Fanny Hensel und die “Cholera-Kantate”

Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Fanny Hensel geb. Mendelssohn (1805–1847) schrieb 1831 im Alter von 26 Jahren ein gut halbstündiges chorsinfonisches Werk, das Oratorium nach Bildern der Bibel, darin auch die Cantate für die Toten der Cholera-Epidemie, die damals über mehrere Jahre in vielen Städten grassierte und die Leute in schiere Panik versetzte.

Wie verheerend die Seuche in Preußen war, schildert zum Beispiel dieser Artikel (Dt. Ärzteblatt, 2007). Wie zum Beispiel das Augsburger Tagblatt berichtet, versuchte man mit allerlei Mitteln und Mittelchen vorzusorgen, von Blutegeln bis Aderlass:

Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Panikvermeidung trotz Cholera

In Städten waren Wirte und Toreinlasser verpflichtet, sämtliche Einreisende zu melden mit Herkunft, Namen, Pass etc. Zeitungsmeldungen zeigten an, wo die Cholera grade besonders grassierte. Briefe von auswärts wurden zum Beispiel in Wien durchstochen und geräuchert, um zu versuchen, damit Keime abzutöten.[1]

In den Städten selbst (Beispiel Augsburg) war die Kanalisationssituation aber nach wie vor verheerend: Vollgeschissene Gassen, in denen tage- und wochenlang der Kot nicht fortgefahren wurde, Stadtkanäle und Wasseranlagen in dümpelndem Zustand. Mehrfach wiesen Zeitungen auf diese inneren Missstände hin, allein der verantwortliche Magistrat kümmerte sich nicht oder kaum:

Augsburger Tagblatt, 1831. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Augsburger Tagblatt, 1831. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Auf eigene Gefahr

Die Gefahr einer weiteren Ver- und Ausbreitung war daher auch oft hausgemacht. Einheimische Augsburger Ärzte reisten in Cholera-Gebiete, um mehr über diese Krankheit zu lernen. Die Gefahr bestand dabei, dass sich Ärzte ansteckten und dann niemand mehr daheim einigermaßen kundig war. Cholera-Kommissionen wurden ins Leben gerufen, die Ursachenforschung und Rettungsmaßnahmen betreiben sollten. Auch kam die alte falsche Mär von Juden als „Brunnenvergiftern“ wieder hoch:

Augsburger Tagblatt. Nro. 207. Samstag. 30. Juli 1831, S. 899: “Hiesiges […] Die große Cholera morbus-Commission hat sich am vergangenen Dienstag zum Erstenmale in der Residenz versammelt, und ist fest entschlossen, die Brechruhr weder in die Stadt noch in den Kreis zu lassen. Im ganzen Kreise werden alle Judenquartiere beschrieben, in denselben fleißig visitirt, ob keine heimlichen Juden sich dort aufhalten, und alles Sachdienliche vorgekehrt, um von dieser Seite eine Importation des [S. 900] Uebels zu verhüten. Eigentlich sollte man den Schacherhandel für die Zeit der Gefahr ganz aufheben. […]”[2]

Ob Letzteres erfolgt ist, wurde nicht weiter angesprochen. Damit wäre Juden die oft einzige Lebensgrundlage entzogen worden.

Antisemitismus

In Augsburg wurde über wenige Jahre das antisemitische Hetzblatt Ahashverus (Bürgler, 1830–1832)[3] publiziert, gegen das die Redaktion des Tagblatts mit Hilfe mehrerer angesehener Bürger anschrieb und Bedenken und Gerüchte über “missliebige” Juden diesfalls zerstreute. Mehrere Artikel zeugen davon, dass die Redaktion des Tagblatts jüdische Menschen als relativ gleichwertig empfand, ihnen zum Beispiel dieselben Handelsrechte wie für christliche Einwohner:innen zugestehen wollte und sie in Schutz nahm.
Eine wohl in dieser Zeit eher seltene Erscheinung…? Dazu weiterzuforschen, wäre interessant und lohnenswert, besonders zur jüdischen Geschichte Augsburgs.

Wie es Fanny Hensel in ihrer Panik und Trauer auch um Freund:innen und Bekannte in Berlin erging, kann man von Edgar Kellenberger erfahren.[4] Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) war eines der ersten Opfer. Dass es prominente Leute wie ihn so früh erwischte, dürfte die Panik in Berlin noch mehr befeuert haben in dieser Gesellschaft, die noch sehr auf unterschiedlich gewertete Stände ausgerichtet war. Fannys Ehemann Wilhelm Hensel (1794–1861) hatte Hegel 1829 gezeichnet.

Cappella Clausura performs Choleramusik, by Fanny Mendelssohn, Eliot Church, Newton, MA March 31, 2019

Dieses Video zeigt den herausragend interpretierten knapp 8-minütigen Teil der Cholera-Kantate und ist nur ein Ausschnitt aus dem 1831 geschaffenen Werk Oratorium nach Bildern der Bibel aus der Feder Fanny Hensels. Es wurde erstmals 1984 durch Elke Mascha Blankenburg (1943–2013) in Köln uraufgeführt. Das Original dieses Werks befindet sich in der Mendelssohn-Sammlung der Berliner Staatsbibliothek. Für Fanny Hensel war eine Aufführung damals nicht möglich gewesen – ihr Vater hatte ihr derartige “unschickliche” Betätigung verboten. Weil sie eine Frau war.

Feministische Forschung macht’s möglich

Elke Mascha Blankenburg war die (Mit)Gründerin des Internationalen Arbeitskreis Frau und Musik e. V. (1979), aus dem das Archiv Frau und Musik hervorging. Ohne diese Gruppe wäre die Erforschung von Fannys Leben und Werk so nicht möglich gewesen.

 

Lektüretipps
Sulamith Sparre: Eine Frau jenseits des Schweigens. Die Komponistin Fanny Mendelssohn-Hensel. Edition AV, Lich 2006.
Eva Weissweiler (Hg.): Fanny Mendelssohn. Italienisches Tagebuch. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1983.
Cornelia Bartsch: Fanny Hensel, geborene Mendelssohn Bartholdy. Musik als Korrespondenz. Furore-Verlag, Kassel 2007.
Beatrix Borchard/Monika Schwarz-Danuser (Hg.): Fanny Hensel. Komponieren zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, Symposionsbericht Berlin 1997. Stuttgart 1999, 2. Auflage Furore-Verlag Kassel 2002.
Ute Büchter-Römer: Fanny Mendelssohn-Hensel. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2001.

[1] Vgl. Augsburger Tagblatt. Nro. 242. Sonntag. 4. September 1831, S. 1039.

[2] Vgl. Augsburger Tagblatt. Nro. 207. Samstag. 30. Juli 1831, S. 899.

[3] Vgl. https://zdb-katalog.de/title.xhtml?idn=024208191 (Stand: 09.03.2020).

[4] Edgar Kellenberger: Fanny Hensel und die Cholera-Epidemie 1831, in: Musik und Kirche 67 (1997), S. 295–303.

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