Schrödingers Chopin: Warum Chopin in Augsburg war und doch nicht

Um mich bei der gewaltigen Hitze zu zerstreuen, die in meinem Dachkabuff für über 36°C auch dank fehlender Wanddämmung gesorgt hat (nota bene: 2016 war nicht einmal das Dach isoliert), kam mir in meiner zufälligen YouTube-Wiedergabe die wundervolle Chopin-Nocturne op. 27 Nr. 2 – interpretiert von der ebenso wundervollen Maria João Pires – unter und damit eine Idee: War Chopin eigentlich je in Augsburg? Zum Hitzesudern und Nachdenken – Schrödingers Katze war mit am Werk – und Schreiben dieses Texts lief sein Werk jedenfalls in Dauerschleife. Hört es euch beim Lesen des Nachfolgenden ebenfalls gerne an:


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Dass Chopin nicht der ‚Erfinder‘ der polnischen Musik-Romantik ist, weiß man seit etlichen Jahren: Es war die in St. Petersburg an der Cholera gestorbene Pianistin und Komponistin Maria Szymanowska (1789–1831) als eine Wegbereiterin. Um sie soll es heute aber nicht gehen, doch dieser Umstand mit der Cholera 1831 ist hier von hoher Bedeutung.

Flucht aus der Heimat

Frédéric Chopin flüchtete am 2. November 1830 aus seiner Heimat Polen. Einerseits aus beruflichen Gründen, weil er in Warschau für seine zwar höchst erfolgreich aufgeführte Musik keine Zukunft sah – das Non-Plus-Ultra waren Paris und St. Petersburg –, und andererseits, weil die politischen Verhältnisse in Polen freiheitsmäßig so aussichtslos waren, dass sich St. Petersburg als Ort des Aufschwungs ohnehin ausschloss: der sog. Novemberaufstand bzw. Polnisch-Russische Krieg, der am 29. November 1830 begann, brachte für Polen die komplette Abhängigkeit von Russland samt Umerziehung und Russifizierung mit Aufhebung der polnischen Verfassung, Aufhebung der Presse- und persönlichen Freiheit – was auch der Ukraine heutzutage im Fall einer Kriegsniederlage und jedem anderen angegriffenen und überrannten Land drohen würde. Auch noch in den 1860er Jahren wurden katholische Bischöfe von den Russen verschleppt und ermordet, wurde die polnische Sprache als Amtssprache auch in Schulen verboten, Pogrome gegen Juden nahmen stark zu. Abertausende Polen flohen daher in den Westen, wo man sie aufnahm und ihnen in der Regel half, wo es nur ging, und dadurch eine Art Polen-Manie ausbrach, die zu Chopins Karriere bedeutend beitrug.

Zu seiner Biografie möchte ich hier nicht näher eingehen, sondern mich auf die Zeit um 1830/31/32 konzentrieren.

Was nicht in der Wikipedia steht

Auch ich schaue ziemlich als erstes in die Wikipedia, um mich zu einem Thema näher zu informieren (um von da dann weiterzuschauen): Zwar wird in seinem Artikel von seiner Europareise 1830/31 berichtet, erstaunlicherweise ohne jedoch nur ein einziges Mal die Cholera zu erwähnen, die damals in fast ganz Europa verheerend wirkte und ausufernd vielen Menschen das Leben kostete. Fanny Hensel hat sie in Berlin überlebt und schrieb als Dankeschön und zum Gedenken an daran verlorene Menschen ihre so berührende Cholera-Kantate. Deshalb ist es auch ein Wunder, dass Chopin bei seiner Reise übers Land und von Stadt zu Stadt nicht auch draufgegangen ist, besonders bei seiner fragilen eigenen Gesundheit durch wahrscheinlich langjährige und damals sehr verbreitet gewesene Lungentuberkulose, an der auch schon seine jüngste Schwester Emilia im Teenie-Alter starb.

Jedenfalls geht es in neutralem Plauderton in Chopins Wikipedia-Artikel weiter, dass Chopin über Breslau und Dresden zunächst nach Wien reiste und von dort – er verließ Wien am 20. Juli 1831 – über Salzburg und München (Konzert am 28. August 1831) nach Stuttgart (Anfang September).

Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Was dazwischen lag, wird nicht erwähnt, und genau dort komme ich mit meiner Zeitungsforschung ins Spiel. Zu Chopin in Augsburg und Ulm wurde nämlich noch nie geschrieben. War er also nie dort? Oder doch? Ich drösele euch die Reiseverhältnisse dazu auf.

Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei
Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei

Am 29. August 1831 erfolgte im Augsburgischen Intelligenzblatt (zeitweise auch Intelligenz-Zettel) folgende Bekanntmachung (hätte es damals schon eine Corona-Warn-App gegeben mit Einspeicherung der Impfnachweise: Die Leute wären wohl dankbar dafür gewesen):

„Im Namen Sr. Majestät des Königs. Den sämtlichen Behörden wird nachstehend ein Abdruck der unterm 16ten dieses Monats von Seite des k. k. österreichischen Guberniums in Tyrol erlassenen Kundmachung in Betreff der daselbst angeordneten Vorsichts=Maaßregeln gegen das Eindringen die Cholera morbus mitgetheilt, um nicht nur das Publikum, insbesondere aber den Handelsstand davon geeignet zu verständigen, sondern auch um Jenen, welche Behufs der Durchreise nach Tyrol über die bayerischen Gränzen hereinpassiren wollen, nur dann den Eintritt zu gestatten, wenn sie sich mit den nöthigen, alle Formalitäten genau erfüllenden Ausweisen versehen haben. Augsburg am 24. August 1831.“
Des Weiteren folgen ausführlichste Tipps zu solchen Vorsichtsmaßregeln:
„1.) Menschen und Thieren, sie mögen wo immer herkommen, wird der Eintritt in die Provinz Tyrol und Vorarlberg nur gegen legalen Gesundheits=Paß, die Einfuhr der Waaren aber nur gegen legalen Reinheits=Paß bis auf weitere Bestimmung gestattet.
2.) Diese Gesundheits= und Reinheits=Pässe müssen nebst der Unterschrift des ausfertigenden Amtes, und eines angestellten Arztes auch mit deren Amts=Siegel versehen seyn.
3.) Menschen, Thiere und Waaren, welche aus den mit der Cholera angesteckten, oder derselben verdächtigen Orten und Gegenden kommen, müssen sich überdies über die bestandene Kontumaz [Quarantäne] und Reinigung legal ausweisen [die Pässe mussten zuvor ebenso vom Amt validiert werden]. […]
6.) Da es dem ungeachtet gelingen kann, daß sich Menschen auf heimlichen Wegen einschleichen, so wird ferner die genaueste Handhabung dieser Verordnung nicht nur allen Land=Gerichten und Magistraten eingeschärft, sondern es wird nebstdem auch den Gemeinde=Vorstehern, und in abgelegenen Weilern und Häusern allen Bewohnern überhaupt zur strengsten Pflicht gemacht, alle fremden Personen […] sogleich anzuhalten, und nach Umständen entweder über die Gränze zurückweisen, oder aber zur weitern Untersuchung an die nächste politische Obrigkeit unter der nöthigen Vorsicht zu begleiten. Vorzüglich sind in dieser Beziehung herumirrende Personen, Hausierer, Karrenzieher, Bettler etc. genau zu beobachten, und mit aller Strenge nach Maaßgabe der gegenwärtigen Verordnung zu behandeln. Innsbruck am 16. August 1831.“[1]

Mehr oder weniger gewappnet

In Augsburg herrschte noch keine Panik, denn die Cholera war noch nicht angekommen. Aber man war äußerst wachsam, denn bereits Ende Juli 1831 hatte sich in Augsburg eine Cholera-morbus-Commission in der Residenz gegründet, die „fest entschlossen [ist], die Brechruhr weder in die Stadt noch in den Kreis zu lassen. Im ganzen Kreise werden alle Judenquartiere beschrieben, in denselben fleißig visitirt, ob keine heimlichen Juden sich dort aufhalten, und alles Sachdienliche vorgekehrt, um von dieser Seite eine Importation des Uebels zu verhüten.“[2]

Karikatur eines Mannes, der sich vor der Cholera schützen will © Wellcome Collection, Attribution (CC BY 4.0)
Karikatur eines Mannes, der sich vor der Cholera schützen will © Wellcome Collection, Attribution (CC BY 4.0)

Die alte Mär von den Juden als ‚Brunnenvergifter‘ war unterschwellig immer vorhanden und nun wieder emporgeschürt. Das Augsburger Tagblatt hielt sich weiter aber tapfer gegen den Antisemitismus in der Stadt und schrieb: „Wir sind überzeugt, daß kein Vernünftiger einer solchen durchaus unterwiesenen Sage Glauben schenken wird; wir erlauben uns aber die dringende Bitte an sämmtliche Behörden, die größtmögliche Sorge zu tragen, daß solche Nachrichten nicht unter dem Volke ausgestreut werden können, ja den Verbreitern sogar nachzuforschen und sie zu bestrafen. Die Sicherheit und die Ruhe des Landes erheischen dringend diese Vorsorge, da wir ja wissen, daß sogar Unruhen auf dem Grund dieser Ausstreuungen entstanden sind.“[3]

Im Juni hatte die Cholera Preußen erreicht. Chopin reiste dort hindurch, als die Hölle dort noch nicht los war. Im April 1831 wurden in Moskau und Warschau die Theater geschlossen, sodass auch Schauspieler:innen des deutschen Theaters in Moskau arbeitslos wurden.[4] Für Chopin deshalb ein weiterer Grund, die Oststaaten zu meiden.

Pfuideibel

Die hygienischen Bedingungen in Augsburg (und anderswo) waren so verheerend, dass im Tagblatt Folgendes berichtet wurde:

„Lassen wir also unsere Post bei dem alten Thore [hier ist das heute noch existierende Rote Tor gemeint] hereinfahren, und sind wir zufrieden, daß sie nicht hinter der Stadtmauer hereinfährt, denn da könnte sie leicht umwerfen, und die Passagiere mit buchstäblicher Wahrheit in Schlamm und Morast legen. Da ist die mephistische Luft zu Hause, da muß die Cholera zuerst ausbrechen, wenn sie zu uns kömmt.“[5]

Man kam dann auf die Idee, ankommende Briefe an den Stadttoren abzufangen, sie zu durchstechen und über Feuer zu räuchern, um sie zu desinfizieren. Bis dahin war noch das Tabakrauchen auf offener Straße verboten. Weil man von der Wirksamkeit der Räucherung aber überzeugt war, führte genau das dafür, dass 1832 das öffentliche Rauchverbot in Augsburg aufgehoben wurde, denn was konnte besser sein, als mit Tabakrauch direkt vor dem Gesicht sich selbst und die einzuatmende Luft damit zu ‚desinfizieren‘?

Im Januar 1832 tauchten im Tagblatt erstmals konkrete Zahlen zu den Cholera-Toten in Wien, Ungarn, Galizien, Böhmen und Mähren auf. In Halle/Saale wurde die ganze Stadt durch die hereingebrochene Cholera buchstäblich gelähmt. In Wien waren bis zum 9. Februar 1832, „im Ganzen erkrankt 4125, genesen 2150, gestorben 1972, in ärztlicher Behandlung geblieben 3.“[6] Wie sich Augsburg gerade so vor dieser grässlichen Welle retten konnte, könnt ihr ausführlich en détail hier bei mir nachlesen – zurück bis zu den ersten Angesteckten, die rigoros in ihrem eigenen Haus eingesperrt wurden.

1-2-3 im Sauseschritt…

Chopin war also der Cholera buchstäblich davongefahren – per Kutsche, denn Eisenbahnbetriebe gab es in Deutschland erst ab 1835. In musikalischem Sinne als sog. Dux (Führer) einer Fuga – die Cholera als Comes (Gefährte) hinterdrein. Zurück zur Ausgangsfrage: War er nun in Augsburg oder nicht? Nun, wo keine Belege, da auch kein Dortsein, oder? So einfach ist es nicht, denn wir wissen noch viel zu wenig oder sind solche Informationen durch unglückliche Umstände verloren gegangen. In einem 2027 erscheinenden Aufsatz im kommenden Maria-Theresia-Paradis-Lesebuch (Böhlau, Hg. Irene Suchy) erläuterte ich die Reisesituation für 1783:

Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

In dieser Zeit gab es nämlich noch die Sparte der Ankommenden Reisenden und Herrschaften im Augsburger Intelligenzblatt, wodurch Maria Theresia Paradis für einen einzigen tatsächlichen Aufenthalt im Dezember 1783 dort belegbar ist (ein zweiter Aufenthalt im Spätsommer dieses Jahres ist nun definitiv ausschließbar). Diese Sparte gab es so teilweise auch im Augsburger Tagblatt, aber nicht (mehr) für das Jahr 1831. Diese zuvor in mehreren Jahren regelmäßig hintereinander veröffentlichten Sparten waren interessen- oder platzabhängig: Je nach Verleger flog diese Sparte raus oder wurde wieder reingesetzt. Kriegs- oder Seuchenmeldungen verdrängten solche Reisendenmeldungen in der Regel, weil Erstere für die Bevölkerung wichtiger waren. Letzteres war für dieses Jahr der Fall.

Aufschlüsselung

Daher folgende drei Punkte, die einen Aufenthalt Chopins in Augsburg zwar nicht direkt belegen, aber dass er dort gewesen sein muss:

I.
In den letzten Jahren habe ich alle greifbaren Augsburger Zeitungen (derzeit neun) der Zeit zwischen 1746 und 1885 nicht nur auf Musiknachrichten abgegrast (darüber hinaus sind sie noch nicht digitalisiert), denn erst im Verbund auch mit Wetter- und Seuchenmeldungen ersieht man die Lücken, die sich auch für reisende Musiker:innen auftun. Kein Chopin weit und breit darin. Denn: Es gibt auch Lücken in den Jahrgängen dieser Zeitungen, obwohl Augsburg als quasi deutsche Hauptstadt der Presseerzeugnisse wahrlich genug davon hatte. Nichts zu Reisenden für das Jahr 1831 im Intelligenzblatt/-zettel. Die Ordinari und die Ordinäre Postzeitung druckten keine Reisenden ab. Für dieses Jahr blieb nur noch die Neue Augsburger Zeitung, in der sich auch ankommende Reisende befinden, aber: Es gab dieses Blatt nur für einen extrem kurzen Zeitraum, der ausgerechnet mit Ende Juni 1831 endet. Somit keine Chopin-Meldung vorhanden. Wäre diese Zeitung krankheitsbedingt nicht eingestellt worden, hätten wir Chopin ganz sicher darin gefunden.

II.
Chopin reiste – wie oben angegeben – relativ schnell, da sein Ziel ja Paris war und er sich nicht auf offizieller Tournee befand mit entsprechend dafür anberaumter Zeit in den angepeilten Städten und im Vergleich mit Maria Theresia Paradis‘ Reise. Die Route Salzburg–München–Augsburg–Ulm–Stuttgart war damals bis heute die schnellste Direktverbindung. Und es war die einzige mit der Postkutsche durchgängig (!) fahrbare Strecke. Die Ausweiche über Ingolstadt und Ansbach wäre ein viel zu großer und auch unlogischer Umweg gewesen. In diesem Fall wäre Augsburg nicht angefahren worden, weil dann Augsburg für diese Station wiederum einen Umweg darstellt. Deshalb spricht die Auswertung der bekannten Postkutschenwege nur für den Weg über Augsburg und Ulm.[7] Die Ulmer Zeitungen sind für Reise- und Musikforschung bis heute völlig vernachlässigt und noch immer nicht digitalisiert. Tragischerweise auch der Augsburger Intelligenzzettel nicht, der besonders für das 18. und frühe 19. Jahrhundert wertvollste und einzig erhaltene Informationen dazu birgt. Aber dafür habt ihr ja mich.

III.
Als Übernachtungsort diente meinen Forschungen am Wahrscheinlichsten die Goldene Traube. Von München bis Ulm oder Stuttgart ohne Halt oder Aufenthalt zu fahren, war nicht üblich und auch an einem Tag nicht zu schaffen. Die Goldene Traube war der Hauptübernachtungs- und -konzertort für einheimische wie durch Augsburg reisende Musiker:innen, weil sie einen expliziten Konzertsaal aufwies, der bei Übernachtung auch ohne weitere Wege durch die Stadt bespielt werden konnte, sofern man sich rechtzeitig polizeilich dafür anmeldete. Das wesentlich teurere Hotel Drei Mohren (heute Maximilian’s) kam für Chopins finanzielle Verhältnisse dieser Zeit eher nicht in Frage. Es verfügte zwar ebenfalls über einen Saal, der aber ‚nur‘ rund 300 Personen umfassen konnte.

Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka

Der große Saal der Goldenen Traube war tatsächlich speziell für Konzertaufführungen um 1770 gebaut worden, verfügte seitwärts über einen kleinen Saal, einen anliegenden Rotunda-Saal, und wenn man dann noch den Speisesaal zusätzlich öffnete, war darin Platz für sage und schreibe 2.200 Menschen – heute unvorstellbare Dimensionen dort, die sich bis nach hinten zum Zeugplatz erstreckten, aber alles über Zeitungen und weitere meiner Dokumentenfunde nachweisbar und notariell damals bereits beglaubigt – bis zum Bau des Münchner Odeons der wohl größte offizielle Konzertsaal der damaligen Welt. Darin spielten auch Clara Schumann und Franz Liszt, wozu ihr hier mit weiteren Belegen nachlesen könnt.

Wenn ein Chopin auch in Augsburg ein Konzert gegeben hat, dann dort. Allerdings existieren in den Augsburger Zeitungen zu einem möglichen Konzert weder entsprechende Ankündigungen noch Rezensionen. Sollte er privat aufgetreten sein, wurde dies in den Zeitungen in der Regel nicht erwähnt. Also auch hierfür kein Chopin zu finden. Chopin hätte zudem entsprechende Empfehlungen mitbringen müssen, das Konzert hätte vorbereitet werden müssen durch Saalreservierung (Musiker:innen hatten die Säle selbst anzumieten), polizeiliche Benachrichtigung im Voraus, und im Nachgang mussten von den Einnahmen 10 % in die städtische Armenkasse eingezahlt werden. Chopin hätte also jemanden vor Ort gebraucht, der oder die wissend war und entsprechend managen konnte. Spontan aufzutreten, war nicht möglich, da die Veranstaltungen in Augsburg so gemanagt wurden, dass sich bis ins späte 19. Jahrhundert so gut wie keine Veranstaltung mit einer anderen überschnitt. Falls doch, gab es empörte Leserbriefe und man gelobte Besserung.

Aus diesem Grund war im Augsburger Theater in der Regel mittwochs und samstags spielfrei – weil diese Tage für Konzerte reserviert waren. Auch dies konnte ich aus den Augsburger Zeitungen dank meiner angefertigten Liste mit rund 11.500 Einzelaufführungen im Theater am Lauterlech und im heutigen Staatstheater nachweisen, wozu ihr hier bei mir ausführlich belegt und mit Statistiken versehen nachlesen könnt. Wer nur schnell auf Durchreise ist, plant all dies nicht. Anders Clara Schumann, die ihre besten Freundinnen Emilie und Elise List und ihre Schülerin Käthchen Then in Augsburg vor Ort hatte, die ihre Konzerte dort organisierten, wozu ihr hier bei mir ebenfalls nachlesen könnt. Wenn Chopin also nicht dringend – wie Clara Schumann als eben erst zur Witwe gewordene Ehefrau – Geld brauchte, hat er in Augsburg nicht konzertiert, zumal das Honorar für seinen Auftritt in München gegebenenfalls gereicht haben dürfte, um in Augsburg nicht auch gleich wieder spielen zu müssen.

Clara Schumann 1857, fotografiert in München von Franz Hanfstaengl © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Clara Schumann 1857, fotografiert in München von Franz Hanfstaengl © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Wer allerdings nicht vorhatte, in Augsburg aufzutreten, übernachtete eher im Weißen Lamm. Dort nächtigte zwar Wolfgang Amadé Mozart am 22. Oktober 1777; sein Konzert im heute nicht mehr existenten privaten Fuggersaal kam über eine private (!) Einladung dorthin zustande, während der Saal der Goldenen Traube ein öffentlicher Konzertort war. Mozart konnte sich den Aufenthalt im Weißen Lamm eigentlich nicht leisten und ging mit Schulden von dannen.[8] Wer im Weißen Lamm übernachtete, spielte in der Regel in keinem öffentlichen (!) Konzert, auch keine Maria Theresia Paradis, die 1783 ebenfalls im Weißen Lamm übernachtete und ebenfalls privat auftrat – ihr Konzertort ist heute nicht mehr bekannt.[9] Beethoven übernachtete ebenfalls im Weißen Lamm, war damals aber weder eine reisende Sensation noch irgendwie bekannt. Dass das Ehepaar von Schaden ihm eine Auftrittsmöglichkeit organisierte (in der Barfüßerkirche), war also ebenfalls privat aufgezogen.[10]

Fazit

Somit haben wir zwar noch immer eine Lücke zwischen München und Stuttgart – diese Lücke aber nun voll an neuen Überlegungen und Gedanken und dem Fazit, dass Chopin den Weg über Augsburg und Ulm genommen haben muss. Durch Auswertung aller vorhandener Informationen, Querverbindungsüberlegungen und Einkreisen bzw. Ausschluss anderer Möglichkeiten bleibt nur dieser Schluss.

Schrödingers Chopin, der dort war und doch nicht. Mehr ist nicht zu sagen.

Bild zeigt die letzte Fotografie eines leidenden Chopins, der auf einem Stuhl sitzt; hier als Collage von mir mit leicht angepasstem Hintergrund und eine Katze neben ihn gepflanzt
Chopin mit (Schrödingers) Katze, Canva-Collage © Susanne Wosnitzka

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Einzelnachweise
[1] Augsburgisches Intelligenzblatt, Nr. 36, 29. August 1831, S. 76f.
[2] Augsburger Tagblatt, Nr. 207, 30. Juli 1831, S. 899.
[3] Ebda.
[4] Ebda., Nr. 27, 27. Januar 1831, S. 107.
[5] Ebda., Nr. 219, 12. August 1831, S. 947.
[6] Ebda., Nr. 47, 16. Februar 1832, S. 191.
[7] Vgl. Alois von Coulon: Post-Karte von Baiern. München 1810, in: https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-HSS-00000BSB00010994?cq=&lang=de, zuletzt abgerufen am 28. Juni 2026.
[8] Vgl. Sylvia Schreiber: Wolfgang Amadeus Mozart gibt in Augsburg ein Konzert. Was heute geschah – 22. Oktober 1777, in: BR Klassik, Artikel vom 22. Oktober 2020: https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/was-heute-geschah-22101777-mozart-gibt-konzert-in-augsburg-100.html, zuletzt abgerufen am 28. Juni 2026.
[9] Vgl. Marion Fürst: Maria Theresia Paradis. Mozarts berühmte Zeitgenossin, in: Annette Kreutziger-Herr/Melanie Unseld (Hg.): Europäische Komponistinnen, Bd. 4, Köln–Weimar–Wien (Böhlau) 2005, S. 88, zit. nach Ullrich, Hermann: Maria Theresia Paradis‘ große Kunstreise. Durch den Elsaß und die Schweiz nach Paris, in: Österreichische Musikzeitschrift 18 (1963), S. 482. Ullrich gibt dort an, diese Angabe stamme aus einer Abhandlung von Walter Pillich zu Paradis‘ Konzertreisen. Der Legationssekretär der österreichischen Gesandtschaft bei der freien Reichsstadt Augsburg, Ignaz von Büttner, schreibt, es habe ein öffentliches Konzert am 27. Dezember 1783 in Augsburg gegeben. Meinen Recherchen nach war es aber kein öffentliches.
[10] Vgl. Günther Grünsteudel: Beethoven, in: Augsburger Stadtlexikon, Artikel vom 8. September 2009, zuletzt abgerufen am 28. Juni 2026.

Augsburg und die Pocken im Kriegsjahr 1871

Alphonse de Neuville: Kämpfe am 18. August 1870 auf dem Friedhof von Saint-Privat © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Alphonse de Neuville: Kämpfe am 18. August 1870 auf dem Friedhof von Saint-Privat © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Vorab: Dieser Blogtext ist mittlerweile lang, stellt aber gleichzeitig eine Quellenpublikation zu den damaligen Epidemiegeschehnissen in der Stadt Augsburg dar. Aktuell (Stand: 17. Februar 2022) habe ich dieses Seuchenjahr noch nicht abgeschlossen, daher werden weitere Funde untenstehend als Update ergänzt.

Durch den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 fand eine unglaublich starke Truppenbewegung in Europa statt. Die Eisenbahn brachte die Soldaten samt Equipment und Versorgung teils über sehr weite Strecken zu den Kriegsschauplätzen und – als Verwundete und/oder Kriegsgefangene – auch wieder zurück. In den Lagern grassierten durch Massenansammlungen und furchtbare hygienische Zustände vor allem über den Winter in den im Matsch stehenden Zeltstädten ansteckende Krankheiten, besonders Typhus, Augenentzündungen und – alte Bekannte – die Pocken, in dieser Zeit auch noch Blattern [Wikipedia-Artikel, doch VORSICHT: graphic content!] genannt. Durch schnelle Ortswechsel konnten sich die Pockenviren auch schnell verbreiten. Auch der Abriss von Verteidigungsanlagen und der Wegfall von Kontrollmechanismen durch Abschaffung von Eingangskontrollen in den Städten in den 1860er Jahren führten zu lokalen teils sehr heftigen Ausbrüchen. „Augsburg und die Pocken im Kriegsjahr 1871“ weiterlesen

Pocken – wie die Impfung nach Augsburg kam

Ludwig XVI., gezeichnet von Joseph Ducreux 1793 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Ludwig XVI., gezeichnet von Joseph Ducreux 1793 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

König Ludwig XVI. von Frankreich (1754–1793) war überzeugter Impffreund gegen die Pocken, und das bereits 1786, als es noch keine regulär weitflächig eingesetzte Impfung gegen die Seuche gab und solche noch nicht über das Stadium lokaler Versuche durch zum Beispiel Edward Jenner (1749–1823, erste Kinderimpfung als Experiment 1796) hinausgekommen war. Woher wusste der König also so ausgeprägt davon, dass er auch ganz klar erkannte, dass Schulen Hotspots zur Verbreitung der Krankheit waren? Eine Nachricht, die ich dazu in einer hist. Augsburger Tageszeitung gefunden habe, liest sich so weitdenkend, dass man kaum glauben mag, dass sie aus einer so frühen Zeit der Entwicklung von Impfungen stammt:

„Paris, den 19. März. 1786. […] Der König, von den Vortheilen der Blattern=Einimpfung überzeugt und Willens, das Ansteckende dieser Krankheit zu verhindern, welches sich besonders in denjenigen Häusern zeigt, wo viele Kinder vereinigt sind, hat befohlen, daß inskünftige kein Knabe mehr unter seine und der Königin Leibwagen und in die Militärschule, so wie kein Mädchen in das Haus von Saint=Cyr aufgenommen werden solle, bevor dieselben entweder die natürlichen oder eingeimpften Kinderpocken gehabt hätten, als worüber die Aeltern derselben schriftliche Zeugniße vom dem Arzt und Wundarzt des Orts ihres Aufenthalts, welcher von der Obrigkeit legalisirt seyn müssen, beyzubringen hätten.“[1] „Pocken – wie die Impfung nach Augsburg kam“ weiterlesen

Elegie auf den Abriss des Gögginger Tors | Neufund

Elegie auf einen Abriss. Viele Augsburger:innen warteten im 19. Jahrhundert freudig darauf, ihre Stadt in die Zukunft geführt zu sehen. Nicht nur Augsburg wurde erleuchtet durch die Genialität von Ludwig August Riedinger (1809–1879), sondern auch buchstäblich mindestens halb Europa durch seine Technik der Gasbeleuchtung. Wiederkehrende Weltausstellungen in München, Paris und London erweiterten den Horizont technischer Art immens und auch die Vorstellungskraft, was noch alles kommen möge in der Zukunft. Man wollte Helle, Weite, Luft und Raum zum Atmen. Das sah man vielerorts durch Stadtmauern begrenzt, die dann um 1850 auch nicht mehr die großen Seuchen wie die Cholera abhielten, auch in Augsburg[1] – im Gegensatz zur Zeit um 1832 – tödlich zu wirken.

Todbringende Technik

Zur Todbringerin war auch die technische Errungenschaft der Eisenbahn geworden, die nicht nur die Menschen, sondern auch Keime schnell von Stadt zu Stadt brachten. Die Entscheidung, den Bahnhof vom Platz vor dem Roten Tor zum heutigen Ort zu verlegen, brachte auch eine neue Straße mit sich: Das war nicht die heutige bekannte Bahnhofstraße, sondern zunächst die heutige Prinzregentenstraße, die als erste dazu genutzt wurde, die Menschenmengen (die in den Augsburger Zeitungen dazu publizierten Zahlen und Baugeschichte habe ich festgehalten) in die Stadt zu bringen. Diese stauten sich allerdings stets an den Toren, da dort strenge Einreisekontrollen stattfanden. So durfte man zum Beispiel kein außerhalb gekauftes Brot oder Fleischwaren in die Stadt bringen (Letzteres auch wegen Seuchengefahr und vor allem, damit das Geld in der Stadt blieb). Immer lauter wurden die Stimmen, die alten Tore abzureißen und die Stadt für einen modernen Verkehr zu öffnen. Die heutige Bahnhofstraße wurde neu dann angelegt, und mit ihr war der Zustrom der Leute kaum mehr zu bewältigen – abgesehen von den vielen Unfällen mit in/an den Toren durch Kutschen zerdrückten Menschen. „Elegie auf den Abriss des Gögginger Tors | Neufund“ weiterlesen

Daniel Fenner von Fenneberg – Augsburgs Anti-Anti-Revolutionär

Daniel Fenner von Fenneberg (1818–1863) war einst eine literarische als auch politische große Nummer in Augsburg. Eine beinahe zu große für die Stadt in der Zeit der 1848er/1849er Jahre. Allerdings eine Nummer, die heute nicht mehr bekannt ist und wovon dieser Artikel erstmals erzählt – durch meine Recherchen an historischen Tageszeitungen wieder ans Licht gekommen. Und dieses Licht scheint beispielhaft für die Entwicklung der Demokratie in Augsburg.

Die Geschichte der Geschichte

Gibt es für die Märzrevolution einen Startschuss? Ein Tag, der das zuvor schon gärende Fass zum Explodieren brachte? Im Vormärz vielleicht? Vor dem März kommt der Februar. Einen dieser Tage kann man festmachen: Den 9. Februar 1848. Nach Handgreiflichkeiten zwischen seiner Geliebten Lola Montez (1821–1861) und Teilen der Münchner Bevölkerung, schloss König Ludwig I. (1786–1868) an diesem Tag kurzerhand die Münchner Universität und befahl allen Studenten, die Stadt binnen drei Tagen zu verlassen, was zu heftigem Protest und schließlich zur Ausweisung von Lola Montez aus Bayern bzw. Deutschland und der Abdankung von König Ludwig I. führte[1] – was auch in Augsburg großes und nahezu bleiernes Thema war: Eine quasi dahergelaufene ‚falsche Spanierin‘ und ein Mann königlichen Geblütes. Zwei unterschiedliche Klassen. „Daniel Fenner von Fenneberg – Augsburgs Anti-Anti-Revolutionär“ weiterlesen

Recycling 1850 – aus Obstkisten werden Särge

In den 1830er/1840er Jahren setzte durch Trockenperioden eine starke Nahrungsmittel- und Holzteuerung ein (was zu organisiertem Abbau von Torf führte). In Augsburg kauften sozial eingestellte Kulturvereine große Holzlieferungen an, um diese an arme Menschen auszuteilen. Das dafür benötigte Geld wurde zum Beispiel durch Benefizkonzerte in der Goldenen Traube erspielt. In jener Zeit wurde verwertet, was zu verwerten war. Recycling spielte von jeher eine große Rolle zum Beispiel in der Verwertung von alter Kleidung, aus der Papier hergestellt wurde.[1]

Durch Seuchen wie die Cholera, „nervöses Fieber“ unbekannter Art und Blattern, die in den 1830er und 1840er Jahren von St. Petersburg bis Paris besonders stark wüteten, hatte man für pietätvolle Bestattungen einen erhöhten Bedarf an Holz. Da dieses rar war, kam man in London auf eine findige Idee, diesem Mangel abzuhelfen: Man wies Händler im nahen Ausland an, ihre Warenkisten bereits in bestimmten Größen und Formen anfertigen zu lassen, die in London dann nur noch schwarz angestrichen werden mussten. Fertig war der Recycling-Sarg!

Recycling gruselhaft
Recycling: Obstkisten zu Särgen
Recycling: Obstkisten zu Särgen

Augsburger Tagblatt, No. 137. Montag 20. Mai 1850, S. 691: „In London hat man in der neuesten Zeit eine eigenthümliche Art ausfindig gemacht, England ohne große Unkosten mit Särgen zu versorgen: London bezieht Obst, Geflügel, Eier und andere Lebensbedürfnisse von Holland, Belgien und Frankreich; seit Monaten haben nun die Londoner Einkäufer ihren „Recycling 1850 – aus Obstkisten werden Särge“ weiterlesen

Corona und Cholera – wortgleich wiederholte Geschichte

Wiederholt sich Geschichte nur dann nicht, wenn man aus ihr gelernt hat? Geschichte wiederholt sich manchmal sehr, und manchmal sogar als ziemlich exakte Kopie, auch im Wortlaut zu Corona und Cholera, mit rund 170 Jahren an Überlegungszeit dazwischen. Das ist mir in meinen Forschungen, zu denen ich mehrere Augsburger Tageszeitungen der Jahre 1746 bis 1878 in Gänze (!) auf Musik-, Kultur- und andere hochinteressante Meldungen[1] abgraste,  in dieser Deutlichkeit so nur im folgenden historischen Bericht begegnet, den ich gestern auf Twitter analysiert habe. Da dieser Tweet dort viral ging, stelle ich die ganze Geschichte hier noch einmal etwas weiter ausgebaut zur Verfügung:

„Corona existiert nicht, es ist eine künstliche, von der Politik geschaffene Krankheit!“ – 2020 zigfach auf sog. Corona-Demos gehört. „Die Cholera existirt nicht, es ist eine künstliche, politische Krankheit!“ – O-Ton 1849. Frappierende Ähnlichkeit? Es gibt weitere!

Verschwörungstheorie von Corona und der Cholera im Wortlaut, Augsburger Tagblatt 1849
Verschwörungstheorie von Corona und der Cholera im Wortlaut, Augsburger Tagblatt 1849

Augsburger Tagblatt, No. 234. Montag 27. August 1849, S. 1209: „Paris, 22. Aug. In Rochefort ist es am 14. August zu traurigen Scenen gekommen. Die Cholera trat dort so furchtbar auf, daß sie verhältnißmäßig die große Zahl von 21 Opfern täglich forderte, und fast nur aus der untern Volksclasse.“

Ein Volk in der Gosse
Augsburg um 1835. Stahlstich von F. Höfer © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Augsburg um 1835. Stahlstich von F. Höfer © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Weil die „untere Volksclasse“ regelrecht in der Kloake lebte. Über Jahre wurde zum Beispiel in Augsburg darum gebeten, pestilenzialisch stinkende Kanäle zu reinigen und abzudecken (besonders betroffen: der Hunoldsgraben hinter dem Rathaus), den Kot, der auf Haufen in den Straßen gesammelt wurde, regelmäßiger wegzufahren. Die Stadt reagierte kaum darauf. Augsburg war noch einigermaßen gut dran, da das „Corona und Cholera – wortgleich wiederholte Geschichte“ weiterlesen

Die Cholera 1832 in Augsburg – nur ein ‚Gespenst‘?

Karikatur eines Mannes, der sich vor der Cholera schützen will © Wellcome Collection, Attribution (CC BY 4.0)
Karikatur eines Mannes, der sich vor der Cholera schützen will © Wellcome Collection, Attribution (CC BY 4.0)

„Im Jahr 1817 war die Cholera von englischen Ärzten in Ostindien als eine bis dahin kaum beachtete Krankheit beschrieben worden. 1830 kam die Cholera erstmals nach Europa, 1831 tauchte sie in Deutschland auf. […] 1832 erreichte die Cholera Augsburg und forderte Tote.“[1] 1854 brandete diese Krankheit erneut auf, an der dann Hunderte gestorben sind. Doch wie viele starben 1832? Darüber erfährt man aus dem Artikel der Augsburger Allgemeinen (AZ) leider nichts. Offenbar gibt es dazu noch keinerlei Forschungen bzw. Veröffentlichungen. Daher stellt dieser Blogtext einen Versuch der Rekonstruktion der Ereignisse dieser Jahre dar. Laut meinen Funden starben in Augsburg genau fünf Personen an der Cholera, allerdings erst 1836/37 und nicht 1832 – im Gegensatz zu München, wo es Hunderte Tote gab. Wie kam das?

Vorgeschichte

Einer der Reporter, der 1832 für die AZ aus anderen betroffenen Städten berichtete, war Heinrich Heine (1797/98–1856), der aus seinen Erlebnissen ein Buch[2] machte und das – sehr lesenswert! – verblüffende Ähnlichkeiten zur Corona-Epidemie 2019/2020 aufweist. Solche Berichte waren für die Menschen überlebenswichtig: Wie kann man dieser Krankheit begegnen, wie kann man ihr am besten ausweichen? Welche Heilmittel stehen zur Verfügung? Wie kann man Ausbreitung verhindern? Denn dass das Bakterium Vibrio cholerae dahintersteckt, wusste man damals noch nicht. Damals erfuhr man zwar permanent, dass hinter abscheulich stinkenden Pfützen und Kot-Abraumen in den Gassen, von Klosettanlagen oder ähnlich verwendeten Kanälen ein ‚pestilenziarischer‘ Gestank ausging (und man durch diese Wortwahl auch ahnen kann, dass damit irgendwie Zusammenhänge hergestellt wurden), aber konkret wusste man zur tatsächlichen Verbreitung, Aufnahme und zu Erkrankungszusammenhängen so gut wie nichts. „Die Cholera 1832 in Augsburg – nur ein ‚Gespenst‘?“ weiterlesen

Der Tanz als Akt des Todes – Alt-Augsburg berichtet

"Analysis of beauty". Stahlstich von William Hogarth um 1800 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
„Analysis of beauty“. Stahlstich von William Hogarth um 1800 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

„Tanzt! Tanzt! Vor allem aus der Reihe!“, findet man hin und wieder auf fröhlich-unbeschwerten Postkarten. In Zeiten der Corona-Pandemie sind Tanz- und andere Lokale geschlossen, in denen man sich bislang feiernd ausgetobt hat, dröge Fitness-Übungen wurden zu Tanzübungen von Jane Fonda bis Zumba. Geselliges Vergnügen war allerdings ein Dorn im Auge der Sittenwächter und hierzulande von religiös-patriarchalen Moralvorstellung geprägt. Einst glaubte man sogar, mit einem Tanz dem Gift der „Taranteln“ trotzen zu können. Daraus entstand die sog. Tarantella als Tanzform. Trotz Trennung von Staat und Kirche sind Tanzveranstaltungen an bestimmten christlichen Feiertagen bis heute generell untersagt. Augsburg hatte in alter Zeit ein eigenes Tanzhaus für die Oberschicht, das sich bis zu seinem Abbruch 1632 auf dem damaligen Weinmarkt (heute Moritzplatz) gegenüber der Gaststätte Goldene Traube befand. „Der Tanz als Akt des Todes – Alt-Augsburg berichtet“ weiterlesen

Fanny Hensel und die „Cholera-Kantate“

Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Fanny Hensel geb. Mendelssohn (1805–1847) schrieb 1831 im Alter von 26 Jahren ein gut halbstündiges chorsinfonisches Werk, das Oratorium nach Bildern der Bibel, darin auch die Cantate für die Toten der Cholera-Epidemie, die damals über mehrere Jahre in vielen Städten grassierte und die Leute in schiere Panik versetzte.

Wie verheerend die Seuche in Preußen war, schildert zum Beispiel dieser Artikel (Dt. Ärzteblatt, 2007). Wie zum Beispiel das Augsburger Tagblatt berichtet, versuchte man mit allerlei Mitteln und Mittelchen vorzusorgen, von Blutegeln bis Aderlass:

Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Panikvermeidung trotz Cholera

In Städten waren Wirte und Toreinlasser verpflichtet, sämtliche Einreisende zu melden mit Herkunft, Namen, Pass etc. Zeitungsmeldungen zeigten an, wo die Cholera grade besonders grassierte. Briefe von auswärts wurden zum Beispiel in Wien durchstochen und geräuchert, um zu versuchen, damit Keime abzutöten.[1]

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