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"Sing! Inge, sing!" - ein vergessener Weltstar wiederentdeckt

Veröffentlicht am 02.12.2013

Facebook-Blog, 2. August 2013

Seit achtzehn Jahren findet in München jährlich die Bimovie-Filmreihe im fast 100jährigen Maxim-Kino statt, in der außergewöhnliche Filme und Dokumentationen gezeigt werden, die sonst oft keinen Platz im öffentlichen Raum oder in den größeren Kinos haben.

Von vielen der dort gezeigten Bild- und Tondokumente war eines davon besonders elektrifizierend: die biografische Dokumentation "Sing, Inge, Sing!" des Filmemachers und Biografen Marc Boettcher (Portraitfilme u. a. über Alexandra und Bert Kaempfert), die in knapp zwei höchst faszinierenden Stunden über das Leben und außergewöhnliche Wirken und Singen der Inge Brandenburg berichtet, die – einst zur besten Jazz-Sängerin Europas gekürt – völlig verarmt 1999 in München starb.

Per Zufall wurde ein kleiner Teil ihres Nachlasses auf einem Flohmarkt gefunden und

geriet in die richtigen Hände. Daraus entstand ein großes Recherche- und Finde-Projekt, im Verlauf dessen viele ZeitzeugInnen, FreundInnen und MitmusikerInnen zu Inge Brandenburg befragt wurden.

Inge Brandenburg wurde 1929 in Leipzig in eine zerrüttete Familie hineingeboren. Ihr Vater wurde als Kommunist im KZ Mauthausen inhaftiert, wo er sich das Leben nahm. Inge Brandenburgs Mutter geriet ebenfalls in die Mühlen des NS-Regimes und kam auf einem Transport ins KZ Ravensbrück ums Leben. Inge Brandenburg wurde mit ihrer Schwester in ein sog. Heim für schwer erziehbare Kinder gesteckt, wo an ihnen pseudo-medizinische Experimente durchgeführt wurden. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen all dieser Schrecknisse entdeckte Inge Brandenburg ihr persönliches Fluchtmittel – ihre begnadete Stimme.

Nach Kriegsende entlassen, flüchtete Inge Brandenburg in die amerikanische Besatzungszone, wurde auf dem Weg von Hof nach Augsburg von amerikanischen Soldaten vergewaltigt und landete wegen Landstreicherei im Gefängnis. Schließlich fand sie in Augsburg einen Job in einer kleinen Bäckerei, in der ein Klavier vorhanden war. Von ihrem schmalen Gehalt konnte sich Inge Brandenburg irgendwie noch Klavierunterricht leisten – und entdeckte das ideale Trainingsgerät für sich. In Augsburg als amerikanischer Zone wurde via Radio aktueller amerikanischer Jazz und Swing übertragen. Diese Höreindrücke waren ausschlaggebend für die weitere Karriere von Inge Brandenburg, deren Vorbilder Judy Garland, Peggy Lee und Frank Sinatra wurden.

Jazz war in dieser Zeit in Deutschland jedoch noch kaum gefragt – manche bezeichneten Inge Brandenburg deshalb als ihrer Zeit weit voraus. Jazz wurde zum absoluten Ausdrucksmittel für Inge Brandenburg, deren größte Konkurrentin im europäischen Raum nur Caterina Valente war, die mit der Schlager- und Heile-Welt-Welle hingegen weitaus mehr Publikum erreichte. Dieser Umstand legte sich wie ein Schatten auf Inge Brandenburgs Karriere: sehr gefragt und als deutsche Billy Holiday im Ausland gefeiert, konnte sie im deutschsprachigen Raum kaum Fuß fassen. Nicht gewillt, ihre Stimme einem anderen, erfolgreicheren Stil anzupassen, ging Inge Brandenburg als außergewöhnliche Sängerin verkannt unter.

"Sing! Inge, sing! führt neunzehn Beweise für die Qualität dieser Sängerin an, die sich an Großartigkeit gegenseitig überbieten." (Frank Bongers)

CD: Inge Brandenburg: "Sing! Inge, sing!" – Silver Spot Records 1036002SSR
DVD: "Sing! Inge, sing! Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg" – Edition Salzgeber

Inge-Brandenburg-Medley zum Reinhören:
http://www.youtube.com/watch?v=84xN3XjD50k


Text: Susanne Wosnitzka, erschienen Ende 2012 in der Kunstzeitschrift CU(L)T.

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