Dorothea Pichelt neu erlebbar – Lexikon

Deckblatt Lexikon mit Pichelt-Artikel © Susanne Wosnitzka
Deckblatt Lexikon mit Pichelt-Artikel © Susanne Wosnitzka

Frauen in Uniform – gar kein so seltenes Phänomen im 18. und 19. Jahrhundert. Im Zuge meiner Dissertation, in der ich eine Handvoll Augsburger Tageszeitungen zwischen 1746 und 1849 auf Musiknachrichten untersuchte, kam auch allerhand anderes Interessantes wieder ans Tageslicht, darunter eine Vielzahl an unbekannten Meldungen zu Frauen in Hosen, aus denen ich den Vortrag Die Löwinnen von Paris – Frauen in Hosen an vorderster Front kreiert habe, der seit dessen Premiere von München bis Wien begeistert die Runde macht.

Dorothea Pichelt ans Tageslicht

Aus diesen historischen Meldungen kristallisierte sich auch eines Tages die Biografie von Dorothea Pichelt verh. Geiger (1790-1824) heraus, die sich in Magdeburg in die dort hindurch reisende und Station machende Königin Luise von Preußen wohl schockverliebt hatte und fortan für sie nicht als Soldatenmutter, sondern als Soldat selbst für ihr Land und ihre Königin dienen wollte. Gesagt, getan – mit einer nicht ihr gehörenden Barschaft besorgte sie sich eine Uniform, Waffen und ein Pferd und schrieb sich als Theodor Pichelt in der Armee ein. Dort diente sie höchst heldinnenhaft bis sie aufflog. Doch anstatt sie unrühmlich hinauszuwerfen, wurde sie ehrenhaft entlassen und wurde zur “Heldin von Magdeburg”.

Damit ist ihre Geschichte jedoch noch nicht zu Ende. Bis vor wenigen Jahren wurde geglaubt, sie sei recht alt geworden. Man versuchte, ihren Tod um das Jahr 1850 zu verorten bzw. in diesem Zeitraum nach ihr zu recherchieren für mehr als hundert Jahre: Ohne Erfolg. Und dann landete sie buchstäblich mit einer Seitenumblätterung vor meinen Augen, aber als Dorothea Geiger mit einem Ehrenbegräbnis mit allem Tschingderassabumm samt Militärblaskapelle, das ihre ehemalige Armee und ihre Vorgesetzten aufbieten konnten. Ich war gefesselt von diesem historischen Bericht und wollte mehr über diese interessante Frau wissen.

Heldin im Lexikon

Dorothea Pichelt verh. Geiger war mir bis dato völlig unbekannt gewesen. Nach diesen Namen recherchierte ich zu dieser ungewöhnlichen Frau in Hosen und benachrichtigte das Magdeburger Stadtarchiv, das sich wie Bolle über meinen Fund freute, der für die Magdeburger Geschichte und Stadtgeschichtsschreibung eine kleine Sensation darstellt. Die damalige Leiterin des Stadtarchivs, Dr. Maren Ballerstedt, übernahm sogleich die weitere Hilfestellung, um mich mit weiteren Infos aus dem Archiv zu versorgen. Als der Name Dorothea Geiger erst einmal bekannt war, war es wesentlich leichter, weitere historische Berichte aufzufinden und einzusehen. Denn alle Welt ging zuvor ja davon aus, dass Dorothea Geiger weiterhin mit ihrem “Mädchennamen” gestorben war. Dieses Annehmen von anderen Namen von Frauen führte in der Forschung schon vielfach zu Irrwegen und Sackgassen; viele historische Frauenbiografien dürften dadurch auf der Strecke geblieben sein.

Frau Dr. Ballerstedt war es dann auch, die mir den Kontakt zu Prof. Dr. Eva Labouvie an der Uni Magdeburg vermittelte, die – rein “zufällig” – gerade in dieser Zeit angefangen hatte, einen zweiten Band zu Frauenbiografien aus Sachsen-Anhalt herauszugeben. Über einen Prozess von eineinhalb Jahren entstand dafür dann ein aktueller Artikel aus meiner Feder über Dorothea Pichelts Lebensweg als Frau und hingebungsvoller Soldat. Auch ihre Todesursache konnte ich herausfinden. Wer also auf Dorothea Pichelt verh. Geiger neugierig ist sowie auf 128 weitere hochinteresssante Frauen der Magdeburger und Sachsen-Anhaltischen Geschichte, sollte sich dieses Lexikon aus dem renommierten Böhlau-Verlag nicht entgehen lassen.

Susanne Wosnitzka: Geiger, Johanna Dorothea geb. Pichelt. Soldat, Freiheitskämpferin, “Heldin von Magdeburg”, in: Eva Labouvie (Hg.): Frauen in Sachsen-Anhalt 2. Ein biographisch-bibliographisches Lexikon vom 19. Jahrhundert bis 1945. Böhlau-Verlag, Wien-Köln-Weimar 2018, S. 168-171. 420 S., 70 s/w-Abbildungen, 40 Farbabbildungen, Hardcover. ISBN 978-3-412-51145-6 . Format (B x L x H): 17 x 24 x 5 cm

Kurzrezension
“Das Lexikon stellt Frauen vom beginnenden 19. Jahrhundert bis 1945 vor, die im Raum des heutigen Sachsen-Anhalts und zum Teil weit darüber hinaus in ganz unterschiedlichen Bereichen Besonderes geleistet oder ein für Frauen ungewöhnliches Leben geführt haben.
In über 130 biographisch-bibliographischen Porträts sowie über 140 Kurzporträts werden die Lebenswege und das Engagement von bekannten Frauen und Berühmtheiten wie Käthe Kruse, Louise Aston, Elisabeth von Ardenne, Fontanes ‘Effi Briest’, Jenny Marx oder Hedwig Courths-Mahler, von Protagonistinnen der Ersten Frauenbewegung wie Gertrud Bäumer, Elisabeth Gnauck-Kühne, Jenny Hirsch und Lily Braun, Unternehmerinnen wie Selma Rudolph oder der Schauspielerinnen Henny Porten und Lia Wöhr neuartig präsentiert.
Erstmals gelingt es zudem, die Verdienste von bislang unbekannten, vergessenen oder noch nicht erforschten Juristinnen, Politikerinnen, Widerstandskämpferinnen, Wissenschaftlerinnen, Frauenrechtlerinnen, Schriftstellerinnen, Pädagoginnen, Ärztinnen, Künstlerinnen, Sportlerinnen, Regisseurinnen oder Unternehmerinnen zu würdigen und ihnen einen Platz in der Geschichte zu geben.”
(Quelle des Zitats hier)