber lange umstritten war, denn niemand glaubte, dass „behinderte“ Menschen zu so einer schönen Musik fähig seien.

Für Maria Theresia war es nicht so wichtig, was sie „außen“ sah – ihr inneres Sehen, ihre eigenen Vorstellungen von der Welt waren viel, viel wichtiger. Und genau das machte ihre Musik zu so etwas Besonderem, weil sie im Nicht-Sehen doch sehen konnte.

 

Die „Sicilienne“ zum Anhören: https://www.youtube.com/watch?v=qKFa1xOCpeI (Interpretation von Jacqueline du Pré)

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