Anna Billmaier, die Schlächterin von Haidhausen | #femaleheritage

Armenhaus Haidhausen. Heute Kulturzentrum Gasteig © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Historische Zeitungen sind nicht nur ein Quell der Freude an längst verschütt gegangenen Nachrichten zu Kunst und Kultur, sondern auch ein Hort der Dokumentation des Bösen wie im Fall der Anna Billmaier in München-Haidhausen 1848.

CN Gewaltverbrechen
Triggerwarnung!

Im Rahmen der Forschungen zu meiner musikwissenschaftlichen Dissertation anhand mehrerer historischer Augsburger Tageszeitungen der Jahre 1746 bis 1852, die national und international berichteten, kam auch eine Fülle an Gewaltverbrechen und vermeidbarer Tode hervor. Unter Ersteren auch eine Menge an – in heutigen Zeitungen gerne genannten – ‚Beziehungsdramen‘; Männer, die ihre Ehefrauen und/oder Kinder aus eigenem Lebensüberdruss umbrachten, aus Eifersucht, kleinem Ego und toxischen Männlichkeitsvorstellungen – die ganze Palette, die man noch heute in solchen Nachrichten findet. In historischen Zeitungen, die aus (pseudo)moralischen Gründen unschickliche Begriffe sonst vermieden, werden solche Morde sehr klar als solche bezeichnet. Das Wort ‚Beziehungsdrama‘ habe ich in keiner der vier von mir lückenlos untersuchten Magazine gelesen.

Kein Pardon

Historische britische Frauenbadebekleidung um 1850 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Historische britische Frauenbadebekleidung um 1850 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Vermeidbare Tode wären zum Beispiel der Tod durch Ertrinken, dem besonders im frühen 19. Jahrhundert viele Frauen zum Opfer fielen, die nicht schwimmen konnten – denen man das Schwimmenlernen aus Schicklichkeitsgründen verweigert hatte, obwohl Frauen immer wieder darum baten: Es gab keine SchwimmlehrerINNEN. Nur Schwimmlehrer. Für diese wäre es ‚unschicklich‘ gewesen, Menschen des anderen Geschlechts im Schwimmen auszubilden. In Augsburg existierte zum Beispiel eine Schwimmschule, die aber ausschließlich militärischen Personen zur Verfügung stand – Männern. Zwar gab es ein paar offizielle Badeplätze an Lech und Wertach, die von Frauen zu meiden waren. Auch in der größten Sommerhitze gab es kein Pardon. Mägde und andere Hausangestellte, die frühmorgens oder nächtens wegen auch schlechter Absicherung, schlechter Straßenverhältnisse und noch vor Einführung der Gasbeleuchtung (1848) im Dunkeln in bewässerte Gräben fielen, hatten oft keine Chance. In reißenderem Gewässer zog man die Leichen der Ertrunkenen aus den Rückhaltegittern von Lech und Wertach. Kinder, die regelmäßig ertranken – das war eben Schicksal. Dabei waren es Tode durch Unterlassen. Man sorgte nicht für ausreichend Schutz, auch wenn sich einzelne Leute in den Zeitungen relativ oft beklagten, warum zum Beispiel der Magistrat noch immer nicht dafür gesorgt hat, dass dieser oder jener Kanal anständig abgedeckt sei oder da und dort noch immer ein festes Geländer fehle.

Der Mädchenschneider von Augsburg

Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Neben solchen Meldungen konnte ich einige wenige Kriminalfälle wie den des Karl Bertle, des sog. Mädchenschneiders von Augsburg als quasi Vorläufer eines Jack the Rippers, rekonstruieren: Über viele Jahre hielt Bertle die Stadt in Atem, der Frauen nachts und in den frühen Morgenstunden anfiel, niederschlug, manchmal auch bewusstlos schlug und fesselte, und ihnen mit einem scharfen Gegenstand in Oberkörper und Arme schnitt. Zu Tode kam nie eine Frau, aber manche von ihnen waren über Monate hinweg arbeitsunfähig, von einer Traumatisierung ganz zu schweigen. Was das in Zeiten ohne soziale Absicherung bedeutete, kann man sich vorstellen. Nach jahrelangem Druck auf die Polizei auch durch die Öffentlichkeit und öffentliche Berichterstattung wurde ein nach dem Weg fragender Mann verhaftet, den man für den Mädchenschneider hielt – eine fatale Fehleinschätzung, was den Mann letztendlich Ruf und Leben kostete.

Umbrüche

Das Jahr 1848 stellte in vielerlei Hinsicht einen Umbruch dar: In diesem Jahr lehnten sich die Bürger:innen gegen die herrschende aristokratische Macht und deren politische und soziale Strukturen europaweit auf. Gegenmaßnahmen führten zu Straßenschlachten von Hamburg, Wien, über Warschau, Mailand und Rastatt, worüber teils sehr detailliert in ihrer ganzen Brutalität in den Zeitungen berichtet wurde. In diesem Jahr erhielt die Stadt Augsburg ihre erste Gasbeleuchtung: Zunächst in nur wenigen Straßen und einzelnen Gaststätten, die sich dann nach und nach durchsetzte. München zog 1850 mit 1.148 Gaslaternen nach. Die Menschen fühlten sich dadurch buchstäblich erleuchtet.[1]

Armenhaus Haidhausen. Heute Kulturzentrum Gasteig © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Armenhaus Haidhausen. Heute Kulturzentrum Gasteig © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Ausgeknipst wurde in München-Haidhausen 1848 hingegen das Leben einer jungen Frau. Nein, nicht ausgeknipst, sondern in so dermaßen brutaler Art und Weise genommen, dass ich – die ich schon wahrlich viel Derartiges in den Zeitungen gelesen hat – besonders bei diesem Fall schaudernd am Schreibtisch saß.

Triggerwarnung

Bitte nehmt die obige Triggerwarnung ernst! Für wen es bis jetzt schon grenzwertig war, sollte jetzt nicht weiterlesen!

Elise Mayerhofer, aus der Münchner Au gebürtig, diente einer Frau Steckermaier in Haidhausen, deren Mann Gänsehändler war, als Magd. Eine weitere Hausangestellte, Anna Billmaier, schlief mit Elise Mayerhofer zusammen in einer Kammer des Steckermaierschen Anwesens. Ende August 1848 tauchte Elise nicht zum Dienst auf. Tage der Ungewissheit später entdeckte Frau Steckermaier unter gellendem Entsetzen etwas Unförmiges im Garten: Den mit einem alten Tuch zugedeckten, grässlichst verstümmelten Leichnam Elisens:

„Die Nebenmagd der in Haidhausen ermordet und zerstückelt gefundenen Magd Elise Mayrhofer soll bereits gestanden haben, daß sie Letztere im Bette erdrosselte und dann in Stücke schnitt. Als Beweggrund zu der schauderhaften That soll sie den Wunsch angegeben haben, sich in Besitz der schönen Kleider der Ermordeten zu setzen.“[2]

Schilderung des Augsburger Tagblatts

„Die Raubmordgeschichte in Haidhausen. Der grausame Raubmord, welcher in dem Hause eines Gänsehändlers in Haidhausen am 28. August Nachmittags geschehen, hat alle Gemüther mit Entsetzen erfüllt. Hier folge eine Geschichte, wie sie aus den besten Quellen erholt werden konnte. Am 31. August entdeckte die Gänsehändlersfrau Steckermaier in Haidhausen Morgens in ihrem Hausgärtchen einen verstümmelten Leichnam mit einem alten Tuch zugedeckt, an welchem sie alsobald mit Entsetzen ihre seit Montag vermißte Magd Elise Mayerhofer, aus der Au gebürtig, erkannte. Die zweite Magd in diesem Hause, eine Zimmerpalierstochter, Namens Billmaier, ein Mädchen von 22 Jahren, welche sich erst 9 Tage im Dienste dieses Gänsehändlers befand, äusserte sich in Muthmassungen aller Art, und Niemand konnte darauf klug genug werden, wie und auf welche Weise der schon in Fäulniß übergegangene, zerstückelte Leichnam in den Winkel dieses Gartens gekommen seyn möge.

Auf die bei der nahen Gendarmerie=Station geschehene Anzeige dieses traurigen Fundes, bewachte ein Gendarm den Leichnam und ein anderer das Haus, aus welchem bis zur Ankunft der Landgerichtskommission Niemand hinein= und Niemand herausgelassen wurde. Um 9 Uhr erschien die Gerichtskommission, besichtigte den schauderhaft zerschnittenen Leichnam, und unternahm den Bewohnern des Hauses ein summarisches Verhör, bei welchem sich die 22jährige Anna Billmaier, die mit der ermordeten Elise Mayerhofer in einer Kammer schlief, zum Erstaunen aller Anwesenden sogleich, und mit einer gewissen Dreistigkeit als die Mörderin bekannte. –

Höchst empörend war das Benehmen dieses weiblichen Ungeheuers, denn als sie noch einmal von einer andern Person gefragt wurde, wer denn diese That begangen haben möge, antwortete die Gefragte unwillig: „Nun, ich habe es euch ja schon gesagt, daß ich sie umgebracht habe, wie oft soll ich es noch sagen?“ – Bei der Obduktion des Leichnams fand sich vor, daß der unglücklichen Person der Kopf, die Arme du Füße von dem Leibe getrennt, die Brüste, der Leib aufgeschnitten und sogar die Zunge aus dem Munde geschnitten war. Auf Befragen, warum die Mörderin den Leichnam so zerstückelt habe, antwortete dieselbe frech: „Wie konnte ich ihn denn sonst in den Korb hinein bringen und aus der Kammer schaffen? Das Messer, mit welchem ich sie zerschnitten habe, könnt‘ ihr unter meinem Bette finden.“ –

Während der gerichtlichen Verhandlung im Hause des Verbrechens ist dasselbe von einer großen Menge Menschen umgeben worden, welche, als sie die Gendarme und Gerichtsdiener zur Abführung der Mörderin ankommen sahen, entrüstet über dieselbe, sich mit Steinen bewaffneten, um dieses weibliche Ungeheuer zu steinigen, welches dieses tadellose Mädchen, nach eigenem Geständnisse, bloß aus Neid über eine wohlverdiente Bevorzugung von der Herrschaft und wegen seiner schönen Kleider hingeopfert haben will.

Am Montag, den 28. August, besuchte Elise ihre Eltern in der Au zur Kirchweih, gegen 4 Uhr kam sie aber wieder zu ihrer Dienstherrschaft, die sich eben nicht zu Hause befand, und die Unglückliche wurde seit dieser Stunde nicht mehr gesehen. Sie legte sich um diese Zeit in der gemeinschaftlichen Schlafkammer zu Bette; diesen Augenblick benützte die Mörderin, erwürgte das unglückliche Opfer mit einem Stricke, und zerstückelte dann den beinahe noch zuckenden Körper dergestalt in 8 Theile, daß die Eingeweide herausfielen, welche sie sammt dem herausgeschnittenen Herzen und der Leber in den Hausbrunnen geworfen hatte.

Die starken Blutspuren suchte die Verworfene mit Sägspänen aufzutrocknen. – Die Mörderin hat keinen guten Leumund, und ist Mutter eines 4jährigen Kindes, das sie in die Kost gegeben. Ganz gleichgiltig und frech ging die Mörderin zwischen den Gendarmen und den Gerichtsdienern vom Orte ihres Verbrechens zum Landgerichte München in den Kerker, während sie sich über die zahlreiche Volksbegleitung unwillig äußerte: „Was denn die Leute hier sehen wollten; an mir können sie sich meinetwegen genug schauen.“ – Schon am Tage ihres Verbrechens verschleppte die Elende die schönen Kleider und die Halskette der unglücklichen Elise.“[3]

Mordmotive von Anna Billmaier

Der Prozess um diesen Mord zog sich noch bis in den Februar 1849. Anna Billmaier wurde zwar zum Tod verurteilt, von König Maximilian II. dann aber zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt.[4] Die Gründe für eine Begnadigung könnten sich ggf. in Prozess- und Verhörakten finden, sofern diese kriegsbedingt nicht zerstört wurden. Mögliches Tatmotiv könnte nicht einfach nur Habsucht gewesen sein, sondern die pure Mordlust. Ein Empfinden, das man bei Frauen als ‚zartes Geschlecht‘ oft von Vorneherein als Motiv ausschloss.[5]

Die Augsburger Zeitungen berichteten vermutlich nur ein ‚best of‘ der Münchner Zeitungen. Wer sich für diese und andere Mordgeschichten interessiert, sollte stets die originalen historischen Schilderungen in der betreffenden Stadt miteinbeziehen. An dieser Stelle können obige Ausschnitte nur als Hinweis zum Weiterforschen dienen.

Forschungsgrundlage

Bis ins Jahr 1851 kamen solche derartig schlimmen Berichte in den Augsburger Zeitungen nicht mehr vor: Erhängte, Erschossene, Ertrunkene – aber nicht mehr auf diese brutale Art und Weise wie im Fall von Anna Billmaier. In jenem Jahr suchte allerdings der Mädchendrossler, ein Mann „von großer Gestalt und bleichen Gesichtes“ – knapp 15 Jahre nach dem Mädchenschneider – Augsburg heim, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Ein Buch mit all diesen heute unbekannten Ereignissen ist angedacht, um besonders auch die Frauenschicksale und Leben der Opfer wieder in Erinnerung zu bringen.

Mit Dank an die Organisator:innen der #femaleheritage-Blogparade der Monacensia München, diesen Beitrag miteinbringen zu können.

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Weitere für die Monacensia und #femaleheritage entstandene Blogbeiträge sind:

Clara Schumann hat null Bock. Sidekick: Unbekanntes zu Franz Liszt in Augsburg. Neues zur Konzertorganisation im 19. Jahrhundert in Augsburg und München (veröffentlicht am 9. November 2020)
Politisches Credo in Hosen mit Löwinnen: Ein unbekannter Teil der Frauen(wahl)rechtsbewegung in Paris neu entdeckt mitsamt Emilie Lehmann, unbekannter Frau in Hosen mit politischem Statement der Zeit um 1850 (veröffentlicht am 27. November 2020)
Ethel Smyth in ihrer Münchner Zeit. Wie sich eine britische Suffragette nicht nur in die Stadt verliebte, sondern im Theater auch in eine Frau

 

Einzelnachweise

[1] Vgl. https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/baureferat/bei-anruf-licht/strassenbeleuchtung-in-muenchen.html (Stand: 01.12.2020).
[2] Vgl. Augsburger Tagblatt, No. 242. Sonntag 3. September 1848, S. 1152f.
[3] Vgl. ebda., No. 244. Dienstag 5. September 1848, S. 1163f.
[4] Vgl. ebda., No. 57. Montag 26. Februar 1849, S. 283.
[5] Vgl. Lydia Benecke: Psychopathinnen. Die Psychologie des weiblichen Bösen. Lübbe, Köln 2018.