Traudl Glogger-Prechtl – Augsburger Künstlerin neu entdecken

Wie schreibt man über die großartige, aber fast vergessene Künstlerin Traudl Glogger-Precht, wenn derzeit – im Corona-Shutdown – sämtliche Bibliotheken, Büchereien und andere Kunstinstitute, in denen man anfragen könnte, geschlossen sind und man auch nur wenig Material daheim zur Verfügung hat? Daher ist dieser Blogtext nur ein Versuch einer Rekonstruktion eines reichhaltigen Lebens, das aber genau deswegen noch so viel Spannendes zu entdecken bietet.

Traudl Glogger-Precht aus der Versenkung

Wie findet man so eine fast vergessene Künstlerin? Indem man zum Beispiel Flohmarkt-Besuche als Hobby hat. Bei mir daheim ums Eck findet bzw. fand bislang regelmäßig der samstägliche Flohmarkt auf dem Gelände der Rockfabrik statt. Gerne lasse ich mich dort treiben und habe vor Ort schon meine Lieblingshändler:innen, deren Stände und Waren immer interessant sind – alte Briefe, historische Fotografien und eben Bilder. Das meiste davon ist ausgesprochener Kitsch (wobei Schönheit wie immer im Auge des:der Betrachter:in liegt selbstverfreilich), aber manchmal sticht doch das eine oder andere interessante Ding hervor, das das Auge anzieht.

Traudl Glogger-Prechtl “Ein Hügel” (1967) © Eigentum Susanne Wosnitzka

So geschehen mit einem eher unscheinbar und trist wirkenden Schwarz-Weiß-Bild in schlichtem, künstlich gesilbertem Rahmen, das zusammen mit anderem Krimskrams an einer Zu-verschenken-Ramschkiste lehnte, mir aber gleich gefiel: Eindrücklich, starker Strich, interessante Aufteilung. Da war unten links ein Name angebracht: Glogger-Prechtl und eine mit Bleistift dazugesetzte Unterschrift. Ich googelte und stellte fest, dass diese Frau etwas mit Augsburg zu tun hatte. Bingo, dachte ich und handelte. Für 10 € war es dann das Meine. Wieder daheim machte es mich ganz fuchsig, Traudl Glogger-Prechtl nicht im Augsburger Frauenlexikon zu finden. Ich hing ihr Werk jedenfalls zu meinen anderen Bildern und freute mich darüber.

Twitter bringts ans Tageslicht

Zwei Jahre später. Ein Tweet von Martina von Dannen sorgte heute dafür, dass ich mich jetzt doch dransetzte, etwas über Traudl Glogger-Prechtl zu schreiben, weil ich sofort an meine Bilder dachte, sie zu twittern:

Spärlicher Lebenslauf

Laut einzigem online greifbaren Lexikon wurde Traudl Glogger-Prechtl – Malerin, Zeichnerin und Grafikerin – 1925 in Augsburg geboren und lebte zum Zeitpunkt des Lexikondrucks (2007) dort noch.[1] Sie erhielt ihre künstlerische Ausbildung bei Alexander Rosenlehner (1912–1996), in den Kursen der renommierten Internationalen Sommer-Akademie für Bildende Kunst Salzburg und lernte die Kunst des Radierens bei Johnny Friedländer (1912–1992), der zu den Wegbereiter:innen der modernen Farbradierung gehörte. In seinem Wikipedia-Artikel wird Traudl Glogger-Prechtl als „bedeutende Schülerin“ angegeben – neben u. a. dem bis heute tätigen Regisseur und Fotograf Wim Wenders. Ob Wim Wenders sie persönlich gekannt hatte? 1929 heiratete Traudl Prechtl den Maler und Grafiker Matthes/Matthias Glogger (1914–1981), der seine Karriere in Augsburg als Dekorationsmaler begann und ab 1956 freier Mitarbeiter des Münchner Simplicissimus-Magazins war. Von seinem Kunstschaffen in Augsburg zeugt der Kunstpreis des Bezirks Schwaben, den er 1970 für seine Leistungen erhielt.

Kunst für Augsburg

Traudl Glogger-Prechtl arbeitete u. a. in der Augsburger Antonspfründe, einem ehem. historischen Spital, das nach der Schließung als Altenheim ab 1966 von Augsburger Künstler:innen selbst ausgebaut und gestaltet wurde. Darin befinden sich in historischen Räumlichkeiten mit Gewölbedecken 18 Ateliers. Der Andrang auf diese Kunst- und Arbeitsstätte ist bis heute so groß, dass die Kunstvereinigung Die Ecke am Elias-Holl-Platz hinter dem Rathaus, die das Ganze verwaltet und eine eigene Galerie führt, eine Warteliste führt.[2]

Auch Traudl Glogger-Prechtl war Mitglied dieser Künstler:innenvereinigung, die in Augsburg seit der Zeit um 1900 für regelmäßige Ausstellungen in einer eigenen Galerie hinter dem Rathaus am Elias-Holl-Platz sorgt. Laut Augsburger Allgemeinen müssen die Kunstfeste der Ecke legendär gewesen sein, die besonders in den 1960er/1970er Jahren des allgemeinen Aufbruchs für Furore sorgten. Ob Verbindungen zur Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) mit deren innovativen Entwicklungen bestand?

Schönes nicht ums, sondern ins Eck bringen

Zum 60jährigen Bestehen der Augsburger Kunstgruppe Die Ecke (1967) steuerte Traudl Glogger-Prechtl die einfarbige Lithographie Ein Hügel zu einer Kunstmappe bei, die als limitierte Auflage publiziert wurde.[3] Offenbar zu diesem Anlass wurde dann wohl auch mein Bild dafür hergestellt und vervielfältigt. Auch in der Galerie im Holbein-Haus in Augsburg stellte Traudl Glogger-Prechtl im Jahr 1995 noch Bilder, die sie zwischen 1993 und 1995 geschafften hatte, aus.[4]
Die Stadt Augsburg vergibt seit 1958 jährlich einen Kunstförderpreis. Traudl Glogger-Prechtl wird für die Jahre 1968–1970 aus Preisträgerin der Sparte Bildende Kunst aufgeführt.[5] Eine Bilder-Galerie in der Süddeutschen online[6] zeigt Traudl Glogger-Prechtl beim Arbeiten vor einer Staffelei in ihrer Augsburger Wohnung (wo?), vor einer ganzen Wand voll ihrer Werke und – mit besonders ausdrucksstarkem Blick – vor einem Einzelbild, auf dem sie wohl auch im Selbstporträt erscheint:

Traudl Glogger-Prechtl in einer Reportage der “Süddeutschen” (Screenshot) © Susanne Wosnitzka

Vorbild und verehrte Lehrerin

Im Netz fand ich Martina Ludwig, die in ihrer Kinder- und Jugendzeit langjährige Schülerin von Traudl Glogger-Prechtl war. Ich rief sie an und sie erzählte mir freudig, dass Traudl Glogger-Prechtl ihr „großes Vorbild und persönliche Mentorin“ war und sie ermutigte, eigene künstlerische Wege zu gehen und sich nicht einfach an der Masse zu orientieren.[7] Sie erlebte sie als aufgeschlossene, begeisterte Frau, die selbst andere für Kunst begeistern konnte. Traudl Glogger-Precht war zudem eine große Katzenliebhaberin (Pluspunkt!), die gerne Landschaften zu bizarrer Architektur in verhaltenen Farben kreierte.[8] Für eine umfassendere Biografie Traudl Glogger-Prechtls kann man vielleicht noch viel mehr Weggefährt:innen ausfindig machen. Und natürlich stellen sich Fragen: Wo sind all ihre Werke hin? Existiert noch ein geschlossener Nachlass? Von wem wird dieser verwaltet oder geschützt?

Und vielleicht findet sich ja noch so viel, dass man Traudl Glogger-Prechtl zu Ehren eine Lebenswerk-Ausstellung an den Orten ihres offenbar reichhaltigen und vielseitigen Schaffens gestalten könnte…

Einzelnachweise

[1] K. G. Saur (Hg.): Allgemeines Künstler-Lexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Bd. 56. München-Leipzig 2007, S. 209.

[2] Vgl. https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/kultur/Die-Antonspfruende-eine-Klause-fuer-die-Kuenstler-id56162561.html (Stand: 22.03.2020).

[3] Vgl. https://www.zvab.com/Ecke-Grafikmappe-60j%C3%A4hrigen-Bestehen-Augsburger-K%C3%BCnstlervereinigung/2962158563/bd (Stand: 22.03.2020).

[4] Vgl. http://www.artsngrafix.de/traudlgloggerart.html (Stand: 22.03.2020).

[5] Vgl. https://www.augsburg.de/buergerservice-rathaus/rathaus/preistraeger-und-preise/kunstfoerderpreis (Stand: 22.03.2020).

[6] Vgl. https://www.sz-photo.de/result_webshop/augsburg-kunstszene-50er-und-60er-jahre—reportage-von-gert-maehler/dossier-1.742951 (Stand: 22.03.2020).

[7] Vgl. http://www.maras-welt.com/malerei.html (Stand: 22.03.2020).

[8] Vgl. K. G. Saur 2007.

Vergessene Kulturschätze – Fürstin Daschkoff

Erstmals veröffentlicht am 22. März 2017 auf Facebook

Ekaterina Nikolaevna Khilkova (1827- ca. 1876), Frauenmalschule in St. Petersburg um 1855. © https://de.pinterest.com/ustava51/всё-русское-живопись-люди-архитектура/
Ekaterina Nikolaevna Khilkova (1827- ca. 1876), Frauenmalschule in St. Petersburg um 1855. © https://de.pinterest.com/ustava51/всё-русское-живопись-люди-архитектура/

Ein Bild, das mich heute besonders berührt hat: Es zeigt eine Malschule für Frauen in St. Petersburg, gemalt von Ekaterina Nikolaevna Khilkova (1827–ca. 1876) um 1855, mit Dank an Female Artists in History.

Ich liebe ja dieses helle Smaragdgrün, diese alte Bonbonfarbe, und Lichtspiel in Bildern. Man beachte auch den Hintergrund mit den Beispielen an klassischen griechischen Säulentypen, und ganz hinten im anderen Raum eine Kopie der berühmten Laokoon-Gruppe (noch mit dem alten Arm). Hochgebildete Frauen in diesem Raum, die sich mit diesen Kulturen auseinandersetzen und darüber im Gespräch sind.

Vergessene Kulturschätze – Fürstin Daschkoff

Warum St. Petersburg? Zum einen regierte noch vor der Zeit dieses Bildes Zarin Katharina II. (die Große, 1729–1796), die für ihren Kunstsinn berühmt war. Sie hatte aber auch eine sehr enge Freundin (Geliebte?), über die heute kaum noch jemand weiß und die man auch nur noch in historischen Nachschlagewerken ein wenig finden kann. Über eine Meldung in „Vergessene Kulturschätze – Fürstin Daschkoff“ weiterlesen