Richard Wagner – Kissen-Eklat in Augsburg 1864

Richard Wagner (1813–1883) war öfters in Augsburg. Auf Durchreise. In einer Zeit, in der sein Erscheinen in München bereits Augenrollen verursachte. Auf einer dieser Durchreisen mit Kurzaufenthalt ereignete sich im Augsburger Bahnhof ein Eklat, der vor Gericht endete – ebenfalls in Augsburg.

Damals war Augsburg eine extrem wichtige Umsteigestelle, denn die Züge fuhren noch nicht überall und noch nicht durch. So musste zum Beispiel auch die königliche Familie – wenn sie mit dem Zug nach Hohenschwangau wollte – von München aus kommend in Augsburg umsteigen, um sich dann wieder gen Süden zu bewegen. Im Augsburger Bahnhof befand sich für hohe Herrschaften die gehobene Restauration von Maximilian Seethaler, und darin besondere Räumlichkeiten, in denen diese auch speisen konnten, um sich zu erfrischen, während Züge umgekoppelt oder neu/anders beladen wurden. Zu solchen Gelegenheiten sang die Liedertafel gerne ein Ständchen oder spielte eines der Blasmusikregimenter.

Noble Herrschaften
Augsburger Bahnhof um 1900 © gemeinfrei
Augsburger Bahnhof um 1900 © gemeinfrei

Die Besuche von Königs und Kaisers lassen sich durch entsprechende Hinweise in sieben Augsburger Tageszeitungen, die ich für meine Forschungen zur Stadtgeschichte vom Zeitraum 1746 bis (jetzt) 1865 auf musikalisch-kulturelle Nachrichten untersucht habe, ziemlich lückenlos belegen.

In den 1850er Jahren schaute die musikalische und adelige Welt auf einen Komponisten, der Opern versprach, die so noch nie dagewesen waren: Weder in Aufwand, noch in Länge. Und all das war noch aufregender, weil dieser einen König als Förderer hatte. Genau: Es geht um besagten Richard Wagner und um König Ludwig II. (1845–1886), den sog. Märchenkönig. Und diese wurden sich spinnefeind. Das ist zwar eine andere Geschichte, aber Eskapaden wie die folgende trugen nicht dazu bei, das Verhältnis zwischen den beiden zu verbessern. Im Gegenteil: Als versucht wurde, in München 1865 die Premiere von Wagners Tristan und Isolde auf die Bühne zu bringen (was zunächst durch eine Halserkrankung der Sängerin Malvina Schnorr von Carolsfeld (1825–1904) unmöglich schien), war die Sonne bzw. die Gunst des Königs für Wagner bereits am Sinken.

Richard Wagner – es ‘wagnert’
Wagner und der König. Gemälde von Kurt von Rozynski, 1890 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Wagner und der König. Gemälde von Kurt von Rozynski, 1890 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Jedenfalls wurde im königlich-augsburgerischen Bezirksgericht in jenem Jahr die Causa ‘Rüpel-Wagner’ verhandelt, bei der der Monumentalplastiker Caspar von Zumbusch (1830–1915) am Augsburger Bahnhof im Zug Zeuge geworden war. Hier der ungekürzte Originaltext aus dem Augsburger Tagblatt:

“Vor dem kgl. Bezirksgerichte dahier [Augsburg] wurde gestern Nachmittags eine Verhandlung wegen Amtsehrenbeleidigung gepflogen, welche besonderes Interesse bot, weil die Anklage gegen den berühmten Componisten Richard Wagner gerichtet war, der, in München der Gefeierte des Tages, hier auf der Anklagebank hätte erscheinen sollen. Herr Richard Wagner erschien übrigens nicht, sondern ließ sich durch den königl. Advokaten Hrn. Freitag aus München vertreten. Den Vorsitz führte Hr. Dr. Bezold, kgl. Bezirksgerichtsrath, und als Staatsanwalt fungirte Hr. Frhr. von Stauffenberg, II. Staatsanwalt. Wir wollen in Kürze das Ergebniß der Verhandlung erzählen.

Fröstelnd

Am 24. Aug. 1864 kam Richard Wagner auf seiner Reise von München nach Hohenschwangau zu Sr. Maj. dem König mit dem Eilzuge Morgens hier [Augsburg] an, wo die Wägen gewechselt wurden. Richard Wagner reiste I. Klasse, sein Bedienter, ein Böhme II. Klasse. Beim Aussteigen aus dem Wagen sah R. Wagner den ihm befreundeten Bildhauer Hrn. Zumbusch, und beauftrage sogleich seinen Bedienten, das Billet des Hrn. Zumbusch mit einem Billet erster Klasse zu vertauschen. Als der Bediente wieder auf dem Perron erschien, wurde ihm bedeutet, daß er nicht mitfahren könne, weil das Gepäck, das er in Händen trage, aufgegeben werden müsse. Er trug nämlich Sitzpolster und Decken seines Herrn, die in München nicht beanstandet worden waren.

Der “dumme Mensch”

Der geängstete Bediente rief seinen Herrn, der entriß ihm unwillig das Gepäck und warf es in den Wagen I. Klasse, wo auch Hr. Zumbusch Platz nahm. Da nahte der Bahnhofverwalter Hr. Haug, und behauptete, das Gepäck dürfe nicht in den Wagen, weil es mehr als 10 Pfd. wiege. Wagner kehrte sich nicht weiter um den Protest und warf sich mit dem Ausruf: „Dummer Mensch“ in die Ecke des Wagens. Hr. Haug bestieg hierauf den Wagen, frug Hrn. Wagner um seinen Namen, und sagte ihm, daß er ihn verklagen müße. Wagner erwiederte nichts mehr und der Zug setzte sich in Bewegung. In Bissenhofen wurden die Kissen und Decken nachgewogen, und Wagner mußte 14 Kreuzer nachbezahlen.

Extraservice

Wagner gab in seinem ersten Verhör an, er habe bei seinem Ausruf: „dummer Mensch“ lediglich seinen Bedienten im Auge gehabt, den er mitgenommen, um bequem reisen zu können, und der ihm in Augsburg so viel Unbequemlichkeiten zugezogen habe. Hr. Zumbusch schildert die Scene sehr lebhaft, gibt zu, daß das Benehmen des Beamten so barsch gewesen sei, wie er es bei seinen vielen Reisen noch auf keiner Bahn erlebt habe, und daß die Aeußerung Wagners als Schlußsatz der ganzen Unterredung nach seiner Meinung den Beamten betroffen habe.

Aufgebrummt

Der Bediente des Richard Wagner weiß von der fraglichen Unterredung nichts, weil er sich schleunigst auf seinen Platz begeben habe. In Bissenhofen habe ihn sein Herr wegen seiner Heftigkeit in Augsburg um Verzeihung gebeten; denn sein Herr sei zwar heftig, aber gleich wieder gut. Bei dem Plaidoyer machte der Hr. Staatsanwalt den Milderungsgrund geltend, daß sich Reisende auf der Eisenbahn in einem aufgeregten Zustand zu befinden pflegen, und beantragte eine Geldstrafe von 25 fl. [Gulden]. Der Herr Vertheidiger adoptirte den angeführten Milderungsgrund und fügte noch hinzu, daß leider bei vielen Beamten noch die Meinung herrsche, die Eisenbahn sei ihretwillen und nicht für das Publikum gebaut worden. Er selbst habe schon oft auf Reisen bedauert, keinen Bedienten bei sich gehabt zu haben, indem er ihn sonst als Blitzableiter seines Zornes und der Amtsehrenbeleidigungen benützt haben würde. Gewiß sei es zu weit gegangen, dem Reisenden zuzumuthen, vor Frost blau zu werden und seine Decken aufladen zu lassen, weil sie mehr als 10 Pfund wiegen. Er beantragte Freisprechung, eventuell eine Geldstrafe von 5 bis 10 fl. Das Urtheil lautete auf 25 fl. Strafe und Tragung der Kosten.”*

Fazit

Ob Richard Wagner die Strafe angenommen und bezahlt hat, müsste recherchiert werden. Jedenfalls könnte man durch diese unrühmliche Episode nun eine Tafel im Bahnhof anbringen:

“Hier erboste sich Richard Wagner am 24. August 1864 über ein paar Kissen zu viel”.

 

* Augsburger Tagblatt, No. 167. Sonntag 18. Juni 1865, S. 1434.

Beethovens & Mozarts verschollenes Oboenkonzert – Spur in Augsburg

Oboenkonzert von Beethoven UND Mozart – heiße Spur in Augsburg © Collage mit Bildern der wikimedia.commons (gemeinfrei)
Oboenkonzert von Beethoven UND Mozart – heiße Spur in Augsburg © Collage mit Bildern der wikimedia.commons (gemeinfrei)

Seit 2003 gibt es nichts Neues mehr zu Beethovens verschollenem Oboenkonzert, von dem nur noch Stückelwerk existiert. Das originale Manuskript zu Mozarts Oboenkonzert fehlt komplett. Auch Abschriften oder einzelne Teile davon sind nicht bekannt. Ein Zufall, dass beide fehlen? Nein! Niemand wusste, wo sich diese befanden. Ich weiß es nun – ob man ihnen damit auf die endgültige Spur kommt?

2017 wurde in Salzburg ein Hinweis auf das Mozartsche Werk entdeckt – dort wurde es zumindest gespielt, aus dem Originalmanuskript. Ab da verlief sich die Spur wieder. Bis jetzt. Im Spätsommer 2019 fand ich erste weitere Hinweise durch meine langjährige Beschäftigung mit historischen Augsburger Tageszeitungen, von denen ich bislang sieben zwischen 1746 und 1864 auf Musik- und andere interessante Meldungen untersucht habe.

Geheimnis in der unteren Altstadt?

Dadurch weiß ich, wo sich beide Original-Manuskripte zeitgleich befunden haben. Nicht bei Diabelli oder Artaria in Wien, sondern – genau – in Augsburg. Und sie standen dort in Zusammenhang mit dem Wirken des bislang noch völlig unbekannten Oboisten und Flötisten des historischen Augsburger Stadttheaters – Konrad Reichardt –, der auf diese Werke ein Auge hatte oder – wenn er schlau genug war (und das war er) – sich Abschriften davon angefertigt haben könnte! Und wer beide Werke nach Augsburg brachte, wo sie gespielt wurden und wie sie beim Publikum ankamen. Konrad Reichardt war nämlich der Schüler einer ganz, ganz großen musikalischen Wiener Ikone der Zeit.

Oboenkonzert und Abschriften?

Könnten sich Abschriften beider Oboenkonzerte, die er ggf. von den Originalen anfertigte, evtl. noch in der Fuggerstadt in unbekanntem Nachlass befinden? Falls ja, wären das gleich zwei Sensationen auf einmal. Auch ist eine historische Komponistin in diesen “Fall” involviert.

Vorschau

Zu meinen Funden erzähle ich erstmals auf dem kommenden Beethoven-Symposium in Bonn Ende September in einer Postersession der Gesellschaft für Musikforschung. Eine Veröffentlichung meiner Forschung erfolgt im Jubiläumsband zum Beethovenjahr 2020 des Beethoven-Hauses Bonn (in Arbeit, wurde durch Corona aufgehalten). Die Forschungsabteilung des Beethoven-Hauses Bonn war jedenfalls völlig aus dem Häuschen über meine Funde, die als bedeutender Meilenstein in der Beethoven- und Mozart-Forschung gewertet sind. Und das sind sie auch für die Augsburger Musikgeschichte.

Vortrags- und Interviewanfragen dazu nehme ich ab sofort gerne an.

Zum Reinhören:
+++ SWR Classic | Treffpunkt Klassik | Mo, 13. September 2021, zwischen 10 und 12 Uhr

+++Update+++

Poster © Susanne Wosnitzka
Poster © Susanne Wosnitzka

Rückblick auf die Tagung der Gesellschaft der Musikforschung (GfM): Im kleinen Konzertzimmer des Bonner Beethovenhauses konnte ich am 28. September meine Funde anhand eines Posters vorstellen, wo es vier Tage lang öffentlich zu sehen war. Das fachkundige Publikum vor Ort war darüber sehr begeistert

Caroline von Staudt – Augsburger Claviervirtuosin mit seltener Bravour

Wie entdeckt man eine unbekannte, verschollen gegangene Pianistin des 19. Jahrhunderts – Caroline von Staudt? Indem man nicht gezielt danach sucht. Sie kennen das: Man stöbert vielleicht jahrelang nach der großen Liebe in irgendwelchen Paar-Foren und Handy-Apps und zeigt sich da von seiner geschlecktesten Seite, findet dann seine große Liebe aber an der Supermarktkasse im Jogginganzug.

So ähnlich finde ich meine ‚Liebschaften‘: Meist im gemütlichen Outfit am Schreibtisch und im Scrollen durch historische Zeitungen. So auch in diesem Fall. In diesem Fall fanden sich aber zusätzlich klavierspielende und komponierende (!) Nachfahrinnen, die bislang nichts von ihrer musikalischen Vorfahrin wussten. Also alles wahnsinnig aufregend und für die heutige Familie von Staudt spektakulär! Und so kam es dazu: „Caroline von Staudt – Augsburger Claviervirtuosin mit seltener Bravour“ weiterlesen

Elegie auf den Abriss des Gögginger Tors | Neufund

Elegie auf einen Abriss. Viele Augsburger:innen warteten im 19. Jahrhundert freudig darauf, ihre Stadt in die Zukunft geführt zu sehen. Nicht nur Augsburg wurde erleuchtet durch die Genialität von Ludwig August Riedinger (1809–1879), sondern auch buchstäblich mindestens halb Europa durch seine Technik der Gasbeleuchtung. Wiederkehrende Weltausstellungen in München, Paris und London erweiterten den Horizont technischer Art immens und auch die Vorstellungskraft, was noch alles kommen möge in der Zukunft. Man wollte Helle, Weite, Luft und Raum zum Atmen. Das sah man vielerorts durch Stadtmauern begrenzt, die dann um 1850 auch nicht mehr die großen Seuchen wie die Cholera abhielten, auch in Augsburg[1] – im Gegensatz zur Zeit um 1832 – tödlich zu wirken.

Todbringende Technik

Zur Todbringerin war auch die technische Errungenschaft der Eisenbahn geworden, die nicht nur die Menschen, sondern auch Keime schnell von Stadt zu Stadt brachten. Die Entscheidung, den Bahnhof vom Platz vor dem Roten Tor zum heutigen Ort zu verlegen, brachte auch eine neue Straße mit sich: Das war nicht die heutige bekannte Bahnhofstraße, sondern zunächst die heutige Prinzregentenstraße, die als erste dazu genutzt wurde, die Menschenmengen (die in den Augsburger Zeitungen dazu publizierten Zahlen und Baugeschichte habe ich festgehalten) in die Stadt zu bringen. Diese stauten sich allerdings stets an den Toren, da dort strenge Einreisekontrollen stattfanden. So durfte man zum Beispiel kein außerhalb gekauftes Brot oder Fleischwaren in die Stadt bringen (Letzteres auch wegen Seuchengefahr und vor allem, damit das Geld in der Stadt blieb). Immer lauter wurden die Stimmen, die alten Tore abzureißen und die Stadt für einen modernen Verkehr zu öffnen. Die heutige Bahnhofstraße wurde neu dann angelegt, und mit ihr war der Zustrom der Leute kaum mehr zu bewältigen – abgesehen von den vielen Unfällen mit in/an den Toren durch Kutschen zerdrückten Menschen. „Elegie auf den Abriss des Gögginger Tors | Neufund“ weiterlesen

Daniel Fenner von Fenneberg – Augsburgs Anti-Anti-Revolutionär

Daniel Fenner von Fenneberg (1818–1863) war einst eine literarische als auch politische große Nummer in Augsburg. Eine beinahe zu große für die Stadt in der Zeit der 1848er/1849er Jahre. Allerdings eine Nummer, die heute nicht mehr bekannt ist und wovon dieser Artikel erstmals erzählt – durch meine Recherchen an historischen Tageszeitungen wieder ans Licht gekommen. Und dieses Licht scheint beispielhaft für die Entwicklung der Demokratie in Augsburg.

Die Geschichte der Geschichte

Gibt es für die Märzrevolution einen Startschuss? Ein Tag, der das zuvor schon gärende Fass zum Explodieren brachte? Im Vormärz vielleicht? Vor dem März kommt der Februar. Einen dieser Tage kann man festmachen: Den 9. Februar 1848. Nach Handgreiflichkeiten zwischen seiner Geliebten Lola Montez (1821–1861) und Teilen der Münchner Bevölkerung, schloss König Ludwig I. (1786–1868) an diesem Tag kurzerhand die Münchner Universität und befahl allen Studenten, die Stadt binnen drei Tagen zu verlassen, was zu heftigem Protest und schließlich zur Ausweisung von Lola Montez aus Bayern bzw. Deutschland und der Abdankung von König Ludwig I. führte[1] – was auch in Augsburg großes und nahezu bleiernes Thema war: Eine quasi dahergelaufene ‘falsche Spanierin’ und ein Mann königlichen Geblütes. Zwei unterschiedliche Klassen. „Daniel Fenner von Fenneberg – Augsburgs Anti-Anti-Revolutionär“ weiterlesen

Augsburger Theatergeschichte neu erlebbar

Die Theatergeschichte Augsburgs ist zwar eine lange – allerdings existiert bislang so gut wie keine moderne Forschung bzw. Publikation dazu. Der Wikipedia-Artikel zum Augsburger Stadttheater bzw. nun Staatstheater liefert zwei historische Publikationen als Grundlage: Einen sehr umfassenden Versuch zur Geschichte der theatralischen Vorstellungen in Augsburg, geschrieben von Friedrich August Witz (1806–1880) und im Druck erschienen 1876[1] zum 100. Jubiläum der Eröffnung des neuen Schauspielhauses (1776) sowie ein paar wenige Seiten in einer Ausgabe des Augsburger Adressbuchs[2] (1971). Hie und da mögen noch einzelne weitere Artikel zu bestimmten Menschen und Ereignissen am/im Theater erschienen sein, aber diese reichen nicht aus, um diesen Teil der Augsburger Stadtgeschichte und der Theatergeschichte auch hinsichtlich der Aufführungen, des internen und externen Personals, der großen Stars, der Umbauten, der Modernisierungen, der Stadtgespräche, der Bewilligungen und Nichtbewilligungen, zu Kosten, Löhnen und Gehältern annähernd zu vervollkommnen. Zumindest so nah wie möglich an die Theatergeschichte heranzukommen, denn die Arbeit mit und an der Geschichte ist – wie Friedrich August Witz erkannt hat – nur ein Versuch, den Ereignissen in der Vergangenheit auf die Spur und damit näher zu kommen.

Theatergeschichte nicht ohne Konzertgeschichte

Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka

Letzteres ist nun möglich: Seit Beginn meiner Dissertation zur Musikgeschichte der Goldenen Traube, einer historischen und nicht mehr existenten Gaststätte im Herzen Augsburgs, die drei (!) Konzertsäle besaß, habe ich mich mit historischen Augsburger Tageszeitungen beschäftigt, in denen sich Informationen zu reisenden Musiker:innen, Komponist:innen und Künstler:innen befinden sowie Konzerte und Theaterspiele angekündigt und rezensiert werden. Nebenbei finden sich darin Diskussionen zum Augsburger Kulturleben, Auswirkungen politischer Angelegenheiten auf das Kulturleben sowie zur Theatergeschichte in abhängiger Vernetzung der großen Musikkulturzentren Theater, Goldener Traube, teils auch (aber selten) Kirchen und anderen Gaststätten und Zunfthäuser, die über einen größeren Saal verfügten. „Augsburger Theatergeschichte neu erlebbar“ weiterlesen

Der Zopfabschneider – Crime oder Frauenbewegung?

Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Von ‚Karl the Ripper‘, dem Mädchenschneider von Augsburg, der in den 1830er Jahren für extreme Ängste unter Frauen sorgte, zum Zopfabschneider. In einem Zeitraum von ca. 20 Jahren erlebte Augsburg ganze Serien an Verbrechen, die sich wie im Fall des sog. Mädchenschneiders über viele Jahre hinzogen und bis zur Aufklärung für Panik in der Stadt sorgten – inklusive einem falsch beschuldigten und in den Tod getriebenen Mann.
Ein Fall, der sich allerdings nicht wirklich klären ließ, war der des geheimnisvollen Zopfabschneiders. Die dazu in historischen Tageszeitungen erhaltenen Pressemeldungen lassen ein großes Fragezeichen zurück: War der Mädchenschneider eine reale Person oder steckt doch etwas ganz anderes dahinter? Etwa eine Inszenierung, ein bemäntelter Protest gegen vorherrschende Unterdrückungssysteme? „Der Zopfabschneider – Crime oder Frauenbewegung?“ weiterlesen

Augsburger jüdische Geschichte | Quellenerschließung

Grafik aus "Augsburg, wie es ist" (1846, gemeinfrei)
Grafik aus “Augsburg, wie es ist” (1846, gemeinfrei)

Seit Jahren befasse ich mich mit historischen Augsburger Tageszeitungen: dem Augspurgischen Intelligenz=Zettel/Intelligenz=Blatt (AIZ, Stadtarchiv Augsburg, nicht digitalisiert) und dessen Nachfolgeblatt, dem Augsburgischen Intelligenz=Blatt (AIB, Stadtarchiv Augsburg, nicht digitalisiert), der Augspurgischen Ordinari Postzeitung (AOP, Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, digitalisiert), der Augspurgischen Ordinären Zeitung (AOZ, Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, nicht digitalisiert), die parallel zur AOP nur von 1792–1797 existierte, im Augsburger Buchdruck und Verlagswesen (Hg. Helmut Gier/Johannes Janota) irrtümlich als Nachfolgeblatt der AOP angeben.
Dann weiter mit der Neuen Augsburger Zeitung (NOZ), die nur 1830/31 existierte (UB Augsburg, digitalisiert) und der Augsburger Postzeitung (AP, ab 1833 Nachfolgeblatt der AOP, UB Augsburg). Zum Zeitpunkt meiner Niederschrift hier war sie aber nur bis 1848 digitalisiert. Daher enden meine Abschriften in dieser Sammlung auch vorläufig mit diesem Jahr. „Augsburger jüdische Geschichte | Quellenerschließung“ weiterlesen

Die größten Schweizerinnen 1858

Wer waren die größten Schweizerinnen der 1850er Jahre? Da gab es zum Beispiel Wilhelmine von Hillern (1836–1916) – Tochter der höchst erfolgreichen Dramatikerin und (zugereisten) Züricher Theaterdirektorin Charlotte Birch-Pfeiffer (1800–1868) –, die zuerst als Schauspielerin agierte, sich aber nach ihrer Hochzeit von der Bühne verabschiedete (oder verabschieden musste) und der Schriftstellerei zuwandte. Deren heute bekanntestes Werk ist die vielfach verfilmte und legendäre Geier-Wally.

Groß, größer, am größten
Anna Susanna Fries, Szene aus "Romeo und Julia" © Amber Tree, flickr.com
Anna Susanna Fries, Szene aus “Romeo und Julia” © Amber Tree, flickr.com

Oder auch Anna Susanna Fries (1827–1901, kein Link, da leider noch kaum Informationen im Netz) aus Zürich, die sich trotz des Widerstandes ihres Vaters der Kunst widmete und an den Kunstschulen in München und Paris und dann bei einzelnen Malern in Zürich studierte. Mitte der 1850er Jahre ließ sie sich als Porträtistin in ihrer Heimatstadt nieder und malte u. a. die weltbekannte Schriftstellerin Johanna Spyri (Heidi, 1827–1901) – auch diese eine der größten Schweizerinnen. Durch den Auftrag, die niederländische Königin und deren Hof zu porträtieren, arbeitete Anna Susanna Fries für zwei Jahre in Holland. In Florenz gründete sie Anfang der 1870er Jahre eine Kunstschule für Frauen, in der sie zwölf bis zwanzig Schülerinnen hatte. Nach einer Reise in den Orient malte sie besonders auch Landschaften und Figuren. Ihre eigentliche Stärke aber war die Porträtmalerei.[1]

Seltene Angaben

So weit, so groß. Aber wer waren denn nun die wirklich größten Schweizerinnen der 1850er Jahre? In ganz, ganz seltenen Fällen kann man das nämlich auch auf die pure Körpergröße anwenden, sofern sich Angaben zu Körpergrößen von Menschen aus dieser Zeit überhaupt erhalten haben.

Einer dieser Fälle kam heute während meiner Recherchen in einer historischen Augsburger Tageszeitung zu Tage. Darin wurden zwei Schweizer Schwestern als wandelnde Riesensensation angekündigt mit folgenden Worten: „Die größten Schweizerinnen 1858“ weiterlesen

Die Geschichte von der ‚unzüchtigen‘ Schmaraggel in Augsburg

Wer viel in Büchern stöbert, um über längst vergangene Geschichte zu erfahren, findet oft nicht das Gesuchte (oder erst im hundersten von hundert mühsam gewälzten Büchern), aber viele andere Geschichten drumherum – wie die der Schmaraggel: Von einer Frau, die es geschafft hatte, ein florierendes Finanzgeschäft aufzubauen. Zwar nicht wirklich legal, aber so, dass sie ein gutes eigenes Auskommen hatte und nicht Hunger litt. Was dem Magistrat der Stadt nicht ganz geheuer war und sie wegen ‚Beschützen‘ nächtlicher Diebereien, eines ‚unzüchtigen Lebenswandels und anderer gar böser Dinge am 19. Mai 1721 mit dem Schwerd [sic] und blutiger Hand vom Leben zum Tode gebracht‘ wurde.

Auskommen mit dem Einkommen

Ein gutes eigenes Auskommen hatten nur die wenigsten Frauen, die dadurch in dieser Zeit finanziell unabhängig sein konnten. Über eigenes Geld und ein eigenes Konto verfügen durften Frauen erst seit 1962.[1] Frauen, die ‚unbequem‘ waren und sich den bestehenden Moralvorstellungen der Zeit nicht anpassen konnten oder in so verheerende Lebenssituationen gebracht wurden (die diese Moralvorstellungen verursachten und keine Schuld der Frau waren), dass sie zwangsweise zu Kriminellen wurden, wurden einfach aus der Stadt entfernt. Das waren zum Beispiel Frauen, die außerhalb einer Ehe schwanger wurden (ob gewollt oder ungewollt) und somit unehelich gebaren. Wer heiraten wollte, musste vorher die Gunst des Stadtmagistrats besitzen, um eine Bewilligung zur Heirat zu erhalten. Einreichen konnten so eine Bitte um Bewilligung nur Männer, die einen mustergültigen Lebenswandel pflegten und der Stadt von Nutzen waren, d. h. Geld hereinbrachten – durch Steuern oder entsprechendes Kapital. „Die Geschichte von der ‚unzüchtigen‘ Schmaraggel in Augsburg“ weiterlesen

Clara Schumann hat null Bock | #femaleheritage

Clara Schumann hat null Bock. Sidekick: Unbekanntes zu Franz Liszt in Augsburg. Neues zur Konzertorganisation im 19. Jahrhundert in Augsburg und München

Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Blogtext gewidmet meiner Freundin Luise Kimm, Sängerin

This blogtext, written for the #femaleheritage blogparade of the Monacensia Munich, is now available in English! Thanks to Gabriella Di Laccio to publish it on her website Donne365!

Geht man ins Konzert, geht man in ein Konzerthaus, ins Theater oder in eine Kirche. Im 18. und 19. Jahrhundert ging man dazu in eine Gaststätte, in ein Hotel oder in eines der Zunfthäuser, die über einen großen Tanzsaal für Hochzeiten und andere Anlässe verfügten. Eigens als Konzertsaal angelegte Lokalitäten gab es erst relativ spät mit steigender (Massen)Nachfrage von Konzerten der Virtuosen-Superstars Niccolò Paganini (1782–1840) und Franz Liszt (1811–1886), der Schwestern Teresa (1827–1904) und Maria (1832–1848) Milanollo sowie ganzer Orchestertrupps wie dem von Johann Strauss sen. (1804–1849), die auf ihren Tourneen überall und von sehr vielen Menschen gehört werden wollten. Einer der ersten neugebauten richtigen Konzertsäle war das Münchner Odeon, erbaut 1826/28 von Leo von Klenze (1784–1864) für genau solche Zwecke.

Gaststätten im Zentrum
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka

In Augsburg hingegen gab es so etwas bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht. Dafür hatte man den großen Apollo-Saal der heute nur noch wenig bekannten Goldenen Traube, die im 18. und 19. Jahrhundert das Zentrum bürgerlicher Musikausübung war und Thema meiner sich in Arbeit befindenden Dissertation ist. Für diese durchforstete ich in den letzten Jahren mehrere Augsburger Tageszeitungen der Jahre 1746 bis (jetzt) 1852 auf Musik- und Kulturnachrichten – über 100 Jahre dichteste Lokal- und Weltgeschichte mit zahlreichen anderen hochinteressanten Funden anderer Sparten, mit denen sich zum Beispiel auch die Geschichte der Ballonfahrt neu schreiben ließe oder die europäische Frauenbewegungsgeschichte, zu der ich einen eigenen unbekannten französischen Strang entdeckt habe, der zum Inhalt eines anderen Histoblogs der #femaleheritage-Blogparade der Monacensia München wird. An dieser Stelle bedanke ich mich herzlich bei den Organisatorinnen für die persönliche Einladung, für diese Aktion mein Wissen in mehreren Blogtexten präsentieren zu können. Dieser hier ist der erste in der Reihe. „Clara Schumann hat null Bock | #femaleheritage“ weiterlesen

Recycling 1850 – aus Obstkisten werden Särge

In den 1830er/1840er Jahren setzte durch Trockenperioden eine starke Nahrungsmittel- und Holzteuerung ein (was zu organisiertem Abbau von Torf führte). In Augsburg kauften sozial eingestellte Kulturvereine große Holzlieferungen an, um diese an arme Menschen auszuteilen. Das dafür benötigte Geld wurde zum Beispiel durch Benefizkonzerte in der Goldenen Traube erspielt. In jener Zeit wurde verwertet, was zu verwerten war. Recycling spielte von jeher eine große Rolle zum Beispiel in der Verwertung von alter Kleidung, aus der Papier hergestellt wurde.[1]

Durch Seuchen wie die Cholera, “nervöses Fieber” unbekannter Art und Blattern, die in den 1830er und 1840er Jahren von St. Petersburg bis Paris besonders stark wüteten, hatte man für pietätvolle Bestattungen einen erhöhten Bedarf an Holz. Da dieses rar war, kam man in London auf eine findige Idee, diesem Mangel abzuhelfen: Man wies Händler im nahen Ausland an, ihre Warenkisten bereits in bestimmten Größen und Formen anfertigen zu lassen, die in London dann nur noch schwarz angestrichen werden mussten. Fertig war der Recycling-Sarg!

Recycling gruselhaft
Recycling: Obstkisten zu Särgen
Recycling: Obstkisten zu Särgen

Augsburger Tagblatt, No. 137. Montag 20. Mai 1850, S. 691: “In London hat man in der neuesten Zeit eine eigenthümliche Art ausfindig gemacht, England ohne große Unkosten mit Särgen zu versorgen: London bezieht Obst, Geflügel, Eier und andere Lebensbedürfnisse von Holland, Belgien und Frankreich; seit Monaten haben nun die Londoner Einkäufer ihren „Recycling 1850 – aus Obstkisten werden Särge“ weiterlesen

Corona und Cholera – wortgleich wiederholte Geschichte

Wiederholt sich Geschichte nur dann nicht, wenn man aus ihr gelernt hat? Geschichte wiederholt sich manchmal sehr, und manchmal sogar als ziemlich exakte Kopie, auch im Wortlaut zu Corona und Cholera, mit rund 170 Jahren an Überlegungszeit dazwischen. Das ist mir in meinen Forschungen, zu denen ich mehrere Augsburger Tageszeitungen der Jahre 1746 bis 1850 in Gänze (!) auf Musik-, Kultur- und andere hochinteressante Meldungen[1] abgraste,  in dieser Deutlichkeit so nur im folgenden historischen Bericht begegnet, den ich gestern auf Twitter analysiert habe. Da dieser Tweet dort viral ging, stelle ich die ganze Geschichte hier noch einmal etwas weiter ausgebaut zur Verfügung:

„Corona existiert nicht, es ist eine künstliche, von der Politik geschaffene Krankheit!“ – 2020 zigfach auf sog. Corona-Demos gehört. „Die Cholera existirt nicht, es ist eine künstliche, politische Krankheit!“ – O-Ton 1849. Frappierende Ähnlichkeit? Es gibt weitere!

Verschwörungstheorie von Corona und der Cholera im Wortlaut, Augsburger Tagblatt 1849
Verschwörungstheorie von Corona und der Cholera im Wortlaut, Augsburger Tagblatt 1849

Augsburger Tagblatt, No. 234. Montag 27. August 1849, S. 1209: „Paris, 22. Aug. In Rochefort ist es am 14. August zu traurigen Scenen gekommen. Die Cholera trat dort so furchtbar auf, daß sie verhältnißmäßig die große Zahl von 21 Opfern täglich forderte, und fast nur aus der untern Volksclasse.“

Ein Volk in der Gosse
Augsburg um 1835. Stahlstich von F. Höfer © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Augsburg um 1835. Stahlstich von F. Höfer © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Weil die „untere Volksclasse“ regelrecht in der Kloake lebte. Über Jahre wurde zum Beispiel in Augsburg darum gebeten, pestilenzialisch stinkende Kanäle zu reinigen und abzudecken (besonders betroffen: der Hunoldsgraben hinter dem Rathaus), den Kot, der auf Haufen in den Straßen gesammelt wurde, regelmäßiger wegzufahren. Die Stadt reagierte kaum darauf. Augsburg war noch einigermaßen gut dran, da das „Corona und Cholera – wortgleich wiederholte Geschichte“ weiterlesen

Ohne Hefe kein Zwetschgendatschi – Datschipanik in Augsburg 1847

Augsburger Rathaus, Sitz des Magistrats, 1818 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Augsburger Rathaus, Sitz des Magistrats, 1818 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Die Stadt Augsburg und ihr Zwetschgendatschi: Myriaden an Artikeln[1] wurden bereits dazu verfasst, seit wann man diesen köstlichen Kuchen hier bereits kennt, woher das Rezept dafür sei oder wie dieser früher ausgesehen haben mag. Ein Thema, das dazu geführt hat, dass Augsburg auch ihren Zweitnamen Datschiburg irgendwann erhalten hat. Wie kam es dazu?

Es gab zwar bereits schon früh Haushaltungsschulen für Mädchen und junge Frauen in Augsburg; die Koch- und Backtraditionen scheinen darin aber eher vor allem mündlich weitergegeben und antrainiert worden zu sein, damit diese Künste dann im Familienalltag aus dem FF und dem Gedächtnis umgesetzt werden konnten, um auch Zeit zu sparen. „Ohne Hefe kein Zwetschgendatschi – Datschipanik in Augsburg 1847“ weiterlesen

Die Cholera 1832 in Augsburg – nur ein ‚Gespenst‘?

Karikatur eines Mannes, der sich vor der Cholera schützen will © Wellcome Collection, Attribution (CC BY 4.0)
Karikatur eines Mannes, der sich vor der Cholera schützen will © Wellcome Collection, Attribution (CC BY 4.0)

„Im Jahr 1817 war die Cholera von englischen Ärzten in Ostindien als eine bis dahin kaum beachtete Krankheit beschrieben worden. 1830 kam die Cholera erstmals nach Europa, 1831 tauchte sie in Deutschland auf. […] 1832 erreichte die Cholera Augsburg und forderte Tote.“[1] 1854 brandete diese Krankheit erneut auf, an der dann Hunderte gestorben sind. Doch wie viele starben 1832? Darüber erfährt man aus dem Artikel der Augsburger Allgemeinen (AZ) leider nichts. Offenbar gibt es dazu noch keinerlei Forschungen bzw. Veröffentlichungen. Daher stellt dieser Blogtext einen Versuch der Rekonstruktion der Ereignisse dieser Jahre dar. Laut meinen Funden starben in Augsburg genau fünf Personen an der Cholera, allerdings erst 1836/37 und nicht 1832 – im Gegensatz zu München, wo es Hunderte Tote gab. Wie kam das?

Vorgeschichte

Einer der Reporter, der 1832 für die AZ aus anderen betroffenen Städten berichtete, war Heinrich Heine (1797/98–1856), der aus seinen Erlebnissen ein Buch[2] machte und das – sehr lesenswert! – verblüffende Ähnlichkeiten zur Corona-Epidemie 2019/2020 aufweist. Solche Berichte waren für die Menschen überlebenswichtig: Wie kann man dieser Krankheit begegnen, wie kann man ihr am besten ausweichen? Welche Heilmittel stehen zur Verfügung? Wie kann man Ausbreitung verhindern? Denn dass das Bakterium Vibrio cholerae dahintersteckt, wusste man damals noch nicht. Damals erfuhr man zwar permanent, dass hinter abscheulich stinkenden Pfützen und Kot-Abraumen in den Gassen, von Klosettanlagen oder ähnlich verwendeten Kanälen ein ‚pestilenziarischer‘ Gestank ausging (und man durch diese Wortwahl auch ahnen kann, dass damit irgendwie Zusammenhänge hergestellt wurden), aber konkret wusste man zur tatsächlichen Verbreitung, Aufnahme und zu Erkrankungszusammenhängen so gut wie nichts. „Die Cholera 1832 in Augsburg – nur ein ‚Gespenst‘?“ weiterlesen

Grenzgänge – Wege zum historischen Stadttheater Augsburg

Wertachbrucker Tor © Susanne Wosnitzka
Wertachbrucker Tor © Susanne Wosnitzka

Auf der Trennlinie zwischen Stadt und Vorstadt lässt sich manches entdecken, das einem entlang der Hauptstraßen in die Stadt verborgen bleibt. In meiner Dissertation über die Musikgeschichte der Goldenen Traube spielt auch das historische alte Stadttheater am Lauterlech eine bedeutende Rolle, zu dem ich heute mit euch spazieren will.

Stadttheater und Goldene Traube

In der Goldenen Traube übernachteten die meisten Künstler:innen, die Auftritte im Stadttheater oder in der Goldenen Traube hatten: Letztere bot gleich drei Konzertsäle: Einen kleinen Saal, einen runden – den Rotunda-Saal – und den großen Apollo-Saal, in den bei Festlichkeiten über 1.000 Personen passten, während im Theater „nur“ Platz für rund 900 Personen war. Leider gibt es bis heute keine umfassende moderne Publikation zur Augsburger Theatergeschichte. Diese stückelt sich bislang aus Einzeldarstellungen und historischem Material. Eine hochinformative Quelle zu Anekdoten, Aufführungen, Besetzungen und der Theaterleitung sind Augsburger Tageszeitungen wie zum Beispiel das Intelligenz-Blatt und das Tagblatt, die ich für meine Recherchen der Jahre 1746 bis 1852 auf Musik- und Kulturnachrichten durchforstet habe. In Ersterem wird ersichtlich, welche Künstler:innen wo übernachtet hatten und wann sie angekommen sind; in den anderen Zeitungen gibt es Konzert- und Theaterankündigungen sowie Rezensionen und Rückschauen sowie vielfach Berichte, an denen man ablesen kann, wie sich die Augsburger Theater- und Orchesterlandschaft über Jahrzehnte geformt hat zu dem, was sie heute ist. Dazu später mehr. „Grenzgänge – Wege zum historischen Stadttheater Augsburg“ weiterlesen

Der Tanz als Akt des Todes – Alt-Augsburg berichtet

"Analysis of beauty". Stahlstich von William Hogarth um 1800 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
“Analysis of beauty”. Stahlstich von William Hogarth um 1800 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

“Tanzt! Tanzt! Vor allem aus der Reihe!”, findet man hin und wieder auf fröhlich-unbeschwerten Postkarten. In Zeiten der Corona-Pandemie sind Tanz- und andere Lokale geschlossen, in denen man sich bislang feiernd ausgetobt hat, dröge Fitness-Übungen wurden zu Tanzübungen von Jane Fonda bis Zumba. Geselliges Vergnügen war allerdings ein Dorn im Auge der Sittenwächter und hierzulande von religiös-patriarchalen Moralvorstellung geprägt. Einst glaubte man sogar, mit einem Tanz dem Gift der “Taranteln” trotzen zu können. Daraus entstand die sog. Tarantella als Tanzform. Trotz Trennung von Staat und Kirche sind Tanzveranstaltungen an bestimmten christlichen Feiertagen bis heute generell untersagt. Augsburg hatte in alter Zeit ein eigenes Tanzhaus für die Oberschicht, das sich bis zu seinem Abbruch 1632 auf dem damaligen Weinmarkt (heute Moritzplatz) gegenüber der Gaststätte Goldene Traube befand. „Der Tanz als Akt des Todes – Alt-Augsburg berichtet“ weiterlesen

Traudl Glogger-Prechtl – Augsburger Künstlerin neu entdecken

Wie schreibt man über die großartige, aber fast vergessene Künstlerin Traudl Glogger-Precht, wenn derzeit – im Corona-Shutdown – sämtliche Bibliotheken, Büchereien und andere Kunstinstitute, in denen man anfragen könnte, geschlossen sind und man auch nur wenig Material daheim zur Verfügung hat? Daher ist dieser Blogtext nur ein Versuch einer Rekonstruktion eines reichhaltigen Lebens, das aber genau deswegen noch so viel Spannendes zu entdecken bietet.

Traudl Glogger-Precht aus der Versenkung

Wie findet man so eine fast vergessene Künstlerin? Indem man zum Beispiel Flohmarkt-Besuche als Hobby hat. Bei mir daheim ums Eck findet bzw. fand bislang regelmäßig der samstägliche Flohmarkt auf dem Gelände der Rockfabrik statt. Gerne lasse ich mich dort treiben und habe vor Ort schon meine Lieblingshändler:innen, deren Stände und Waren immer interessant sind – alte Briefe, historische Fotografien und eben Bilder. Das meiste davon ist ausgesprochener Kitsch (wobei Schönheit wie immer im Auge des:der Betrachter:in liegt selbstverfreilich), aber manchmal sticht doch das eine oder andere interessante Ding hervor, das das Auge anzieht. „Traudl Glogger-Prechtl – Augsburger Künstlerin neu entdecken“ weiterlesen

Fanny Hensel und die “Cholera-Kantate”

Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Fanny Hensel geb. Mendelssohn (1805–1847) schrieb 1831 im Alter von 26 Jahren ein gut halbstündiges chorsinfonisches Werk, das Oratorium nach Bildern der Bibel, darin auch die Cantate für die Toten der Cholera-Epidemie, die damals über mehrere Jahre in vielen Städten grassierte und die Leute in schiere Panik versetzte.

Wie verheerend die Seuche in Preußen war, schildert zum Beispiel dieser Artikel (Dt. Ärzteblatt, 2007). Wie zum Beispiel das Augsburger Tagblatt berichtet, versuchte man mit allerlei Mitteln und Mittelchen vorzusorgen, von Blutegeln bis Aderlass:

Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Panikvermeidung trotz Cholera

In Städten waren Wirte und Toreinlasser verpflichtet, sämtliche Einreisende zu melden mit Herkunft, Namen, Pass etc. Zeitungsmeldungen zeigten an, wo die Cholera grade besonders grassierte. Briefe von auswärts wurden zum Beispiel in Wien durchstochen und geräuchert, um zu versuchen, damit Keime abzutöten.[1]

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Karl the Ripper – der Mädchenschneider von Augsburg

Maximilianstraße Augsburg um 1835 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg um 1835 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

In der Dämmerung schlitzte er drauf los, der sog. Mädchenschneider von Augsburg. Er trug einen weiten Mantel, hatte sein Gesicht durch eine ausladende Mütze verborgen und lauerte jungen Frauen heimtückisch in abgeschiedenen Augsburger Gassen auf. Allerdings so, dass er sie nicht umbrachte, sondern mit einem scharfen Gegenstand am Arm und/oder an den Händen aufschnitt und teilweise auch würgte. Im Gegensatz zu Jack the Ripper, der 1888 in London sein tödliches Unwesen trieb, kam keine der derart angegangenen Frauen zu Tode, aber seine Überfälle hielten die ganze Stadt in Angst und Schrecken und führten so weit, dass ein Unschuldiger durch Polizei- und Obrigkeitspfusch als Sündenbock in den Tod getrieben wurde. „Karl the Ripper – der Mädchenschneider von Augsburg“ weiterlesen

Über die Donau – was Berblinger nicht schaffte, schaffte Madame Bittorf

Berblingers Flugversuch © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Berblingers Flugversuch © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Bittorf vs. Schneider von Ulm? Dieses Jahr würde der ‘Schneider von Ulm’, Albrecht Ludwig Berblinger (1770–1829) seinen 250. Geburtstag feiern – in Ulm soll er daher groß geehrt werden. Der Mann, der Pioniergeist besaß und vom Fliegen träumte und wegen widriger Umstände dann doch scheiterte. Nach einer erzwungenen Ausbildung zum Schneider – er wäre viel lieber Uhrmacher und Mechanikus geworden – entwickelte er erstaunlich arbeitende Bein- und Fußprothesen, die Vorbild für den Ulmer Chirurgen Johannes Palm (1749–1851) wurden, der als einer der ersten Ärzte überhaupt Chloroform und Äther zur Narkose einsetzte.

Berblingers bekanntestes Gerät ist ein Fluggleiter, mit dem er heimlich in den um Ulm liegenden Weinbergen übte, wo thermische Aufwinde für eine ideale Flugsituation vorhanden waren – aber nicht unten in der Stadt an der Donau, und genau das wurde ihm später zum Verhängnis. Wer solch ein Gestell durch die Stadt in die Weinberge trägt, bleibt nicht unbemerkt: Friedrich I. von Württemberg (1754–1816) hatte von Berblingers Versuchen buchstäblich Wind bekommen und wollte unbedingt einen Flug von ihm sehen, denn was heute für uns selbstverständlich erscheint, war damals eine unglaubliche Sensation. „Über die Donau – was Berblinger nicht schaffte, schaffte Madame Bittorf“ weiterlesen

Nannette Streicher – die Frau, die zweimal feiern könnte, aber…

Nannette Streicher. Tuschezeichnung von Ludwig Krones 1836 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Nannette Streicher. Tuschezeichnung von Ludwig Krones 1836 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

This blogtext is now available in English! Thanks to Gabriella Di Laccio and DONNE | Women in Music for the kind support!

… offenbar von niemandem gefeiert wird. Weder in ihrer Heimatstadt Augsburg noch in Wien und anderen Klassikkreisen wird Nannette Streichers diesjähriger 250. Geburtstag (2. Januar 1769) gefeiert oder wertgeschätzt, obwohl die Musikkulturwelt ohne sie und ihr Instrumentenbaugenie wesentlich ärmer geblieben wäre. Sie ist eine der sog. „vergessenen“ Frauen bzw. deren Leistungen nach ihrem Tod bagatellisiert und/oder wie beiläufig abgetan und dadurch lange von der Musikgeschichtsschreibung übergangen wurde.

Das heute eher beschaulich wirkende Augsburg war zu Nannettes Lebzeiten ein geradezu begehrter Schmelztiegel der Kulturgeschichte. Besonders die Goldene Traube in der heutigen Maximilianstraße (damals Weinmarkt) mit mehreren Konzert- und Veranstaltungssälen war Hauptumschlagsplatz bürgerlicher Musikkultur neben dem privaten Fuggerischen Konzertsaal, der ums Eck am Zeugplatz lag, und den Sälen der Zunfthäuser, in denen Veranstaltungen der bürgerlichen Collegia musica stattfanden. Daneben war Augsburg hochbedeutendes Zentrum des Presse- und Verlagswesens, auch durch die Musikverlagshäuser von Johann Jakob Lotter, Anton Böhm & Sohn und später Andreas Gitter[1]. „Nannette Streicher – die Frau, die zweimal feiern könnte, aber…“ weiterlesen

Menagerien – Reisende Sensation und Grausamkeit. Funde in historischen Augsburger Zeitungen

Um 1850 existierten einige wenige fest eingerichtete Zoos und Tierparks wie z. B. der 1752 in Wien gegründete Tierpark in Schönbrunn, seit 1844 der Zoologische Garten Berlin oder der 1828 gegründete Londoner Zoo. Renner in dieser Zeit waren Menagerien, die von Stadt zu Stadt zogen und mit ihrem Angebot an exotischen Tieren (oder denen, die man dazu erklärte) und auch Menschen, die als „Sensation“ galten wie Schwarze und „behinderte“ Menschen, für großen Publikumsandrang sorgten. Was als „Völkerschauen“ deklariert war, war in Wirklichkeit ein grässliches Zurschaustellen kolonialer Menschenraube. Oft waren solche Zoos und Menagerien allerdings auch die einzige Möglichkeit für solche Menschen, überhaupt etwas Geld zu verdienen.[1]

Drinnen und draußen – Menagerien überall

Solche Menagerien machten auch in Augsburg Station – Nachrichten aus historischen Tageszeitungen zeugen davon. Schauplätze waren z. B. „Menagerien – Reisende Sensation und Grausamkeit. Funde in historischen Augsburger Zeitungen“ weiterlesen

Welttag Theater – Frauen machen Geschichte

In Augsburg wirkten im 18. Jahrhundert am Theater einige Frauen an der Geschichte mit, die es so leider bis heute noch nicht niedergeschrieben gibt. Mein Job wohl…

In dieser ehem. Reichsstadt wirkten v. a. reisende Theatergesellschaften – feste Theatergruppen gab es oft nur an den Höfen. Augsburg hatte schon recht lange ein Stadttheater, das an Stelle des alten Minnesängers-Stadels errichtet wurde und die beide neben der Kirche St. Jakob standen in der Vorstadt. Die Minnesänger waren in Augsburg einst wesentlich bedeutender als die in Nürnberg, die durch Richard Wagner popularisiert wurden.

Altes Theater Augsburg

Das alte Theater war historischen Beschreibungen nach, die ich in historischen Augsburger Tageszeitungen zwischen 1746 und 1849 gefunden habe, klamm, zugig und kalt. Niemand ging dort gern ins Theater. Allerdings hat Wolfgang Amadé Mozart dort zum ersten Mal auch Emanuel Schikaneder in einer Aufführung erlebt – zukunftsweisend für deren beide Zusammenarbeit. Schikaneder heiratete im Augsburger Dom Eleonore geborene Maria Magdalena Arth (1751/52–1821), die ihrerseits Schauspielerin und Sängerin war und dann auch zur Theaterdirektorin wurde – mit ihrem Mann verstand sie sich nicht wirklich; er zog dann mit einem Teil der Truppe weiter, und Eleonore blieb in Augsburg. „Welttag Theater – Frauen machen Geschichte“ weiterlesen