Das Verschwinden der Frauen

Marianne Dorothy Harland (1759-1785), gemalt von Richard Cosway (© gemeinfrei).
Marianne Dorothy Harland (1759-1785), gemalt von Richard Cosway (© gemeinfrei).

Das Verschwinden der Frauen: A Lady playing on the Harp = Marianne Dorothy Harland (1759-1785). Kennt heute niemand mehr (auch kein Artikel zu ihr vorhanden).

Wird sie von Gerbers Lexikon der Tonkünstler (1780) noch als beste Dilettantin* Londons und als erster Mensch, der die Harfe in England populär gemacht hat, gefeiert, ist sie in Eitners Quellenlexikon (1900ff.) bereits ausgetilgt.

Frauengeschichte ins Nirvana

Artikel zu ihr finden sich zumindest online nicht. Mit dem originalen Bildtitel A Lady playing on the Harp wird sie nur zum Objekt, zum Zierstück selbst wie die Harfe. Zum hübschen Köpfchen, das außer Musikmachen nichts kann. Laut Gerber hatte sie aber auch Kenntnisse im Generalbass, was für eine Frau damals noch eine Seltenheit war, da Teil einer männlichen Ausbildung z. B. als Kapellmeister. Gerber nennt das immer explizit mit. Das ist eine Besonderheit: Ein Hinweis, dass sie wahrscheinlich auch komponiert hat.

Ich vergleiche grade beide Lexika miteinander, und es ist erschreckend, wie viele Frauen in einem Zeitraum von rund 100 Jahren aus der Geschichtsschreibung getilgt wurden. Hatte Gerber in beiden Auflagen (1780 und um 1800) noch 185 Komponistinnen mit Namen parat, sind es bei Eitner um 1900 nur noch 128 – immerhin. Bei den Sängerinnen schaut es hingegen wesentlich tragischer aus: Waren um 1780/1800 noch sensationelle 428 namentlich genannt, sind es bei Eitner nur noch entsetzende 17.

Bedeutende Frauen nichtig

Und auch erschreckend, welche Frauen Eitner als nicht mehr erwähnenswert gehalten hat, die man noch heute (wieder) kennt: Constanze Mozart, Maria Francisca Todi (damals eine der berühmtesten Sängerinnen der Welt; noch ohne Online-Artikel), Cecilia Davies, Maria Anne und Theresia Gaßmann (Salieri-Schülerinnen), Signora Giulini (unterrichtete Habsburger-Prinzessinnen), Faustina Hasse, Josepha Hofer/Hoffer (Mozarts erste Königin der Nacht) oder Caterina Mingotti.

Gut, bei Eitner geht es hauptsächlich um Musikquellen bis 1800, aber dann würden auch die von ihm genannten 17 Sängerinnen keinen Sinn machen, da die meisten dieser 17 überhaupt nicht komponiert haben. Es wäre hochinteressant, ob man herausfinden könnte, nach welchen Kriterien Eitner ausgewählt bzw. aussortiert hat.

An Komponistinnen nennt Eitner nicht mehr (Beispiele): Anna Amalia von Preußen (ausgerechnet sie fehlt, obwohl ihr das Hauptwissen zu Bach-Werken zu verdanken ist und die bei Gerber einen der umfangreichsten Artikel hat!), Franziska Le Brun, Josepha Duschek (trotz bei Gerber mit klarem und engem Mozart-Bezug) oder Marianne Martines (Haydn-Schülerin).

Produktion vs. Reproduktion

Interessant wäre auch noch das Großwerk-Lexikon Musik in Geschichte und Gegenwart, von Friedrich Blume als Herausgeber auch und v. a. in der Nazi-Zeit vorangetrieben, eine Zeit, in der Frauen gezielt aus “männlichen” Berufen hinausgedrängt wurden. Die Frau sollte wieder reproduzieren, nicht produzieren. Im MGG existieren in der ersten Ausgabe nicht einmal Lili und Nadia Boulanger. Noch Germaine Tailleferre (einzige Frau in der Groupe des Six) wurde eigentlich erst als “Frau aus dem Lexikon” legendär – andere Frauen haben in Lexika der Zeit anscheinend in der Sparte Komposition auch nicht (mehr) existiert.

P.S.: Die Idee, diese beiden Lexika auf Komponistinnen/Tonkünstlerinnen zu untersuchen kam auf, als ich Rob Deemers spektakuläres Composer Diversity Project unterstützte: Anfangs eine Open-GoogleDocs-Liste, in die man selbst Namen von Komponistinnen*/PoC etc. einfügen konnte. Die Liste umfasst heute mehr als 5.000 Namen, aus dem Projekt ist ein eigenes Institut geworden. Die allermeisten Namen von Komponistinnen dieser Lexika fehlen noch in der Liste, die als Basis die Listen des Archivs Frau und Musik mit mehr als 1.800 bekannten Komponistinnen hat.

*DilettantIn war damals jemand, der/die ohne Ausbildung und ohne berufliche Expertise kunstvolle Arbeiten hervorbrachte. Also höchstes Lob für Laiinnen und Laien und nicht abwertend gesehen wie heute.