Mozart – Das Wunderkind: Interview mit dpa

Wolfgang Amadé Mozart, posthumes Gemälde von Barbara Krafft 1819 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Wolfgang Amadé Mozart, posthumes Gemälde von Barbara Krafft 1819 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Zu Wolfgang Amadé Mozarts diesjährigem 270. Geburtstag am 27. Januar wurde ich im Auftrag der Deutschen Mozart-Gesellschaft als deren wissenschaftliche Beirätin von Leo Schurbohm für das Capito-Kindermagazin der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zu Mozart als Wunderkind interviewt. Aber wie war das mit seiner Schwester Maria Anna? Und wie bedeutend war Mozarts Frau Constanze?

Nicht alle Antworten sind in die Veröffentlichung (u. a. Rheinische Post Ratingen, Thüringer Allgemeine, Augsburger Allgemeine) eingeflossen, daher habe ich sie hier in Gänze noch einmal beantwortet, bewusst in einfacher Sprache für Kinder gehalten.

Leo Schurbohm:
Mozart wird oft als Wunderkind bezeichnet – was bedeutet das überhaupt und wieso wird er so genannt? Ist er auch wirklich eins?

Susanne Wosnitzka:
Man kann das quasi so beschreiben: Ein Kind, das quasi – auf welche Art auch immer – eine Art Wunder vollbringt. Oder noch besser: Ein Kind, über das Erwachsene sich wundern, weil es etwas macht oder kann, das man Kindern sonst nicht zutraut oder weil manche Dinge in der Regel nur Erwachsene können, wenn sie entsprechend gelernt oder sich ausgebildet haben. Also mit großer Mühe über viele Jahre und unter ständigem Üben, damit sich zum Beispiel Musik dann so leicht und mühelos anhört. Oder Rechenaufgaben oder Zeichnungen. Wie genau das funktioniert oder warum so etwas nur bestimmte Menschen können, wissen wir nicht genau. Das sind dann besonders begabte Menschen. Darin steckt das Wort ‚Gabe‘ – das ist eine Art Geschenk. Mit der man dann andere Menschen beschenken kann.

Bereits mit drei Jahren spielte Mozart Klavier, mit vier Geige – wie kam es dazu, dass er schon so früh musizierte?

Er hat es einfach gemacht, weil er es konnte. Das klingt sehr einfach. Man muss dazu beachten, dass Wolfgang das Glück hatte, in eine Familie des gehobenen Standes hineingeboren worden zu sein (und noch dazu überlebt hat, denn von seinen weiteren sechs Geschwistern überlebte nur noch seine Schwester Maria Anna – damals starb ungefähr die Hälfte aller geborenen Kinder innerhalb des ersten Lebensjahres an Krankheiten und Mangelernährung). Das heißt, in eine Familie, in der man es sich leisten konnte, Instrumente zu besitzen und auch Zeit zu haben, darauf häufig daheim Musik machen zu können. Ansonsten war die Welt damals sehr still, denn Radios oder andere Musikmach-Geräte gab es – bis auf Spieluhren zum Aufziehen – noch keine. Man musste selbst Musik machen. Und so lernten Wolfgang und seine Schwester vom Zuhören, Abgucken und Nachspielen. Als einmal ein Freund der Familie im Haus der Mozarts in Salzburg war und mit Vater Leopold zusammen spielte – der zu dieser Zeit bereits Berufsmusiker war –, fragte der kleine Wolfgang, ob er mitspielen darf. Sein Vater und der Freund dachten zunächst, er würde einen Jux machen, gaben ihm aber eine Geige in die Hand und dachten, Wolfgang würde vielleicht nur so tun als ob. Aber er spielte tatsächlich richtige Musik, was den Vater und den Freund so erstaunte, dass sofort klar war, dass da gerade etwas ganz Besonderes passiert ist. Und dann kümmerte sich Vater Mozart darum, dass Wolfgang und auch seine Schwester Unterricht bekamen. Und der Mutter Anna Maria hat es sicherlich auch gefallen. Sie wird oft vergessen in dieser ganzen Geschichte, hatte mit ihrem volkstümlich-heiteren Gemüt ganz sicher aber oft mitgesungen und den Kindern die Musik aus dem Salzburger Land beigebracht.

Musste er viel üben, oder hatte er auch Zeit für Freunde und andere Dinge, die Kinder normalerweise in seinem Alter machen?

Ich glaube nicht, dass er viel üben musste, sondern viel üben beziehungsweise einfach nur spielen wollte, weil ihn die Musik und das Musikmachen so erfüllte – und er selbst so damit angefüllt war, dass dieses gute Gefühl irgendwie aus ihm raus musste. Und eines Tages beschloss die Familie Mozart, in die weite Welt aufzubrechen und mit beiden Kindern eine Wunderkinder-Tournee durch ganz Europa zu machen. Das war damals beschwerlich, weil man nur in der Kutsche reisen konnte, in der es im Sommer brutal heiß und im Winter übelst kalt war, man über viele Stunden über gedrängt eng beisammensitzen musste und die Straßen noch nicht geteert, also furchtbar rumpelig und matschig waren. Bestimmt spielten die Mozart-Kinder draußen auf den Gassen und Plätzen rund um das heutige Mozarthaus, doch auf Reisen war es nicht einfach, längere Bekanntschaften mit anderen Kindern zu halten, weil man oft nach nur wenigen Tagen wieder in eine andere Stadt reisen musste. In London aber wurde sein engster Freund Thomas Linley, der auch ein Wunderkind war und schon mit 7 Jahren mit Violinkonzerten auftrat. Nach dieser Reise trafen sich die beiden nur noch einmal in Italien als gleichaltrige 14jährige Jugendliche. Wolfgang war später extrem traurig, als er erfuhr, dass sein Freund mit nur 22 Jahren bei einer Bootsfahrt ertrunken war.

Warum bedeutet die Musik von Mozart heute vielen Menschen noch so viel?

Mozarts Musik ist heutzutage keine Musik mehr, die nur privilegierte Menschen an fürstlichen Höfen oder in ‚schöngeistigen‘ Privatzirkeln zu hören bekommen: Man hört sie auf der ganzen Welt und versteht sie gleichsam auf der ganzen Welt, egal welche Sprache man spricht. Das hat damit zu tun, dass den Menschen kurz nach seinem Tod vor 235 Jahren bewusst wurde, was für ein musikalischer Reichtum mit ihm gestorben ist, sodass man versucht hat, seine Musik so oft wie möglich überall zu spielen. Das war sehr erfolgreich und hat dazu geführt, dass Musik, die man über mehrere Jahrhunderte immer und immer wieder hört, so in die Seelen der Menschen eingeht, dass man das Gefühl hat, sie begleitet einen wie eine gute Freundin, die einen in schlechten Zeiten wie eine warme, weiche Bettdecke tröstend einmummelt und einen in guten Zeiten vergnügt mitträllern lässt, weil sie mit ihren Melodien auch so einfach scheint. Seine Musik ist längst von Kunstmusik, die man nur in Konzertsälen oder Kirchen meist in ganz ernsthaftem Rahmen hören kann, zur Volksmusik und sogar Popmusik geworden: zur populären Musik fürs Volk und somit zur Universalmusik.

Was war der Punkt, an dem Mozart berühmt wurde?

Mozart ist mehrere Male berühmt geworden. Erstens durch die Europa-Reise mit seiner Familie. Dadurch kannte man den Namen quasi schon. Ein weiteres Mal noch berühmter dann auf seiner ersten Italienreise, als er in Bologna nach erstaunend-verblüffender Prüfung seiner Fähigkeiten als 14Jähriger in die Accademia Filarmonica aufgenommen wurde, in Rom ihn der Papst zum Ritter vom Goldenen Sporn erhob und in Mailand eine seiner Opern aufgeführt wurde. So richtig berühmt aber wurde Mozart durch den sogenannten Geniekult, der nach seinem Tod 1791 begann und durch den seine Kunst – wie schon eine Frage weiter oben erklärt – so begeistert verbreitet wurde, dass sie quasi unauslöschlich für immer zum festen Repertoire aller kleinen und großen Orchester werden konnte. Und zwar so, dass er durch den Amadeus-Film und Falcos Rock me, Amadeus auch zum Pop-Superstar wurde und es dadurch auch Mozartkugeln zum Naschen gibt und er der Komponist mit den meisthergestellten Souvenirs sein dürfte.

Hatte er Unterstützung beim Schreiben der Stücke?

Als Kind ganz gewiss, als er zwar schon komponieren, aber noch nicht schreiben konnte. Das übernahm dann sein Vater oder vielleicht auch seine Schwester – Wolfgang diktierte also die Musik, die in seinem Kopf so munter vor sich hin klang. Vielleicht sang ihm auch sein kleiner Vogel etwas vor, denn Wolfgang besaß einen Star, der singen konnte. Forscher vermuten, dass die Melodie eines bestimmten Klavierkonzerts von diesem Vogel kommen könnte. Aber ansonsten schrieb Mozart seine Musik selbst. Im Kopf hatte er die Sachen oft schon fertig, bevor er sie auf Papier niederschrieb. Unterstützung kann auch bedeuten, dass er Zeit und Geld hatte, um überhaupt schreiben zu können. Und jemanden, der sich darum kümmerte, dass er beim tage- und nächtelangen Schreiben nicht verlotterte.

Was für eine Bedeutung hatte seine Frau? In welcher Weise hat sie ihn und seine Musik beeinflusst?

Und jetzt sind wir bei einem sehr wichtigen Thema, denn ohne  Frauen hätten sehr, sehr viele Musiker und Komponisten nicht so produktiv sein können, weil sie ihre Wäsche hätten selbst waschen, ihre Schuhe selbst putzen, ihre Mahlzeiten selbst kochen und für die Kinder hätten da sein müssen. Das wurde Mozart abgenommen (die Mozarts konnten sich aber auch Personal dafür leisten). Seine Frau Constanze war nämlich selbst auch ausgebildete Sängerin und hatte eigentlich eine eigene Karriere. Damals war es so, dass Frauen in der Regel mit der Hochzeit ihre Karriere beenden mussten, egal wie sehr sie ihre Arbeit auch liebten. Weil Constanze aber innerhalb acht Jahren sechs Mal schwanger wurde (und auch hier nur zwei Kinder überlebten), hat sie ihre Arbeit quasi ins Home Office verlegt. Wolfgang liebte ihre Stimme aber so sehr, dass er mehrere Lieder und Arien nur für sie schrieb. Die wichtigste Aufgabe nahm Konstanze aber erst nach dem Tod von Wolfgang 1791 an: So zu arbeiten, dass er nicht vergessen wird. Sie war dafür verantwortlich, dass seine Werke auch nach seinem Tod aufgeführt wurden, die Originale nicht in alle Winde zerstreut wurden, und kümmerte sich darum, dass sie auch weiterhin gedruckt und gekauft werden konnten, weil sie für sich und die Kinder auch Geld verdienen musste: Denn damals gab es noch nicht selbstverständlich Witwen- und Waisenrenten. Zudem schrieb sie selbst an einer der ersten Biografien über Wolfgang. Diese ist heute extrem wichtig, weil sie nicht von jemandem Fremden, sondern von einer sehr engen Augenzeugin verfasst wurde.

Und seine Schwester?

Ja, das „Nannerl“, wie sie bis heute oft noch bezeichnet wird: Die Schwester am Rande, deren Wirken lange Zeit unterschätzt wurde. Denn eigentlich war ja auch sie ein Wunderkind, denn Vater Leopold war 1763 noch vor der großen Europareise so stolz auf sie, dass er auch sie als ein solches in den Zeitungen ankündigen ließ. Und dann geriet sie blöderweise ins Hintertreffen, weil die Leute lieber den kleinen Jungen als das Teenager-Kind hören und sehen wollten. Und weil die Eltern bestimmten, dass eine Frau nun einmal einen Haushalt versorgen lernen sollte, durfte Maria Anna künftig nicht mehr mitreisen. Weil über sie dann so gut wie nicht mehr geredet und erzählt wurde, hat sich auch nur so wenig von ihr erhalten. Vielfach wurde gesucht, ob sie nicht auch eine so große Komponistin war wie ihr Bruder. Leider haben sich von ihr nur wenige Akkorde an Notenübungen auf Papierzetteln erhalten und ist aus Briefen überliefert, dass sie auch wunderbare Lieder komponiert hat, von denen auch Vater Leopold begeistert war. Allerdings hat sich von Letzteren nichts erhalten, sodass wir keine weiteren Angaben dazu machen können. Problem beim weiter oben angesprochenen Geniekult war zudem, dass man zu allergrößten Teil nur die Musik von Männern für so genial hielt, sie zu bewahren und aufzuführen. Maria Anna hatte in Salzburg andere Kinder dann im Klavierspiel unterrichtet. Wolfgang war aber darauf bedacht, ob seine Kompositionen auch seiner Schwester gefielen, die diese sach- und fachkundig kritisierte und ihm Tipps gab. Nach einer Trennung von ihrem ersten Mann und ihrer Wiederverheiratung machte sie weiterhin Musik und übte in ihrem Haus in St. Gilgen bei Salzburg täglich drei Stunden lang Klavier. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes kehrte sie wieder nach Salzburg zurück, arbeitete am Vermächtnis ihres Bruders mit und gab bis zu ihrer Erblindung Klavierunterricht. Und noch dann freute sie sich über Besuch, dem sie bereitwillig hauptsächlich zum Leben ihres Bruders Auskunft gab und sich auch deshalb so viel Wissen zu ihm erhalten hat. Im Jahr 2024 ist eine ausführliche Film-Dokumentation auch zu ihrem Leben als Mozart’s Sister erschienen.

Zum Lesen empfehle ich Kindern und Jugendlichen das reich bebilderte Buch von Brigitte Hamann: Nichts als Musik im Kopf. Das Leben von Wolfgang Amadeus Mozart. Wien (Ueberreuter) 1990, das ich selbst als Kind sehr begeistert gelesen habe. Und für Erwachsene besonders noch das Buch von Eva Rieger: Nannerl Mozart. Leben einer Künstlerin im achtzehnten Jahrhundert. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1990. 404 S.