Erbach – Ein Dorf schreibt “fast” Weltgeschichte

Schloss Erbach mit Barockgarten © Susanne Wosnitzka 2014
Schloss Erbach mit Barockgarten © Susanne Wosnitzka 2014

Wie kann ein Dorf fast Weltgeschichte schreiben? Mein Heimatdorf Erbach bei Ulm (seit über 15 Jahren Stadt, aber es fühlt sich nicht wirklich wie eine Stadt an) liegt beschaulich an der wirklich zauberhaften Oberschwäbischen Barockstraße an der alten Donau zwischen Ehingen und Ulm, mit dem malerischen Hochsträß im Rücken, etwas keltischer Geschichte im Wald und einem erhaben auf einem Hügel thronenden strahlend gelben Schloss aus der frühen Renaissance, in dem seither die Familie derer von Ulm zu Erbach wohnt.[1] Auf dem ansonsten geziegelten Dach des Schlosses befindet sich eine Stelle, die mit einem wirklich großen Stück Blech bedeckt ist. Auf die Frage nach dem Warum erhielten wir stets nur die Antwort: „Damit da die Geister besser raus- und reinfliegen können.“ Das war für uns als Kinder gleichermaßen gruselig wie faszinierend. Noch heute schaue ich immer zu diesem Stück Blech, wenn ich wieder daheim in Erbach bin.

Beziehung Erbach und Japan

Eine andere Geschichte lautet so, dass der erste Entwurf der japanischen Verfassung einer Legende nach auf Schloss Erbach entstanden sein soll. Dazu später mehr. Von diesem Schloss aus hat man nicht nur einen wunderbaren Ausblick über das schwäbische Oberland, sondern auch einen Einblick in einen sehr verwunschen wirkenden, nicht mehr genutzten alten Barockgarten, in dessen Mitte ein verwitterter Brunnensockel steht, dessen herausgemeißelte Gesichter bis heute dem Wetter trotzen. Im hintersten der Türme saß ich ab und zu bei Sommerregen stundenlang und las und lauschte dem Regen, verbotener- und daher heimlicherweise. Und stellte mir vor, was für ein hochinteressantes Projekt es wäre, diesen Garten nach Originalplänen wieder zu restaurieren. In der Nähe befinden sich auch die sog. Hängenden Gärten von Neufra mit dem hochbedeutenden Renaissancegarten oder der Garten von Schloss Warthausen, in dem die geniale und hochverehrte feministische Schriftstellerin Sophie von La Roche (1730–1807) lebte und arbeitete.

Beziehung Erbach und Frankreich

Oberschwaben ist reichhaltig an Kunst und Kultur, aber manchmal geht eben auch etwas daran vorbei, womit wir wieder beim fast wären. In jenem Schloss in Erbach sollte zum Beispiel auch Maria Antonia von Habsburg-Lothringen (1755–1793, später Königin Marie-Antoinette von Frankreich) auf ihrer später verhängnisvollen Fahrt nach Paris übernachten, die mit einem über tausendköpfigen Tross von Wien über Ulm nach Frankreich gefahren wurde und für die Strecke ab Ulm bis Freiburg/Breisgau von Freiherr Ferdinand Carl von Ulm zu Erbach (1726 Erbach/Donau–1781 Freiburg)[2] begleitet wurde, der zu dieser Zeit vorderösterreichischer Regierungspräsident in Freiburg und einst von Kaiserin Maria Theresia zum kaiserlichen Kämmerer ernannt worden war. Stattdessen übernachtete Marie-Antoinette im Nachbardorf Oberdischingen, da das dortige Schloss wohl schlicht größer war und für die Belegschaft mehr Platz hatte. Ihren Reiseweg konnte ich im Rahmen meiner Dissertationsforschung aus historischen Zeitungen heraus rekonstruieren, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Familienbeziehungen

Schloss Erbach um 1844. Gemälde von Franz Xaver Müller © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Schloss Erbach um 1844. Gemälde von Franz Xaver Müller © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Wie aber kam nun die japanische Verfassung fast ins beschauliche Erbach? An dieser Stelle tritt nun Helene von Ulm zu Erbach (1848–1927) ins Licht der Ereignisse, die eine Schwester* des Übersetzers und Diplomaten Alexander von Siebold (1846–1911) war, mit Max Johann von Ulm zu Erbach (1847–1929) verheiratet und begeisterte und erfolgreiche Geflügelzüchterin war. Sie verfasste mehrere Bücher, Aufsätze und Lehrwerke zur Geflügelzucht und belieferte auch die damalige japanische Kaiserin Shōken (1849–1914) mit ihren preisgekrönten Hühnern.[3] Ihre Faszination für Japan hatte sie von ihrem Vater Alexander geerbt, der während der Bakumatsu- und in der frühen Meiji-Periode in Japan tätig war, fließend Japanisch sprach und von Japan und seiner Kultur unglaublich begeistert war. 1862 wurde Alexander von Siebold bereits als Fünfzehnjähriger (!) zum offiziellen Dolmetscher des britischen Konsulats in Edō ernannt und begleitete seine Vorgesetzten zu Verhandlungen mit der japanischen Regierung bei Auseinandersetzungen und Handelsabkommen.

In Alexander von Humboldts Fußstapfen

Philipp Franz von Siebold um 1875 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Philipp Franz von Siebold um 1875 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Bereits dessen Vater, Philipp Franz von Siebold (1796–1866), war von Alexander von Humboldt (1769–1859) als Japanforscher verehrt worden. Letzterer hatte Philipp Franz von Siebold am 10. April 1859 – wenige Wochen vor seinem Tod – noch einen Abschiedsbrief als „Freund und Bewunderer“ [4] gesandt. Laut Carl Troll war Philipp Franz von Siebold „wohl der einzige Europäer, der die Situation Japans in den kritischen Jahren um 1860 auf Grund seiner intimen Kenntnis des Landes und seiner Menschen richtig beurteilen konnte. Er sagte die Restauration des alten Kaiserreiches und die Rückkehr der Macht an den Kaiser voraus.“[5] Vielleicht hatte Alexander von Siebold seinen Vornamen aus Verehrung von Alexander von Humboldt heraus erhalten. Dem wäre noch nachzuforschen.

Hoher Besuch in Erbach

Eine andere Helene, nämlich Karoline Ida Helene von Siebold (1820–1877) geb. von Gagern, Ehefrau von Philipp Franz von Siebold, empfing im Garten ihrer Tochter, der Geflügelzüchterin Helene, in Erbach Gäste wie in München lebende Studenten, die an japanischer Geschichte interessiert waren.[6] Auch lud sie 1882 den damaligen japanischen Ministerpräsidenten Itō Hirobumi (1841–1909) nach Erbach ein, der in dieser Zeit mit der Erstellung einer japanischen Verfassung beauftragt war. Angeblich soll auf Schloss Erbach in dieser fruchtbaren freundschaftlichen wie auch intellektuellen Umgebung ein erster Entwurf dieser Verfassung gefertigt worden sein.[7]

Die Tagebücher des Alexander von Siebold könnten vielleicht noch mehr über diese hochspannende Geschichte erzählen. Diese befinden sich im Original in Tōkyō Daigaku Sōgō Toshokan (Bibliothek der Universität von Tōkyō) und als Mikrofilm in der Sieboldiana-Sammlung der Ruhr-Universität Bochum (Fakultät für Ostasienwissenschaften).

* Update 14. Januar 2020: Im Text hatte ich ursprünglich erzählt, dass Alexander der Vater von Helene war. Aufgrund schwieriger Quellenlage und fehlender Forschungszeit war das damals nach bestem Wissen und Gewissen verfasst.
Heute meldete sich die Violinistin Tomoko Mayeda aus Wien, die Obiges richtigstellte und dazu noch Folgendes erzählte:
“Mein Ururgroßvater war der erste japanische Forscher von Philipp Franz Siebold und wohnte damals bei Helene von Ulm zu Erbach. Er hieß Harukazu Fujiyama. Mein Vater besuchte Erbach im Jahr 1994 und traf dort den Freiherrn von Ulm-Erbach.”
Frau Mayeda hat im Programm ihres Ensembles Werke aus Japan und Europa aus dieser Zeit. Philipp Franz von Siebold betätigte sich auch als Komponist. Zudem empfahl mir Frau Mayeda auch die Werke der japanischen Komponistin Nobu Kohda (1870–1946), die die erste Japanerin war, die in Wien studiert hatte. Was für großartige Zusammenhänge, die nach einem Konzert auf Schloss Erbach schreien!
In Wien gibt es demnächst auch eine Ausstellung zur Sammlung von Heinrich von Siebold (13. Februar bis 10. Mai 2020).

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[1] Einer der Söhne derer von Ulm zu Erbach war Schulkamerad meines Vaters. Dessen Sohn Constantin setzte zusammen mit seiner Tochter Mauritia durch, dass erstmals auch Mädchen Messdienerinnen in der kath. Kirche St. Martin in Erbach (direkt neben dem Schloss) werden konnten. Ich war eine davon in dieser ersten weiblichen Generation.

[2] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Ulm_zu_Erbach (Stand: 14.12.2019).

[3] Vgl. Vera Schmidt (Hg.): Acta Sieboldiana IX. Korrespondenz Alexander von Siebolds in den Archiven des japanischen Außenministeriums und der Tōkyō-Universität 1859–1895. Veröffentlichungen des Ostasien-Instituts der Ruhr-Universität Bochum 33, S. 322.

[4] Vgl. Carl Troll: Die deutsche geographische Japan-Forschung vor und nach der Meiji-Restauration, in: Erdkunde. Archiv für wissenschaftliche Geographie, Bd. XXII, Heft 1, März, S. 10f.

[5] Vgl. ebda.

[6] Vgl. Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (Hg.): aviso. Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst in Bayern. München 4|2016, S. 17.

[7] Vgl. Stadt Erbach (Hg.): Erbach im Wandel der Zeit. Bilder erzählen. Bd. 4. Erbach 2003, S. 33.

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