Schrödingers Chopin: Warum Chopin in Augsburg war und doch nicht

Um mich bei der gewaltigen Hitze zu zerstreuen, die in meinem Dachkabuff für über 36°C auch dank fehlender Wanddämmung gesorgt hat (nota bene: 2016 war nicht einmal das Dach isoliert), kam mir in meiner zufälligen YouTube-Wiedergabe die wundervolle Chopin-Nocturne op. 27 Nr. 2 – interpretiert von der ebenso wundervollen Maria João Pires – unter und damit eine Idee: War Chopin eigentlich je in Augsburg? Zum Hitzesudern und Nachdenken – Schrödingers Katze war mit am Werk – und Schreiben dieses Texts lief sein Werk jedenfalls in Dauerschleife. Hört es euch beim Lesen des Nachfolgenden ebenfalls gerne an:


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Dass Chopin nicht der ‚Erfinder‘ der polnischen Musik-Romantik ist, weiß man seit etlichen Jahren: Es war die in St. Petersburg an der Cholera gestorbene Pianistin und Komponistin Maria Szymanowska (1789–1831) als eine Wegbereiterin. Um sie soll es heute aber nicht gehen, doch dieser Umstand mit der Cholera 1831 ist hier von hoher Bedeutung.

Flucht aus der Heimat

Frédéric Chopin flüchtete am 2. November 1830 aus seiner Heimat Polen. Einerseits aus beruflichen Gründen, weil er in Warschau für seine zwar höchst erfolgreich aufgeführte Musik keine Zukunft sah – das Non-Plus-Ultra waren Paris und St. Petersburg –, und andererseits, weil die politischen Verhältnisse in Polen freiheitsmäßig so aussichtslos waren, dass sich St. Petersburg als Ort des Aufschwungs ohnehin ausschloss: der sog. Novemberaufstand bzw. Polnisch-Russische Krieg, der am 29. November 1830 begann, brachte für Polen die komplette Abhängigkeit von Russland samt Umerziehung und Russifizierung mit Aufhebung der polnischen Verfassung, Aufhebung der Presse- und persönlichen Freiheit – was auch der Ukraine heutzutage im Fall einer Kriegsniederlage und jedem anderen angegriffenen und überrannten Land drohen würde. Auch noch in den 1860er Jahren wurden katholische Bischöfe von den Russen verschleppt und ermordet, wurde die polnische Sprache als Amtssprache auch in Schulen verboten, Pogrome gegen Juden nahmen stark zu. Abertausende Polen flohen daher in den Westen, wo man sie aufnahm und ihnen in der Regel half, wo es nur ging, und dadurch eine Art Polen-Manie ausbrach, die zu Chopins Karriere bedeutend beitrug.

Zu seiner Biografie möchte ich hier nicht näher eingehen, sondern mich auf die Zeit um 1830/31/32 konzentrieren.

Was nicht in der Wikipedia steht

Auch ich schaue ziemlich als erstes in die Wikipedia, um mich zu einem Thema näher zu informieren (um von da dann weiterzuschauen): Zwar wird in seinem Artikel von seiner Europareise 1830/31 berichtet, erstaunlicherweise ohne jedoch nur ein einziges Mal die Cholera zu erwähnen, die damals in fast ganz Europa verheerend wirkte und ausufernd vielen Menschen das Leben kostete. Fanny Hensel hat sie in Berlin überlebt und schrieb als Dankeschön und zum Gedenken an daran verlorene Menschen ihre so berührende Cholera-Kantate. Deshalb ist es auch ein Wunder, dass Chopin bei seiner Reise übers Land und von Stadt zu Stadt nicht auch draufgegangen ist, besonders bei seiner fragilen eigenen Gesundheit durch wahrscheinlich langjährige und damals sehr verbreitet gewesene Lungentuberkulose, an der auch schon seine jüngste Schwester Emilia im Teenie-Alter starb.

Jedenfalls geht es in neutralem Plauderton in Chopins Wikipedia-Artikel weiter, dass Chopin über Breslau und Dresden zunächst nach Wien reiste und von dort – er verließ Wien am 20. Juli 1831 – über Salzburg und München (Konzert am 28. August 1831) nach Stuttgart (Anfang September).

Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Was dazwischen lag, wird nicht erwähnt, und genau dort komme ich mit meiner Zeitungsforschung ins Spiel. Zu Chopin in Augsburg und Ulm wurde nämlich noch nie geschrieben. War er also nie dort? Oder doch? Ich drösele euch die Reiseverhältnisse dazu auf.

Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei
Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei

Am 29. August 1831 erfolgte im Augsburgischen Intelligenzblatt (zeitweise auch Intelligenz-Zettel) folgende Bekanntmachung (hätte es damals schon eine Corona-Warn-App gegeben mit Einspeicherung der Impfnachweise: Die Leute wären wohl dankbar dafür gewesen):

„Im Namen Sr. Majestät des Königs. Den sämtlichen Behörden wird nachstehend ein Abdruck der unterm 16ten dieses Monats von Seite des k. k. österreichischen Guberniums in Tyrol erlassenen Kundmachung in Betreff der daselbst angeordneten Vorsichts=Maaßregeln gegen das Eindringen die Cholera morbus mitgetheilt, um nicht nur das Publikum, insbesondere aber den Handelsstand davon geeignet zu verständigen, sondern auch um Jenen, welche Behufs der Durchreise nach Tyrol über die bayerischen Gränzen hereinpassiren wollen, nur dann den Eintritt zu gestatten, wenn sie sich mit den nöthigen, alle Formalitäten genau erfüllenden Ausweisen versehen haben. Augsburg am 24. August 1831.“
Des Weiteren folgen ausführlichste Tipps zu solchen Vorsichtsmaßregeln:
„1.) Menschen und Thieren, sie mögen wo immer herkommen, wird der Eintritt in die Provinz Tyrol und Vorarlberg nur gegen legalen Gesundheits=Paß, die Einfuhr der Waaren aber nur gegen legalen Reinheits=Paß bis auf weitere Bestimmung gestattet.
2.) Diese Gesundheits= und Reinheits=Pässe müssen nebst der Unterschrift des ausfertigenden Amtes, und eines angestellten Arztes auch mit deren Amts=Siegel versehen seyn.
3.) Menschen, Thiere und Waaren, welche aus den mit der Cholera angesteckten, oder derselben verdächtigen Orten und Gegenden kommen, müssen sich überdies über die bestandene Kontumaz [Quarantäne] und Reinigung legal ausweisen [die Pässe mussten zuvor ebenso vom Amt validiert werden]. […]
6.) Da es dem ungeachtet gelingen kann, daß sich Menschen auf heimlichen Wegen einschleichen, so wird ferner die genaueste Handhabung dieser Verordnung nicht nur allen Land=Gerichten und Magistraten eingeschärft, sondern es wird nebstdem auch den Gemeinde=Vorstehern, und in abgelegenen Weilern und Häusern allen Bewohnern überhaupt zur strengsten Pflicht gemacht, alle fremden Personen […] sogleich anzuhalten, und nach Umständen entweder über die Gränze zurückweisen, oder aber zur weitern Untersuchung an die nächste politische Obrigkeit unter der nöthigen Vorsicht zu begleiten. Vorzüglich sind in dieser Beziehung herumirrende Personen, Hausierer, Karrenzieher, Bettler etc. genau zu beobachten, und mit aller Strenge nach Maaßgabe der gegenwärtigen Verordnung zu behandeln. Innsbruck am 16. August 1831.“[1]

Mehr oder weniger gewappnet

In Augsburg herrschte noch keine Panik, denn die Cholera war noch nicht angekommen. Aber man war äußerst wachsam, denn bereits Ende Juli 1831 hatte sich in Augsburg eine Cholera-morbus-Commission in der Residenz gegründet, die „fest entschlossen [ist], die Brechruhr weder in die Stadt noch in den Kreis zu lassen. Im ganzen Kreise werden alle Judenquartiere beschrieben, in denselben fleißig visitirt, ob keine heimlichen Juden sich dort aufhalten, und alles Sachdienliche vorgekehrt, um von dieser Seite eine Importation des Uebels zu verhüten.“[2]

Karikatur eines Mannes, der sich vor der Cholera schützen will © Wellcome Collection, Attribution (CC BY 4.0)
Karikatur eines Mannes, der sich vor der Cholera schützen will © Wellcome Collection, Attribution (CC BY 4.0)

Die alte Mär von den Juden als ‚Brunnenvergifter‘ war unterschwellig immer vorhanden und nun wieder emporgeschürt. Das Augsburger Tagblatt hielt sich weiter aber tapfer gegen den Antisemitismus in der Stadt und schrieb: „Wir sind überzeugt, daß kein Vernünftiger einer solchen durchaus unterwiesenen Sage Glauben schenken wird; wir erlauben uns aber die dringende Bitte an sämmtliche Behörden, die größtmögliche Sorge zu tragen, daß solche Nachrichten nicht unter dem Volke ausgestreut werden können, ja den Verbreitern sogar nachzuforschen und sie zu bestrafen. Die Sicherheit und die Ruhe des Landes erheischen dringend diese Vorsorge, da wir ja wissen, daß sogar Unruhen auf dem Grund dieser Ausstreuungen entstanden sind.“[3]

Im Juni hatte die Cholera Preußen erreicht. Chopin reiste dort hindurch, als die Hölle dort noch nicht los war. Im April 1831 wurden in Moskau und Warschau die Theater geschlossen, sodass auch Schauspieler:innen des deutschen Theaters in Moskau arbeitslos wurden.[4] Für Chopin deshalb ein weiterer Grund, die Oststaaten zu meiden.

Pfuideibel

Die hygienischen Bedingungen in Augsburg (und anderswo) waren so verheerend, dass im Tagblatt Folgendes berichtet wurde:

„Lassen wir also unsere Post bei dem alten Thore [hier ist das heute noch existierende Rote Tor gemeint] hereinfahren, und sind wir zufrieden, daß sie nicht hinter der Stadtmauer hereinfährt, denn da könnte sie leicht umwerfen, und die Passagiere mit buchstäblicher Wahrheit in Schlamm und Morast legen. Da ist die mephistische Luft zu Hause, da muß die Cholera zuerst ausbrechen, wenn sie zu uns kömmt.“[5]

Man kam dann auf die Idee, ankommende Briefe an den Stadttoren abzufangen, sie zu durchstechen und über Feuer zu räuchern, um sie zu desinfizieren. Bis dahin war noch das Tabakrauchen auf offener Straße verboten. Weil man von der Wirksamkeit der Räucherung aber überzeugt war, führte genau das dafür, dass 1832 das öffentliche Rauchverbot in Augsburg aufgehoben wurde, denn was konnte besser sein, als mit Tabakrauch direkt vor dem Gesicht sich selbst und die einzuatmende Luft damit zu ‚desinfizieren‘?

Im Januar 1832 tauchten im Tagblatt erstmals konkrete Zahlen zu den Cholera-Toten in Wien, Ungarn, Galizien, Böhmen und Mähren auf. In Halle/Saale wurde die ganze Stadt durch die hereingebrochene Cholera buchstäblich gelähmt. In Wien waren bis zum 9. Februar 1832, „im Ganzen erkrankt 4125, genesen 2150, gestorben 1972, in ärztlicher Behandlung geblieben 3.“[6] Wie sich Augsburg gerade so vor dieser grässlichen Welle retten konnte, könnt ihr ausführlich en détail hier bei mir nachlesen – zurück bis zu den ersten Angesteckten, die rigoros in ihrem eigenen Haus eingesperrt wurden.

1-2-3 im Sauseschritt…

Chopin war also der Cholera buchstäblich davongefahren – per Kutsche, denn Eisenbahnbetriebe gab es in Deutschland erst ab 1835. In musikalischem Sinne als sog. Dux (Führer) einer Fuga – die Cholera als Comes (Gefährte) hinterdrein. Zurück zur Ausgangsfrage: War er nun in Augsburg oder nicht? Nun, wo keine Belege, da auch kein Dortsein, oder? So einfach ist es nicht, denn wir wissen noch viel zu wenig oder sind solche Informationen durch unglückliche Umstände verloren gegangen. In einem 2027 erscheinenden Aufsatz im kommenden Maria-Theresia-Paradis-Lesebuch (Böhlau, Hg. Irene Suchy) erläuterte ich die Reisesituation für 1783:

Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

In dieser Zeit gab es nämlich noch die Sparte der Ankommenden Reisenden und Herrschaften im Augsburger Intelligenzblatt, wodurch Maria Theresia Paradis für einen einzigen tatsächlichen Aufenthalt im Dezember 1783 dort belegbar ist (ein zweiter Aufenthalt im Spätsommer dieses Jahres ist nun definitiv ausschließbar). Diese Sparte gab es so teilweise auch im Augsburger Tagblatt, aber nicht (mehr) für das Jahr 1831. Diese zuvor in mehreren Jahren regelmäßig hintereinander veröffentlichten Sparten waren interessen- oder platzabhängig: Je nach Verleger flog diese Sparte raus oder wurde wieder reingesetzt. Kriegs- oder Seuchenmeldungen verdrängten solche Reisendenmeldungen in der Regel, weil Erstere für die Bevölkerung wichtiger waren. Letzteres war für dieses Jahr der Fall.

Aufschlüsselung

Daher folgende drei Punkte, die einen Aufenthalt Chopins in Augsburg zwar nicht direkt belegen, aber dass er dort gewesen sein muss:

I.
In den letzten Jahren habe ich alle greifbaren Augsburger Zeitungen (derzeit neun) der Zeit zwischen 1746 und 1885 nicht nur auf Musiknachrichten abgegrast (darüber hinaus sind sie noch nicht digitalisiert), denn erst im Verbund auch mit Wetter- und Seuchenmeldungen ersieht man die Lücken, die sich auch für reisende Musiker:innen auftun. Kein Chopin weit und breit darin. Denn: Es gibt auch Lücken in den Jahrgängen dieser Zeitungen, obwohl Augsburg als quasi deutsche Hauptstadt der Presseerzeugnisse wahrlich genug davon hatte. Nichts zu Reisenden für das Jahr 1831 im Intelligenzblatt/-zettel. Die Ordinari und die Ordinäre Postzeitung druckten keine Reisenden ab. Für dieses Jahr blieb nur noch die Neue Augsburger Zeitung, in der sich auch ankommende Reisende befinden, aber: Es gab dieses Blatt nur für einen extrem kurzen Zeitraum, der ausgerechnet mit Ende Juni 1831 endet. Somit keine Chopin-Meldung vorhanden. Wäre diese Zeitung krankheitsbedingt nicht eingestellt worden, hätten wir Chopin ganz sicher darin gefunden.

II.
Chopin reiste – wie oben angegeben – relativ schnell, da sein Ziel ja Paris war und er sich nicht auf offizieller Tournee befand mit entsprechend dafür anberaumter Zeit in den angepeilten Städten und im Vergleich mit Maria Theresia Paradis‘ Reise. Die Route Salzburg–München–Augsburg–Ulm–Stuttgart war damals bis heute die schnellste Direktverbindung. Und es war die einzige mit der Postkutsche durchgängig (!) fahrbare Strecke. Die Ausweiche über Ingolstadt und Ansbach wäre ein viel zu großer und auch unlogischer Umweg gewesen. In diesem Fall wäre Augsburg nicht angefahren worden, weil dann Augsburg für diese Station wiederum einen Umweg darstellt. Deshalb spricht die Auswertung der bekannten Postkutschenwege nur für den Weg über Augsburg und Ulm.[7] Die Ulmer Zeitungen sind für Reise- und Musikforschung bis heute völlig vernachlässigt und noch immer nicht digitalisiert. Tragischerweise auch der Augsburger Intelligenzzettel nicht, der besonders für das 18. und frühe 19. Jahrhundert wertvollste und einzig erhaltene Informationen dazu birgt. Aber dafür habt ihr ja mich.

III.
Als Übernachtungsort diente meinen Forschungen am Wahrscheinlichsten die Goldene Traube. Von München bis Ulm oder Stuttgart ohne Halt oder Aufenthalt zu fahren, war nicht üblich und auch an einem Tag nicht zu schaffen. Die Goldene Traube war der Hauptübernachtungs- und -konzertort für einheimische wie durch Augsburg reisende Musiker:innen, weil sie einen expliziten Konzertsaal aufwies, der bei Übernachtung auch ohne weitere Wege durch die Stadt bespielt werden konnte, sofern man sich rechtzeitig polizeilich dafür anmeldete. Das wesentlich teurere Hotel Drei Mohren (heute Maximilian’s) kam für Chopins finanzielle Verhältnisse dieser Zeit eher nicht in Frage. Es verfügte zwar ebenfalls über einen Saal, der aber ‚nur‘ rund 300 Personen umfassen konnte.

Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka

Der große Saal der Goldenen Traube war tatsächlich speziell für Konzertaufführungen um 1770 gebaut worden, verfügte seitwärts über einen kleinen Saal, einen anliegenden Rotunda-Saal, und wenn man dann noch den Speisesaal zusätzlich öffnete, war darin Platz für sage und schreibe 2.200 Menschen – heute unvorstellbare Dimensionen dort, die sich bis nach hinten zum Zeugplatz erstreckten, aber alles über Zeitungen und weitere meiner Dokumentenfunde nachweisbar und notariell damals bereits beglaubigt – bis zum Bau des Münchner Odeons der wohl größte offizielle Konzertsaal der damaligen Welt. Darin spielten auch Clara Schumann und Franz Liszt, wozu ihr hier mit weiteren Belegen nachlesen könnt.

Wenn ein Chopin auch in Augsburg ein Konzert gegeben hat, dann dort. Allerdings existieren in den Augsburger Zeitungen zu einem möglichen Konzert weder entsprechende Ankündigungen noch Rezensionen. Sollte er privat aufgetreten sein, wurde dies in den Zeitungen in der Regel nicht erwähnt. Also auch hierfür kein Chopin zu finden. Chopin hätte zudem entsprechende Empfehlungen mitbringen müssen, das Konzert hätte vorbereitet werden müssen durch Saalreservierung (Musiker:innen hatten die Säle selbst anzumieten), polizeiliche Benachrichtigung im Voraus, und im Nachgang mussten von den Einnahmen 10 % in die städtische Armenkasse eingezahlt werden. Chopin hätte also jemanden vor Ort gebraucht, der oder die wissend war und entsprechend managen konnte. Spontan aufzutreten, war nicht möglich, da die Veranstaltungen in Augsburg so gemanagt wurden, dass sich bis ins späte 19. Jahrhundert so gut wie keine Veranstaltung mit einer anderen überschnitt. Falls doch, gab es empörte Leserbriefe und man gelobte Besserung.

Aus diesem Grund war im Augsburger Theater in der Regel mittwochs und samstags spielfrei – weil diese Tage für Konzerte reserviert waren. Auch dies konnte ich aus den Augsburger Zeitungen dank meiner angefertigten Liste mit rund 11.500 Einzelaufführungen im Theater am Lauterlech und im heutigen Staatstheater nachweisen, wozu ihr hier bei mir ausführlich belegt und mit Statistiken versehen nachlesen könnt. Wer nur schnell auf Durchreise ist, plant all dies nicht. Anders Clara Schumann, die ihre besten Freundinnen Emilie und Elise List und ihre Schülerin Käthchen Then in Augsburg vor Ort hatte, die ihre Konzerte dort organisierten, wozu ihr hier bei mir ebenfalls nachlesen könnt. Wenn Chopin also nicht dringend – wie Clara Schumann als eben erst zur Witwe gewordene Ehefrau – Geld brauchte, hat er in Augsburg nicht konzertiert, zumal das Honorar für seinen Auftritt in München gegebenenfalls gereicht haben dürfte, um in Augsburg nicht auch gleich wieder spielen zu müssen.

Clara Schumann 1857, fotografiert in München von Franz Hanfstaengl © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Clara Schumann 1857, fotografiert in München von Franz Hanfstaengl © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Wer allerdings nicht vorhatte, in Augsburg aufzutreten, übernachtete eher im Weißen Lamm. Dort nächtigte zwar Wolfgang Amadé Mozart am 22. Oktober 1777; sein Konzert im heute nicht mehr existenten privaten Fuggersaal kam über eine private (!) Einladung dorthin zustande, während der Saal der Goldenen Traube ein öffentlicher Konzertort war. Mozart konnte sich den Aufenthalt im Weißen Lamm eigentlich nicht leisten und ging mit Schulden von dannen.[8] Wer im Weißen Lamm übernachtete, spielte in der Regel in keinem öffentlichen (!) Konzert, auch keine Maria Theresia Paradis, die 1783 ebenfalls im Weißen Lamm übernachtete und ebenfalls privat auftrat – ihr Konzertort ist heute nicht mehr bekannt.[9] Beethoven übernachtete ebenfalls im Weißen Lamm, war damals aber weder eine reisende Sensation noch irgendwie bekannt. Dass das Ehepaar von Schaden ihm eine Auftrittsmöglichkeit organisierte (in der Barfüßerkirche), war also ebenfalls privat aufgezogen.[10]

Fazit

Somit haben wir zwar noch immer eine Lücke zwischen München und Stuttgart – diese Lücke aber nun voll an neuen Überlegungen und Gedanken und dem Fazit, dass Chopin den Weg über Augsburg und Ulm genommen haben muss. Durch Auswertung aller vorhandener Informationen, Querverbindungsüberlegungen und Einkreisen bzw. Ausschluss anderer Möglichkeiten bleibt nur dieser Schluss.

Schrödingers Chopin, der dort war und doch nicht. Mehr ist nicht zu sagen.

Bild zeigt die letzte Fotografie eines leidenden Chopins, der auf einem Stuhl sitzt; hier als Collage von mir mit leicht angepasstem Hintergrund und eine Katze neben ihn gepflanzt
Chopin mit (Schrödingers) Katze, Canva-Collage © Susanne Wosnitzka

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Einzelnachweise
[1] Augsburgisches Intelligenzblatt, Nr. 36, 29. August 1831, S. 76f.
[2] Augsburger Tagblatt, Nr. 207, 30. Juli 1831, S. 899.
[3] Ebda.
[4] Ebda., Nr. 27, 27. Januar 1831, S. 107.
[5] Ebda., Nr. 219, 12. August 1831, S. 947.
[6] Ebda., Nr. 47, 16. Februar 1832, S. 191.
[7] Vgl. Alois von Coulon: Post-Karte von Baiern. München 1810, in: https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-HSS-00000BSB00010994?cq=&lang=de, zuletzt abgerufen am 28. Juni 2026.
[8] Vgl. Sylvia Schreiber: Wolfgang Amadeus Mozart gibt in Augsburg ein Konzert. Was heute geschah – 22. Oktober 1777, in: BR Klassik, Artikel vom 22. Oktober 2020: https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/was-heute-geschah-22101777-mozart-gibt-konzert-in-augsburg-100.html, zuletzt abgerufen am 28. Juni 2026.
[9] Vgl. Marion Fürst: Maria Theresia Paradis. Mozarts berühmte Zeitgenossin, in: Annette Kreutziger-Herr/Melanie Unseld (Hg.): Europäische Komponistinnen, Bd. 4, Köln–Weimar–Wien (Böhlau) 2005, S. 88, zit. nach Ullrich, Hermann: Maria Theresia Paradis‘ große Kunstreise. Durch den Elsaß und die Schweiz nach Paris, in: Österreichische Musikzeitschrift 18 (1963), S. 482. Ullrich gibt dort an, diese Angabe stamme aus einer Abhandlung von Walter Pillich zu Paradis‘ Konzertreisen. Der Legationssekretär der österreichischen Gesandtschaft bei der freien Reichsstadt Augsburg, Ignaz von Büttner, schreibt, es habe ein öffentliches Konzert am 27. Dezember 1783 in Augsburg gegeben. Meinen Recherchen nach war es aber kein öffentliches.
[10] Vgl. Günther Grünsteudel: Beethoven, in: Augsburger Stadtlexikon, Artikel vom 8. September 2009, zuletzt abgerufen am 28. Juni 2026.