Elegie auf den Abriss des Gögginger Tors | Neufund

Gögginger Tor, kurz vor seinem Abriss 1862 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Elegie auf einen Abriss. Viele Augsburger:innen warteten im 19. Jahrhundert freudig darauf, ihre Stadt in die Zukunft geführt zu sehen. Nicht nur Augsburg wurde erleuchtet durch die Genialität von Ludwig August Riedinger (1809–1879), sondern auch buchstäblich mindestens halb Europa durch seine Technik der Gasbeleuchtung. Wiederkehrende Weltausstellungen in München, Paris und London erweiterten den Horizont technischer Art immens und auch die Vorstellungskraft, was noch alles kommen möge in der Zukunft. Man wollte Helle, Weite, Luft und Raum zum Atmen. Das sah man vielerorts durch Stadtmauern begrenzt, die dann um 1850 auch nicht mehr die großen Seuchen wie die Cholera abhielten, auch in Augsburg[1] – im Gegensatz zur Zeit um 1832 – tödlich zu wirken.

Todbringende Technik

Zur Todbringerin war auch die technische Errungenschaft der Eisenbahn geworden, die nicht nur die Menschen, sondern auch Keime schnell von Stadt zu Stadt brachten. Die Entscheidung, den Bahnhof vom Platz vor dem Roten Tor zum heutigen Ort zu verlegen, brachte auch eine neue Straße mit sich: Das war nicht die heutige bekannte Bahnhofstraße, sondern zunächst die heutige Prinzregentenstraße, die als erste dazu genutzt wurde, die Menschenmengen (die in den Augsburger Zeitungen dazu publizierten Zahlen und Baugeschichte habe ich festgehalten) in die Stadt zu bringen. Diese stauten sich allerdings stets an den Toren, da dort strenge Einreisekontrollen stattfanden. So durfte man zum Beispiel kein außerhalb gekauftes Brot oder Fleischwaren in die Stadt bringen (Letzteres auch wegen Seuchengefahr und vor allem, damit das Geld in der Stadt blieb). Immer lauter wurden die Stimmen, die alten Tore abzureißen und die Stadt für einen modernen Verkehr zu öffnen. Die heutige Bahnhofstraße wurde neu dann angelegt, und mit ihr war der Zustrom der Leute kaum mehr zu bewältigen – abgesehen von den vielen Unfällen mit in/an den Toren durch Kutschen zerdrückten Menschen.

Glanzpunkte
Gögginger Tor, kurz vor seinem Abriss 1862 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Gögginger Tor, kurz vor seinem Abriss 1862 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Liest man die alten Augsburger Zeitungen, so finden sich unfassbar viele Details wie die obigen zum Leben in und mit der Stadt. Und dann findet man bisweilen auch Gedichte – meist auf verstorbene Menschen, aber auch auf Unwiederbringliches wie doch auch liebgewonnene Stadttore, denen man auch weitere Glanzpunkte wie zum Beispiel Aufenthaltsorte berühmter Persönlichkeiten wie Clara Schumann in Augsburg entlocken kann. So fand ich heute diese anrührende Elegie aus unbekannter Feder auf den Fall des Gögginger Tors, der letzte Rest des Gögginger Walls – des Orts, der heute als Königsplatz bekannt ist. Mit dem Abbruch des Tors wurde am 16. Juni 1862[2] begonnen:

Elegie auf das Gögginger Thor

“Du sollst nun fallen, Du geheiligt Thor!
Auch Deine letzte Stunde wird nun schlagen,
Wie sie dem Wall’ der Mauer schlug, die treu
An Dich sich lehnten, fest, und Dich beschützten.

Ein alt Gesetz, das Thore, Mauern einst
Geheiliget, den Schmuck und Schutz der Städte,
Es ist gewichen und der Neuzeit Streben,
Nach Ebnung und nach freierm Laufe, siegte.

So leb denn wohl! Der Jugend Zeuge Du,
Du sahest auch des Mannes herbe Schmerzen,
Als seiner Lieben ird’sche Hülle einst
Der Tod durch Deine weiten Bogen führte.

Augusta’s Söhne manche trauern Dir,
Du sahest ja sie zieh’n zum Leid im Friedhof,[3]
Zur Freude auch, wo Pfeil und Bogen froh
Die Bürger eint bei Becherklang und Liedern.[4]

O daß ein Spiegelbild von Dir, o Thurm,
Von Dir uns würde, vor noch die Zerstörung
Auch Dich berührt, zum Denkmal Deiner Zeit,
Die unverjüngt Dich jetzt hat fallen sehen!

O Vaterstadt, Du theure, blühe fort,
In immer weitern Gränzen Deines Glückes!
Ist Deine Mauer offen auch, sey doch
Der beste Wall die Einigkeit der Bürger!”[5]

Einigkeit und Recht und Freiheit

Die Einigkeit und Vorstellungen nicht nur der Männer, sondern aller Bürgerinnen und Bürger, besonders in einer Friedensstadt, als auch noch heute gültiger Wall gegen Hass, Engstirnigkeit und Anfeindungen jeder Art – ein schöner, zeitloser Wunsch.

Elegie. Augsburger Tagblatt, No. 161. Freitag 13. Juni 1862, S. 1414. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Elegie. Augsburger Tagblatt, No. 161. Freitag 13. Juni 1862, S. 1414. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Update

Während die Abbrucharbeiten am Gögginger Tor weitergingen, starb ein anderer liebgewonnener Geselle: Der Schweizer Riesenbulle Bruno, der als Attraktion auf dem Vergnügungsplatz vor dem Gögginger Tor galt. Mit pathetischen Worten beschreibt das Augsburger Tagblatt dessen Ende, das als Sinnbild zweier Giganten galt:

“Eine europäische Berühmtheit, welche hieher gekommen war, nicht die Stadt zu besehen, sondern von der Stadt besehen zu werden, der berühmte Bruno, der größte Schweizer Riesenochse, wie er sich nannte, hat sich in der Nacht vom 12. auf den 13. d[ieses]. M[ona]ts. mit seinem ungeheuern Gewicht niedergelegt, um sich nie wieder zu erheben. Er hauchte unter dem Beil sein großes Leben in der Nähe des Gögginger=Thorthurmes aus, welcher in den nächsten Tagen auch seinem Ende entgegen geht.”[6]

Das Lied von der Glocke

Das Lied der Glocke des Gögginger Tors (man sieht sie auch auf dem historischen Foto aus dem Jahr 1862!) endete um den 15. Juli 1862. Zumindest an diesem Tag berichtete das Tagblatt von der Abnahme, aber auch dem Alter und der Inschrift der Glocke und wer diese gegossen hatte:

“Die Glocke des Gögginger=Thorthurmes, welche nun das „Reich des Schalles“ verlassen hat, trägt folgende Inschrift: Aus dem Feyr bin ich geflosen Wolff Neidhardt in Augsburg gos mich 1623.”[7]

Wolfgang Neidhardt (1575–1632) arbeitete zusammen mit dem berühmten Bildhauer Adriaen de Vries (1545/46–1626) an Augsburgs Prachtbrunnen und Brunnenbronzen, dem weltbekannten Merkur- und Herkulesbrunnen, die Teil des heutigen UNESCO-Welterbes zum Thema Wasser sind. Dass Neidhardt diese Glocke gegossen hat, ist wohl bislang nicht bekannt. Was mit dieser Glocke geschehen ist, konnte ich auf die Schnelle bislang nicht herausfinden.

Der Abbruch des Gögginger Tors war am 2. August 1862 abgeschlossen.[8]

 

Einzelnachweise

[1] Ein Blogtextbeitrag zur Cholera in Augsburg der 1850er Jahre ist in Arbeit. Dazu ist auch eine Liste der in Augsburger Tageszeitungen aufgefundenen Namen der Cholera-Toten Augsburgs geplant.
[2] Vgl. Augsburger Tagblatt, No. 166, Mittwoch 18. Juni 1862, S. 1461.
[3] Der wohl offizielle Weg der Toten hinaus zu den Friedhöfen an der Hermannstraße (katholisch) und Haunstetter Straße (protestantisch).
[4] Der Platz vor dem Gögginger Tor wurde über viele Jahre genutzt als Vergnügungsplatz, nicht weit entfernt vom unteren Schießgraben (heute Konrad-Adenauer-Allee) bzw. wohl auch mit diesem verbunden. Auf diesem Vergnügungsplatz fanden zuletzt nahezu ganzjährig die diversesten Attraktionen ihren Platz: Von reisenden Menagerien über Sommertheaterbühnen (zum Beispiel der Direktrice Frau Schweiger; mit Tochter Lina, einer Tänzerin) bis hin zu ‘Freakshows’ kleinwüchsiger Menschen und Welt- und Sensationspanoptiken, deren Aufenthalt vom Magistrat abgesegnet worden war. Auch diese Veranstaltungen habe ich in Gänze festgehalten.
[5] Vgl. Augsburger Tagblatt, No. 161, Freitag 13. Juni 1862, S. 1414.
[6] Vgl. ebda., No. 191. Montag 14. Juli 1862, S. 1673.
[7] Vgl. ebda., No. 192. Dienstag 15. Juli 1862, S. 1681.
[7] Vgl. ebda., No. 211. Sonntag 3. August 1862, S. 1835.