Hungersteine – (un)bekannte Katastrophen-Zeugen

„Wer einst mich sah, der hat geweint. Wer jetzt mich sieht wird weinen“ – steht auf einem 1904 per Fotografie bestätigten sogenannten Hungerstein mit der Jahreszahl 1874. Hungersteine heißen so, weil es durch extrem niedrigen Wasserstand der Flüsse möglich war, Botschaften und Jahreszahlen in große Steine zu gravieren. War es so weit, gab es innerhalb kürzester Zeit Hungersnöte, denn Mehlmühlen waren in alten Zeiten noch an die Flüsse gebaut, ihre Mühlräder mit Flusswasser betrieben oder vom Fluss hingeleitet. Ohne Wasser herrschte Stillstand. Vorräte waren oft sehr schnell aufgebraucht, schneller Import war oft vergebens, weil es anderswo auch wenig oder kaum hatte. Einige der Hungersteine sind bekannt, 40 davon finden sich in dieser Wikipedia-Liste: Die meisten finden oder fanden sich in der Elbe (31), Rhein (3), Weser (2), Mosel (1), erstaunlicherweise keinen in der Donau beziehungsweise noch nicht bekannt, nicht mehr bekannt oder im Lauf der Jahre zerstört oder entfernt. Aus Augsburg sind von Lech und Wertach keine Hungersteine bekannt.

Zeitreisen auf Papier

Seit Jahren befasse ich mich mit historischen Augsburger Tageszeitung der Jahre 1746 bis 1885 (bis dahin reicht derzeit die Digitalisierung) nicht nur zu Musik- und Kulturnachrichten, sondern auch zu Seuchen, Mord, Kindsmord, Femiziden, Scheintod, Erdbeben und Naturkatastrophen wie Dürren, Felsstürze und Hochwasser und habe auch alle darin greifbaren Hungersteine dokumentiert.

Der früheste Bericht dieser Art in den Augsburger Zeitungen findet sich in der Ordinari Postzeitung vom 17. Oktober 1834. Er erzählt von einem solchen Hungerstein „an der Eisbreche zu Trier“ mit den Jahren 1749 und 1800. Erst 34 Jahre später – 1834, im heißesten Sommer des 19. Jahrhunderts[1] – kam dieser Stein also wieder zutage, weil Niedrigwasser herrschte. Dem Bericht nach „geht die Schifffahrt“ zwar „ihren geregelten Gang, sowohl auf der Mosel, wie auf dem Rhein. Nur können die Schiffe kaum halbe Ladung einnehmen. Auf dem Oberrhein ist die Dampfschifffahrt eingestellt.“[2]

Ordinari Postzeitung vom 17. Oktober 1834. Screenshot © Susanne Wosnitzka

Bei Trier gibt es wohl einen bekannten Hungerstein, der allerdings keine eingravierten Jahreszahlen aufweisen soll.[3] Möglich, dass die Zahlen über die vielen Jahre vom natürlichen Wasserstrom ausgeschliffen wurden. Möglich aber auch, dass es sich hier um einen noch unbekannten Stein handelt, zu dem ich bislang nichts weiter finden konnte. Vielleicht ist jetzt ja die Zeit gekommen, weil die Mosel Niedrigwasser hat. Also zieht los und berichtet!

Vielleicht finden sich auf historischen Trier-Ansichten diese Eisbrecher im Wasser. Das waren Vorrichtungen, um gefährlichen Eisgang im Frühwinter und Spätfrühling zu brechen beziehungsweise um das Eis aufzubrechen, denn wenn dieses zum Stocken kam, das Wasser aber auch Totholz und andere Gegenstände mit sich spülte, waren die Brücken gefährdet. In Prag sieht man solche Brecher noch an der Karlsbrücke. Vielfach wurden Brücken bei Hochwasser mitgerissen – und besonders auch Häuser der armen und ärmsten Bevölkerung, die sich Häuser und Wohnungen auf höheren Gefilden nicht leisten konnte. Deshalb hat man – der Häufigkeit dieser Ereignisse wegen – viele Brücken über Jahrhunderte aus Holz gebaut, weil diese auch schneller wiederaufgebaut waren und Reise- und Transportwege gangbar blieben.

Verheerender Eisgang

Eisgang kam in der Regel zwei Mal pro Jahr statt, sofern es entsprechend kalt genug war: Wenn die Kälte im Frühwinter kam und wenn sie im Frühling ging. Den Zeitungen nach wurde über solche Hochwasser mit Überschwemmungen relativ ‚normal‘ berichtet: zwar seufzend, aber unaufgeregt, weil man solche Zustände ohnehin schon gewohnt war. Wir kennen das nur nicht mehr wegen Klimawandel. Deshalb ist heute jedes Hochwasser schon eine ungewohnte Sensation für sich. Auch bei Hochwasser wurden die Mühlen am Wasser als erste zerstört. Hungertyphus war oft die Folge, der nach solchen Verheerungen immer wieder lokal auftrat und manchmal streute. Die Elends-Beschreibungen lesen sich heute noch so horrorvoll wie damals, unterzogen von unterschwelligem Antisemitismus:

„Vom Rhein, 10. Febr. Wir erhalten so eben Briefe aus dem Westrich voll betrübender Nachrichten über die gränzenlose Armuth: ‚Sie können sich gar keinen Begriff machen, heißt es, von der hier herrschenden Noth. Das Elend im Rhön und im Spessart mag arg gewesen seyn, aber ärger gewiß nicht, wie in einzelnen Dörfern unsers Westrichs. Gehen Sie nach Pirmasens und in die umliegenden Ortschaften, gehen Sie nach Kaiserslautern und in die umliegenden Dörfer, wie Reichenbach, Rodenbach, Riegelbach, da treffen Sie eine Armuth – eine Schrecken erregende und Betrübniß zugleich. Vor allem aber ist es der Bezirk Zweibrücken, in dem die allgemeine Verarmung sich furchtbar ausbreitet. Schon seit dem Jahr 1847 lauter Mißjahre! Schulden auf Schulden! Der Jude kündet auf, das Gut kommt auf die Gant, und der Mann ist ein Bettelmann, eine Last für die Gemeinde mit sammt seiner Familie. Besonders sind es die Gemeinden Contwig und Niederauerbach bei Zweibrücken, in denen nur der Hungertyphus durch den Bezirksphysicus Dr. Stemmler als im höchsten Grade ausgebrochen bezeichnet wird.‘“[4]

Katastrophen-Tourismus

Der Tourismus – hauptsächlich aus anderen Ländern kommend – ging ungehindert weiter mit noch immer sehr großem Andrang von Reisenden, damals wie heute. Fanny Hensel erlebte während ihrer Rom-Reise 1839 das Gegenteil von Dürre:

Fanny Hensel, gezeichnet von Wilhelm Hensel © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Fanny Hensel, gezeichnet von Wilhelm Hensel © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Am 4. November dieses Jahres reiste sie mit ihrer kleinen Familie inklusive deutscher Köchin unter strömendem Regen von Venedig in Richtung Rom ab. In Rovigo war von übelstem Hochwasser und dem „bedenklichsten Wasserstand des Po zu hören, und es wurde uns der Uebergang, der hier durch eine Fähre vermittelt wurde, als unmöglich geschildert. Wir liessen uns dadurch indessen nicht abschrecken und fuhren Nachmittags die drei Meilen bis zum Po. Allerdings zeigte sich uns hier das ganze Elend einer grossen Ueberschwemmung, es war, als hätten die Schleusen des Himmels sich zu einer zweiten Sündfluth geöffnet.“

Man erreicht zwar die Fähre, die aber nicht nutzbar war, weil die Überfahrt viel zu gefährlich und verboten war. Den Hensels blieb nichts anderes übrig, als nach Rovigo umzukehren. Am 7. November versuchten sie es noch einmal, weil ein Postwagen es von der anderen Seite doch hinübergeschafft hatte, weil das Übersetzen trotz noch immer steigenden Wassers erlaubt wurde. Statt 3 Paoli hatte die Truppe allerdings horrende 26 bezahlen müssen. In Florenz angekommen war die ganze Strapaze aber schon wieder vergessen.[5]

„Eine Rheinfahrt, die ist lustig…“

Clara Schumanns „Lorelei“ © Collage (gemeinfreie Einzelbilder) Susanne Wosnitzka

Eine Rheinfahrt war in dieser Zeit der Romantik das Non-Plus-Ultra an Deutschland-Erlebnis.

Clemens Brentanos Gedicht Aus Wassers Kühle trink‘ ich Glut wurde in der Vertonung von Friedrich Silcher zum Inbegriff der Rhein-Sehnsucht. In einem fragmentarischen Schluss seines Romans Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter findet sich mit dem Gedicht Zu Bacharach am Rheine bereits die Lore Lay, eine völlig fiktive Figur, die durch Heinrich Heines Umstrickung zu Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ebenfalls in der Vertonung von Friedrich Silcher aus dem Jahr 1824 zum Hit wurde. Auch Clara Schumann vertonte die Lorelei-Sage im Jahr 1843 in der Heine-Fassung.[6]

Am Rhein entlang

Mary Shelley © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Unzählige Schriftstellerinnen und Schriftsteller befassten sich mit dieser Sehnsuchtsreise, die oft ‚mitgenommen‘ wurde während des Reisens mit Ziel Italien und/oder Griechenland als mehrmonatige oder gar mehrjährigen ‚Grand Tour‘. Eine der berühmtesten Rhein-Reisenden war Mary Shelley, kurz bevor sie ihren Frankenstein verfasste, der auch wohl nur deswegen zustande kam, weil sie im ‚Jahr ohne Sommer‘ 1816 – ein Vulkanausbruch in Indonesien suchte als Kältewelle Europa heim[7] – wegen wetterbedingter Unbill am Genfer See festsaß und nicht weiterkonnte. Einer immer wieder gern erzählten Legende nach soll sie 1814 von der verfallenden Burg Frankenstein am Rheinufer so beeindruckt gewesen sein, dass sie auch davon zu ihrem größten Werk inspiriert wurde.[8] Ihre Reisetagebücher der Jahre 1840 und 1842 erschienen erst 2017/2018 zweibändig wunderschön bebildert und gestaltet auf Deutsch („Streifzüge durch Deutschland und Italien“, Corso Verlag[9]) als Lese- und Schwelg-Empfehlung.

La Vallée du Rhin de Bingen à Coblence von Elisabeth Susanna Maria Rebecca von Adlerflycht 1811 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Die erste Vogelschau des gesamten Rheintals beziehungsweise das ‚Ur-Panorama‘ des Rheins von der Nahe bis zur Mündung der Mosel wurde 1811 von Elisabeth von Adlerflycht (1775–1846) gefertigt.[10]

Der Schusterstein

Screenshot © Susanne Wosnitzka

Auch 1842 gab es im Februar eine verheerende Dürre mit so wenig Wasser durch einen äußerst milden Winter, dass der sogenannte Schusterstein bei Passau nach 24 Jahren in der Versenkung wieder ans Tageslicht kam. Dieser Stein hieß so, weil in einer Dürre der 1770er Jahre der Schuster Doll auf die Idee kam, auf diesem Stein ein Paar Schuhe zu verfertigen. 1842 feilte sich Zimmermann Straßer darauf eine Säge scharf.[11]

Zu diesem Hungerstein wohl ohne Jahreszahleneinritzungen habe ich keine heutigen Artikel gefunden – ob es ihn dennoch noch gibt? 1865, 1871, 1885 und 1889[12] kam er jedenfalls noch einmal zutage und sorgte sicherlich für Lacher und Sensation:

„Passau, 26. Jan. Der sogen. Schusterstein, ein unterhalb der Donaubrücke in Folge des niederen Wasserstandes aus den Wellen emporragender Felskoloß, war gestern Gegenstand einer größeren Menschenansammlung auf der Brücke. Einer ergangenen Einladung folgend, hat man auf der Fläche desselben ein Bierfaß auf einen Stuhl gestellt, daneben ein Tischchen und von da aus den in den nebenan befestigten Schiffen befindlichen Gästen den Trunk bei circa 6 Grad Kälte gereicht, dazu die unvermeidlichen „Würstel“ angeboten. Der Schusterstein trägt diesen Namen, weil bei Trockenlegung desselben im Jahre 1842 ein munterer Schuster ein Paar Stiefel darauf gesohlt hat. Diese Trockenlegung wurde auch im Jahre 1865 und 1871 durch Einlegung von Bleiplatten und Photographien, die sich heute vollständig unversehrt zeigten, gefeiert. Zur Erinnerung an den gestrigen Frühschoppen wird heute eine weitere Platte eingelegt. (Don.=Ztg.)“[13]

Bleiplatten? Fotografien? In einer wasserdichten Box? Gar eine historische Schatztruhe? Leider habe ich es zeitlich nicht geschafft, noch näher dazu zu forschen, aber vielleicht ist ja jemand von euch in oder bei Passau und kann dieses Rätsel lösen?

Steinreiche Elbe

In den letzten Tagen jedenfalls kam der bekannteste aller Hungersteine wieder zutage, nämlich der bei Pirna-Oberposta, der als steinerner Zeuge mehr als 20 solcher historischer Markierungen trägt, die bis 1707 zurückreichen.[14] In einem noch älteren Hungerstein bei Pirna, der heute nicht mehr existiert, war einer alten Chronik zufolge die Zahl 1115 eingeritzt.[15]

Screenshot © Susanne Wosnitzka

Für das Jahr 1842 erzählten Reisende aus Dresden, dass „die Elbe in der Gegend von Pirna fast ganz versiegt sei, und daß man in dem trockenen Grunde des Elbbettes den merkwürdigen Stein gefunden habe, der vor einigen hundert Jahren bei einem ähnlichen großen Wassermangel dort hineingeworfen worden ist, und worauf zur Erinnerung folgende Worte mit der Jahreszahl eingravirt stehen: ‚Als man mich sah, da weinte man, wenn man mich wieder sehen wird, so wird man wieder weinen.‘“ Dieser Bericht im Augsburger Tagblatt erzählt leider nicht näher von einem Hungerstein in der Rhône, allerdings soll der Kurfürst von Sachsen bei einer solchen Dürre einst im ausgetrockneten Flussbett ein Festmahl abgehalten haben, das von der Bevölkerung allerdings als äußerst schlechtes Omen empfunden wurde.[16]

Eingegossene Eisenplatten als Dokumente

Aus dem Jahr 1858 hat sich in den Augsburger Zeitungen dieser wunderbare Bericht vom sogenannten Laufenstein bei Laufenburg im schweizerischen Aargau erhalten:

Screenshot © Susanne Wosnitzka

„Aus der Stromschnelle bei Laufenburg erhebt sich beim tiefsten Wasserstande ein Granitfelsen, welcher unter dem Namen „Laufenstein“ seit langen Jahren in der ganzen Umgegend bekannt ist. Auf dem hervorragenden Theile sind Jahreszahlen theils eingemeißelt, theils auf eingegossenen Eisenplatten eingegraben und gewähren so seit dem 17ten Jahrhundert über den niedersten Stand des Rheins die sichersten Angaben. Es finden sich verzeichnet die Jahre 1672, 1692, 1714, 1750, 1797, 1823 und 1848. Diese Zahlen sind jetzt alle trocken zu sehen; denn seit dem 30. Christmonat 1857 ist vom rechten Rheinufer aus ein Steg auf den Felsen angelegt, so daß man bequem dahin gelangen kann. So gleicht also der jetzige Wasserstand allen der angeführten und gehört somit zu den niedersten seit 185 Jahren. Auch die Jahrzahl 1858 und die Namen des Bürgermeisters von Klein= und des Gemeindeammanns von Großlaufenburg sind, in eine Eisenplatte eingegraben, am 4. d. den übrigen beigefügt worden. Ueberall ragen Felsenrisse und Bänke hervor, die sonst bei nur gewöhnlichem Wasserstande unsichtbar sind, und wenn man jetzt von der Rheinbrücke herab den schmalen Rinnsal betrachtet, so glaubt man, tief unten nicht den Rheinstrom, sondern einen Zufluß desselben sich dahin winden zu sehen. (Aarg. Z.)“[17]

Leider hat sich dieser Hungerstein nicht erhalten: Er wurde beim Bau des dortigen Kraftwerks 1908 oder 1909 in die Luft gesprengt, weil er im Weg war. Dokumentiert hat diesen Stein aber noch der Ingenieur Hermann Walter in seiner Dissertation, in der er auch extreme Niedrigwasserstände dokumentiert hat.[18]

Unbekanntes Terrain?

Screenshot © Susanne Wosnitzka

Ein Hungerstein, der noch unbekannt war und den ich bereits im März 2021 in den Hungerstein-Wiki-Artikel gepackt habe, ist der Stein bei Zwingenberg am Neckar, zu dem ich sonst ebenfalls keine modernen Berichte gefunden habe. Er hat einem Bericht im Augsburger Tagblatt nach die Jahreszahlen 1590, 1766, 1814, 1822, 1832, 1834, 1842 und 1857.[19] „In der Nähe“ – man müsste auch hier das ganze Flussbett um Zwingenberg abgrasen, um ihn zu finden, falls er noch vorhanden sein sollte.

Screenshot © Susanne Wosnitzka

Auch 1858 war besonders Süddeutschland im Januar von einer so starken Dürre heimgesucht, dass im Bodensee auf schweizerischer und deutscher Seite Sandfelsenriffe zu sehen waren, „die seit den Jahren 1672, 1785 und 1797 sich nicht mehr über dem Wasserspiegel des Sees erhoben. Der Bodensee ist gegenwärtig um nahezu 10 Zoll [1 Schweizer Zoll bis 1876 = 3 cm, also 30 cm] tiefer als im Jahre 1848 und hat etwa noch 4 Zoll zu fallen, um den niedersten Stand seit Menschengedenken zu erreichen. Der Wassermangel bewirkt im Versiegen der Bergbäche, dann für einige Orte Vorarlbergs im gehemmten Betriebe von Wasserwerken aller Art, und in dem Stillstand von Fabrik=Etablissements mannigfachen Schaden und läßt sich für die nächste Zeit ein vermehrter Wasserstand bei den anhaltenden trockenen Witterungszuständen nicht erwarten; die benachbarten Vorarlberge, die Graubündener Berge und die schweizerischen Alpen sind bis nahezu 5= bis 6000 Fuß über dem Meeresspiegel noch schneefrei. Der Barometerstand ist ungewöhnlich hoch und geringen Schwankungen unterworfen.“[20]

Und so geht es in einem fort mit den Wettermeldungen. Auch diese müsste ich alle in eine Tabelle spartieren für einen Überblick und zur Auswertung und/oder Ergänzung bestehender Arbeiten.

Ein Schwabenstreich

Ein weiterer Hungerstein, zu dem meine Schnellsuchen nichts ergaben, ist ein Stein in Assmannshausen am Rhein mit dem genauen Datum 21. Februar 1858, eingeritzt von einem Rudel Jungen zwischen 14 und 16 Jahren, die „einen Schwabenstreich“ ausführten und „im Gänsemarsch zu Fuß das Bett des Rheins“ durchschritten: „Sie kamen nach Verlauf einer Viertelstunde wohlgemuth und das Liedchen trillernd: „Es kann ja nicht immer so bleiben etc.“ am jenseitigen Ufer in der Nähe des Rheinsteins an, von wo aus der Rückweg mittelst eines Nachens bewerkstelligt wurde. So lange die Wellen die Ufer des Rheins bespülen, wird neben der Legende vom Mäuseturm der ‚Gänsemarsch über den Rhein‘ im Munde der Assmannshäuser Bevölkerung fortleben.“[21]

Screenshot © Susanne Wosnitzka

Dieses Lied „Es kann ja nicht immer so bleiben“ ist ein Text von August von Kotzebue aus dem Jahr 1802, im selben Jahr vertont von Friedrich Heinrich Himmel. Die erste Strophe lautet: „Es kann ja nicht immer so bleiben hier unter dem wechselnden Mond. Es blüht eine Zeit und verwelket was mit uns die Erde bewohnt. […] 3. Es werden viel fröhliche Menschen lang nach uns des Lebens sich freun, und Ruhendem unter dem Grase den Becher der Fröhlichkeit weihn. […] 5. Doch weil es nicht immer kann bleiben, so haltet die Freude recht fest! Wer weiß denn, wie bald uns zerstreuet das Schicksal nach Ost und West. […] 7. Und kommen wir wieder zusammen auf wechselnder Lebensbahn, so knüpfen an’s fröhliche Ende den fröhlichen Anfang wir an.“[22]

Oh Kotzebue, wenn du wüsstest! Wenn nicht außergewöhnliche Ereignisse eintreten wie Vulkanausbrüche, werden wir wohl keine einigermaßen kühle Sommer mehr erleben. Der Deutsche Wetterdienst belegt zweifelsfrei in Studien und daraus erstellten Grafiken einen wohl unaufhaltsamen Anstieg an Hitze und Dürre.[23]

Vor 30 Jahren noch jeden Samstag obligatorisches Abkratzen der Autolichter: Befreiung einer zäh-trockenen Masse an toten Fliegen und Insekten. Heute: Nichts mehr dergleichen. Nur eines der warnenden Symptome des schleichend-perfiden Klimawandels: Das Abschmelzen der letzten Gletscher und Eisregionen, das bereits begonnen hat, das Auftauen von Permafrost, die Aufwärmung der Meere, die Versuche, die Weltbevölkerung zu ernähren durch Abholzung von Wäldern zur Gewinnung von Acker- und Futterland, Überdüngung, Pestizid-Einsätze, die Insekten- und damit auch Vogelpopulation dezimiert etc. pp. – alles menschengemacht durch Überkonsum und Habgier, einer der biblischen Todsünden. Früher oder später (eher früher) wird das tatsächlich den Tod bringen.

© heise.de Temperaturanomalie DWD 1881–2020

Bereits in den 2050er Jahren könnte die 3°C-mehr-Marke erreicht werden. Wir müssten den CO2-Ausstoß jetzt sofort auf 0 bringen, um das einigermaßen zu verhindern.[24] Wie wir ‚die Menschheit‘ allerdings kennen und vor allem die Politik im Großen und Ganzen, wird das nicht wirklich versucht werden. Der ‚Jedermann‘, der dem schnöden Mammon huldigt und erst auf seinem Sterbebett begreift. Wir können nicht hinaus.

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Einzelnachweise
[1] Vgl. https://www.wetterkontor.de/de/lexikon/jahrhundert-sommer.html (Stand: 11. August 2026).
[2] Augsburgische Ordinari Postzeitung, Nr. 290, 17. Oktober 1834, S. 1.
[3] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Hungerstein_(Wasserstandsmarkierung) (Stand: 11. August 2026).
[4] Augsburger Ordinari Postzeitung, Nr. 46, 16. Februar 1854, Beilage S. 147.
[5] Sebastian Hensel: Die Familie Mendelssohn, 1729–1847: nach Briefen und Tagebüchern. Berlin (B. Behr’s Verlag) 1906, S. 84.
[6] Vgl. https://guide.freies-deutsches-hochstift.de/mediaguide/romantik-ausstellung/2-obergeschoss/brentano-am-rhein/ (Stand: 11. August 2026).
[7] Benedikt Meyer: Frankensteins Sommer, in: https://blog.nationalmuseum.ch/2019/07/frankensteins-sommer/ (Stand: 11. August 2026).
[8] Ruth Fühner: Vor 200 Jahren. Veröffentlichung von Mary Shelleys ‚Frankenstein‘, in: https://www.deutschlandfunk.de/vor-200-jahren-veroeffentlichung-von-mary-shelleys-100.html (Stand: 11. August 2026).
[9] Vgl. https://www.verlagshausroemerweg.de/products/streifzuge-durch-deutschland-und-italien?_pos=2&_sid=6db03071a&_ss=r (Stand: 11: August 2026).
[10] Vgl. https://www.blb-karlsruhe.de/aktuelles/ausstellungen/der-rhein-im-panorama (Stand: 11. August 2026). Hier anzusehen: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37495372 (Stand: 11. August 2026).
[11] Augsburger Ordinari Postzeitung, Nr. 53, 22. Februar 1842, S. 6: „Passau, 13. Febr. Der gegenwärtige Wasserstand der Donau ist so niedrig, wie er es wohl seit dem Jahre 1818 nicht mehr war. Heute wurde auf dem sogenannten Schustersteine, mitten in der Donau, auf welchem in den siebenziger Jahren der Schuster Doll ein paar Schuhe machte, und welcher seitdem nur im Jahre 1818 etwas sichtbar wurde, der Seltenheit wegen gekocht und vom Zimmermann Straßer eine Säge zugefeilt.“
[12] Deggendorfer Donau-Bote, Nr. 9, 11. Januar 1889, S. 3: „Passau, 9. Jan. Der historische Schusterstein unterhalb der hiesigen Maxbrücke wird in Folge des immer niederer werdenden Wasserstandes in ein paar Tagen über den Wasserspiegel schauen; er ist schon ganz gut sichtbar.“
[13] Palatina. Belletristisches Beiblatt zur Pfälzer Zeitung, Nr. 13, 31. Januar 1885, S. 52.
[14] mdr Sachsen: Niedrigwasser bringt Hungerstein in der Elbe zum Vorschein, in: https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/dresden/freital-pirna/news-coswig-trockenheit-elbe-niedrigwasser,hungersteine-102.html (Stand: 11. August 2926).
[15] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Hungerstein_(Wasserstandsmarkierung) (Stand: 11.08.2026).
[16] Augsburger Tagblatt, Nr. 239, 1. September 1842, S. 1036: „Reisende aus Dresden erzählen, daß die Elbe in der Gegend von Pirna fast ganz versiegt sei, und daß man in dem trockenen Grunde des Elbbettes den merkwürdigen Stein gefunden habe, der vor einigen hundert Jahren bei einem ähnlichen großen Wassermangel dort hineingeworfen worden ist, und worauf zur Erinnerung folgende Worte mit der Jahreszahl eingravirt stehen: „Als man mich sah, da weinte man, wenn man mich wieder sehen wird, so wird man wieder weinen.“ (Bekanntlich wurde vor einiger Zeit Aehnliches von einem in der Rhone gefundenen Stein erzählt.) Nach der Geschichte gab zu dieser Zeit, der Merkwürdigkeit halber, der Kurfürst von Sachsen in diesem trockenen Bette ein großes Mahl, was demselben damals sehr übel gedeutet wurde.“
[17] Augsburger Ordinari Postzeitung, Nr. 12, 12. Januar 1858, Beilage S. 27.
[18] Heinrich Walter: Ueber die Stromschnelle von Laufenburg. Zürich (Zürcher & Furrer 1901), S. 27, u. Universität Bern: Euro-Climhist – Wege zur Wetternachhersage, in: https://www.euroclimhist.unibe.ch/historische_klimatologie/daten/wassermarken/index_ger.html (Stand: 11. August 2026).
[19] Augsburger Tagblatt, Nr. 270, 2. Oktober 1857, S. 2138: „Zwingenberg, 25. Sept. In der Nähe des hiesigen Orts liegt ein 18 Fuß langer und 4 Fuß breiter Felsen im Neckar, der nur bei sehr niederem Wasserstande sichtbar ist. Auf demselben sind die Jahreszahlen 1590, 1766, 1814, 1822, 1832, 1834, 1842 eingehauen und ist nun noch 1857 beigefügt worden.“
[20] Augsburger Ordinari Postzeitung, Nr. 31, 31. Januar 1858, S. 122.
[21] Augsburger Tagblatt, Nr. 60, 1. März 1858, S. 478.
[22] Vgl. https://www.volksliederarchiv.de/kann-nicht-immer-so-bleiben/ (Stand: 11. August 2026).
[23] Vgl. https://www.heise.de/imgs/18/3/0/2/7/6/9/4/Temp-Zeitreihe-1983b8545e8d6554.jpg, in: https://www.telepolis.de/article/2020-in-Deutschland-Duerre-und-Hitzetote-10618761.html (Stand: 11. August 2026).
[24] Verena Kern: Bis 2050 in die Drei-Grad-Welt, in: https://klimareporter.de/erdsystem/bis-2050-in-die-drei-grad-welt (Stand: 11. August 2026).