Der Tanz als Akt des Todes – Alt-Augsburg berichtet

"Analysis of beauty". Stahlstich von William Hogarth um 1800 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
“Analysis of beauty”. Stahlstich von William Hogarth um 1800 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

“Tanzt! Tanzt! Vor allem aus der Reihe!”, findet man hin und wieder auf fröhlich-unbeschwerten Postkarten. In Zeiten der Corona-Pandemie sind Tanz- und andere Lokale geschlossen, in denen man sich bislang feiernd ausgetobt hat, dröge Fitness-Übungen wurden zu Tanzübungen von Jane Fonda bis Zumba. Geselliges Vergnügen war allerdings ein Dorn im Auge der Sittenwächter und hierzulande von religiös-patriarchalen Moralvorstellung geprägt. Einst glaubte man sogar, mit einem Tanz dem Gift der “Taranteln” trotzen zu können. Daraus entstand die sog. Tarantella als Tanzform. Trotz Trennung von Staat und Kirche sind Tanzveranstaltungen an bestimmten christlichen Feiertagen bis heute generell untersagt. Augsburg hatte in alter Zeit ein eigenes Tanzhaus für die Oberschicht, das sich bis zu seinem Abbruch 1632 auf dem damaligen Weinmarkt (heute Moritzplatz) gegenüber der Gaststätte Goldene Traube befand.

Öffentlicher Tanz
Augsburger Tanzhaus im Kilianplan (1626) © Susanne Wosnitzka (gemeinfreier Abdruck)
Augsburger Tanzhaus im Kilianplan (1626) © Susanne Wosnitzka (gemeinfreier Abdruck)

Die niedereren Stände vergnügten sich in den Gaststätten. Jedes besser ausgestattete Lokal hatte einen größeren bis großen Saal, der für Feierlichkeiten und Konzerte aller Art zur Verfügung gestellt wurde, besonders für regelmäßig stattfindende Tanzveranstaltungen, die zum Beispiel im Augsburgischen Intelligenzzettel oder im Augsburger Tagblatt hervorragend dokumentiert sind. Einer der größten und meist genutzten öffentlichen Säle war der sog. Apollo-Saal der Goldenen Traube. Historischen Quellen nach war in der Goldenen Traube Platz für rund 2.200 Personen und in den Ställen für 110 Pferde! Die darin abgehaltenen Ballotage- und Redoutenveranstaltungen (= Faschingsveranstaltungen) waren legendär – teils spielte in jedem der drei nutzbaren Festsäle (Apollo-Saal, Rotunda-Saal und ein weiterer kleiner Saal) ein anderes Orchester zum Tanze auf bis morgens halb acht.

Quell allen Übels

Wie die Liebe in Zeiten der Cholera war auch das Tanzen in Zeiten der Cholera und anderer pestilenzartiger Seuchen eine gefährliche Angelegenheit wegen kurzer Übertragungswege der Keime von Mensch zu Mensch. Sittenwächter nutzten diese Gelegenheiten, um das Tanzen – also Körperlichkeiten an sich generell – und vor allem Bewegungen von Frauen als Quelle allen Übels und der “Verführung” zu deklarieren und Menschen und Völker auch rassistisch als minderwertig darzustellen. So hat sich folgender Bericht eines:r unbekannten Autors:in im Augsburgischen Intelligenzblatt erhalten. Interessant ist auch das Tagesdatum, der 9. November 1789. Ab diesem Tag tagte die verfassunggebende Nationalversammlung der Französischen Revolution im Salle du Manège, in der ehemaligen königliche Reithalle:

Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei
Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei

Augsburgisches Intelligenz=Zettel. Num. 45. Montag den 9. Nov. 1789. [S. 184] […] “(Auf Verlangen eingerückt.) Der Tanz als geselliges Vergnügen. Der Tanz als höchst schädliches Betragen. Der Hang zum Tanz ist so alt, als die Welt. Der Mensch hüpft, und springt in die Höhe, wenn er fröhlich ist, und dieser Ausdruck seiner Gefühle theilt sich unfreiwillig andern mit. Daher ist das Tanzen der Hauptgegenstand der gesellschaftlichen Freude, bei allen, auch den rohsten Nazionen der Erde.

Hand der Grazien

In Afrika, wie in Süd= und Nordamerika tanzen täglich Wölker Schaarenweise nach dem Takt einer elenden Trommel. Bei den wilden, und unkultivirten Nazionen z. B. bei den Ostindern, Arabern, Egyptern u. s. w. besteht das Tanzen meistens in wilden Springen, unzüchtigen Stellungen, und wollüstigen Bewegungen. In Europa hat glücklicherweise die Hand der Grazien und guten Sitten jene Rohheit von unserem geselligen Tanze wegpollirt, und die letztere schmuzzige [sic] Sittenlosigkeit davon verbannt. Der mässige Tanz ist das fröhliche Band der gesellschaftlichen Freuden, der Freund der Jugend worden, und selbst die reinste jungfräuliche Unschuld darf nicht mehr erröthen, daran Theil zu nehmen, und den Ausbruch ihrer Fröhlichkeit öffentlich zu zeigen: Er ist der Weg zur Höfflich= und Gefälligkeit, der Gangwagen für Kinder, Erwachsenen weist er den Weg, aufrecht, und auswärts zu gehen: Er ist der erste Gesellschafter bei jedem Freudenfest, ein Feind des Grams; seine ganze Behandlung ist gesellig, liebreich gefällig: ja selbst von medizinischem Nuzzen [sic] ist er.

Hypochondrisches Dasein
Augsburger Weinmarkt ohne Tanzhaus, 18. Jh. © Susanne Wosnitzka (gemeinfreier Abdruck)
Augsburger Weinmarkt ohne Tanzhaus, 18. Jh. © Susanne Wosnitzka (gemeinfreier Abdruck)

Bewegung, zuweilen selbst heftige Bewegung ist zu Erhaltung unserer Gesundheit unentbehrlich, sonderlich im Winter, wo, Sizzen [sic], und die verdikte [sic] Luft hypochondrisch macht. Nichts ist damit wirksamer, nichts stellt die Munter= und Thätigkeit unserer ganzen Maschine besser wieder her, als von Zeit zu Zeit mässiges, abwechselndes, und nicht zu langsames Tanzen.

Aber möchten doch unsere jungen Freunde, und Freundinnnen bei diesem Genuße nie vergessen, daß man den Becher der Freuden nur langsam, mit kleinen Zügen, und nie ganz austrinken soll, und daß der Tanz, der recht und mässig gebraucht, ihrem Leben Balsam sein könnte, unmässig genossen und gemißbraucht wird, ein sicheres Gift wird, das ihre Gesundheit und Leben mordet, oder doch sicher ihre Schönheit in wenig Wochen verblühend macht.

Abzehrung vorprogrammiert

Ich habe mehr als ein blühendes Mädchen, mehr als einen liebenswürdigen, raschen, feurigen Jüngling, die Freude und Hoffnung Aller als das Opfer eines einzigen wilden Balls, selbst eines einzigen Tanzes langsam abgezehren, ihre noch wenigen übrigen elenden Tage verzweiflungsvoll leben, und ohne Rettung zum Sarge tragen sehen: und es ist ein trauriger Gedanke für mich, indem ich dies schreibe, daß vielleicht manche unsrer jungen Damen, indem sie dies ließt, den Gift schon in ihrem Bußen fühlt, und die Blat[t] mit Thränen nezzet [sic].

Ein Tanz wird hässlich, sobald die Tanzenden die Grazie der Sittlich= und Wohlanständigkeit verlassen, und nicht mehr sanft, und zierlich tanzen. Ein Tänzer kann keine schöne und gefällige Stellung mehr machen, wenn er raset, wie ein trunkner Faun, und ich kenne kein ekleres Bild, als ein junges Mädchen, das wie eine wahnsinnige Bachantin bei ihren Orgyen tanzt.

Erhitzung verdirbt den Charakter!

Durch solch eine Art misfällt [sic] ein junges Mädchen nicht nur allgemein, sondern sie schadet auch ihrer Schönheit unwiederbringlich, weil ihre ganze gesunde Farbe durch solch eine gewaltige Erhizzung [sic] dahin schwelkt [sic], die Haut verdirbt, ihr schöner Reiz erbleicht, und fahl und braune Höfe um ihre hohlen Augen tretten; kömmt noch ein unglüklicher kalter Trunk dazu, so ist das Unglük [sic] vollendet, und das Leben dahin.

Tanzen sie also meine jungen Freunde und Freundinnen mässig, abwechselnd, und nie zu lange, weil der Tanz nur dann wohlthätig ist, wenn er die Kräfte nicht überspannt, und das Blut nicht zu sehr erhizt [sic], und bei Beobachtung dieser kleinen Vorsicht wird ihnen der Tanz nie gefährlich werden, sondern vielmehr können sie dieser kurzen Freude des Lebens sicher bis zur Asche genießen.”

In diesem Sinne: Freuen wir uns also auf achtsame Freudentänze in den Straßen nach der Corona-Pandemie!

Traudl Glogger-Prechtl – Augsburger Künstlerin neu entdecken

Wie schreibt man über die großartige, aber fast vergessene Künstlerin Traudl Glogger-Precht, wenn derzeit – im Corona-Shutdown – sämtliche Bibliotheken, Büchereien und andere Kunstinstitute, in denen man anfragen könnte, geschlossen sind und man auch nur wenig Material daheim zur Verfügung hat? Daher ist dieser Blogtext nur ein Versuch einer Rekonstruktion eines reichhaltigen Lebens, das aber genau deswegen noch so viel Spannendes zu entdecken bietet.

Traudl Glogger-Precht aus der Versenkung

Wie findet man so eine fast vergessene Künstlerin? Indem man zum Beispiel Flohmarkt-Besuche als Hobby hat. Bei mir daheim ums Eck findet bzw. fand bislang regelmäßig der samstägliche Flohmarkt auf dem Gelände der Rockfabrik statt. Gerne lasse ich mich dort treiben und habe vor Ort schon meine Lieblingshändler:innen, deren Stände und Waren immer interessant sind – alte Briefe, historische Fotografien und eben Bilder. Das meiste davon ist ausgesprochener Kitsch (wobei Schönheit wie immer im Auge des:der Betrachter:in liegt selbstverfreilich), aber manchmal sticht doch das eine oder andere interessante Ding hervor, das das Auge anzieht.

Traudl Glogger-Prechtl “Ein Hügel” (1967) © Eigentum Susanne Wosnitzka

So geschehen mit einem eher unscheinbar und trist wirkenden Schwarz-Weiß-Bild in schlichtem, künstlich gesilbertem Rahmen, das zusammen mit anderem Krimskrams an einer Zu-verschenken-Ramschkiste lehnte, mir aber gleich gefiel: Eindrücklich, starker Strich, interessante Aufteilung. Da war unten links ein Name angebracht: Glogger-Prechtl und eine mit Bleistift dazugesetzte Unterschrift. Ich googelte und stellte fest, dass diese Frau etwas mit Augsburg zu tun hatte. Bingo, dachte ich und handelte. Für 10 € war es dann das Meine. Wieder daheim machte es mich ganz fuchsig, Traudl Glogger-Prechtl nicht im Augsburger Frauenlexikon zu finden. Ich hing ihr Werk jedenfalls zu meinen anderen Bildern und freute mich darüber.

Twitter bringts ans Tageslicht

Zwei Jahre später. Ein Tweet von Martina von Dannen sorgte heute dafür, dass ich mich jetzt doch dransetzte, etwas über Traudl Glogger-Prechtl zu schreiben, weil ich sofort an meine Bilder dachte, sie zu twittern:

Spärlicher Lebenslauf

Laut einzigem online greifbaren Lexikon wurde Traudl Glogger-Prechtl – Malerin, Zeichnerin und Grafikerin – 1925 in Augsburg geboren und lebte zum Zeitpunkt des Lexikondrucks (2007) dort noch.[1] Sie erhielt ihre künstlerische Ausbildung bei Alexander Rosenlehner (1912–1996), in den Kursen der renommierten Internationalen Sommer-Akademie für Bildende Kunst Salzburg und lernte die Kunst des Radierens bei Johnny Friedländer (1912–1992), der zu den Wegbereiter:innen der modernen Farbradierung gehörte. In seinem Wikipedia-Artikel wird Traudl Glogger-Prechtl als „bedeutende Schülerin“ angegeben – neben u. a. dem bis heute tätigen Regisseur und Fotograf Wim Wenders. Ob Wim Wenders sie persönlich gekannt hatte? 1929 heiratete Traudl Prechtl den Maler und Grafiker Matthes/Matthias Glogger (1914–1981), der seine Karriere in Augsburg als Dekorationsmaler begann und ab 1956 freier Mitarbeiter des Münchner Simplicissimus-Magazins war. Von seinem Kunstschaffen in Augsburg zeugt der Kunstpreis des Bezirks Schwaben, den er 1970 für seine Leistungen erhielt.

Kunst für Augsburg

Traudl Glogger-Prechtl arbeitete u. a. in der Augsburger Antonspfründe, einem ehem. historischen Spital, das nach der Schließung als Altenheim ab 1966 von Augsburger Künstler:innen selbst ausgebaut und gestaltet wurde. Darin befinden sich in historischen Räumlichkeiten mit Gewölbedecken 18 Ateliers. Der Andrang auf diese Kunst- und Arbeitsstätte ist bis heute so groß, dass die Kunstvereinigung Die Ecke am Elias-Holl-Platz hinter dem Rathaus, die das Ganze verwaltet und eine eigene Galerie führt, eine Warteliste führt.[2]

Auch Traudl Glogger-Prechtl war Mitglied dieser Künstler:innenvereinigung, die in Augsburg seit der Zeit um 1900 für regelmäßige Ausstellungen in einer eigenen Galerie hinter dem Rathaus am Elias-Holl-Platz sorgt. Laut Augsburger Allgemeinen müssen die Kunstfeste der Ecke legendär gewesen sein, die besonders in den 1960er/1970er Jahren des allgemeinen Aufbruchs für Furore sorgten. Ob Verbindungen zur Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) mit deren innovativen Entwicklungen bestand?

Schönes nicht ums, sondern ins Eck bringen

Zum 60jährigen Bestehen der Augsburger Kunstgruppe Die Ecke (1967) steuerte Traudl Glogger-Prechtl die einfarbige Lithographie Ein Hügel zu einer Kunstmappe bei, die als limitierte Auflage publiziert wurde.[3] Offenbar zu diesem Anlass wurde dann wohl auch mein Bild dafür hergestellt und vervielfältigt. Auch in der Galerie im Holbein-Haus in Augsburg stellte Traudl Glogger-Prechtl im Jahr 1995 noch Bilder, die sie zwischen 1993 und 1995 geschafften hatte, aus.[4]
Die Stadt Augsburg vergibt seit 1958 jährlich einen Kunstförderpreis. Traudl Glogger-Prechtl wird für die Jahre 1968–1970 aus Preisträgerin der Sparte Bildende Kunst aufgeführt.[5] Eine Bilder-Galerie in der Süddeutschen online[6] zeigt Traudl Glogger-Prechtl beim Arbeiten vor einer Staffelei in ihrer Augsburger Wohnung (wo?), vor einer ganzen Wand voll ihrer Werke und – mit besonders ausdrucksstarkem Blick – vor einem Einzelbild, auf dem sie wohl auch im Selbstporträt erscheint:

Traudl Glogger-Prechtl in einer Reportage der “Süddeutschen” (Screenshot) © Susanne Wosnitzka

Vorbild und verehrte Lehrerin

Im Netz fand ich Martina Ludwig, die in ihrer Kinder- und Jugendzeit langjährige Schülerin von Traudl Glogger-Prechtl war. Ich rief sie an und sie erzählte mir freudig, dass Traudl Glogger-Prechtl ihr „großes Vorbild und persönliche Mentorin“ war und sie ermutigte, eigene künstlerische Wege zu gehen und sich nicht einfach an der Masse zu orientieren.[7] Sie erlebte sie als aufgeschlossene, begeisterte Frau, die selbst andere für Kunst begeistern konnte. Traudl Glogger-Precht war zudem eine große Katzenliebhaberin (Pluspunkt!), die gerne Landschaften zu bizarrer Architektur in verhaltenen Farben kreierte.[8] Für eine umfassendere Biografie Traudl Glogger-Prechtls kann man vielleicht noch viel mehr Weggefährt:innen ausfindig machen. Und natürlich stellen sich Fragen: Wo sind all ihre Werke hin? Existiert noch ein geschlossener Nachlass? Von wem wird dieser verwaltet oder geschützt?

Und vielleicht findet sich ja noch so viel, dass man Traudl Glogger-Prechtl zu Ehren eine Lebenswerk-Ausstellung an den Orten ihres offenbar reichhaltigen und vielseitigen Schaffens gestalten könnte…

Einzelnachweise

[1] K. G. Saur (Hg.): Allgemeines Künstler-Lexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Bd. 56. München-Leipzig 2007, S. 209.

[2] Vgl. https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/kultur/Die-Antonspfruende-eine-Klause-fuer-die-Kuenstler-id56162561.html (Stand: 22.03.2020).

[3] Vgl. https://www.zvab.com/Ecke-Grafikmappe-60j%C3%A4hrigen-Bestehen-Augsburger-K%C3%BCnstlervereinigung/2962158563/bd (Stand: 22.03.2020).

[4] Vgl. http://www.artsngrafix.de/traudlgloggerart.html (Stand: 22.03.2020).

[5] Vgl. https://www.augsburg.de/buergerservice-rathaus/rathaus/preistraeger-und-preise/kunstfoerderpreis (Stand: 22.03.2020).

[6] Vgl. https://www.sz-photo.de/result_webshop/augsburg-kunstszene-50er-und-60er-jahre—reportage-von-gert-maehler/dossier-1.742951 (Stand: 22.03.2020).

[7] Vgl. http://www.maras-welt.com/malerei.html (Stand: 22.03.2020).

[8] Vgl. K. G. Saur 2007.