Spannendes III – Vilma von Webenau

Vilma von Webenau im Jahr 1924 © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)
Vilma von Webenau im Jahr 1924 © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)

Der Name der Komponistin Vilma von Webenau (1875–1953) ist heute nur noch Expert*innen bekannt – das soll sich ändern. Vilma von Webenau, die erste Privatschülerin des Komponisten Arnold Schönberg – noch vor allen seinen männlichen Schülern –, war in den 1910er- und 1920er-Jahren Teil des musikalischen Lebens von Wien. Als Komponistin hatte sie es in der männlich dominierten Musikwelt dieser Zeit sicher schwer. Als Frau, die wahrscheinlich Frauen liebte, war ihre persönliche Lebenssituation doppelt prekär. Über ihr privates Leben ist nur wenig bekannt und auch ihr umfangreiches Werk von mehr als 100 Kompositionen harrt einer weiteren Wiederentdeckung. Im Jahr 2016 konnte ich mit meinem Verein musica femina münchen mehrere ihrer Werke wohl erstaufführen.

Vilma von Webenau – verwehte Spuren?

Ich bin eine von weltweit zwei Webenau-Forscherinnen und konnte z. B. herausfinden, wer sie in Klavierspielen unterrichtet hatte: (Dr.) Cäcilie Frank, renommierteste Pianistin ihrer Zeit in Wien, die das legendäre Hellmesberger-Quartett und Arnold Rosé begleitete und ihren musikalischen Salon prominent im 1. Bezirk hatte. Vilma von Webenau, die in Konstantinopel aufgewachsen war, hielt sich dort also in der Crème de la Crème auf. Ihre Großmutter Julie von Webenau soll – so wird bislang gemunkelt – gar ein Kind des Mozart-Sohnes Franz Xaver Wolfgang Mozart gewesen sein.

Durch meine Forschungen konnte ich erstmals nachweisen, dass Vilma von Webenau um 1900 auch Konzerte in London gab und um 1910 einige Zeit lang in München gelebt und unterrichtet hatte als “unbedeutende Musiklehrerin”. Wirklich so unbedeutend dort als Schülerin des Hofopern-Musikdirektors Fritz Cortolezis?

Vieles zu ihrem Leben liegt noch im Dunkeln: So bricht ihr öffentliches Erscheinen als Pianistin und Komponistin mit dem Jahr 1932 ab. Nachweisbar wird ihr Leben erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg. Wo und wie lebte sie in dieser Zeit dazwischen? Mit wem? Eine Postkarte gibt Auskunft, dass sie mit der lesbischen Schwester von Alban Berg, Smaragda Eger-Berg (1886–1954), befreundet war sowie mit der ebenfalls lesbisch lebenden Komponistin Mathilde Kralik von Meyrswalden (1857–1944).

Verschollenes

Vilma von Webenau war zwar lange Zeit Mitglied im Club der Wiener Musikerinnen, der allerdings auf Briefe, E-Mails und Telefonanrufe nie geantwortet hat und sich in seiner Geschichte während des sog. Dritten Reichs merkwürdig bedeckt hält, was die weitere Spurensuche extrem erschwert. Musste sie in dieser Zeit ggf. untertauchen? Auch in ihrer Familie befanden sich eingeheiratete jüdische Menschen. Hat sie diesen geholfen? Durch meinen letzten Wien-Aufenthalt im Mai 2018 konnte ich vier weitere bislang unbekannte Wohnadressen sowie auch ihre genaue Grablege (Grab selbst nicht mehr erhalten) auf dem Wiener Zentralfriedhof ausfindig machen, die verschollen geglaubt war. Sie starb extrem verarmt und hatte bis zuletzt versucht, ihre Musik in Radiosendungen unterzubringen – ohne Erfolg. Sie vertonte besonders gerne Naturbeobachtungen und orientalische Geschichten. Ihr Stil ist ganz eigen und scheint zwischen Spätromantik, Impressionismus und Expressionismus hin und her zu vibrieren. Ihre Werke sind in diesem Sinne “atonal”, da sie auf Vorzeichen kaum Wert gelegt hat. Ihre späteren Werke scheinen auf den ersten Blick vielfach in einfachem C-Dur zu stehen, setzen aber im Irgendwo an in der Mitte der Notenlinien. So ist z. B. ihr Stück Vier Tänzerinnen gewidmet: Der Dame in Violett, Der Dame in Rot, Der Dame in Grün, Der Dame in Gelb für Klavier solo ein Ausbund an Ausdruck und möglicherweise auch durch den damals populären Ausdruckstanz inspiriert.

Stille Sensation in Wien

Vor wenigen Jahren veröffentlichte Anna Benedikt in ihrer Diplom-Arbeit die Namen von insgesamt mehr als 50 (!) Kompositionsschülerinnen (!!) Arnold Schönbergs, die dieser alleine in Wien an der Musikhochschule hatte. Was für eine Sensation, denn die Schönberg-Schülerinnen werden bis heute von der offiziellen Forschung nicht beachtet. Welch neues Licht könnte die Wiederentdeckung all dieser unbekannten Biografien und Werke auch auf Schönberg als Lehrer werfen! Vilma von Webenaus Leben und Werk ist nur der Anfang eines gigantischen noch zu erforschenden und erstaunenden Kosmos.

Mehr Informationen dazu finden Sie hier und hier (Magazin-Artikel).

Bei Interesse für meinen Vilma-Vortrag
VB (Vortrag ca. 90 Minuten; Anreise/Übernachtung exklusive)

Veröffentlichungen
Susanne Wosnitzka: Vilma Weber von Webenau – verwehte Spuren?, in: Archiv Frau und Musik Frankfurt/Main (Hg.): VivaVoce Nr. 99, 2/2014, S. 2–5.
Susanne Wosnitzka: „Gemeinsame Not verstärkt den Willen“ – Netzwerke von Musikerinnen in Wien, in: Annkatrin Babbe und Volker Timmermann (Hg.): Musikerinnen und ihre Netzwerke im 19. Jahrhundert. Oldenburg 2016 (= Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts (Hg. Freia Hoffmann), Bd. 12). ISBN 978-3-8142-2338-4.
Eine ausführlichere Biografie mit all meinen neuen Erkenntnissen ist derzeit für den Certosa-Verlag in Arbeit.

Erste große Würdigung von Leben und Werk Vilma von Webenaus der Neuzeit:
Donnerstag, 17. Mai 2018 | 19 Uhr | Schlosstheater Schönbrunn | Wien
Veranstalter*innen: IDAHOT Wien, QWIEN, Primavera Festival, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Anlässlich des IDAHOT Day 2018, des Internationalen Tages gegen Homo-, Trans- und Biphobie, gaben Studierende und Unterrichtende der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) ein Festkonzert mit ihren Werken. Susanne Wosnitzka begleitete den Festakt mit einem einführenden Vortrag zu Leben und Werk.