Fanny Hensel – Antisexistin

Ich habe eine Kollegin, die ich noch nie live gesehen habe, aber von Zeit zu Zeit spielen wir eine Art Pingpong miteinander: Molly McCann, eine “advocate for the music of Fanny Hensel” und Schöpferin des wichtigen Projekts HenselPushers. Ihre Passion und Mission ist es, die Musik von Fanny Hensel geborene Mendelssohn Bartholdy (genau, die “Schwester von”) leichter zugänglich zu machen.

Pingpong mit Molly für Fanny

Dazu arbeitet Molly unermüdlich daran, vor allem die Lieder Fanny Hensels nutzbar zu machen, indem sie neue Editionen dazu anfertigt (da Fanny Hensel seit über 70 Jahren tot ist, geht das rechtefrei) und als downloadbare PDF kostenlos zur Verfügung stellt. Also eine weitere Besessene! Dazu muss sich Molly die Originalhandschriften angucken, damit Fehler in anderen Publikationen nicht übernommen werden und keine Plagiate entstehen. Molly gibt das Gesehene und Studierte dann in ein Notensatzprogramm ein. Wie Molly zum Gedächtnis an Fanny Hensel arbeitet, könnt ihr euch hier in diesem YouTube-Interview anschauen.

Fanny Hensels Lieder sind Großteils auf Deutsch verfasst; sie war aber auch bewandert in Französisch, Englisch und Italienisch. Deutsche Sprache, schwere Sprache. Deshalb komme ich an dieser Stelle ins Spiel.

Durch meine Forschungen und mein Wissen zu Fanny Hensel (es gibt noch eine ganz spezielle Verbindung zwischen Berlin und Augsburg, worüber ich noch bloggen werde) kann ich Molly nicht nur textlich beraten, sondern manchmal auch zwischen den Zeilen lesen. Und dann wird’s spannend! Gestern schickte mir Molly wieder einen Link zu einem Google Doc, weil sie Hilfe bei der Textentzifferung brauchte und bei einer Stelle in einer Vertonung nicht nur an der rot eingekringelten Stelle nicht weiterkam – und ich zunächst auch nicht:[1]

Fanny Hensel "Zeigt mir den Weg", Screenshot einer Quelle der Staatsbibliothek zu Berlin
Fanny Hensel “Zeigt mir den Weg”, Screenshot einer Quelle der Staatsbibliothek zu Berlin

Genaugenommen beim Lied Gruß der Geliebten. Dieses Gedicht dürfte Fanny Hensel der Blumenlese aus den Minnesingern (S. 25) entnommen haben, die in Berlin im Jahr 1816 erschienen ist und von Wilhelm Müller (1784–1827) – Mitglied der Berlinischen Gesellschaft für Deutsche Sprache – herausgegeben wurde. Das bekannteste Gedicht von ihm, das ihr bestimmt schon einmal gehört habt, ist Das Wandern ist des Müllers Lust. Wilhelm Müller war enger Freund von Fanny Hensels Ehemann, dem Maler Wilhelm Hensel (1794–1861). Letzteren hatte sie 1821 kennengelernt. Fanny Hensel war stets auf der Suche nach gutem Textmaterial, das sie vertonen konnte. Über viele Gedichte, die sie berührt haben, schrieb und sinnierte sie in ihren Briefen.[2]

Original und Abweichung

Der Gruß der Geliebten lautet in der Blumenlese wie folgt:

Screenshot der digital bei Google Books zur Verfügung stehenden "Blumenlese" © Susanne Wosnitzka
Screenshot der digital bei Google Books zur Verfügung stehenden “Blumenlese” © Susanne Wosnitzka

Von Molly bekam ich Bilddateien mit Scans von Fanny Hensels Originalhandschriften, die zu diesem Lied allerdings einen ganz anderen Text aufwiesen, weshalb die Suche mit Fanny Hensels Text – zumindest gibt es keine Hinweise, dass diesen jemand anderes als sie verfasst hat – zunächst keinen Treffer gab. Daher habe ich dann den Text aus ihrer Handschrift rekonstruiert und kam zu diesem Ergebnis:

Text von "Zeigt mit den Weg", Screenshot © Susanne Wosnitzka
Text von “Zeigt mit den Weg”, Screenshot © Susanne Wosnitzka

Ein Problem ergab sich bei einem Wort in Kombination mit einem Wort davor – dem oben rot eingekringelten. Dank Twitterhelferlein mit der Bitte um Mithilfe bei der Entzifferung[3] kamen wir überein, dass es das Wort “wohl” ohne h sein muss. Und tatsächlich: Fanny Hensel verwendete dieses Wort “wohl” ohne h in ihren Briefen in ihren frühen Jahren recht oft.

Eine Interpretation

Und dann lag dieser Text da, und es ist offensichtlich, dass Fanny aus einem martialisch wirkenden Gedicht aus dem Minnezeitalter eine feine Blüte der Romantik gemacht hat: Anstatt des gebieterischen “Räumt mir den Weg!” wird nach dem richtigen Weg gefragt; das “Und laßt mich ihren keuschen Leib ansehen” wurde durch “und lasset mich ihr holdes Antlitz sehen” ersetzt. Aus dem “ihn” – bezogen auf den Körper der Frau – setzte Fanny ein “sie” und bezieht das auf die Frau als ganzheitliche Person. Und aus einem “mag” setzte sie das wirkmächtigere “will”.

Fanny Hensel, gezeichnet von Wilhelm Hensel © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Fanny Hensel, gezeichnet von Wilhelm Hensel © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Dadurch wandelte Fanny Hensel die Frau im Gedicht von einem polternd begehrten Sexobjekt in eine geliebte und verehrte Persönlichkeit um. Im Instagram-Kanal des mdr klassik kam vor Kurzem die Frage auf, ob man diskriminierende und sexistische Opernlibretti einfach umschreiben dürfe. Darf man und hat Fanny Hensel auch einfach gemacht. Das heißt nicht, dass andere Texte vollkommen gecancelt werden – es gibt dann nur eine nutzbare Alternative mehr.

Fanny Hensel war in ihrer Zeit massiv von Sexismus betroffen: Als Frau war sie oft auf ihren naturgegebenen Körper und auf die dazu angedachten patriarchalen Bestimmungen reduziert worden. Als sie in Rom einem Gottesdienst in der Sixtinischen Kapelle “bei Papstens” beiwohnte, beklagte sie sich hinterher in einem Brief, dass sie als Frau ganz hinten und auch noch hinter einem Gitter zu sitzen habe – damit das männliche Bodenpersonal Gottes nicht auf dumme Gedanken käme.[4]

Sexismus allerorten

Als Frau hatte sie zu kuschen, obwohl nicht sie das Problem war, sondern dieser Sexismus in den Köpfen vieler Männer existierte, die hingegen so frei sein konnten, wie sie wollten. Laut Bestimmung ihres Vaters und auch des Bruders sollte Fanny Hensel Hausfrau und Mutter sein und nichts anderes. Keine öffentlich auftretende und sich feiern lassende Komponistin oder gar Dirigentin ihrer eigenen Werke. Frauen, die öffentlich auftraten, wurde oft der Ruch der Prostitution auferlegt, was sich auch so auswirkte, dass Geistliche verstorbene Schauspielerinnen, die es eh schon schwer genug hatten, nicht in geweihter Erde bestatten wollten. Einige traurig und verstörend zu lesende Tatsachenberichte dazu konnte ich in historischen Augsburger Tageszeitungen des 19. Jahrhunderts finden.

Jedenfalls: Es wurde in diesem Fall ein Texträtsel gelöst und Molly kann nun mit ihrer wertvollen Arbeit an diesem und weiteren Liedern weitermachen. Die oben genannten Unterscheidungen findet ihr dann als Anmerkungen in Mollys neuer Publikation. Ihr findet sie zum daraus Musizieren und Singen bestimmt bald auf Mollys Webseite!

Wenn Ihnen meine Arbeit und dieser Artikel gefallen, freue ich mich über eine Spende via PayPal (Knopf oben rechts). Danke.

Einzelnachweise
[1] Fanny Hensels Werke finden sich digitalisiert im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin, und dieses Werk in den 21 Musikstücken (1840).
[2] Hier empfehle ich von Eva Weissweiler (Hg.): Fanny Mendelssohn. Ein Porträt in Briefen. Frankfurt–Berlin–Wien (Ullstein) 1985, ISBN 3-548-30171-1.
[3] Schaut dazu gerne hier in den Original-Thread auf Twitter (29. Mai 2024).
[4] Vgl. Eva Weissweiler (Hg.): Fanny Mendelssohn. Italienisches Tagebuch. Frankfurt (Societäts-Verlag) 1982, ISBN 3-7973-0392-0, S. 68.

Hilde Firtels blaues Kleid

Indigo © wikimedia.commons (gemeinfrei) Hilde Firtels blaues Kleid
Indigo © wikimedia.commons (gemeinfrei)

„In den Falten meines blauen Kleides
ruht ein matter Duft von deinen Küssen
und es ist, als ob die weiche Seide
deiner Hände Kosen treu bewahrte.

In den Falten meines blauen Kleides
webt Erinn’rung fort an tausend Träume,
die ich dir im Arme einst gesponnen.

Du gingst fort in weite weite Fernen,
mir blieb nichts als namenlose Sehnsucht
stumm drück ich die müdgeweinten Augen
in die Falten meines blauen Kleides.“
Hilde Firtel © Archiv Frau und Musik

Geschichte Hilde Firtels

Vieles ist über die 1991 gestorbene, jüdische, zum Katholizismus konvertierte Autorin, Komponistin, Übersetzerin und Poetin Hilde Firtel nicht bekannt, auch weil eine umfangreiche Biografie bislang fehlt. Sie wurde am 23. Juli 1910 in eine jüdische Familie in Wien hineingeboren. Ihr Vater war Immobilienhändler. Schon als „Hilde Firtels blaues Kleid“ weiterlesen