Pocken – wie die Impfung nach Augsburg kam

Ludwig XVI., gezeichnet von Joseph Ducreux 1793 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Ludwig XVI., gezeichnet von Joseph Ducreux 1793 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

König Ludwig XVI. von Frankreich (1754–1793) war überzeugter Impffreund gegen die Pocken, und das bereits 1786, als es noch keine regulär weitflächig eingesetzte Impfung gegen die Seuche gab und solche noch nicht über das Stadium lokaler Versuche durch zum Beispiel Edward Jenner (1749–1823, erste Kinderimpfung als Experiment 1796) hinausgekommen war. Woher wusste der König also so ausgeprägt davon, dass er auch ganz klar erkannte, dass Schulen Hotspots zur Verbreitung der Krankheit waren? Eine Nachricht, die ich dazu in einer hist. Augsburger Tageszeitung gefunden habe, liest sich so weitdenkend, dass man kaum glauben mag, dass sie aus einer so frühen Zeit der Entwicklung von Impfungen stammt:

“Paris, den 19. März. 1786. […] Der König, von den Vortheilen der Blattern=Einimpfung überzeugt und Willens, das Ansteckende dieser Krankheit zu verhindern, welches sich besonders in denjenigen Häusern zeigt, wo viele Kinder vereinigt sind, hat befohlen, daß inskünftige kein Knabe mehr unter seine und der Königin Leibwagen und in die Militärschule, so wie kein Mädchen in das Haus von Saint=Cyr aufgenommen werden solle, bevor dieselben entweder die natürlichen oder eingeimpften Kinderpocken gehabt hätten, als worüber die Aeltern derselben schriftliche Zeugniße vom dem Arzt und Wundarzt des Orts ihres Aufenthalts, welcher von der Obrigkeit legalisirt seyn müssen, beyzubringen hätten.”[1]

Zukunftsweisend

Er war offenbar nicht nur überzeugt von der Impfung, sondern wusste auch um die Bedeutung und Wirkung von amtlich beglaubigten Impfnachweisen! Heute gilt: “Impfungen zum Schutz vor einer übertragbaren Krankheit (§ 2 Nr. 9 IfSG) müssen von der zur Durchführung berechtigten Person, in der Regel einem Arzt, unverzüglich dokumentiert werden (§ 22 Abs. 1 IfSG).”[2]

Marie Antoinette, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun 1783 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Marie Antoinette, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun 1783 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Hochspannend, wie sich die Wortwahl ähnelt. War Ludwigs Frau Marie Antoinette (1755–1793) die treibende Kraft hinter seinem Wissen? Bereits ihre Mutter, Kaiserin Maria Theresia (1717–1780), war von der Impfung gegen die Pocken überzeugt, hatte sie doch eigene Kinder und Menschen ihres nahen und nächsten Umfelds an die Pocken verloren. 1768 wurden mit ihrer Hilfe erste Impfversuche in Wien durchgeführt, allerdings blieb das Impfen unpopulär “aus der lediglichen ursach, weillen das hiesiger Enden überaus thumme bauren Volk […] guten Rath in der gütte gehör giebet […] und es lediglich der weiteren Schikung gottes überlassen will”.

Pocken bringen verheerendes Leid
Isabella von Bourbon-Parma, gemalt von Jean-Marc Nattier 1758 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Isabella von Bourbon-Parma, gemalt von Jean-Marc Nattier 1758 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Marie Antoinette wusste von der brutal wirkenden Krankheit. Ihre Schwägerin Isabella von Bourbon-Parma (die auch die Geliebte von Maria Theresias Lieblingstochter Marie Christine war) starb daran elendiglich 1763 (verheerend auch für ihre große Liebe Marie Christine – beide in der Kapuzinergruft bestattet). 1770 wurde Marie Antoinette nach Frankreich verheiratet und nahm ihr Grauen vor dieser Krankheit, aber auch ihr Wissen um ihre Bekämpfung nach Paris mit.

Ich gehe davon aus, dass Marie Antoinette mit ihrem Ehemann darüber im Gespräch war, auch, um allein ihre eigenen Kinder vor dieser furchtbar entstellenden Krankheit zu schützen, die ständig wie ein täglich drohendes Damoklesschwert im Leben der damaligen Menschen hing. 1782 wurden ihr im Zuge einer fiebrigen Halserkrankung “die Blattern aufgeleget” – sie wurde geimpft.[3]

Rettung in greifbarer Nähe

1789 rückte die Impfung dann auch tatsächlich in die Nähe von Augsburg, als Dr. Gottlieb von Ehrhardt (1763–1826) in Memmingen damit begann, die ersten Menschen dort zu impfen:

“Memmingen , den 15. Sept. 1789. Hier ist nun auch im verflossenen Sommer von dem jüngern Hr. Dr. G. Ehrhart, einem Arzte von vieler Geschicklichkeit und von edelm Charakter, die Pocken=Einimpfung an fünf Personen mit dem glücklichsten Ausgange vorgenommen worden; unter welchen ein Jüngling und der einzige Sohn des hiesigen verdienstvollen Herrn von Lupin gewesen ist. Herr Dr. Ehrhart hat zu Beförderung dieser Sache eine Darstellung der Gründe für und wider die Blattern Einpropfung für Leser aus allen Standen, in Memmingen bekannt gemacht, welche wohl durchdacht und bearbeitet ist. Es ist zu wünschen, daß sie erwogen werden und die Sache einen Fortgang haben möge.”[4]

Eindrückliche Appelle

Kaiser Joseph II.  von Österreich (1741–1790), sehr an moderner Wissenschaft interessiert, appellierte auch in Augsburger Tageszeitungen eindrücklich auf der ersten Seite zur Wahrnehmung und Nutzung von Impfungen, für die er auch eine Impfpflicht androhte, sollte der Nutzung nicht nachgekommen werden.[5]

Die Impfung fasste relativ schnell Fuß, denn im selben Jahr ließ auch der König von Preußen seine Kinder gegen die Blattern/Pocken impfen.[6] In Deutschland hatte schon im Jahr 1713 ein Student namens Salger seine Dissertation über die Pockenimpfung De lue vaccarum verfasst.[7]

Blick nach Wien in Zahlen/Daten/Fakten

Aus dem Jahr 1795 hat sich ein Bericht aus Wien erhalten, in dem von im Jahr zuvor (1794) 15.051 Verstorbenen 1.510 an den Blattern/Pocken dahingerafft wurden – das sind rund 10 % aller Verstorbenen in diesem Jahr, die zweithäufigste Todesursache nach ‘Abzehrung’ und noch vor der Lungentuberkulose.[8] Eine Volkszählung kam im Jahr 1795 in Wien auf die Einwohner:innenzahl (Stadt und Vororte) von 231.105 Menschen.[9]

Bereits ein Jahr später waren laut Bericht für das Jahr 1795 in Wien nur noch 196 (!) Menschen an den Blattern/Pocken gestorben (nun an sechster Stelle der Todesursachen).[10] Ein krass bemerkenswerter Sprung nach unten hin zu einem wohl tatsächlich funktionierenden Schutz, der allerdings flächendeckend noch nicht gewährleistet war: Ende 1796 waren zum Beispiel in Ulm über 100 Kinder in kürzester Zeit an den Blattern/Pocken verstorben.[11] Zahlen, die man in Augsburg las und vor denen man sich dort fürchtete.

Blick auf Augsburg 1846 © gemeinfrei/Susanne Wosnitzka
Blick auf Augsburg 1846 © gemeinfrei/Susanne Wosnitzka

Im Jahr 1801 war Augsburg noch freie Reichsstadt und in Vorderösterreich gelegen, also dennoch dem österreichischen Kaiserhaus verhaftet. Die Impfung hatte um 1800 große Fahrt aufgenommen. Kaiser Franz II. (1768–1835) hatte 1801 “durch eine sehr weise Verfügung aus den geschicktesten Aerzten von Wien eine Kommission niedergesetzt, unter deren Aufsicht und Behandlung eine Anzahl von Kinder mit Kuhpocken inokulirt und hierüber ein Bericht an kaiserl. Majestät erstattet werden soll.”[12]

Junge Frauen dem Kaiser voraus

Kärntnerinnen waren allerdings dem Kaiser ein Stück weit voraus, denn dort “sollen die Kuhpocken unter den Landmädchen schon lange als ein Mittel gegen die menschlichen Blattern bekannt gewesen, und von ihnen mit dem besten Erfolg angewendet worden seyn.”[13]

Frühe Impfzentren

1804 war in Ulm “ein Institut für die Einimpfung der Kuhpocken angeordnet worden. Alle Sonntage wird von 10 bis 11 Uhr im dortigen Waisenhause unentgeldlich geimpft. Wer sein Kind aus Stadt und Land dort will impfen lassen, kann es thun; ärmere Kinder bekommen dazu 24 Kreuzer. Aerzte und Chirurgen können daselbst immer Impfstoff haben […].”[14] Das Geld war ein zusätzlicher Anreiz von Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen. In heutiger Covid-Pandemie sind das die Bratwurst und die sich noch in der Diskussion befindenden ‘Kopf-Prämien’.

Das Rathaus als Mittelpunkt

1807 wurde dann – mit Abschaffung der freien Reichsstädte und Umwandlung zu einzelnen Königtümern 1806 – die verpflichtende Impfung gegen die Blattern/Pocken per Gesetz verbindlich für alle Kinder gemacht. Ab da wurde jedes Jahr im Frühling zur allgemeinen Impfung aufgerufen. In Augsburg – das verwalterisch in mehrere Stadtteile aufgegliedert war – wurden die Familien nach den zugehörigen Kirchengemeinden nacheinander aufgefordert, ins Rathaus zu kommen, das Impfzentrum war. Auch die jüdische Bevölkerung in und um Augsburg herum wurde nicht vergessen und gleichwertig mit einbezogen (dafür zuständig war das Distriktsrabbinat). Damit das Gesetz auch eingehalten wurde, wurde der Impfstatus eine Woche später polizeilich kontrolliert. Ausgenommen von der Impfpflicht waren damals bereits zum Beispiel kranke Kinder. Diese erhielten einen Ersatztermin, der ebenfalls nachkontrolliert wurde. Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1812, wie so ein Impfaufruf in den Zeitungen aussah:[15]

Die Königshäuser Europas gingen mit gutem Beispiel voran, indem sie ihre Nachkomm:innen impfen ließen und dadurch auch bewusst als Vorbilder für ihre Untertan:innen wirkten. Vielerorts herrschte eine große Skepsis vor moderner Wissenschaft generell, Aberglaube war noch weit verbreitet. Napoleon Bonaparte (1769–1821) zum Beispiel ließ seine Adoptivkinder in Mailand von Dr. Luigi Sacco (1769–1836) bereits 1807 impfen. In der Augsburgischen Ordinari Postzeitung las man dazu in einem darauffolgenden Satz: “Ein solches Beyspiel sollte diejenige Eltern, welche aus alten Vorurtheilen ihren Kindern die Wohlthat der Schutzblattern=Impfung entziehen, endlich einmal bekehren.”[16]

Hoffnung aus – lustigerweise – Pest

Ein Bericht aus Pest vom 20. April 1812 barg gigantische Hoffnung auf Ausrottung der Seuche: “Seit der Einführung der Schutzblattern sind hier 13,822 Kinder vaccinirt worden, von denen nicht ein einziges starb. Dagegen brachen im vorigen Jahr hier die natürlichen Blattern aus, von welchen nicht weniger als 433 Kinder durch den Eigensinn ihrer Eltern weggerafft wurden.”[17] Solche Wortlaute lassen auf Impfverweigerung und Misstrauen schließen – in den Dörfern dürfte es im Gegensatz zu den Städten ein weiteres Gefälle gegeben haben, sodass ein flächendeckender Schutz nicht erreicht werden konnte.

1814 hatte dann auch der Papst die Gefahr erkannt – als Stellvertreter Gottes auf Erden hatte er höchsten Einfluss auf die Gläubigen und auch auf die Gläubigen, die bis dahin noch gezögert hatte. Nach einem enormen Blatternausbruch unter den Kindern in Rom ließ “Se. Heiligkeit dem ersten Leibarzt schreiben, es sey sein Wille, daß die Schutzpockenimpfung, “die schätzbare Entdeckung, die für die Völker ein neuer Grund zur Dankbarkeit gegen den Gott der Gnaden sey,” fortwährend befördert werde.”[18]

Rückfälle

Noch bis ins späte 19. Jahrhundert kam es allerdings immer wieder vereinzelt zu punktuell teils schweren Ausbrüchen der Pocken/Blattern, oft zusätzlich zur grassierenden Cholera und besonders den Masern. Letztere unterband man damals mit anhaltenden Schulschließungen auch in Augsburg und in weiteren Städten Bayerns, mit Schließung der Theater und in Italien auch mit kompletten Schließungen der Kirchen[19] unter Giuseppe Garibaldi (1807–1882), um diesen Seuchen den Garaus zu machen.

Die Pocken, die einen Menschen aufs Furchtbarste entstellen konnten, waren zwar lange noch nicht ausgerottet, aber die Impfungen halfen, die größten Schäden an Körper und Seele zu vermeiden. In Deutschland trat der letzte bekannte Pockenfall im Jahr 1972 auf; seit 1978 sind weltweit keine Fälle mehr aufgetreten.

Ausblick

Wissenschaft, Aufklärung, Bildung und vereintes Zusammenstehen sind nach wie vor auch besonders hinsichtlich der jetzigen Pandemie der einzige Weg, Covid abzuschwächen und hoffentlich irgendwann zu besiegen. Das Lernen aus der Geschichte gehört dabei mit zum A&O.

Diesen Artikel mit den neuesten historischen Erkenntnissen zu einem Teil der Augsburger Seuchengeschichte habe ich privat nebenbei in meiner Freizeit erarbeitet. Wenn Ihnen meine Arbeit und dieser Artikel gefallen, freue ich mich über eine Spende via PayPal (Knopf oben rechts). Danke.

Lesetipps
Susanne Wosnitzka: Die Cholera 1832 in Augsburg – nur ein Gespenst? (2020)
Susanne Wosnitzka: Corona und Cholera – Wortgleich wiederholte Geschichte (2020)
Manfred Vasold: Grippe, Pest und Cholera. Eine Geschichte der Seuchen in Europa (2018)

Einzelnachweise
[1] Vgl. Augsburgische Ordinari Postzeitung, Nro. 75. Mittwoch, den 29. März. Anno 1786, S. 2.
[2] Vgl. Wikipedia-Artikel Pocken (Stand: 24. November 2021).
[3] Vgl. Augsburgische Ordinari Postzeitung, Nro. 109. Dienstag, den 8. May. Anno 1782, S. 2.
[4] Vgl. Augsburgische Ordinari Postzeitung, Nro. 231. Samstag, den 26. Sept. Anno 1789, S. 2.
[5] Vgl. div. Ausgaben des Intelligenzblatts und der Augsburgischen Ordinari Postzeitung.
[6] Vgl. enda., Nro. 301. Donnerstag, den 17. Dec. Anno 1789, S. 4.
[7] Vgl. Arnold, K.: Neuere Arbeiten über Variola und Vaccine, in: Weichardt, Wolfgang (Hg.): Ergebnisse der Hygiene Bakteriologie Immunitätsforschung und experimentellen Therapie. Bd. 10. Wiesbaden (Julius Springer) 1929, S. 380.
[8] Vgl. Augsburgische Ordinari Postzeitung, Nro. 7. Donnerstag, den 8. Jan. Anno 1795, S. 1.
[9] Vgl. Historisches Ortslexikon Statistische Dokumentation zur Bevölkerungs- und Siedlungsgeschichte Wien, 2016.
[10] Vgl. Augsburgische Ordinari Postzeitung, Nro. 7. Freytag, den 8. Jan. Anno 1796, S. 1.
[11] Vgl. ebda., Nro. 311. Donnerstag, den 29. Dec. Anno 1796, S. 3.
[12] Vgl. ebda., Nro. 188. Freytag, den 7. Aug. Anno 1801, S. 1.
[13] Vgl. ebda., Nro. 291. Samstag, den 5. Dec. Anno 1801, S. 3.
[14] Vgl. ebda., Nro. 161. Freytag, den 6. Jul. Anno 1804, S. 4.
[15] Vgl. ebda., Nro. 103. Mittwoch, den 29. April. Anno 1812, S. 4.
[16] Vgl. ebda., Nro. 132. Mittwoch, den 3. Jun. Anno 1807, S. 3.
[17] Vgl. ebda., Nro. 103. Mittwoch, den 29. April. Anno 1812, S. 3.
[18] Vgl. ebda., Nro. 172. Mittwoch, den 20. Jul. Anno 1814, S. 1.
[19] Vgl. ebda., No. 254. Montag 16. September 1867, S. 2241.