Ethel Smyth – Suffragette in München | #femaleheritage

Ethel Smyth um 1880 © gemeinfrei

Ethel Smyth (1858–1944) war ein Kracher. Sie ließ so gut wie nichts anbrennen, war ihrer Zeit voraus, bewegte sich in höchsten und coolsten Kreisen, war musisch wie schriftstellerisch höchstbegabt, war unglaublich mutig, indem sie sich gegen gesellschaftliche Normen und Frauenhasser stellte und dadurch großartiges Neues schuf, darunter ihr The March of the Women, den sie 1910 für die Treffen und Demos der britischen Frauenwahlrechtskämpferinnen zusammen mit der Poetin Cicely Hamilton (1872–1952) verfasst hatte. Dieser Marsch ist in den letzten Jahren bekannter geworden und wird gerne – weil er so wunderbar eingängig ist – mittlerweile wieder besonders zu Veranstaltungen rund um den Internationalen Frauentag gesungen. Auch im Film Suffragette (2015) konnte man einen Teil davon bei einer nachgestellten Demo hören.

Leipzig, ick hör dir trapsen

Ethel Smyth, aufgewachsen in einem Vorort von London in einer Familie der gehobenen Mittelschicht, hatte eine deutsche Nanny, die in Leipzig pianistisch ausgebildet worden war und Klein-Ethel Klavierunterricht gab. Es stellte sich schnell heraus, dass Ethel für Musik besonders begabt war. In ihr reifte die Idee, ebenfalls in Leipzig zu studieren. Aber nicht das Klavierspiel, um Interpretin zu werden, sondern um Komponistin zu werden! Das galt damals als ziemlich aussichtslos, da Frauen aufgrund ihres Geschlechts keine Chance hatten, als Kapellmeisterin einen Job zu bekommen. Was mit ein Grund ist, warum Großwerke von Frauen heute kaum bekannt sind – sie konnten ihre Werke eben nicht einfach mit einem Orchester, dem sie vorstanden, einüben und selbstverständlich aufführen.[1] Sie hätten dazu ein Orchester und einen Konzertsaal anmieten und hätten selbst für Werbung etc. sorgen müssen. Emilie Mayer (1812–1883), die als ‚weiblicher Beethoven‘ einst eine lebende Legende war, konnte das eine Zeit lang, weil sie über entsprechendes Privatgeld verfügt hatte – das dann irgendwann aufgebraucht war, sodass weitere Großwerke wohl deswegen zu Lebzeiten nie auf die Bühnen gebracht wurde.

Idol Clara Schumann

Als Ethel eines Tages Clara Schumann (1819–1896) in einem ihrer Londoner Konzerte 1876 gehört hatte, gab es offenbar kein Halten mehr. Ethel setzte ihren Wunsch durch, indem sie alles bestreikte, was sich für eine feine englische junge Lady gehörte: Kirchgänge, Familienbesuche, Sonntagsspaziergänge. Damit kochte sie ihren Vater mehr oder weniger weich, der von all diesen Ideen nichts wissen wollte. Ihre größte Unterstützerin hatte sie hingegen in ihrer Mutter, und so kam es, dass Ethel Smyth bestens präpariert die große Reise nach Leipzig per Schiff und Eisenbahn antreten konnte – ohne Anstandsdame! In Leipzig fasste sie schnell Fuß, fand aber sehr schnell heraus, dass der Stoff am Konservatorium derart dröge und lustlos unterrichtet wurde, dass sie eine Alternative brauchte. Diese fand sie in keinem Geringeren als Heinrich von Herzogenberg (1843–1900), der zusammen mit seiner Frau Elisabeth (1847–1892, Komponistin/Sängerin/Mäzenin/Pianistin) und weiteren Frauen und Männern 1874 den Bach-Verein gegründet hatte.

Privatstudentin in erlauchtem Kreise

Heinrich von Herzogenberg nahm sie als seine Privatstudentin an, und ab da gings nach oben. Im Haus der von Herzogenbergs ging nicht nur die Crème de la Crème der Leipziger Musikszene ein und aus (zum Beispiel Pjotr Iljitsch Taschaikowski – bei dem sie 1887 Orchesterinstrumentation lernte –, Edvard Grieg, Johannes Brahms und ihr Idol Clara Schumann), sondern es gab auch eine Art Erweckungsereignis: Ethel verliebte sich in Elisabeth! Eine Liebe, die Heinrich von Herzogenberg entweder tolerierte oder ignorierte. Ethel wohnte sogar eine Zeit lang bei den von Herzogenbergs am heutigen Dittrichring.

Erste Werke

Marie Geistinger als Galathée © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Marie Geistinger als Galathée © wikimedia.commons (gemeinfrei)

In ihrer Leipziger Studentinnenzeit entstanden wunderbare Werke wie ihre Suite in E oder ihre Inventionen in D-Dur. 1877/78 verliebte sich Ethel auch in die Schauspielerin Marie Geistinger (1836–1903, später Chefin des Theaters an der Wien), die zu dieser Zeit in Leipzig Gastvorstellungen gab. Daraus resultierte Ethels Geistinger-Sonate, die sie dieser Frau auch offiziell widmete. Im Jahr 2014 hatte die Leipziger Musikhochschule in Aussicht, ein Konvolut an Smyth-Briefen aus deren Studentinnen-Zeit in einer Auktion zu erstehen. Die Hochschule richtete eine Pat:innenschaftsaktion ein, um diese rund 50 Briefe erwerben zu können, was auch gelang. Für den Geistinger-Brief zeichne ich als Patin verantwortlich. Darin schreibt sie ihrer Mutter nach England, wie sehr sie diese Frau schätzte und wie sie mit ihrem Studium vorankam. Aus anderen Briefen geht hervor, dass Ethel unglaublich große Angst vor deutschen Zahnärzten hatte, die damals von Betäubung offenbar noch nicht viel wissen wollten – nur allzu verständlich. Johannes Brahms fand sie übrigens deswegen abstoßend:

„His ways with other women-folk – or to use the detestable word for ever on his lips, ‚Weibsbilder‘ – were less admirable. If they did not appeal to him he was incredibly awkward and ungracious; if they were pretty he had an unpleasant way of leaning back in his chair, pouting out his lips, stroking his moustache, and staring at them as a greedy boy stares at jam-tartlets.“[2]

Brahms zog auch Ethels Nachnamen in den Schmutz, aber daher wissen wir heute auch, wie Smyth ausgesprochen wird: Brahms fand nämlich wortwörtlich, dass sich Smyth auf Deutsch wie eine Schmeißfliege anhören würde.[3]

1882 zog Ethel für einige Zeit nach Florenz, wo es allerdings zum Bruch mit Elisabeth von Herzogenberg kam, da sich der Ehemann von Elisabeths Schwester Julia – Henry Brewster – dort heftig in Ethel verliebt hatte, die sich fast von ihm breitschlagen ließ, worauf es auch zum Bruch zwischen Julia und Henry kam. Unter diesem Bruch mit Elisabeth und einhergehend ihrer verlorenen Liebe zu Elisabeth litt Ethel ihr ganzes Leben lang.

Think big!

Durch den Instrumentierungskurs bei Tschaikowsky wagte sich Ethel nach und nach an große Werke und feierte 1890 mit ihrer Serenade ihr kompositorisches Debüt in England. Während die neue Kunst, der Jugendstil und andere avantgardistische Strömungen, den Geschmack der Welt auf den Kopf stellten, blieb Ethel den musikalischen Traditionen treu und lehnte den Kult um die Veränderung um der Veränderung willen ab.

Die neue Musikrichtung schlug sich in den großen Städten Europas ihre Bahn. Neben Paris, Wien und Berlin war München eines der bedeutendsten Zentren als kreativer Nabel der Kunstwelt. Dort hatte die Kunst bereits seit Jahrzehnten einen großen Sprung vorwärts getan; darunter befanden sich zum Beispiel der oberschwäbische Maler Anton Braith (1836–1905) und der Niederländer Christian Mali (1832–1906), die enge Freunde waren. Deren historisches Atelier, das sie zusammen in München hatten, befindet sich heute aus- bzw. eingebaut im Museum Biberach – ein sehr faszinierendes Stück Zeitgeschichte (wo auch ein Teil von Sophie von La Roches (1730–1807) Leben zu entdecken ist).

Gabriele Münter um 1900 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Gabriele Münter um 1900 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Also ab nach München! „Ab nach München!“, schrieb auch die Künstlerin Gabriele Münter (1877–1962) 1901 in ihr Tagebuch, nachdem sie auf den Münchner Künstlerinnen-Verein und dessen Damenakademie aufmerksam gemacht wurde. Diese private Kunstakademie war nach dem Vorbild der Königlich Bayerischen Akademie der Künste organisiert. Der Verein gehörte – neben Lehranstalten in Karlsruhe und Berlin – zu den ersten für Frauen gegründeten Ausbildungsstätten. Die Kunstliebhaberin, Malerin und Mäzenin Marianne von Werefkin (1860–1938) hatte einen eigenen rosafarbenen Salon, der Künstlerinnen und Künstler wie magisch anzog. Frauen wie Gabriele Münter kamen oft von weit her, weil Frauen der Zugang zu staatlich anerkannten und subventionierten Lehranstalten untersagt war. Manch eine Frau schmuggelte sich als Mann verkleidet in die männlich dominierten Ausbildungsstätten wie zum Beispiel Zofia Stryjenska (1891–1976) aus Polen, um lernen zu können.

Ab nach München!

2014 widmete das Münchner Stadtmuseum all diesen Frauen die absolut sensationelle Ausstellung Ab nach München! Künstlerinnen um 1900, zu der ich zwei begeistert aufgenommene Vorträge mit Musik – zu Ethel Smyth und Vilma von Webenau (1875–1953), allererste Studentin von Arnold Schönberg (1874–1951), in ihren Münchner Zeiten – in Kooperation mit musica femina münchen einbringen konnte.

Aus einem wieder aufkommenden Selbst-Bewusstsein der Frauen formierte sich in München eine sehr frauenbewegte Szene, die begann, sich für die sozialen Rechte der Frauen und auch das Wahlrecht einzusetzen, allen voran Anita Augspurg (1857–1943) mit ihrer Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann (1868–1943) und Ellen Amann (1870–1932).

München um 1880, Blick vom Nockherberg © wikimedia.commons (gemeinfrei)
München um 1880, Blick vom Nockherberg © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Nach München zog es auch Ethel Smyth, um nach all dem Hickhack um Elisabeth von Herzogenberg mal etwas anderes zu sehen und auch, um sich neu inspirieren zu lassen. Ob sie die feministisch bewegten oben genannten Münchnerinnen kennengelernt hat? Als von Kindesbeinen an passionierte Bergsteigerin liebte Ethel diese Nähe der Alpen, das Rauschen der meist grünen Isar, die Stadtmärkte und die auf sie absonderlich wirkenden Barockkirchen im Stadtzentrum. Sie besuchte die Schlösser „of the mad king“ und auch Schloss Berg, weil sie sehen wollte, wo König Ludwig II. ums Leben gekommen war. Sie reiste nicht alleine dorthin, sondern mit einem der bedeutendsten Kunsttheoretiker und -liebhaber ihrer Zeit, Conrad Fiedler (1841–1895), der begeisterter ‚Kini‘-Fan war. Wo genau Ethel in dieser Zeit wohnte bzw. wen sie sonst noch alles in München kennenlernte, ist bis auf wenige bekannte Episoden noch völlig unklar.

Munich mood

Asam-Kirche Sendlinger Straße © Berthold Werner CC BY-SA 3.0 wikimedia.commons
Asam-Kirche Sendlinger Straße © Berthold Werner CC BY-SA 3.0 wikimedia.commons

Jedenfalls war sie von der Munich mood äußerst angetan und erlebte ein fantastic element mit all den Messen, Prozessionen und anderem religiös-katholischen Pomp, was sie so aus England und Leipzig her überhaupt nicht kannte. Ob sie andere kunst- und musikbegeisterte Frauen in ihrer Münchner Zeit kennenlernte, erwähnte sie in ihren Memoiren leider nicht. Die Munich mood hielt eine Zeit lang an, und in dieser Hochphase traf sie auf die Violinistin und Erbin Mary Portman (1877–1931, bis an ihr Lebensende mit der Pianistin Amy Hare [1862–1939] intim liiert). Portman baute sich ein burgähnliches Schloss in den bayerischen Bergen, in dem sich heute das mondäne Hotel Kranzbach befindet. Ob Ethel eine Liebesbeziehung zu Portman hatte, konnte bislang nicht nachgewiesen werden.

München: Hello, it’s me

Während einer Vorstellung im Münchner Residenztheater erspähte Ethel eine ihr von London bekannte Familie: Die Trevelyans. Darunter Pauline, die Ethels Herz stahl. Pauline war streng katholisch erzogen worden; durch ihre Begleitung auch in Gottesdienste erhielt Ethel einen starken religiös angehauchten Impuls. Zusammen mit Pauline besuchte Ethel auch ein Konzert, in dem Ludwig van Beethovens Missa solemnis auf dem Programm stand. Diese steht in der Tonart D-Dur. In Ethel reifte die Idee, es ihm gleichzutun (think always big!). Durch die Liebe zu Pauline Trevelyan und ihr Münchner Umfeld extrem inspiriert, entstand so Ethels Mass in D. Dazu gleich mehr. Mit den Trevelyans reiste Ethel auch um München herum und wurde in Bad Wörishofen von Wasserheiler Sebastian Kneipp (1821–1897) persönlich kalt abgespritzt. Als die Trevelyans weiter nach Cannes/Südfrankreich zogen, wurde justamente Ethel Smyths Wohnung gekündigt, sodass sie nicht mitreisen konnte. Leider ist nicht bekannt, wo das genau war; Ethel konnte sich die Kündigung der Wohnung nicht erklären, schrieb in ihren Memoiren aber, dass ihr Vermieter wohl ein Frauenhasser gewesen sein muss. Sie fand zwar eine neue Wohnung, dies allerdings feucht und duster im Erdgeschoss eines Studentenwohnheims lag. Völlig gestresst und verstört beschloss sie, zurück nach England zu reisen und verließ München krank und abgerissen am zweiten Weihnachtsfeiertag 1889. Von dieser Reise schrieb sie später als „a nightmare return to England“.

Schwelende Ethel

Eugénie de Montijo, Ex-Kaiserin von Frankreich © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Eugénie de Montijo, Ex-Kaiserin von Frankreich © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Die Munich mood schwelte indessen weiter; zur Erholung reiste Smyth noch einmal in den Süden, denn sie kannte dort familienbedingt Ex-Kaiserin Eugénie von Frankreich (1826–1920) persönlich und konnte so ihre Messe in D unter deren behütenden Schwingen sowie auf Korfu weiter ausarbeiten. Über deren Vermittlung konnte Ethel ihre Messe in D dann auch Queen Victoria persönlich auf Schloss Balmoral am Klavier vorspielen. Die Queen, die selbst sehr musikalisch gebildet war, fand diese Messe richtig gut. Und so kam es, dass diese am 18. Januar 1893 in der voll besetzten Royal Albert Hall (= 12.000 Zuschauer:innen) mit über 1.000 Mitwirkenden (lange vor Gustav Mahlers sog. Sinfonie der Tausend!) uraufgeführt wurde. Und Ethel saß direkt neben der Queen in der königlichen Loge! Das Werk schlug ein, die Presse überschlug sich.

Ethel hatte es geschafft! Sie war erfolgreichste Komponistin Englands und erfuhr weitere Anerkennungen wie zum Beispiel die Ehrendoktor:innenwürde der University of Durham und Oxford. Bei offiziellen Anlässen dirigierte sie ihre eigenen Werke stets in ihrer Robe. Eine weitere hochbedeutende Ehrung war ihre Ernennung zur Dame Commander of the Order of the British Empire für ihre Verdienste um die Musik. Funfact: James Bond hat denselben Rang inne als Commander des MI6.

Frauen mit Verantwortung

Ethel Smyth bei einem W.S.P.U.-Meeting 1912 © gemeinfrei
Ethel Smyth bei einem W.S.P.U.-Meeting 1912 © gemeinfrei

In dieser Zeit um 1900 nagte aber noch etwas anderes in ihr, etwas, das ihr selbst immer wieder entgegengeschlagen war: Üble Misogynie, die ihr vielfach Steine in den Weg gelegt hatte. Umso mehr war Ethel dann von der Frauenwahlrechtsbewegung angezogen, mit der es verhieß, dieses Übel aus der Welt schaffen zu können. Sie schloss sich den Frauen der Women’s Social and Political Union (W.S.P.U.) unter Vorsitz der gleichaltrigen Emmeline Pankhurst (1858–1928) an und wurde schnell in den vordersten Reihen aktiv. Sie beteiligte sich an den Diskussionen, den Demos und anderen politischen Aktionen. Dafür wurde sie auch verhaftet und eingesperrt. Zusammen mit anderen Mitstreiterinnen, die im Holloway-Gefängnis durch Hungerstreiks teils brutalst zwangsernährt wurden, hielt sich Ethel aufrecht, indem sie mit ihnen den The March of the Women ununterbrochen sang. Ethel gab den Ton an, indem sie ihre Zahnbürste im Takt an ihr Zellengitter schlug. Dieser Marsch und ein Choral von Ethel wurden auch zu den möglichen Lebensrettern von Emmeline Pankhurst, die – laut Briefen an Ethel – nach einem horrenden Tag im Gefängnis nicht mehr leben wollte. Den Marsch und den Choral singend hielt sie in der Nacht bis zum Morgengrauen durch. Was wäre gewesen, hätte die britische Frauenwahlrechtsbewegung ihre Anführerin verloren?

Felsensprengerin, Brückenbauerin, Wegbereiterin

Virginia Woolf 1927 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Virginia Woolf 1927 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Obwohl die politische Arbeit der Frauen noch längst nicht abgeschlossen war, verließ Ethel die Bewegung noch vor dem Ersten Weltkrieg und reiste nach Ägypten, wo sie feststellte, dass etwas mit ihrem Gehör nicht stimmte. Im Lauf der Jahre verlor sie ihr Gehör ganz. In Virginia Woolf (1882–1941), die sich in dieser Zeit mit ihrem Buch A room of one’s own (1929) ebenfalls Gedanken um die Gleichstellung der Frau machte, fand Ethel Smyth eine Gleichgesinnte. Durch ihre autobiografischen Erzählungen brachte Ethel Smyth ein zweites Lebenswerk – ihre Memoiren – nach und nach an die Öffentlichkeit, das von seiner Detailfreudigkeit und Wortgewandtheit her bis heute ein einzigartiges, teils kritisches und bissiges Gesellschaftsportrait darstellt. Aus der Komponistin war eine Literatin geworden.

Sie ließ sich von Woolfs Bloomsbury Group inspirieren, in der Virginias Geliebte Vita Sackville-West (1892–1962) sich auch ausgiebig über Ethels Hörgerät (dessen Batterie so groß wie ein Bierkasten war, die sie auf Rollen hinter sich her zog) und deren Sucht nach extrem großen Hunden lustig machte. Virginia Woolf schrieb allerdings über Ethel Smyth:

„Sie gehört zur Spezies der Pioniere, der Wegbereiter. Sie ist vorausgegangen und hat Bäume gefällt und Felsen gesprengt und Brücken gebaut und so den Weg für jene bereitet, die nach ihr kommen. Deshalb verehren wir in ihr nicht nur die Komponistin und die Schriftstellerin, sondern auch die Sprengerin von Felsen und die Brückenbauerin. In meinem eigenen Beruf, da habe ich keinerlei Zweifel, verdanke ich so mancher stummen und ruhmlosen Ethel Smyth sehr viel.“[4]

Smyth-Festival

Anlässlich ihres 75. Geburtstages wurde Ethel Smyth im Vereinigten Königreich 1933 groß gefeiert: Nach einem Dinner in der Queen’s Hall mit über 300 geladenen Gästen wurde ihre Messe in D unter der Leitung von Sir Thomas Beecham in der wieder ausverkauften Royal Albert Hall aufgeführt. Zu diesem Zeitpunkt war Ethel bereits fast völlig gehörlos und verfolgte das Geschehen gemeinsam mit Queen Mary von der königlichen Loge aus.

Ethel Smyth in Ehrenrobe © gemeinfrei
Ethel Smyth in Ehrenrobe © gemeinfrei

Ethel Smyths Musik geriet nach ihrem Tod – sie starb an einer Lungenentzündung, die sie sich auf dem Boden liegend nach einem Sturz in ihrem Haus zuzog – in Vergessenheit. Erst im Zuge der Zweiten Frauenbewegung Mitte der 1970er Jahre wurde sie nach und nach wiederentdeckt. Die deutsche Erstaufführung der Messe in D fand 1995 im Rahmen der Musikfestspiele Saar in St. Ingbert statt. 2008 fanden zu Ethel Smyths 150. Geburtstag ein mehrtägiges Ethel-Smyth-Festival in Detmold sowie ein mehrtägiges Symposium an der Universität Oxford statt, was den Grundstein legte zur heute nicht mehr bestehenden Internationalen Ethel-Smyth-Gesellschaft.

Abgesehen vom The March of the women und der Messe in D sind ihre weiteren Werke aber nach wie vor nur sehr selten gespielt, darunter auch ein höchst bemerkenswertes Horntrio, das dem von Johannes Brahms in nichts nachsteht. Ihre sechs (!) fantastischen Opern hingegen sind seit ihren Uraufführungen bislang nur wenige Male in Europa aufgeführt worden. Dabei wären besonders The Wreckers (in deren Ouvertüre auch der Marsch erklingt) und The Boatwain’s Mate dafür prädestiniert, auf der Seebühne Bregenz aufgeführt zu werden. Der Dirigent Bruno Walter (1876–1962) war einst von Ethels Opern unglaublich fasziniert gewesen, die jedoch weiter nicht größer angebracht werden konnten, obwohl sich Ethel in Deutschland und Österreich klinkenputzend die Hacken abgelaufen hatte. Was einem Bruno Walter mordsmäßig gefiel, kann ja nicht verkehrt sein.

Krönender Abschluss

Metropolitan Opera 1937 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Metropolitan Opera 1937 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Smyths Oper Der Wald (1902, Libretto: Ethel Smyth, auf Deutsch!) war gar das erste Werk einer Frau, das 1903 in der Metropolitan Opera in New York erklang und sehr positiv aufgenommen worden war.  Erst über 100 Jahre später – 2016 – wurde dort wieder eine Oper einer Frau in der Met aufgeführt: Kaija Saariahos (geb. 1952) Oper L’Amour de loin! Und dazwischen? Kein einziges Werk einer Frau!

In der Ausstellung Ab nach München! 2014 erklangen im Münchner Stadtmuseum neben Smyths Horntrio auch Lieder und andere ‚kleine‘ Werke. Nie hingegen wurde in München Smyths Messe in D aufgeführt. Sie würde sich mit all ihrem Pomp und außergewöhnlichen Erscheinungsbild hervorragend als Auftakt zu einem neuen und prachtvoll-aufatmenden Start des Münchner Musiklebens der Zeit nach der Corona-Pandemie eignen – mit dem spektakulären Credo am Schluss!

Mit Dank an die Organisator:innen der #femaleheritage-Blogparade der Monacensia München, diesen Beitrag miteinbringen zu können.

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Weitere für die Monacensia und #femaleheritage veröffentlichte Blogbeiträge sind:

Clara Schumann hat null Bock. Sidekick: Unbekanntes zu Franz Liszt in Augsburg. Neues zur Konzertorganisation im 19. Jahrhundert in Augsburg und München (veröffentlicht am 9. November 2020)
Politisches Credo in Hosen mit Löwinnen: Ein unbekannter Teil der Frauen(wahl)rechtsbewegung in Paris neu entdeckt mitsamt Emilie Lehmann, unbekannter Frau in Hosen mit politischem Statement der Zeit um 1850 (veröffentlicht am 27. November 2020)
Anna Billmaier, die Schlächterin von München-Haidhausen (veröffentlicht am 2. Dezember 2020)

Lesetipps
♣ Cornelia Bartsch, Rebecca Grotjahn, Melanie Unseld (Hg.): Felsensprengerin, Brückenbauerin, Wegbereiterin. Die Komponistin Ethel Smyth; Rock Blaster, Bridge Builder, Road Paver: The Composer Ethel Smyth. München (Allitera) 2009.
♣ Michaela Brohm: Die Komponistin Ethel Smyth (1858–1944): Ursachen von Anerkennung und Misserfolg. Eine Untersuchung zum Spannungsfeld zwischen biographisch-psychosozialen, werkimmanenten und historischen Faktoren. Berlin (Rhombos) 2007.
♣ Sulamit Sparre: „Man sagt, ich sei ein Egoist. Ich bin eine Kämpferin“. Dame Ethel Mary Smyth (1858–1944). Komponistin, Dirigentin, Schriftstellerin, Suffragette. Lich (Edition AV) 2010.

Einzelnachweise
[1] Vgl. Martina Bick/Susanne Wosnitzka (2019): Und sie spielten, sangen, komponierten und dirigierten doch: Die lange verschwiegenen Frauen in der Musik!, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/und-sie-spielten-sangen-komponierten-und-dirigierten (Stand: 06.12.2020).
[2] Vgl. Ethel Smyth: Impressions that remained. Memoirs in two volumes. London (Longman, Green, & Co.) 1919, S. 264.
[3] Vgl. ebda., S. 265.
[4] Virginia Woolf, aus einer Rede vor der National Society for Women‘s Service 1931.

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