Erste Feuerbestattung in Breslau, nicht in Dresden?

Offiziell fand die erste Feuerbestattung in Dresden statt. Aber eigentlich in Breslau. Wie das? Wie eine kleine Zeitungsnachricht zu etwas Großem wird. Gestern veröffentlichte ich auf Twitter wieder ein Geschichtsquiz, das von den 89 Teilnehmenden erstaunlicherweise richtig erraten wurde, die tatsächlich auf Breslau tippten:

Hier blättere ich den Thread für besseres Auffinden und Nachlesen noch einmal auf:

Offiziell geschah die erste moderne Verbrennung in einem eigens dafür gefertigten gasbetriebenen Ofen 1874 in Dresden. Dies hatte sich Lady Katherine Dilke für ihre Leiche ausdrücklich auch testamentarisch so gewünscht. Sie starb am 20. September 1874 im Alter von nur 26 Jahren, zwei Tage nach einer Entbindung. Die Einäscherung ihrer Leiche erfolgte am 9. Oktober 1874.[1] So steht es auch im Wikipedia-Artikel zu Feuerbestattung (abgerufen am 21. April 2022).

Reclam in Breslau

Allerdings war dies nicht die erste Verbrennung dieser Art, denn die wirklich allererste fand kurze Zeit vorher offenbar bereits in Breslau statt, wie eine Zeitungsmeldung der Augsburger Neuesten Nachrichten vom 27. September 1874 belegt. Und zwar unter Leitung von Prof. Dr. Karl Heinrich Reclam (1821–1887), der Pionier für diese Bestattungsart war, besonders hinsichtlich wegen besserer Bestattungs- u. Friedhofshygiene in Seuchenzeiten, da 1874 die Cholera besonders stark wieder in München wütete und ca. 1300 Menschen innerhalb weniger Zeit dahinraffte:

Meldung aus Breslau in den Augsburger Neuesten Nachrichten vom 27. September 1874
Meldung aus Breslau in den Augsburger Neuesten Nachrichten vom 27. September 1874

“Breslau, 22. Sept. Bei Gelegenheit der hier tagenden Naturforscher=Versammlung ist unter Leitung des Professors Reclam die erste Verbrennung einer Menschenleiche im Gasofen vollkommen gelungen.”

Meldung zu Vortrag in der Neuen Augsburger Zeitung vom 5. Mai 1874
Meldung zu Vortrag in der Neuen Augsburger Zeitung vom 5. Mai 1874
Pionierarbeit zu heute Selbstverständlichem

Prof. Dr. Karl Heinrich Reclam war der Bruder des Gründers des berühmten Reclam-Verlags, Anton Philipp Reclam. Karl Heinrich reiste viel und hielt auch in Augsburg im großen Saal der Goldenen Traube einen wissenschaftlichen Vortrag am 4. Mai 1874 zu menschlicher Anatomie und Leichenverbrennung auch unter historischen Aspekten.[2] Dadurch schuf er ein breiteres Bewusstsein, stieß aber auf Widerstand besonders der katholischen Kirche, da Leichenverbrennungen als heidnisch und somit ketzerisch erachtet wurden:

“Für Katholiken war eine Einäscherung seit dem Edikt von Paderborn 785 durch Karl den Großen verboten. Begründet wurde dies biblisch; im Alten Testament wird Feuerbestattung als schwere Schande bezeichnet. Zudem sah die Kirche darin eine Leugnung der leiblichen Auferstehung. Erst im Juli 1963 erlaubte der Vatikan auch katholischen Christen Einäscherungen.”[3]

Grundlage für weitere Forschung

Mit diesem neuen Anhaltspunkt zur ersten modernen Feuerbestattung könnte man nun weiterforschen: Existieren in Breslau umfangreichere Zeitungsartikel dazu oder wissenschaftliche Aufzeichnungen und Aufsätze zu dieser Naturforscher-Versammlung und dieser Leichenverbrennung? Wer war der oder die Tote? Lag auch für diese Person/Leiche eine zuvor erteilte persönliche Einwilligung vor oder war sie im Rahmen eines medizinischen Experiments aus der städtischen Anatomie entnommen? War die in Breslau durchgeführte erfolgreiche Einäscherung bzw. das Wissen dazu die Bestätigung für eine Durchführung der Einäscherung in Dresden? Mit welchem gasbetriebenen Ofen erfolgte die Einäscherung? Mit einem sich auch dort befindenen sog. Siemens’schen Ofen? An welchem Tag genau erfolgte dieser Akt?

Mit diesen neuen Fakten ließe sich dann auch der Wikipedia-Artikel sowie viele weitere dazu verfasste Artikel fundiert(er) berichtigen bzw. abändern. Durch Forschung an historischen Zeitungen wird neues Wissen geschaffen und verborgene Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes forensisch ans Licht gebracht. Aber auch neue Fragen, die sich dadurch auftun. Eine immerwährende Entdeckungsfreude.

+++Update+++
Weiterer Hinweis zur Untermauerung gefunden:

Beleg in der Deutschen Gemeinde-Zeitung vom 3. Oktober 1874
Beleg in der Deutschen Gemeinde-Zeitung vom 3. Oktober 1874

“Die zuvor erwähnte erste Verbrennung einer menschlichen Leiche fand bei Gelegenheit der Naturforscher=Versammlung am 22. September Abends 5 Uhr zu Breslau in der städtischen Gasanstalt daselbst im Beisein des königlichen Polizei=Präsidenten Freiherrn v. Uslar=Gleichen, sowie mehrerer Aerzte und Naturforscher statt. Die Leiche einer alten, im Hospital verstorbenen Frau, welche keine Angehörigen hinterläßt, war zu diesem Versuche von der Hospitalverwaltung überwiesen worden. Ueber den Verbrennungsproceß selbst ist vom Breslauer “Tageblatt” auf Wunsch der Herren Prof. Dr. Reclam, Stadtrath Hipauf und Gasanstalts=Direktor Troschel folgende Mittheilung veröffentlicht: “Dienstag, den 22. September, Abends 5 1/2 Uhr, fand in der “Neuen Gasanstalt” in Gegenwart einer großen Anzahl Mitglieder der Naturforscherversammlung die Verbrennung einer menschenlichen Leiche statt. Die Weichtheile waren nach einer halben Stunde zum größten Theile verschwunden, nach einer Stunden waren außer glühenden Knochen nur noch Reste der Leber übrig, welche noch 1 Stunde 10 Minuten zur völligen Verbrennung nöthig machten. Die Zeit der Verbrennung wurden dadurch verlängert, daß die zum Zwecke der Beobachtung in der Thüre angebrachten Oeffnung den Zutritt der Luft und damit abkühlung des Verbrennungsraumes bewirkte. Die Leiche wog 70 1/4 Pfund. Die Ueberreste der weißen Knochentheile hatten ein Gewicht von 3 Pfund.”[4]

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Einzelnachweise
[1] Vgl. Douglas J. Davies/Lewis H. Mates (Hg.): Art. Dilke, Lady Katherine, in: Encyclopedia of Cremation. Routledge 2016, o. Seitenzahlangabe. Hier finden sich Bilder zu ihren sterblichen verbrannten Überresten, die im Stadtarchiv Dresden aufbewahrt werden.
[2] Vgl. Neue Augsburger Zeitung, Nr. 106, Dienstag 5. Mai 1874, S. 675.
[3] Vgl. Internetportal der kath. Kirche: Das sind die Regeln zur Feuerbestattung.
[4] Vgl. Deutsche Gemeinde-Zeitung. Wochenschrift für Deutsches Gemeinde- und Staats-Verwaltungswesen. XIII. Jahrgang Nr. 40, 3. Oktober 1874, S. 251. Mit Dank an Moritz Ernst Jacob (@Hallfiry, Twitter) fürs Rauskruschteln.
In den Augsburger Neuesten Nachrichten vom 11. November 1874 findet sich ein Bericht über die zweite Einäscherung in Dresden, die am 6. November 1874 an der Leiche einer ungenannten 23jährigen Arztgattin erfolgte, die sich eine Verbrennung selbst gewünscht hatte. Ein Vertreter der prot. Kirche ließ sich für seine Anwesenheit entschuldigen, da endgültige gesetzliche Beschlüsse zu Leichenverbrennungen zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorlagen.
Weiter berichtete dieselbe Zeitung am 19. November 1874: “Das sächsische Staatsministerium hat den Beschluß gefaßt, von nun ab keine Erlaubniß zu Leichenverbrennungen mehr zu ertheilen. Bekanntlich haben bisher zwei Leichenverbrennungen dahier stattgefunden, und diese dürften demnach wohl für längere Zeit die letzten in Deutschland, wenigstens im Königreiche Sachsen gewesen sein.”
Zum 1. Dezember 1874 lag dann folgender Beschluss dazu vor, der ebenfalls in den Augsburger Neuesten Nachrichten publiziert wurde: “Das Berliner Polizei=Präsidium hat den eventuellen Antrag auf Gestattung von Verbrennung menschlicher Leichen abgelehnt und dabei hervorgehoben, daß nur das Beerdigen von Leichnamen die Möglichkeit gewähre, Verbrechen zu verfolgen, wenn man vermuthet, daß solche an und mit dem Leichname begangen worden sind. Allem Anscheine nach wird die Leichenverbrennung vorerst in Deutschland keinen Fortgang haben.”