Grenzgänge – Wege zum historischen Stadttheater Augsburg

Wertachbrucker Tor © Susanne Wosnitzka
Wertachbrucker Tor © Susanne Wosnitzka

Auf der Trennlinie zwischen Stadt und Vorstadt lässt sich manches entdecken, das einem entlang der Hauptstraßen in die Stadt verborgen bleibt. In meiner Dissertation über die Musikgeschichte der Goldenen Traube spielt auch das historische alte Stadttheater am Lauterlech eine bedeutende Rolle, zu dem ich heute mit euch spazieren will.

Stadttheater und Goldene Traube

In der Goldenen Traube übernachteten die meisten Künstler:innen, die Auftritte im Stadttheater oder in der Goldenen Traube hatten: Letztere bot gleich drei Konzertsäle: Einen kleinen Saal, einen runden – den Rotunda-Saal – und den großen Apollo-Saal, in den bei Festlichkeiten über 1.000 Personen passten, während im Theater „nur“ Platz für rund 900 Personen war. Leider gibt es bis heute keine umfassende moderne Publikation zur Augsburger Theatergeschichte. Diese stückelt sich bislang aus Einzeldarstellungen und historischem Material. Eine hochinformative Quelle zu Anekdoten, Aufführungen, Besetzungen und der Theaterleitung sind Augsburger Tageszeitungen wie zum Beispiel das Intelligenz-Blatt und das Tagblatt, die ich für meine Recherchen der Jahre 1746 bis 1852 auf Musik- und Kulturnachrichten durchforstet habe. In Ersterem wird ersichtlich, welche Künstler:innen wo übernachtet hatten und wann sie angekommen sind; in den anderen Zeitungen gibt es Konzert- und Theaterankündigungen sowie Rezensionen und Rückschauen sowie vielfach Berichte, an denen man ablesen kann, wie sich die Augsburger Theater- und Orchesterlandschaft über Jahrzehnte geformt hat zu dem, was sie heute ist. Dazu später mehr.

Wertachbrucker Tor bis Hexenbrunnen
Kleines Gässle am Wertachbrucker Tor © Susanne Wosnitzka
Kleines Gässle am Wertachbrucker Tor © Susanne Wosnitzka

Heute nehme ich euch mit auf einen Spaziergang, Corona-bedingt hintenrum, auf verschlungenen Pfaden, um Menschen möglichst aus dem Weg zu gehen in dieser Zeit. Wir starten mit dem Wertachbrucker Tor, das einst Teil der mittelalterlichen Wehrmauer war, die sich mit einem Wall und Graben um die gesamte Stadt zog, wovon heute wegen Schleifung und Stadterweiterung nur noch ein kleiner Teil vorhanden ist. Das Wertachbrucker Tor diente auch als Zolltor. Man gelangte über eine hölzerne Brücke, die hochgezogen werden konnte, in die Stadt hinein. 1605 wurde dieses Tor von Elias Holl (1573–1646) – dem bedeutendsten Augsburger Stadtarchitekt – aus- und umgebaut. 1805 zog hier Napoleon Bonaparte (1769–1821) in die Stadt ein. Über die Lange Gasse gelangt man zum Dom und zum Frohnhof, dem damaligen und heutigen Regierungssitz.

Geheimtipp!
Stadtmauer Thommstraße © Susanne Wosnitzka
Stadtmauer Thommstraße © Susanne Wosnitzka

Aber da wir hintenrum gehen, gehen wir ein Stück der Stadtmauer entlang durch das schmale Gässchen am Tor, in dem eine Frau das Buchantiquariat Lesekauz betreibt (Geheimtipp!). Von dort entlang der heutigen Thommstraße gelangen wir zum Fischertor, einem Stadttor aus den 1920er Jahren, lassen aber auch das hinter uns und gehen die Stiegen hinauf (Achtung: derzeit wegen Baufälligkeit gesperrt!) zum längsten erhaltenen Teil der Stadtmauer mit dem sog. Hexenbrunnen. Angeblich erlaubte man Frauen, die als Hexen zum Tod verurteilt worden waren, an dieser Stelle ein letztes Mal zu trinken, bevor man sie dem Henker zur Verbrennung übergab. Der Verbrennungsplatz lag außerhalb der Stadtmauern, weil man die Feuergefahr in der Stadt fürchtete.[1] Der Hinrichtungsplatz lag damals ebenfalls vor den Toren der Stadt; heute befindet sich dort das Curt-Frenzel-Eisstadion.

Lueginsland bis Dahinaus
Gartengewerk beim Lueginsland © Susanne Wosnitzka
Gartengewerk beim Lueginsland © Susanne Wosnitzka

Vom Hexenbrunnen gelangt man zum hübsch gelegenen Lueginsland, einer ehemaligen Befestigungsanlage, in der sich heute eine lauschige Gartenwirtschaft befindet, die bei den Augsburger:innen seit je her sehr beliebt war und ist. Regelmäßig spielten im frühen 19. Jahrhundert dort kleinere Musikgruppen auf, die zum Beispiel aus Prag, Tirol oder Berchtesgaden stammten und Jodler, Zithermusik und Gesang zum Besten gaben, was in der Zeit um 1830 ein musikalischer Modetrend war: Je uriger und „natürlicher“ desto besser. An den Lueginsland schmiegen sich heute an die über Jahrzehnte verwahrloste und baufällige Stadtmauer kleine Privatgärtchen, die mit ihren blühenden Obstbäumen eine kleine Oase bilden, die zum Verweilen auf der Mauer einlädt.

Wie hoch man sich dort befindet, erkennt man am Stadtgraben an der Herwartstraße, der sich unter einem auftut, wenn man die Gärten verlässt. Von dort gelangt man zu einem weiterführenden Teil, zum hinteren Teil von St. Stephan, zum Gallusbergle, das man auch Dahinab nennt. Von da hinab flüchtete einst Martin Luther (1483–1546) 1518 überstürzt aus der Stadt hinaus und durchs nicht mehr vorhandene Stephinger Tor, nachdem er sich der päpstlichen Bulle verweigert hatte, seine in Wittenberg verkündeten und als ketzerisch geltenden 95 Thesen zu widerrufen. Heute ist dieser Gang an der Stadtmauer entlang ein sehr malerischer, lauschiger Weg, der einen direkt zu einer weiteren in Augsburg sehr bekannten, aber versteckt liegenden Figur bringt: Zum steinernen Mann.

Stein auf Stein
Beim steinernen Mann © Susanne Wosnitzka
Beim steinernen Mann © Susanne Wosnitzka

Diese Figur ist eine in historischer Zeit mehrmals vandalierte und vielgeflickte Statue aus Sandstein und rotem Marmor, die den Augsburger Bäcker Konrad Hacker darstellen soll, der einer Legende nach die Stadt vor Einnahme und Plünderung bewahrte: „Während der Belagerung Augsburgs 1634/1635 durch kaiserliche Truppen soll er in größter Hungersnot Brote aus Sägemehl gebacken haben und sich mit den Broten auf der Stadtmauer gezeigt haben, ja sogar Brote in den Graben der Stadt geworfen haben. Dieser Anblick soll die Belagerer so demoralisiert haben, dass sie mit einer Armbrust (nach anderen Quellen mit einer Kanone) nach dem Bäcker schossen, ihm damit einen Arm zerfetzten, aber bald darauf die Belagerung der von Schweden gehaltenen Stadt abbrachen. Der Bäcker soll später an seiner Verwundung gestorben sein.“[2] Wir befinden uns nun an der Außenseite der Stadtmauer und gelangen von dort zur sog. Schwedenstiege, die im 30jährigen Krieg von belagernden Schweden angelegt wurde, die dann auch die Stadt einnahmen. Unten an der Stiege finden wir einen originalen venezianischen Muschelbrunnen, von dem es am Roten Tor einen weiteren gibt. Da Augsburg hervorragende Handelsbeziehungen nach Italien und Venedig hatte, versuchte man, diesen Glanz auch nach Augsburg zu holen.

Wasserkraft

Einen weiteren lauschigen Biergarten findet man im Garten des kleinen und feinen Liliom-Kinos, das im 16. Jahrhundert einst als Brunnenpumpwerk funktionierte. Heute ist es Teil des UNESCO-Welterbes zum Thema Wasser. Dort kreuzen sich sogar zwei Flüsschen: Der Brunnenbach und ein umgelegter Zufluss, der einst die M.A.N.-Werke mitversorgte. Von dort sieht man den Jugendstil-Giebel des schönen alten Stadtbads und die Zwiebeltürme des Rathauses in einem Haus-Ensemble, das mit seinen Palmen auf der Terrasse ein bisschen an einen italienischen Dachgarten erinnert. Diese Bäche und Flüsschen durchziehen die ganze untere Altstadt, die das einstige Handwerksviertel darstellte. Durch die Wasserkraft konnten Maschinen und Wasserräder betrieben werden als Lebensadern der Stadt. Klein-Venedig!

Quergässchen © Susanne Wosnitzka
Quergässchen © Susanne Wosnitzka

Dort kreuzen wir die Straße – den Unteren Graben – und begeben uns in eine der lauschigsten Ecken, zu den vier Quergässchen (die wirklich so heißen) am ehemaligen Rößlebad. Hübsch restaurierte Häuser leiten den Weg zu einem Ort, an dem man ein Echo eines historischen Kawumms bis heute zu hören glaubt: Dort stürzte Salomon Idler – Schuhmacher und Luftfahrtpionier – um 1640 mit einer selbstgebauten Flugmaschine vom Dach eines Schuppens herab und zerquetschte bei der unsanften Landung drei Hühner. Folgt man diesem dritten Quergässchen, so gelangt man zum Lauterlech, dem Ziel unseres kleinen Ausflugs.

So ein Theater!
NORMA-Parkplatz © Susanne Wosnitzka
NORMA-Parkplatz © Susanne Wosnitzka

Denn dort stand einst das alte Stadttheater bei der Jakoberkirche. Diese alte Pilger:innenkirche befindet sich heute auf einer Art Verkehrsinsel. Sie lag einst vor der Stadt, um die dann Häuser zur Versorgung und Unterbringung der Pilger:innen auf dem Jakobsweg, die dann ein eigenes Stadtviertel wurden, um das eine neue Stadtmauer drumherum gezogen wurde. Dort an der Ecke befindet sich ein NORMA-Supermarkt mit einem dahinterliegenden Parkplatz neben der alten ruinösen Augusta-Brauerei. Vom Lauterlechgässchen aus geht’s auf den Parkplatz.

Ein bisschen Grün, ein paar Autos, Wohnhäuser von hinten, Mülltonnen aus Plastik, eine wummernd-tuckernde Klimaanlage als einziges Geräusch. Es ist hässlich dort.

Auf Zeitreise
Katharina Sigl-Vespermann, Joseph Karl Stieler 1828 © Wikimedia.Commons gemeinfrei
Katharina Sigl-Vespermann, Joseph Karl Stieler 1828 © Wikimedia.Commons gemeinfrei

Ich nehme euch an der Hand, schließe meine Augen (ihr auch) und öffne Tür Nr. 3487 meiner Erinnerungen und meines Wissens aus alter Zeit, und aus dem Rhythmus der Klimaanlage wird der heroisch-einstampfende Rhythmus von Vincenzo Bellinis Ouvertüre zur Oper Norma (tolle Eselsbrücke, gell?), die dort am 13. Dezember 1835 erstmals in Gänze aufgeführt wurde unter der Leitung des königl. bayer. Hofkapellmeisters André Hyppolite Chelard (1789–1861) mit der königlich-sardinischen Starsängerin Antonia Vial (1804–?) in der Hauptrolle. Dass sie Auftritte in Augsburg hatte, ist offenbar bislang unbekannt. Antonia Vial hatte in konzertanten Vorträgen im Verbund mit der erst 12jährigen Sängerin und Komponistin Maria Vespermann[3] (1823–1882) und ihrer Tante, der kgl. bay. Hofsängerin Katharina Sigl-Vespermann (1802–1877) einzelne Arien aus Norma bereits zuvor aufgeführt. Letztere befindet sich im Porträt auch in der sog. Schönheiten-Galerie von König Ludwig I. (1786–1868) in Schloss Nymphenburg. Auch zu ihr ist offenbar noch nicht bekannt, dass sie auch in Augsburg gastierte. Das Augsburger Theater wurde damals von August Rothhammer (?–?) geleitet. Tragischerweise lassen sich in seiner Augsburger Zeit einige früh verstorbene Kinder in den Augsburger Zeitungen nachweisen. Seine Frau Nannette (?–?), die als „allgemein geehrte Künstlerin“[4]  mit „anmuthigem Spiel“[5] am Theater wirkte, machte dahingehend so einiges mit.

Reisende Kunst
Vorderseite Stadttheater Augsburg Jakoberstraße © entnommen der Augsburger Skandalzeitung (dort ohne Copyright-Angaben)
Vorderseite Stadttheater Augsburg Jakoberstraße © entnommen der Augsburger Skandalzeitung (dort ohne Copyright-Angaben)

Noch war das Theaterensemble in jener Zeit an sich noch keine feste Einrichtung; der Betrieb des Theaters war noch immer von reisenden Gesellschaften abhängig, die zu jeder Saison ausgetauscht oder – wenn sie gut waren – verlängert wurden. Das Augsburger Stadttheater ging an diesem Platz am Lauterlech aus dem Meistersingerstadel hervor und wurde 1776 als neues Theater eingeweiht. Ein Jahr später schaute sich Wolfgang Amadé Mozart (1756–1791) dort eine Aufführung von Emanuel Schikaneder (1751–1812) an, der zu dieser Zeit zusammen mit seiner Frau Eleonore (1751/52–1821) die Theaterleitung innehatte. Ab dieser Zeit ist deren Zusammenarbeit, die in der Zauberflöte gipfelte, Legende. Auch Giacomo Casanova (1725–1798) nutzte das Theater ausgiebig in seiner Augsburger Zeit, in der er sich von einer Syphilis erholte.[6] Laut Wiki-Artikel war das Stadttheater ein „schlichtes Haus mit vier Eingangstüren und hatte Platz für 900 Besucher. Über dem Parkett befanden sich zwei Ränge sowie eine Galerie, geschmückt mit einem Deckengemälde und einem gemalten Vorhang“.[7]

Zwei Zugänge
Rückseite Stadttheater Augsburg vom Lauterlech aus © entnommen der Augsburger Skandalzeitung (dort ohne Copyright-Angaben)
Rückseite Stadttheater Augsburg vom Lauterlech aus © entnommen der Augsburger Skandalzeitung (dort ohne Copyright-Angaben)

Es muss aber zwei Zugänge gehabt haben: Einen vorne an der Jakoberstraße bei der Kirche und einen zweiten Eingang, den man über den Lauterlech erreichen konnte. Es existieren leider nur wenige historische Außenaufnahmen des Theaters. Mit Hilfe alter Stadtpläne und Fotografien[8] habe ich versucht, die Lage des Stadttheaters und des Lauterlech-Eingangs zu rekonstruieren. Eine historische Zeichnung, die ich abgezeichnet habe, zeigt deutlich den Kirchturm der Jakoberkirche (andere Kirchen im Umkreis gibt es dort nicht) als Anhaltspunkt. Somit muss es sich hier um den Eingang zum Lauterlech handeln, nicht um den sehr eng angelegten Straßeneingang direkt vor der Kirche, an dem es vor und nach Vorstellungen oft zu Kutschenstaus kam und immer wieder Meldungen zu lesen sind, in denen dort zu schnell und Leute über den Haufen gefahren wurden.

Hintereingang Stadttheater Augsburg Lauterlech© Susanne Wosnitzka
Hintereingang Stadttheater Augsburg Lauterlech © Susanne Wosnitzka

Diese von mir nach einem Original angefertigte Zeichnung habe ich in ein aktuelles Foto des NORMA-Parkplatzzugangs gelegt und mit einem historischen Stadtplan verglichen. Die Konturen der in der Zeichnung dargestellten Häuser stimmen mit den Konturen im Stadtplan vom „Hinterhof“ des Theaters überein. Das Halbrund dürfte die Logen gewesen sein, die Bühne im „eckigen“ Teil zur Jakoberstraße hin. Der Kirchturm weist den Weg, wo und ungefähr an welcher Stelle sich der Theaterbau dort befunden hat.

Musiklandschaft Augsburg
Stadtplan 1868. Zeichnung nach Original © Susanne Wosnitzka
Stadtplan 1868. Zeichnung nach Original © Susanne Wosnitzka

Gibt es heute ein philharmonisches Orchester, das das Theaterorchester ist, so gab es in der Zeit um 1830 eine Vielzahl an einzelnen wichtigen Posten, die die Musiklandschaft bereicherten: Die Stadtmusiker spielten hauptsächlich zu Hochzeiten und städtischen Veranstaltungen auf, die in Konkurrenz zur Militärmusik des 4. Chevauxleger-Infanterie-Regiments Prinz Karl standen, da – seit den Napoleonischen Kriegen modern geworden – zünftige Marsch- und Blechmusik bevorzugt wurde, die vor allem in der Schützengesellschaft zum Schießgraben oder in der Schützengesellschaft zur Rosenau regelmäßig aufspielte. Es gab zwar ein Theaterorchester, aber die bürgerliche Musikausübung fand im 19. Jahrhundert hauptsächlich in großen Privatgesellschaften mit Namen Frohsinn, Erheiterung, Cäcilia und Tivoli statt, die ihre Vereinsorte in den Gaststätten wie der Goldenen Traube, dem Börsengebäude oder dem Falken hatten. Dort fanden auch vor allem Ur- und Erstaufführungen statt, wie zum Beispiel Georg Friedrich Händels (1685–1759) Messias als Augsburger Erstaufführung in der Goldenen Traube am 21. März 1836 unter der Leitung von André Hyppolite Chelard, dem Münchner königlich-bayerischen Hofkapellmeister, der in den Jahren 1834 bis 1836 Leiter des Augsburger Theaterorchesters unter der Gesamt-Theaterleitung von August Rothhammer war. Auch dieser Fakt scheint bislang noch nicht in diesem Umfang bekannt zu sein.

Musikalische Gesellschaften

Außerdem hatte sich eine bedeutende Gesellschaft der Musikfreunde aus der Idee von Hofrat Dr. Franz Reisinger (1787–1855) 1833 gegründet, die bis zu sechs Konzerte über das Jahr verteilt in Augsburg anbot, die in der Goldenen Traube ihren Hauptplatz hatten und oft auswärtige Künstler:innen einlud, meist aus der Münchner Hofkapelle „eingekauft“. Zudem spielten „Kleeblätter“, „Terzette“ und „Septette“ in der Stadt in Kaffeehäusern und Gaststätten, die aus städtischen Musikern bestanden und zur Unterhaltung in kleineren Kreisen diente. In diesen Privatgesellschaften produzierte sich auch die Stadt-Elite wie zum Beispiel Ludwig Karl von Schaezler (1800–1861), der hervorragender Flötist war und hin und wieder in Konzerten auftrat. Sänger:innen des Stadttheaters traten in Musikveranstaltungen der Privatgesellschaften auf, in denen man Mitglied sein musste, um Veranstaltungen besuchen zu können. Es bestand aber auch die Möglichkeit, als Gast in eine Gesellschaft eingeführt zu werden. Somit waren diese Veranstaltungen nur halb-öffentlich und nur für die gehobene Bürgerschicht erschwinglich.

Superstars in Augsburg
Sophie Schröder, Lithographie von Joseph Kriehuber 1828 © Wikimedia.Commons gemeinfrei
Sophie Schröder, Lithographie von Joseph Kriehuber 1828 © Wikimedia.Commons gemeinfrei

Ein weiterer Star ihrer Zeit war die Schauspielerin Sophie Schröder (1781–1868), die bereits Ende 1830 in drei Gastrollen in Augsburg zu erleben war: Als Sappho (Franz Grillparzer), als Johanna von Montfaucon (August von Kotzebue) und als Medea (Grillparzer). Da in dieser Zeit aber eine Kunstflaute vorherrschte, „sah [sie] die leeren Bänke im Theater, bestaunte den Kunstsinn der Augsburger, schüttelte den Staub von ihren Füßen und ging.“[9] Sie kam erst später wieder und lebte dann aber längere Zeit in Augsburg.

Eine riesige Begeisterung lösten Gastspiele der Schauspielerin und Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient (1804–1860) aus – sie wohnte als königlich-sächsische Hofsängerin im März 1836 im Hotel Drei Mohren:

Wilhelmine Schröder-Devrient, Charles Auguste Schuler © Wikimedia.Commons gemeinfrei
Wilhelmine Schröder-Devrient, Charles Auguste Schuler © Wikimedia.Commons gemeinfrei

„Letzten Mittwoch Abends fand vor dem Gasthofe zu den drei Mohren nach der gegebenen Oper Norma eine von unserm hiesigen Theater=Orchester zu Ehren der gefeierten Sängerin Mad. Schröder=Devrient veranstaltete sehr gut executirte Serenade statt, welche die Huldigung desselben für diese verehrte Künstlerin auszudrücken bestimmt war. Schon Vormittags bei stattgehabter Probe wurde die geschätzte Frau von dem Orchester mit Trompeten und Pauken feierlichst empfangen.“[10] Theaterleiter August Rothhammer war persönlich nach München gefahren, wo sie derzeit gastierte, und schaffte es, sie für drei Gastvorstellungen nach Augsburg zu holen.[11]

Mimik als stiller Gesang

Am 23. März 1836 sang sie zum ersten Mal die Norma (die damals ein europäischer Superhit war). Am 25. März brillierte sie in ihrer zweiten Gastrolle, als Leonore in Beethovens Fidelio. Am 28. März trat sie triumphal in einer Hosenrolle als Romeo in Bellinis I Capuleti e i Montecchi (Augsburger Erstaufführung!) auf und wurde „vielmal während der drei Darstellungen gerufen. […] Ihr Gesang hat die Kraft, den Metallton, das unnennbare Bezaubernde noch so ganz, aber Etwas hat die Tochter der großen Schröder, was wenig Sängerinnen auf deutschem Boden in solcher Vollkommenheit zu besitzen sich rühmen dürfen. Und dies hohe Etwas, mit den Stempeln der höchsten Vollendung geschmückt, ist ihr Spiel, ist ihre Mimik, ihre geist=, leben= und bedeutungsvolle, von Kunst gebildete, von Wahrheit und Natur unzertrennlich begleitete, von Denkkraft und Scharfsinn in das fast Unerreichbare erhobene Mimik. […] Ihre Mimik ist ein s t i l l e r Gesang. Der Ausdruck ihrer Miene und Gebärden ist das sprechendste Gemälde einer Seele voll des bunten Farbenspieles wechselnder Affekte.“ Sie „sah scheidend die kurze Stätte ihrer Allbezauberung mit den zugeflogenen Lorbeeren der Verehrung bedeckt“ und „schied von uns wie ein schöner Traum.“[12]

Charlotte Birch-Pfeiffer um 1850 © Wikimedia.Commons gemeinfrei
Charlotte Birch-Pfeiffer um 1850 © Wikimedia.Commons gemeinfrei

Besonders beliebt waren auch Schauspiele der Autorinnen Johanna Franul von Weißenthurn (1773–1847) und Charlotte Birch-Pfeiffer (1800–1868), wovon Letztere 1835/36 die Hauptrollen ihrer eigenen Theaterstücke auch in Augsburg selbst spielte! Und die Quote an Werken von Frauen war damals noch etwas höher als die Quote am heutigen Staatstheater Augsburg.

Sehnen eines Parkplatzes

Wie leuchtend, wie begeisternd, wie zauberhaft, wie freudig muss es damals zugegangen sein! Man ging eisern ins Theater, auch wenn die Klagen um zu wenig Licht und zu großer Kälte und Klammheit stellenweise überhandnahmen.

Es ist klamm. Ich öffne meine Augen und sehe statt einer hölzernen Bühne, statt schummrig-wächsern beleuchteter Logen, statt glänzend-beseelter Augen andächtig lauschender Menschen einen hässlichen und nun verschatteten Parkplatz mit Mülltonnen und werde jäh in die Gegenwart gezwungen. Die Klimaanlage wummert. Peng! wird eine Autotür zugeklatscht. Ein leerer Einkaufswagen wird scheppernd über den Hof geschoben. Nichts zeugt an diesem Parkplatz – und auch nicht vorne an der Jakoberstraße – von diesem einstigen musikalischen Juwel an diesem Ort. Nirgendwo findet sich eine Gedenk- oder Informationstafel. Ich schäme mich ein bisschen, wie wenig Wert offenbar in der Stadt auf solch ein sichtbares Wissen gelegt wird. Und Gedächtnis-Tür Nr. 3487 ist nur ein klitzekleiner Teil, nur ein winziger Ausschnitt aus dieser reichhaltigen Geschichte, die bislang in diesen Details noch nicht aufgearbeitet vorliegt.

Handlungsreisende zurück

Hier endet unsere Reise, unser Ausflug nach und durch diesen kleinen Teil Augsburgs. Am 6. Mai hättet ihr dazu in einem Vortrag zu Augsburger Komponistinnen und Musikerinnen noch mehr zu hören bekommen. Es lassen sich darüber hinaus noch viel mehr Komponistinnen als gedacht in Augsburg nachweisen, von denen ich erstmals erzähle! Corona-bedingt aufgeschoben findet das Ganze dann aber voraussichtlich am 1. Februar 2021 im Haus St. Ulrich statt.

Wenn euch dieser Einblick in verborgenes Ausgegrabenes gefallen hat, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr einen kleinen oder vielleicht größeren Obolus in mein Paypal-Spendenkässle geben könntet, das ihr oben rechts auf dieser Seite finden könnt. Und wenn die Zeit wieder reif ist, dann könnt ihr weitere spannende Orte zur Augsburger FrauenMusikKulturGeschichte in einem meiner umfangreicheren Stadtspaziergänge genießen.

Einzelnachweise
[1] Vgl. https://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/Hexenbrunnen (Stand: 21.04.2020).

[2] Vgl. https://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/SteinernerMann (Stand: 21.04.2020).

[3] Sie trug am 2. Dezember 1835 zwei ungenannte Lieder vor, die bislang offenbar unbekannt sind.

[4] Augsburger Tagblatt. Nro. 94. Sonntag. 6. April 1834, S. 373.

[5] Augsburger Tagblatt. Nro. 116. Montag. 28. April 1834, S. 465.

[6] Bislang sind drei Aufenthalte Casanovas in Augsburg bekannt. Ich kann ihn noch ein viertes Mal in Augsburg nachweisen.

[7] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Staatstheater_Augsburg (Stand: 21.04.2020).

[8] Vgl. https://augsburger-skandal-zeitung.blogspot.com/2016/04/als-hitler-das-augsbuger-theater-umbaute.html (Stand: 21.04.2020).

[9] Augsburger Tagblatt. Nro. 358. Samstag. 31. Dezember 1831, S. 1518.

[10] Augsburger Tagblatt. No. 85. Freitag 25. März 1836, S. 253.

[11] Augsburger Tagblatt. No. 94. Montag. 4. April 1836, S. 287.

[12] Augsburger Tagblatt. No. 93. Samstag 2. April 1836, S. 283.