„49Jähriger ersticht in Ingolstadt seine 45jährige Ex-Partnerin vor den Augen der gemeinsamen Söhne“[1] – „30jähriger Mutter vier Mal in den Kopf geschossen – Frau trennte sich kurz vor der Tat von Partner [Fall Nina H. in Augsburg]“[2] – „Frau schwebt nach Messerangriff in Stuttgart in Lebensgefahr: Täter ist mutmaßlich ihr Ehemann“[3]
Meldungen zu Morden an Frauen der jüngsten Zeit in Deutschland reißen nicht ab, wie im Fall von Nina H. in Augsburg auch noch in laufenden Prozessen, wie die Augsburger Allgemeine in Reihe berichtet.
Wir lesen von solchen Taten fast täglich, die Presse im Allgemeinen titelt oft mit „Erschütternder Fall“, sehr oft in Zusammenhang mit „Beziehungstat“ oder (schlimmer) als „Familiendrama“, noch relativ selten mit „Femizid“. Dabei erschüttern uns solche Taten in der Regel nicht mehr, weil sie zu alltäglich geworden sind. Kommentare bei Bluesky oder Instagram besonders von Frauen bestätigen diese Beobachtung:
Wir sind es gewohnt, Gewalt zu erfahren. Uns wird von klein an eingetrichtert: Geh nicht mit fremden Männern, lass dich nicht auf sie ein, geh nicht in der Dunkelheit alleine, halte dich von abgelegenen Orten fern etc. – sofern es sich um fremde Männer handelt. Wir kennen diese Sprüche alle, sie begleiten uns ein Leben lang, wir werden sie nicht mehr los. Fast möchte ich schreiben: Sie scheinen in unserer DNA verankert zu sein. Wir möchten so nicht denken, sind als Selbstschutz aber darauf angewiesen.
Der folgende Text ist lang, aber nötig.
Ja, aber nicht alle Männer
Ja, wir wissen, dass nicht jeder Mann so ist. Ich kann es nicht besser zusammenfassen, als es von den Phönix-Frauen schon zusammengefasst wurde:
„Dennoch kann sich keine Frau sicher sein, ob der Mann, an dem sie gerade nachts vorbeigegeht oder der Mann, den sie gerade kennengelernt hat oder sogar der Mann, der das Bett mit ihr teilt und mit ihr zusammenlebt, nicht übergriffig oder gewalttätig gegen sie wird. […] Es geht nicht darum, jeden Mann zu verurteilen. […] Es geht darum, die Realitäten tagtäglicher Gewalt von Männern gegen Frauen zu benennen. […] Wenn Gewalt benannt wird, die hauptsächlich von Männern ausgeübt wird, werden selbstverständlich nicht alle Männer beschuldigt. Umgekehrt können alle Männer darüber nachdenken, was jeder einzelne selbst dazu beiträgt, dass ein gewaltfreundliches Klima entsteht, dass Gewalt und Übergriffe gegen Frauen unter Männern verharmlost werden und was es mit ihnen selbst macht, wenn Gewalt als männlich empfunden wird.“[4]
Morde an Frauen sind in der Regel nicht einfach nur Morde an einer Frau, denn in der Regel steckt etwas Höheres dahinter:
♦ Ein Mord an einer Frau durch einen Mann geschieht in Zusammenhang mit gesellschaftlich vorherrschender Vorstellungen von Unterordnung und Besitzdenken; gewollte Tötungen als extremste Form geschlechtsspezifischer Gewalt.
♦ Als Häufigster Kontext gilt, dass die meisten Taten in sozialem Nahraum durch aktuelle oder ehemalige Partner (besonders oft bei oder nach Trennungswünschen und aktuellen Trennungen) geschehen.[5]
♦ Tötungen im Namen einer sog. „Ehre“ und generell frauenfeindlichem Hass.[6]
Morde an Frauen, die diese Merkmale aufweisen, reißen in Nachrichtenportals und Social Media nicht ab. Im Jahr 2024 wurden laut Bundeskriminalamt (BKA) 859 Frauen und Mädchen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) geführt. Allerdings wird in der PKS bis heute keine Tatmotivation erfasst, da eine bundeseinheitliche Definition des Begriffs „Femizid“ noch immer nicht existiert[7] und Morde an Frauen zunächst auf Mord nach § 211 StGB oder Totschlag nach § 212 StGB untersucht, „niedrige Beweggründe“, „Heimtücke“ oder „Habgier“ werden als mögliche Mordmotive geprüft.
Deutschland ist dahingehend eines der Fortschritts-Schlusslichter: Besonders in südamerikanischen Ländern gelten Femizide als eigener Straftatbestand. In Europa seit 2022 in Zypern und Malta, seit 2024 als „gender-based murder“ in Kroatien und seit Dezember 2025 als „femminicidio“ (verbunden mit lebenslanger Freiheitsstrafe sowie Verschärfung der Gesetze bezüglich Stalking) in Italien nach besonders grausamen Morden an Frauen.[8]
Im Vordergrund all dieser Taten steht in der Regel: Hass auf Frauen
Erschütternd ist, dass Femizid-Prävention „in Deutschland bisher weder ausreichend priorisiert noch strategisch umgesetzt“ wird. Femizide sind kein kulturspezifisches Phänomen, sondern Merkmal eines globalen patriarchalen Systems. Der überwiegende Teil solcher Morde wird von Männern begangen, „wobei auch Frauen innerhalb patriarchaler Strukturen zur Aufrechterhaltung der Kontrolle beitragen können“.[9]
Vorab: Ich bin keine Soziologin, befasse mich nicht täglich mit den neuesten Meldungen und habe solche aktuellen Daten nur durch einfache Recherche abgerufen. Von daher führen weitere Überlegungen dazu an dieser Stelle zu weit und sind auch nicht das Ziel dieses ausführlichen Blogartikels. Ja, er ist lang, denn das hier angedachte Sujet lässt sich nicht auf einer DIN-A4-Seite erklären.

Im Zuge meiner Forschungen zu Musik- und Kulturnachrichten historischer Augsburger Zeitungen konnte ich die Femizid-Meldungen irgendwann nicht mehr übersehen. Daher dokumentierte ich diese ebenfalls, weil ich wissen wollte: Hat sich etwas in der Berichterstattung im Vergleich von damals mit heute verändert? Haben sich Mordmotive verändert oder Verhältnisse unter den Geschlechtern?
Nach meiner chronologischen Abtipperei bzw. Dokumentation innerhalb aller gesammelter Zeitungsnachrichten zu Augsburger Berichterstattung aller Art, sortierte ich Morde an Frauen für den besseren Überblick in eine Tabelle. Dazu wertete ich sechs verschiedene Augsburger Tageszeitungen der Jahre 1768 bis 1885 auf Femizide aus: Augsburger Ordinari Postzeitung, Augsburger Tagblatt, Augsburger Ordinäre Zeitung, Neue Augsburger Zeitung, Augsburger Neueste Nachrichten und das Augsburger Abendblatt.
Insgesamt konnte ich 1.599 Meldungen solcher und damit zusammenhängender Meldungen verzeichnen und diese auf einzelne Fragestellungen analysieren. Auch hier wurden die allermeisten Taten von Männern an (ihren) Frauen verübt. „Umgekehrte Femizide“, also Morde an Männern durch (ihre) Frauen, die exakt dieselben Motive wie Femizide aufwiesen, ließ ich nicht unberücksichtigt und gab ihnen das Schlagwort „Maskuzid“. Ich kenne keine vergleichbare Arbeit aus dem vor allem süddeutschen Raum.
In München arbeitet derzeit eine Forschungsgruppe der LMU um Prof. Dr. Julia Burkhardt zu Femiziden des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Birgitt Ronegg schrieb ihre Abschlussarbeit an der Uni Graz zu kriminologischen Diskursen zum Thema Frauenmord um 1900. Wesentlich stärkere Forschung gibt es im englischsprachigen Raum mit zum Beispiel Radojka Startups Werk Damaging Females: Representations of women as victims and perpetrators of crime in the mid nineteenth century. Pauline M. Prior verfasste eine hochinteressante Arbeit zu Murder and Madness: Gender and the Insanity Defense in Nineteenth-century Ireland oder von Andrea Mckenzie: ‚His Barbarous Usages‘, Her ‚Evil Tongue‘: Character and Class in Trials für Spouse Murder at the Old Bailey, 1674–1790.
Für Augsburg fällt noch der ‚Karl the Ripper‘, der Mädchenschneider von Augsburg, den ich wiederentdecken konnte, in diese Kategorien, der aus Hass auf Frauen und alles weibliche besonders junge Frauen überfiel und ihnen Arme und andere Körperteile als Fetisch – nicht tödlich – aufschlitzte, worüber auch die Augsburger Allgemeine berichtete.
Auf folgenden Informationsgehalt ließen sich die genannten Zeitungen auswerten
1. Wo fanden die Taten statt?
2. Wie wurde gemordet und womit (hier werden vor allem die Giftmorde hochinteressant als ‚Fest‘ für Crime-Liebhaber:innen!): wie ist das Geschlechterverhältnissen bei Giftmorden?
3. Auf welche Art wurde getötet = handelte es sich zum Beispiel um nur einen Stich oder lag eine sog. Übertötung vor?
4. Was wurde als damalige Motive angegeben?
5. Wie alt war und welchen Beruf hatte das Opfer bzw. in welchem Milieu beziehungsweise in welcher gesellschaftlichen Klasse spielte sich ein Mord ab beziehungsweise wurde über Morde berichtet?
6. Lag im jeweiligen Fall ein vollendeter oder versuchter Mord vor?
7. Waren lebende Kinder als Opfer daran beteiligt?
8. Lag ein klassischer Kindsmord dabei vor (= Femizid an besonders schwangeren Frauen)?
9. Gab es nur ein einziges Opfer oder mehrere innerhalb eines einzigen Falles?
10. Verübte ein Täter nach einem Mord Suizid oder nicht?
11. In welchem Bezug standen Opfer und Täter zueinander?
12. Wie ist das Geschlechterverhältnis insgesamt?
13. Wie ist das Altersverhältnis zwischen Opfer und Täter?
14. Waren Täter bei Ausübung der Tat betrunken oder nicht oder schützten sie Trunkenheit für strafmildernde Zwecke nur vor?
15. Gab es Verhaftungen, Gerichtsverhandlungen und Urteile und wenn ja: wie wurden solche Taten damals gerichtet?
16. Gab es Hilfen für Überlebende?
1.599 Meldungen scheinen für die Jahre 1768 bis 1885 (= 117 Jahre) vergleichsweise wenig: im rigorosen aufgerundeten Durchschnitt also ‚nur‘ 14 Meldungen pro Jahr. Berücksichtigen müssen wir hierbei unbedingt, wie Zeitungen dieser Zeit überhaupt arbeiteten und wie ihre unterschiedlichen Schwerpunkte verteilt waren, denn nicht jede Zeitung berichtete gleich. Zudem wurden solche Meldungen bei hereinbrechenden Seuchen oder Kriegen in der Regel aus den Nachrichten komplett verdrängt, sodass wir hier eine bedeutende Lücke in der Berichterstattung haben. Zudem schafften es nur solche Meldungen in die Augsburger Zeitungen, die einer Berichterstattung besonders wert schienen. Berücksichtigt werden muss auch, dass damalige Augsburger Zeitung ein nur kleines Format (ca. DIN-A-5) und zwischen nur vier und maximal 12 Seiten aufweisen. Solche Meldungen liefen nicht unter einer bestimmten Rubrik, sondern in der Regel nach den politischen Tagesberichten unter einem Sammelsurium an weiteren interessanten Nachrichten aller Art. Es lässt sich aber im Lauf der Zeit ein exponentielles Wachstum an Publikumsinteresse an solchen Mordgeschichten feststellen – man erkennt deutlich, die Femizid-Meldungen in Krisen- und Kriegszeiten einbrechen:

Was ich zusammengetragen habe und hier erstmals umfassender veröffentliche, kann daher nur als Grundlage für weitere Forschungen, Auswertungen und Vergleiche dienen. Wünschenswert wäre ein Projekt, das Zeitungen weiterer Städte vor allem im Mittel- und Norddeutschen Raum auf solche Meldungen auswertet.
Der Stil der Zeitungsmeldungen ist ebenfalls interessant: Anfangs eher schlicht und sachlich, wird er im Lauf der Jahrzehnte eher gefühlsbetonter, in sehr seltenen Fällen sarkastisch-hämisch über die Opfer gelacht. Auch damals wird bisweilen die Frage gestellt: Warum schon wieder ein Mord an einer Frau und wie man dies verhindern könnte oder ob Todesstrafen noch abschreckend genug sind. Besonders zu Letzteren wird die Statistik interessant, da die Todesstrafen nicht in allen Regionen gleichzeitig abgeschafft wurden. Mancherorts hat man sie nach Abschaffung bei besonders brutalen Morden auch wieder eingeführt. In der Regel war man in Augsburger Zeitungen der Meinung, dass die Täter „ihre gerechte Strafe verdient“ hätten.
Steigen wir tiefer ein
1. Wo fanden die Taten (hier: vollendete Femizide) statt?

Meiner Statistik nach der nachgefragt 12 häufigsten Tatorte überwiegend im süddeutschen Raum mit Schwerpunkt München (48), Augsburg und Nürnberg (13), Straubing und Regensburg (6), Ansbach (7) und Stuttgart mit (5). Aus Norddeutschland wurde hauptsächlich aus der (Hauptstadt) Berlin (35), Hamburg (14), Dresden (12) und Magdeburg (9) berichtet. Der Rest entfällt auf viele kleine Orte und Ortschaften oder Gegenden, oft nur vage beschrieben mit „bei“ irgendwo. Hier wurden nicht unbedingt die meisten Morde verübt, sondern lag dazu die meiste Berichterstattung vor. Die Berichterstattung erfolgte zu 65 % zu Mordfällen in Deutschland, Frankreich mit 12 %, Österreich 5 %, Italien 4 %, Schweiz 3 %, England 3 %, Tschechien 2 %, Ungarn 2 %, USA 2 %, Belgien 1 % – die gemeldeten Fälle aus den USA betrafen in der Regel ausgewanderte Süddeutsche.
2. Wie wurde gemordet und womit? Wie ist das Geschlechterverhältnis bei Giftmorden?

An oberster Stelle der 12 häufigsten Tötungsarten steht in 323 Fällen (21 %) Erstechen (bevorzugt mit Messern aller Art), gefolgt von Erschießen in 224 Fällen (15 %), Tötungen durch Gift in 198 Fällen (13 %), Erschlagen in 170 Fällen (11 %), Erdrosseln (mit Hilfe eines Gegenstands wie Seil oder Tuch) in 64 Fällen (4 %), Halsabschneiden in 57 Fällen (4 %, besonders bevorzugt mit Rasiermessern), Ertränken in 29 Fällen (2 %), Erwürgen in 27 Fällen (2 %, mit bloßen Händen), als Sturz (oder Unfall getarnt) in 23 Fällen (2 %), Verbrennen bei lebendigem Leib in 19 Fällen (1 %) sowie als regelrechter „Abschlachtung“ in 15 Fällen (1 %). Bei 24 % der Fälle (355) waren die Tötungsarten nicht angegeben.

Das dürfte die meisten interessieren: In 75 % aller vollendeten wie versuchten Giftmordfällen (= 197 von insgesamt 1.599 Mordfällen) waren Frauen die Opfer, also zu 75 % von Männern verübt! In 35 Fällen (= 18 %) wurden Männer die Opfer von giftmordenden Frauen, in 14 Fällen (7 %) wurden Frauen das Opfer einer giftmordenden Frau (das war dann der Fall bei Massenmörderinnen aus purer Lust am Töten, egal welchen Geschlechts). Männer, die andere Männer heimtückisch mit Gift töteten, kam in den Augsburger Zeitungen nicht vor.
In meiner Tabelle färbte ich alle Giftmorde in Giftgrün ein bzw. ließ nur diese anzeigen: Unter den Meldungen befanden sich so bekannte Giftmörder wie Pierre-Étienne-Gabriel Lelièvre, Edmond Couty de la Pommerais, Dr. Edward William Pritchard, Ferdinand Wittmann oder Albert Pel und bei den Giftmörderinnen Betty Eccles, Marie Jeanneret oder Mary Anne Cotton, die spektakulär und in Masse mordeten, aber auch zahlreiche unbekannt geblieben, die ihnen in nichts nachstanden. Hierfür bräuchte es einen eigenen Artikel.
Jedenfalls lassen die Augsburger Zahlen den Schluss zu, dass die allgemeine Meinung, dass mehr Frauen als Männer mit Gift mordeten, sich nicht bestätigen lässt. Allgemein nahm man an, dass Frauen als „schwaches Geschlecht“ nicht in der Lage seien, stärkere Männer mit Männermordmethoden ums Leben zu bringen und Frauen daher heimtückischer als Männer morden, was wiederum mit der biblischen Erzählung der „falschen Schlange“ am Baum der Erkenntnis zusammenhing, da Eva ihrem Gefährten Adam ja heimtückisch einen quasi moralisch vergifteten Apfel reicht, was zu ihrer selbstverschuldeten Vertreibung aus dem Paradies führte.
Dass man Männern im Allgemeinen Giftmorde als eher nicht zutraute, könnte also ein Vorteil bei ihrem Morden gewesen sein, weil man sie damit weniger in Verbindung setzte – wie viele Giftmorde an Frauen mögen daher unentdeckt geblieben sein?
Hauptgifte waren Arsenik und Phosphor, selten auch Kleesalz. Ersteres erhielt man überall günstig in Apotheken oft ohne Nachfrage der Verwendung oder unter Angabe der Schädlingsbekämpfung. Phosphor war noch günstiger in Form von Zünd- oder Streichhölzchen: Man schabte einfach den Kopf des Hölzchens ab. Besonders beliebt auch bei Suiziden.
3. Auf welche Art wurde getötet = handelte es sich zum Beispiel um nur einen Stich oder lag eine sog. Übertötung vor?
In 47 Fällen handelte es sich eindeutig um Übertötung mit mehr als 3 Messerstichen oder Schlägen auf den Kopf mit Beilen oder Hämmern. Als Übertötung wird bezeichnet, wenn deutlich mehr Gewalt aufgebracht wurde, als benötigt gewesen wäre als Akt der extremen Wut oder Aggression gegen ein Opfer, in der Regel bei vorangegangener starker emotionaler Bindung (auch eingebildeter Art).
4. Was wurde als damalige Motive angegeben?

Als häufigstes von insgesamt 12 häufigsten Mordmotiven steht die „Eifersucht“ ganz oben (94), gefolgt von „Frau sagt Nein“ (82), als Raubmord (79), Habgier (77), Vergewaltigung (63), Hass generell (61), Streit (53), aus purer Mordlust (50), Vaterschaftsvertuschung (43), als Wahnsinnstat, die man sich nicht anders erklären konnte (40), „aus Spaß“ (22) und in 602 Fällen (von insgesamt 1599) gar nicht angegeben.
„Eifersucht“ war in der Regel immer: Ehemann meint, dass Ehefrau fremdgehen würde oder auch einfach nur fremde Männer einen Ticken zu lang anschaute. „Frau sagt Nein“ sind die Fälle, in denen Frauen sich Männer verweigerten auf verschiedene Arten: sich nicht auf ihn einlassen wollten, sich trennen wollten, oder Frauen keine Lust hatten, dem Mann ein Essen zu kochen. Raubmorde zähle ich mittlerweile zu Femiziden hinzu, denn es war für Täter wesentlich leichter, eine Frau anzugehen als einen Mann, da sich Frauen nur in den wenigsten Fällen hartnäckig wehrten und Männern noch freundlich die Tür öffneten und ihre Hilfe anboten. Daher: Mord mit Geschlechtsgrundlage. Habgier-Morde waren im Vergleich zu Raubmorden länger und perfider geplant als Raubmorde.
Morde aus Habgier waren in der Regel auf nahe Angehörige bezogen, an deren Erbe oder Besitz man gelangen wollte. Raubmorde fanden in der Regel wesentlich kürzer geplant und beschlossen statt und oft ohne persönlichen Bezug zu den Opfern. In 63 Fällen wollten Täter Frauen vergewaltigen und brachten sie danach um, damit ggf. überlebende Opfer nicht aussagen konnten. Vergewaltigungen wurden in den Augsburger Zeitungen in der Regel ernsthaft geahndet, was oft zu Zuchthausstrafen für die Täter führte. In seltenen Fällen gab es Täter-Opfer-Umkehr und Opfer-Shaming. In 61 der Fälle gaben Täter an, dass sie aus tiefstem Herzen hassten; im Streit wurden 53 Frauen ermordet – in der Regel in ohnehin zerrütteten und lieblosen Ehen nach Zwangsheirat.
In Zeiten schlechtester Verhütungsmethoden kamen Morde an Frauen zur Vaterschaftsvertuschung relativ oft vor: Männer schwängern Frauen (in der Regel Geliebte, mit denen sie nicht verheiratet waren), früher oder später sieht man es der Frau an – Mord. Von Ertränken bis Erstechen alles dabei. Seltener die Fälle, in denen man nur das Kind im Bauch loswerden wollte, dabei aber die werdende Mutter bedauerlicherweise mitumgebracht wurde. Dafür kamen dann einige Ärzte und Apotheker neben den eigentlichen Tätern mit vor Gericht, weil sie verbotene Abtreibungsmittel herausgaben.
Besonders krasse Fälle, in denen die weiblichen Opfer völlig unkenntlich abgeschlachtet wurden, konnte man sich nur als „Wahnsinnstat“ erklären; in seltenen Fällen wurden Täter tatsächlich aber für geisteskrank erklärt und in Kliniken oder ein „Irrenhaus“ eingewiesen. Die Fälle „aus Spaß“ geschahen durch beabsichtigte und unbeabsichtigte Erschießungen: Knaben und junge Männer, die mit Pistolen und Gewehren im Haus hantierten, sie „aus Spaß“ auf eintretende Schwestern oder Geliebte richteten und abdrückten, weil sie glaubten, dass die Waffen nicht geladen seien. Zumindest wurde das in den meisten Fällen als „Ausrede“ angegeben, um Strafen abzuwenden. Wie viele „Unfälle“ dieser Art wohl tatsächliche Morde waren?
Besonders waren hier die Meldungen, in denen Kleinkinder andere Kleinkinder erschossen. Erstaunlich die hohe Zahl von 602 Fällen, in denen die Presse die Frage nach einem Motiv offenbar nicht interessierte.
5. Welche Berufe hatten Opfer und Täter?

Als zehn häufigste Opferberufe wurde angegeben: Dienstmagd (5 %), Bäuerin oder in Bauernstand generell (3 %), Prostituierte (2 %), Witwen (1 %), Fabrikarbeiterinnen (1 %) und Gastwirtinnen (1 %). Beim überwältigenden Teil der Meldungen (87 %) waren gar keine Berufe angegeben.

Die zehn häufigsten Täterberufe waren: Bauer oder in Bauernstand generell (34 %), Dienstknecht (13 %), Taglöhner (11 %), Gastwirt (9 %), Schuhmacher (6 %), Soldat bzw. Militär (6 %), Arbeiter (6 %), ehem. Soldat bzw. Militär (6 %), Arzt (5 %) und Fabrikarbeiter (5 %). Bei rund 50 Prozent der Meldungen waren keine Täterberufsangaben vorhanden. Meldungen zu Femiziden und Morden in Adelskreisen kamen vor, fallen hier aber heraus. In der Regel endete Berichterstattung dazu relativ abrupt; möglicherweise wollte man solche Fälle gezielt aus der Presse heraushalten.
6. Lag im jeweiligen Fall ein vollendeter oder versuchter Mord vor?

1.313 Fälle von insgesamt 1.599 waren vollendete Femizide bzw. Morde an Frauen. Mordversuche wurden in 237 Fällen überlebt. In nur einem einzigen Fall wurde der Mord an einer Frau gezielt verhindert: Darin stellte sich ein Sohn vor die Mutter, um diese vor dem tobenden Vater zu retten (der Sohn überlebte).
7. Waren lebende Kinder als Opfer daran beteiligt?
In nur 6 Fällen waren Kinder direkt betroffen bzw. bei Taten dabei. Bei überlebenden Kindern wurde kein Geschlecht mit angegeben, daher vermerkte ich diese in meiner Tabelle als „N“ für „neutral“ ≠ geschlechtsneutral. In ein paar wenigen Fällen wurden offenbar völlig verrohte Jungen zu Mördern wie im Fall mit jüngstem Opfer und jüngstem Täter.
8. Lag ein klassischer Kindsmord dabei vor (= Femizid an besonders schwangeren Frauen)?

Ja, 203 (13 %) der insgesamt 1.599 Fälle waren gezielt auf schwangere Frauen ausgerichtet, um ungewollte und vor allem uneheliche Schwangerschaften loszuwerden und die dadurch unbequem gewordene Frau gleich mit. In 12 % Prozent der Fälle wurden Schwangerschaften nicht angegeben, im überwältigenden Teil von 74 % waren getötete Frauen definitiv nicht schwanger (weil zum Beispiel zu alt für Schwangerschaften).
9. Gab es nur ein einziges Opfer oder mehrere innerhalb eines einzigen Falles?
Bei zwei oder mehr Toten trug ich in meine Tabelle ein „M“ für Massenmord ein ≠ Amoklauf (die es im Verhältnis nur extrem selten, aber dafür umso ‚spektakulärer‘ beschrieb). 83 % aller Fälle waren nur auf eine einzige Person bezogen, bei 16 % der Fälle (255) gab es mehrere Tote, zum Beispiel wenn Angehörige und Freundinnen der Opfer zugegen waren und rücksichtslos miterschossen wurden.
10. Verübte ein Täter nach einem Mord Suizid oder nicht?

In den meisten Fällen (737 bzw. 46 %) nicht, bei 35 % bzw. 561 Fällen gab es keine Angaben dazu (in der Regel dann, wenn auch über weitere Verurteilung der Täter nicht berichtet wurde); in 223 (14 %) der Fälle begingen Täter nach vollendetem oder versuchten Mord an Geliebten, Schwestern oder Ehefrauen Suizid. Man verurteilte tote Täter im Nachhinein, weil sie zu feige gewesen seien, sich den Konsequenzen zu stellen. Suizide muss man für das 18. und 19. Jahrhundert hier in diesen Fällen folgendermaßen behandeln: Man war in dieser Zeit entweder katholisch oder protestantisch, keine Religion zu haben gab es in Deutschland in der Regel nicht (es sei denn, es kamen von französische Menschen nach Deutschland, die sich dort ungetauft niederließen, weil sie durch die Umstände der Französischen Revolution schlicht gar nicht getauft wurden), weil man ungetauft ausgegrenzt wurde.
Christenlehre war in Kindheit und Jugend bis zum Alter von 21 Jahren nach dem Sonntagsgottesdienst obligatorisch samt Katechismus-Auswendiglernen. Vielfach standen die Foltern in der Hölle als geistliche Drohungen im Raum. „Selbstmörder:innen“ wurden in der Regel nicht in Friedhöfen bestattet, sondern außerhalb, da ihnen geweihte Erde nicht zustand. Bisweilen wurde auch Schauspielerinnen (die unter natürlichen Umständen starben) eine Bestattung in geweihter Erde verweigert, weil man noch bis weit ins 19. Jahrhundert ihren Beruf für Prostitution hielt.
Dabei kamen erschütternde Geschichten zutage wie die, als mitfühlende Menschen eine in einem Wäldchen verscharrte Schauspielerin nachts wieder ausgraben, im Friedhof bestatteten und so aufmüpfig waren, dass der Priester keine Chance hatte. In einem weiteren solchen Fall bestattete ein Priester zwar zähneknirschend, hing dafür aber den Klüpfel des Sterbeglöckchens aus. Nicht einmal diese letzte Ehre erwies man solchen Menschen. Trotz dieser Furcht vor sicheren Höllenqualen töteten sich Mörder, weil ihnen die Qualen der damals noch geltenden Hinrichtungen als furchtbarer erschienen.
11. In welchem Bezug standen Opfer und Täter zueinander?

In den zehn häufigsten Opferkategorien sind (1.435 von 1.599 Fällen) als Spitze in 467 Fällen = 32 % die Ehefrau und in ebenfalls 32 % (in 454 Fällen) eine Frau ohne näheren Täterbezug. In 219 Fällen (15 %) wurden Geliebte ermordet, in 69 Fällen (5 %) ermordeten Männer die eigene Mutter, in 60 Fällen (4 %) wurden Mädchen unter 18 Jahren ermordet (in der Regel „Lustmorde“ oder weil sie Beziehungen mit Männern ablehnten), in 40 der Fälle (3 %) tötete ein Bruder seine Schwester, in 31 Fällen (2 %) töteten Väter ihre Töchter, in 17 Fällen (1 %) wurden Arbeitgeberinnen ermordet und in ‚nur‘ 16 Fällen (1 %) ermordeten Schwiegersöhne ihre Schwiegermutter (ja, an dieser Stelle habe ich allen Witzen nach zum Trotz auch lachen müssen). Ehemänner wurden von ihren Ehefrauen in ‚nur‘ 62 Fällen (4 %) getötet.
Auch heute noch steht die Tötung durch einen Intim-Partner an erster Stelle.[10] Dennoch zeigen Studien, dass einige „Beziehungstat-Tötungen“ in den Statistiken der PKS nicht separat ausgewiesen werden, zum Beispiel keine „Ehrenmorde“ und auch nicht Tötungen von Frauen in „sexual exploitation-related killings“.[11]
Heute liegt der Mittelwert der Jahre 2019 bis 2023 bei weiblichen Opfern, die von ihrem (Ex-)Partner getötet wurden, bei 36 %. In 18 % wurden Familienangehörige zu Mördern und zu 46 % „sonstige Tatverdächtige“. Männer werden als Opfer von (Ex-)Partnern mit 4 % angegeben.[12] Ob es sich hier um homosexuelle Beziehungen handelt oder Frauen Täterinnen sind, kann durch Verwendung des generischen Maskulinums leider nicht genauer ersehen werden.
12. Wie ist das Geschlechterverhältnis insgesamt?

In 1.330 von 1.599 Fällen (83 %) sind Männer die Täter und Frauenmörder, in nur 102 Fällen (6 %) mordeten Frauen (ihre) Männer, in 26 Fällen handelte es sich um geschlechtsgemischte Gruppen, die gemeinsam eine Frau mordeten, in 2 % (28 Fälle) töteten Frauen andere Frauen und in 7 aller Fälle wurden männliche Kinder zu Tätern. Daher fällt die überwältigende Mehrheit tatsächlich dem männlichen Geschlecht zu.
13. Wie ist das Altersverhältnis zwischen Opfer und Täter?

Hier verhält es sich in den Fällen der Augsburger Tageszeitungen so, dass Frauen den jüngeren Anteil ausmachen, also in der Regel Täter älter sind als ihre Opfer. Der Altersdurchschnitt bei weiblichen Opfern liegt bei 28 Jahren, der Altersdurchschnitt bei Tätern bei 32 Jahren. In 1.242 Fällen wurde allerdings das Alter der von Opfer und Täter überhaupt nicht genannt. Das jüngste Femizid-Oper ist ein 4-jähriges Mädchen gewesen, das von einem 8-jährigen Knaben erschlagen wurde, weil es ihm ein Spielzeug nicht geben wollte. Das älteste Femizid-Opfer in meiner Liste wurde 85 Jahre alt, der älteste Täter war zum Zeitpunkt der Tat 82 Jahre.
Heute zeigt die Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte auf: „Tötungen durch (Ex-)Partner treffen Frauen über die gesamte Lebensspanne, Frauen im mittleren Lebensalter (zwischen 21 und unter 50 Jahren) sind jedoch überproportional betroffen. In seltenen Fällen werden weibliche Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren zum Opfer von Tötungen durch (Ex-)Partner.“[13] Leider wird hier nicht angegeben, welches Alter jeweils die Täter hatten.
14. Waren Täter bei Ausübung der Tat betrunken oder nicht oder schützten sie Trunkenheit für strafmildernde Zwecke nur vor?

In 82 % der Fälle (1.310) waren Täter nicht betrunken. Nur in 1 % (in 20 Fällen) wurde angegeben, dass Täter betrunken gewesen seien. In diesen Fällen gingen die Ehefrauen vor ihrer Ermordung oft besonders durch die Hölle, weil Alkoholismus 1. sehr weit verbreitet war (und heute eigentlich auch immer noch ist), 2. betrunkene Ehemänner in der Regel die Einkünfte in Wirtschaften ausgaben und die Frauen nicht mehr wussten, wie sie ihre Kinder ernähren oder den Haushalt einigermaßen führen sollten und 3. Männer in betrunkenem Zustand besonders brutal ausrasteten. In nur zwei aller Fälle gaben Männer in Gerichtsprozessen an, betrunken gewesen zu sein, was aber durch Zeugen widerlegt werden konnte. Durch Vorschützen von Trunkenheit erhofften sich Täter mildernde Umstände. In beiden Fällen wurden mildernde Umstände abgelehnt.
15. Gab es Verhaftungen, Gerichtsverhandlungen und Urteile und wenn ja: wie wurden solche Taten damals gerichtet?

Hier wird es schwierig, denn zu einem großen Teil werden in den Augsburger Zeitungen war Morde gemeldet, über tatsächlich erfolgte Verurteilungen irgendwann später aber nicht mehr berichtet oder nur angegeben, dass Täter „ihre gerechte Strafe“ erhielten oder noch erhalten würden. Daher gab es nur in 792 (49 %) aller Fälle (1.599) tatsächliche Verurteilungen. Von 246 Nicht-Verurteilungen (15 %) waren 223 Suizide vor Verurteilungen oder direkt nach der Tat vollzogen, daher konnte ich nur 23 Freisprüche ersehen, obwohl Frauen definitiv zu Tode gekommen waren. In 35 % der Fälle waren Verhaftungen/Gerichtsprozesse/Verurteilungen überhaupt nicht angegeben oder wurde nicht mehr darüber berichtet.
Insgesamt ersah ich aus meiner Tabelle 117 eindeutige Hinrichtungen. In etlichen Fällen, die nicht weiter von der Presse verfolgt wurden, dürfte der verheerenden Todesumstände eine Hinrichtung jedoch obligatorisch gewesen sein. Zu Hinrichtungen im 18. und 19. Jahrhundert gibt es fast unendlich viel Literatur. Es führt hier zu weit, näher darauf einzugehen. Sicher aber ist in den hier bekannt gewordenen Fällen: Es wurde von der Hinrichtungsart her kein Unterschied gemacht, ob eine Frau oder ein Mann gerichtet wurde. Der einzige Fall durch Zerschneiden des Täters, der einzige Fall durch Verbrennen bei lebendigem Leib sowie das Keulen wurde aus dem Osmanischen Reich berichtet. Erschießen und Erdrosseln war militärischer Art, in einem besonderen Fall auch Erschießen von hinten als besonders ehrloser militärischer Tod. Die Tötung per Rad (von unten: besonders grausam bei lebendigem Leib; von oben: barmherziger Tod durch Tötung mit dem Kopf zuerst) entfällt noch auf das 18. Jahrhundert. Erhängen war eine der Hinrichtungsarten für übelste Schandhaftigkeiten, weil Tod durch Hängen mit am Ehrlosesten erachtet wurde. In 7 Fällen wurde nur von einer Enthauptung geschrieben, aber ohne Angaben, wie genau.
Besonders im Norden von Deutschland war das Enthaupten per Beil noch lange gebräuchlich, Enthauptungen mit dem Schwert waren eher in Süddeutschland üblich, teils auch noch parallel zur Einführung der Guillotine, die sich dann früher oder später landesweit durchsetzte. Speziell für Augsburg kamen äußerst detaillierte Beschreibungen ganzer Hinrichtungsprozesse ans Tageslicht, teils mit noch unbekannten Hinrichtungsorten wie vor dem Wertachbrucker Tor oder auf dem Plärrergelände statt an der regulären Hinrichtungsstätte im heutigen Wohngebiet gegenüber des Eisstadions (außerhalb der Stadtmauer).
16. Gab es Hilfen für Überlebende?
Nicht wirklich. Es gab keine offiziellen Opferhilfen. Überlebende mussten selbst schauen, wie sie in ihrem weiteren Leben klarkamen. Oft wurde aber selbstlos in der Nachbarschaft für überlebende Opfer oder hinterbliebene Kinder gespendet.
17. Wie viele Femizide gab es in Augsburg und Umgebung?
Insgesamt konnte ich für Augsburg-Stadt und Umgebung 32 Fälle nachweisen, der früheste Fall vom 9. Oktober 1767 an Maria Philippina von Gazza als Raubmord durch einen Weinhändler, der so brutal war, dass der Täter mit dem Rad hingerichtet wurde.
♦ Im Dezember 1785 ließ ein Mann seiner Frau eine vergiftete Suppe bringen, die allerdings jemand anderes aß und starb.
♦ Dorothea Blankenburg wurde am 13. Oktober 1827 von Donauwörth kommend an der Lechbrücke durch einen Stich in den Hals ermordet, der Täter erhielt nur 5 Jahre Zuchthaus.
♦ Am 24. Juli 1846 ersuchte ein Ehemann, seine Frau per Arsenik zu töten; er kam in Untersuchungshaft.
♦ Am 12. Oktober 1849 wurde eine 24jährige Dienstmagd mit 12 Stichwunden ermordet. Außerdem war ihr Kopf durch zwei Axthiebe eingeschlagen worden. Klassischer Fall von Übertötung bzw. Beziehungstat, aber ohne weitere Meldungen.
♦ Am 19. Dezember 1849 fällt eine Frau in der Altstadt beim Blauen Krügle (heute vor dem Gignoux-Haus) in den Lechkanal, obwohl Männer ihre Hilferufe hörten und lokalisieren konnten, ließen sie sie ertrinken.
♦ Die Ermordung von Marie Wieland geb. Beck, die mit durchschnittener Kehle tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde, wurde zu einem Wendepunkt der Berichterstattung, da man erst glaubte, dass sie sich den Hals mit einem Rasiermesser selbst abgeschnitten habe. In diesem ersten Indizienprozess der Augsburger Geschichte bei akribischer Untersuchung konnte letztendlich der Ehemann als Täter entlarvt werden und zum Tode verurteilt werden. Bei der Gerichtsverhandlung waren besonders viele Frauen anwesend, die sich besonders herausgeputzt hatten. Ab 1865 wird in den Zeitungen die Sparte der Gerichtsberichte eingeführt.
♦ In der Nacht vom 23. auf 24. Mai 1875 erschoss Adlerwirt Joseph Koch in Augsburg-Pfersee seine junge Ehefrau, die er erst vier Wochen zuvor geheiratet hatte, weil er doch noch lieber mit seine vorigen Gefährtin zusammensein wollte.
♦ Im Haus mit der Nummer Lit. C 359 am Mittleren Lech in der Altstadt drohte am 7. September 1880 Schlosser Ulmer seiner Frau, sie zu erschießen und zielte mit einer Waffe auf sie. Frau Ulmer konnte fliehen und bei Nachbarn unterkommen, musste aber ihre Kinder zurücklassen. Anderntags fand man Schlosser Ulmer in der Wohnung erschossen auf – er hatte seine 5jährige Tochter und einen erst 7 Wochen alten Säugling ermordet. Vor dieser Tat soll er mehrmals geäußert haben, die ganze Familie umzubringen, aber niemand glaubte an seine Drohungen.
♦ Am 7. Juni 1883 wurde am Königsplatz Schwimmlehrerin Lina Bach von einem ihr gänzlich Unbekannten auf ihrem Weg zu ihrem Arbeitsplatz in der Schwimmschule ohne jedweden Anlass in den Rücken gestochen. Ob sie die Tat überlebt hat, ist bis heute unbekannt.
Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den 32 historischen Augsburger Femizid-Fällen. Wenn ich irgendwann dazukomme, schreibe ich zu ihnen einen Extra-Artikel.
FAZIT
Es ließe sich sicherlich noch viel mehr fragen und noch genauer auswerten. An dieser Stelle aber vorläufiges Ende der Berichterstattung. Ich habe alle 1.599 Fälle nicht nur dokumentiert, sondern musste sie auch für diese erste Auswertung immer wieder nachlesen. In meiner Tabelle habe ich unter „Anmerkungen“ neben Quellenangaben auch jeden Femizid bzw. jede Mordmeldung als vollen O-Ton festgehalten. Ich musste mich bei dieser Arbeit innerlich oft abspalten: zu verheerend die Meldungen, zu brutal die Morde an Frauen, zu schrecklich ihre Schicksale, die sie oft tapferst ertrugen. Jemand musste diese Arbeit tun: Jede Frau, die so dem Vergessen entrissen werden kann, zählt.
Hochinteressant wäre auch noch, die „Tötungen auf Verlangen“ genauer anzuschauen oder Doppel-Suizide, die besonders im mittleren 19. Jahrhundert „in Mode“ kamen. Im Jahr 1877 wurde zum ersten Mal in einer Augsburger Zeitung der Begriff „Familiendrama“ verwendet zu einem Mord in München mit drei Toten. 1878 taucht erstmals der Begriff „Lustmord“ auf als Synonym für Vergewaltigungsmorde oder zu Frauen und Mädchen, die zu Tode vergewaltigt wurden.
Es lässt sich aber sagen, dass sich weder Motive noch Tötungsarten über die Jahrhunderte geändert haben. Die sind gleich geblieben. Ebenso die Leiden der Opfer, besonders der Überlebenden. Ich frage mich, wie diesen dank Mittelstreichungen im Gesundheitswesen besonders im Bereich der Psychologie künftig überhaupt langfristig geholfen werden kann. Auch die Frauenhäuser in Deutschland sind am Limit, obwohl sie lebensrettend für betroffene Opfer sein können: „Tausende Frauen und Kinder suchen jedes Jahr Schutz – und finden keinen Platz. Laut Istanbul-Konvention fehlen in Deutschland mehr als 12.000 Frauenhausplätze. […] Sicherheit ist für viele Frauen noch immer kein Grundrecht, sondern Glückssache“, obwohl seit 2025 das Gewalthilfegesetz gilt, das die Bundesländer verpflichtet, ihre Hilfesysteme bis 2036 weiter auszubauen. Bis Ende 2026 müssen die einzelnen Bundesländer Bedarf ermitteln, bevor etwas geschehen kann. Bis dahin muss betroffenen Frauen bei Überfüllung die Tür gewiesen werden: „Solange Frauen vor verschlossenen Türen stehen, hat Deutschland die Istanbul-Konvention nicht nur unterschrieben – sondern auch gebrochen“, bemängelt Rebecca Stringa in ihrem Bericht in Frauen100.[14]
Fehlen rund 12.000 Frauenhausplätze, sind rund 12.000 potenzielle Frauenmörder auf freiem Fuß. Immerhin soll die elektronische Fußfessel für Täter in Deutschland kommen: im Sommer 2026 beschloss der Bundesrat einen Gesetzentwurf dazu.[15] In Spanien wird die diese elektronische Überwachung der Täter seit 2009 erfolgreich eingesetzt: 13.000 Täter sind dieser Art überwacht – seitdem wurde kein einziger Femizid in diesen überwachten Fällen mehr dokumentiert! Allerdings 49 Femizide, die sich außerhalb der Überwachung befanden und in den meisten Fällen doch geschehen, weil Richter:innen die von Tätern ausgegangenen Gefahren falsch einschätzten.[16] Wie viele Frauenleben hätten gerettet werden können, hätte man dieses System bereits 2009 auch in Deutschland übernommen? Somit macht sich die deutsche Regierung bis heute mitschuldig – durch offenbar vermeidbare Tode durch Unterlassen.
In München wurden Frauenverbände aktiv und fordern die Entstehung eines Gedenk- und Informationsplatzes in der Innenstadt für Femizid-Opfer. Ich habe die Orga bereits angeschrieben, weil darin auch die Namen der Münchner Opfer des 18. und 19. Jahrhunderts darauf wieder sichtbar gemacht werden könnten.
Ich wünsche mir für jede Stadt in Deutschland weitere historische Forschung und solche Denkmale.
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Einzelnachweise
[1] Daniela Olivares: Ingolstadt: Prozess um Mord auf offener Straße an Ex-Frau. Artikel vom 15. September 2026, in: https://www.br.de/nachrichten/bayern/ingolstadt-prozess-um-mord-auf-offener-strasse-an-ex-frau,VVBY7KO
[2] Jan Kandzora/Ina Marks: „Mann ohne moralischen Kompass“. Nach Mord an Nina H. muss Gino F. lebenslang hinter Gitter. Artikel vom 16. Juni 2026, in: https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/prozess-in-augsburg-wegen-mord-an-nina-h-gino-f-muss-lebenslang-hinter-gitter-114453004
[3] Die Zeit (Hg.): Versuchter mutmaßlicher Femizid in Stuttgarter Einkaufszentrum. Artikel vom 24. Juli 2026, in: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2026-07/stuttgart-angriff-einkaufszentrum-messer-feuer-ehefrau
[4] Rona Duwe: “Ja, aber nicht alle Männer“. Wie #Derailing zum Schweigen bringt. Artikel vom 17. Februar 2016, in: https://phoenix-frauen.de/ja-aber-nicht-alle-maenner/
[5] Deutsches Institut für Menschenrechte (Hg.): Geschlechtsspezifische Gewalt. Femizide, in: https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/themen/geschlechtsspezifische-gewalt/femizide (2025/aktuell).
[6] European Institute for Gender Equality: Femizid. Beschreibung, in: https://eige.europa.eu/publications-resources/thesaurus/terms/1192?language_content_entity=de
[7] Pressemitteilung des BKA vom 21. November 2025, in: https://www.bka.de/DE/Presse/Listenseite_Pressemitteilungen/2025/Presse2025/251121_PM_BLB_HG_StraftatengegenFrauen2024.html
[8] NORMATTIVA. Il Portale Della Vigente (Hg.): Gesetz vom 2. Dezember 2025, in: https://www.normattiva.it/eli/id/2025/12/02/25G00187/ORIGINAL
[9] Deutsches Institut für Menschenrechte (Hg.): Femizide in Deutschland. Verständnis, Datenlage und Prävention. Berlin 2025, S. 9.
[10] Deutsches Institut für Menschenrechte (Hg.): Femizide in Deutschland. Verständnis, Datenlage und Prävention. Berlin 2025, S. 38.
[11] Ebda.
[12] Ebda., S. 41.
[13] Ebda., S. 42.
[14] Rebecca Stringa: Kein Platz für Sicherheit? Frauenhäuser in Deutschland sind am Limit. Artikel vom 27. März 2026, in: Frauen100 (Hg.): https://www.frauen100.com/post/kein-platz-f%C3%BCr-sicherheit-frauenh%C3%A4user-in-deutschland-sind-am-limit
[15] Bundesregierung (Hg.): Mit elektronischer Fußfessel gegen häusliche Gewalt. Artikel vom 12. Juni 2026, in: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/haeusliche-gewalt-fussfessel-2394530
[16] Terre des Femmes, Artikel vom 23. Oktober 2025, in: https://frauenrechte.de/aktuelles/detail/keinen-schritt-naeher-aber-einen-schritt-weiter-in-richtung-frauenrechte
