Augsburger Theatergeschichte neu erlebbar

Die Theatergeschichte Augsburgs ist zwar eine lange – allerdings existiert bislang so gut wie keine moderne Forschung bzw. Publikation dazu. Der Wikipedia-Artikel zum Augsburger Stadttheater bzw. nun Staatstheater liefert zwei historische Publikationen als Grundlage: Einen sehr umfassenden Versuch zur Geschichte der theatralischen Vorstellungen in Augsburg, geschrieben von Friedrich August Witz (1806–1880) und im Druck erschienen 1876[1] zum 100. Jubiläum der Eröffnung des neuen Schauspielhauses (1776) sowie ein paar wenige Seiten in einer Ausgabe des Augsburger Adressbuchs[2] (1971). Hie und da mögen noch einzelne weitere Artikel zu bestimmten Menschen und Ereignissen am/im Theater erschienen sein, aber diese reichen nicht aus, um diesen Teil der Augsburger Stadtgeschichte und der Theatergeschichte auch hinsichtlich der Aufführungen, des internen und externen Personals, der großen Stars, der Umbauten, der Modernisierungen, der Stadtgespräche, der Bewilligungen und Nichtbewilligungen, zu Kosten, Löhnen und Gehältern annähernd zu vervollkommnen. Zumindest so nah wie möglich an die Theatergeschichte heranzukommen, denn die Arbeit mit und an der Geschichte ist – wie Friedrich August Witz erkannt hat – nur ein Versuch, den Ereignissen in der Vergangenheit auf die Spur und damit näher zu kommen.

Theatergeschichte nicht ohne Konzertgeschichte

Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka

Letzteres ist nun möglich: Seit Beginn meiner Dissertation zur Musikgeschichte der Goldenen Traube, einer historischen und nicht mehr existenten Gaststätte im Herzen Augsburgs, die drei (!) Konzertsäle besaß, habe ich mich mit historischen Augsburger Tageszeitungen beschäftigt, in denen sich Informationen zu reisenden Musiker:innen, Komponist:innen und Künstler:innen befinden sowie Konzerte und Theaterspiele angekündigt und rezensiert werden. Nebenbei finden sich darin Diskussionen zum Augsburger Kulturleben, Auswirkungen politischer Angelegenheiten auf das Kulturleben sowie zur Theatergeschichte in abhängiger Vernetzung der großen Musikkulturzentren Theater, Goldener Traube, teils auch (aber selten) Kirchen und anderen Gaststätten und Zunfthäuser, die über einen größeren Saal verfügten.

Dienst an der Öffentlichkeit

Jede einzelne öffentliche (Theater, Gaststätten) oder halböffentliche (Zunfthäuser, Fugger-Konzertsaal) Kulturinstitution war von der anderen abhängig. Es wurde zudem streng darauf geachtet, dass sich Konzerte und Veranstaltungen nicht überschnitten, sodass niemand hinsichtlich Einnahmen benachteiligt wurde! Veranstalter waren zudem verpflichtet, einen gewissen Anteil an zu erwartenden Einnahmen an die Armenkasse der Stadt abzugeben.

Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei
Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei

Für meine Forschungsarbeit nicht nur zur Theatergeschichte untersuchte ich sieben historische Augsburger Tageszeitungen auf Musik- und Kulturnachrichten für die Zeit zwischen 1746 und 1860. Und ich habe sie nicht nur auf Schlagworte durchgefiltert, sondern in Gänze gelesen (und nebenbei noch sehr, sehr viel Anderes und auch sehr, sehr viel Neues über Geschichte und einzelne Biografien erfahren – sprengt hier den Rahmen). Diese sind:

* Intelligenzzettel (Jahrgänge 1746 bis 1810)
* Augsburgische Ordinari Postzeitung (Jg. 1768 bis 1832)
* Augsburgische Ordinäre Zeitung (Jg. 1792 bis 1797)
* Intelligenzblatt (Jg. 1816 bis 1830)
* Neue Augsburger Zeitung (Jg. 1830 bis 1831, nur sehr kurz erschienen)
* Augsburger Postzeitung (Jg. 1833 bis 1848)
* Augsburger Tagblatt (Jg. 1830 bis 1860)

Diese einzelnen Zeitungen bzw. Abschriften all dieser abertausenden Kulturmeldungen habe ich chronologisch zusammengeführt, und nur dadurch ergibt sich ein unfassbar dichtes Bild hin zu einer neuen Betrachtung der Gesamtlage Augsburgs in Kriegs- und Friedenszeiten mit allen Wechselwirkungen auf die Kulturgeschichte generell als melting pot.

Theatermeldungen geballt

Daraus habe ich fürs Erste sämtliche Theatermeldungen alleinig das städtische Theater betreffend extrahiert und in einer Excel-Tabelle chronologisch aufgeführt, die nun rund 4.700 Einträge zu einzelnen dokumentierten Theatervorstellungen umfasst, die ich mit den Angaben aus Friedrich August Witzs Publikation vereinigt habe. Dadurch lässt sich zum Beispiel durch Filterung ersehen, welches das meistaufgeführte Werk des untersuchten Zeitraumes war (Carl Maria von Webers Der Freischütz, 52 Vorstellungen), dicht gefolgt von Mozarts Zauberflöte (37 x), Kreutzers Nachtlager in Granada (36 x) gleichauf mit Mozarts Don Giovanni (36 x) und gefolgt von Daniel-François-Esprit Aubers Stummen von Portici (35 x). Ebenso kann man mit den Schau- und Lustspielen verfahren.

Auch wird ersichtlich, welches Repertoire in einer Saison aufgefahren wurde, wie abwechslungsreich ein Saison-Programm war, welches Repertoire ein:e Theaterdirektor:in parat hatte, wie gut (oder wie schlecht) das beim Publikum ankam (durch Eintragung/Verlinkung von entsprechenden Rezensionen und Nachbesprechungen), wie und ob die Stadt das Theater unterstützte (laut Witz jährlich als Hänge- und Zitterpartie), mit welchen internen und externen Sternchen, Stars und Superstars besetzt wurde.

Interimsarbeit

War das Theater geschlossen, übernahmen oft und gerne die Theaterfreund:innen in der Sommerpause, indem sie die Schau- und Singspiele zum Beispiel im Lechhauser Kaffeehaus weiterführten. Dies war auch dann der Fall, wenn sich keine Theatertruppe bzw. Direktion fand, die in Augsburg spielen konnte oder wollte. Eleonore Schikaneder (1751/52–1821) versuchte sich an innovativem Theater, indem sie am Hochablass eine Schauspieler:innen-Unterkunft unterhielt und dort Theaterstücke mit Schlachtenszenen unter echtem Kanonendonner am Lechufer aufführte.

Akteur:innen im Blickfeld

Charlotte Birch-Pfeiffer um 1850 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Charlotte Birch-Pfeiffer um 1850 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Es lässt sich außerdem ablesen, wie sich die einzelnen Akteur:innen zueinander verhielten: Wie hoch der Frauenanteil an aufgeführten Autor:innen war (konnte sich sehen lassen, teils um 1840 in etwa 40:60 = fortschrittlicher als heute!), welche:r Autor:in der:die meistaufgeführte war – ok, das war August von Kotzebue (1761–1819, wie vermutlich annähernd überall zu jener Zeit) mit 205 Nennungen, aber dicht gefolgt von Charlotte Birch-Pfeiffer (1800–1868) mit 186 Aufführungen (die einen Heimvorteil hatte, da sie auch einige Zeit lang tatsächlich in Augsburg lebte), dann Friedrich Schiller (1759–1805) mit 112 Aufführungen, Roderich Benedix (1811–1873) mit 80, Carl Töpfer (1792–1871) mit 61, Louis Angely (1787–1835) mit 53 und Johanna Franul von Weißenthurn (1773–1847) mit 34 Aufführungen bzw. Nennungen. Dazu unzählige kleine und heute völlig unbekannte Werke, aber auch einige noch unbekannte Werke bekannter Persönlichkeiten, die auf weitere Untersuchung warten.

Oh!-Momente

Auch kamen ganz neue Oh!-Momente wieder ans Tageslicht durch Aufführungen von Harriet Beecher-Stowes (1811–1896) Onkel Toms Hütte (1852), das zu einem Theaterstück verarbeitet worden war, das entweder aus Hedwig (1799–1891) oder Marie von Olfers (1826–1924) Feder noch unbekannter Weise stammen dürfte. Dieses Werk bzw. dessen Übersetzung war für Augsburg so besonders, dass es hier in Luxus- und Prachtausgabe erhältlich war. Auch wurde als Folge dessen in den Zeitungen um die Weltpolitik der Sklaverei diskutiert, was ggf. einer hiesigen erstarkenden Arbeiter:innenschicht in ihrem Kampf um faire Löhne und bessere Arbeitsbedingungen sehr zu Hilfe gekommen sein könnte.

Forschung wie Luminol

Clara Schumann 1857, fotografiert in München von Franz Hanfstaengl © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Clara Schumann 1857, fotografiert in München von Franz Hanfstaengl © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Kombiniert man das alles noch mit einer Liste aller bekannten und gespielten Konzerte des genannten Zeitraums, wird sofort klar, wie vernetzt die einzelnen Kulturinstitutionen waren. Ein richtiges Konzerthaus gab es damals noch keines. Extra nur für Konzerte gebaute Häuser existierten nicht. Nur in der Goldenen Traube waren große Konzerte möglich: Passten in den großen Saal des damaligen Drei Mohren (heute Maximilian’s) um die 300 Personen, so fanden bei den größten und umjubeltsten Veranstaltungen in der Goldenen Traube bis zu 2.200 Personen Platz (belegt u. a. durch juristische Schreiben, Größenangaben, Grafiken zum Innenraum, wiederentdeckten Grundrissskizzen und Billetverkäufen). Allein in den großen Fest- bzw. Apollosaal passten 1.500 Menschen. Und dieser war bei den Konzerten von Franz Liszt (ebenfalls Neuentdeckung) mitsamt den Nebensälen ausverkauft. Die Goldene Traube verfügte über eine richtige Bühne, auf der Platz war für zum Beispiel Johann Strauss‘ sen. reisendes Orchester sowie bei Konzerten heimischer Musikinstitutionen für das städtische Orchester, ein Dilettantenorchester (mit mehreren jährlichen Konzertaufführungen), die sich gegenseitig ergänzten und musikalisch verstärkt wurden durch Kooperation mit den großen Chören Liedertafel, Liederkranz und einem Frauenchor.

Screenshot aus einer der Tageszeitungen @ Susanne Wosnitzka
Screenshot aus einer der Tageszeitungen @ Susanne Wosnitzka

Auch Clara Schumann konzertierte dort im Todesjahr ihres Mannes im Winter 1856 und Anfang 1857. Sie kann ich nun mit zwei Konzerten in der Goldenen Traube nachweisen.[3] Bislang wurde nach ihr vergeblich in den Zeitungen als Hotel-Übernachtungsgast gesucht, denn sie übernachtete erhalten gebliebenen Briefen zufolge sehr wahrscheinlich bei ihrer Schülerin Käthchen Then (1837–1905) am Frauentor und/oder bei ihren besten Freundinnen Emilie (1818–1902) und Elise List (1822–1893) im Friedrich Listschen Haus in der unteren Altstadt, die auch ihre Konzerte hier organisierten.

Ausblick und Möglichkeiten

Hintereingang Stadttheater Augsburg © Susanne Wosnitzka
Haupteingang Stadttheater Augsburg, Seite zum Lauterlech © Susanne Wosnitzka

Diese Achse Stadttheater und Goldene Traube ist für weitere Forschung zur Theatergeschichte als auch zur Musikkulturgeschichte unerlässlich, da auch die Musikdirektoren (und Kirchenmusikdirektoren!) in der Goldenen Traube eine Art zweites Standbein hatten, denn Ur- und Erstaufführungen neuer geistlicher Werke fanden i. d. R. nicht in den Kirchen statt, sondern in der Goldenen Traube oder in einem der Zunfthäuser.

An dieser Stelle könnte ich noch viel, viel mehr erzählen (um es noch spannender zu machen: zum Beispiel zu einem noch unbekannten Briefwechsel mit Felix Mendelssohn Bartholdy oder Augsburg als möglichem Hort von Mozarts und Beethovens originalen aber bislang verschollen gedachten Oboenkonzert-Manuskripten – Vorstellung von Letzterem angedacht zum musikwissenschaftlichen Symposium der Gesellschaft für Musikforschung Bonn im Herbst 2021). Fragen Sie nach bestimmten (reisenden) Musiker:innen und/oder Komponist:innen und ich kann Ihnen sagen, ob diese oder jene Person im genannten Zeitraum in der Stadt war oder nicht.

Die Augsburger Theatergeschichte und Stadtgeschichte bietet einen wahrhaft grandiosen Erzählstrang – greifen Sie diese Fäden gerne auf! Für Projektarbeit dieser Art bin ich offen, besonders hinsichtlich einer Wiedereröffnung des dann von Grund auf renovierten Großen Hauses des Staatstheaters Augsburg.

 

Einzelnachweise

[1] Friedrich August Witz: Versuch einer Geschichte der theatralischen Vorstellungen in Augsburg: Von den frühen Zeiten bis 1876. Augsburg (Selbstverlag) 1876, 315 S.
[2] Vom Komödienstadel am Lauterlech zum wiederaufgebaute Stadttheater, in: Adressbuch der Stadt Augsburg 1871, 86. Ausgabe. Augsburg (Augsburger Adreßbuchverlag Konrad Arnold), S. 23–28.
[3] Susanne Wosnitzka: Clara Schumann hat null Bock. Ein Gastblogbeitrag für die Aktion #femaleheritage der Monacensia München im Winter 2020. Erstmals veröffentlicht.

Beitragsbild: Theateransicht vom Lauterlech aus gesehen (heute NORMA-Parkplatz), Grafik aus Friedrich August Witz: Versuch einer Geschichte der theatralischen Vorstellungen in Augsburg: Von den frühen Zeiten bis 1876. Augsburg (Selbstverlag) 1876. Titelgrafik (gemeinfrei) innen, ohne Seitenangabe.

Die Geschichte von der ‚unzüchtigen‘ Schmaraggel in Augsburg

Wer viel in Büchern stöbert, um über längst vergangene Geschichte zu erfahren, findet oft nicht das Gesuchte (oder erst im hundersten von hundert mühsam gewälzten Büchern), aber viele andere Geschichten drumherum – wie die der Schmaraggel: Von einer Frau, die es geschafft hatte, ein florierendes Finanzgeschäft aufzubauen. Zwar nicht wirklich legal, aber so, dass sie ein gutes eigenes Auskommen hatte und nicht Hunger litt. Was dem Magistrat der Stadt nicht ganz geheuer war und sie wegen ‚Beschützen‘ nächtlicher Diebereien, eines ‚unzüchtigen Lebenswandels und anderer gar böser Dinge am 19. Mai 1721 mit dem Schwerd [sic] und blutiger Hand vom Leben zum Tode gebracht‘ wurde.

Auskommen mit dem Einkommen

Ein gutes eigenes Auskommen hatten nur die wenigsten Frauen, die dadurch in dieser Zeit finanziell unabhängig sein konnten. Über eigenes Geld und ein eigenes Konto verfügen durften Frauen erst seit 1962.[1] Frauen, die ‚unbequem‘ waren und sich den bestehenden Moralvorstellungen der Zeit nicht anpassen konnten oder in so verheerende Lebenssituationen gebracht wurden (die diese Moralvorstellungen verursachten und keine Schuld der Frau waren), dass sie zwangsweise zu Kriminellen wurden, wurden einfach aus der Stadt entfernt. Das waren zum Beispiel Frauen, die außerhalb einer Ehe schwanger wurden (ob gewollt oder ungewollt) und somit unehelich gebaren. Wer heiraten wollte, musste vorher die Gunst des Stadtmagistrats besitzen, um eine Bewilligung zur Heirat zu erhalten. Einreichen konnten so eine Bitte um Bewilligung nur Männer, die einen mustergültigen Lebenswandel pflegten und der Stadt von Nutzen waren, d. h. Geld hereinbrachten – durch Steuern oder entsprechendes Kapital. „Die Geschichte von der ‚unzüchtigen‘ Schmaraggel in Augsburg“ weiterlesen

Politisches Credo in Hosen mit Löwinnen | #femaleheritage

„Wenn wir jedoch verstehen wollen, warum Frauen, selbst wenn ihnen nicht der Mund verboten wird, noch immer einen sehr hohen Preis zahlen, um Gehör zu finden – und wenn wir daran etwas ändern möchten –, dann müssen wir einsehen, dass das Ganze komplizierter ist und eine lange Geschichte dahintersteht.“ – Mary Beard, mit Weitsicht

Sie hat recht. Es. Ist. Kompliziert. Und es ist mit einer langen Geschichte dahinter. Auch noch unbekannter Geschichte, die ich in diesem Blogtext mit einer neuen Theorie für die #femaleheritage-Blogparade der Monacensia München erstmals vorstellen möchte. Was es nicht weniger kompliziert macht. Das Bekannte sind einzelne Leuchtpunkte der Frauenbewegungsgeschichte, die aber offenbar ein ganzes Lichtermeer hinter sich gehabt haben in Form einer noch unbekannten Pariser Frauenbewegung, die über klare Erkennungsmerkmale verfügte, einen Namen hatte und die meinen Überlegungen nach wegweisend für die deutsche Frauenbewegung ab 1848/49 gewesen war.

Neue Wege

Seit Jahren beschäftige ich mich im Rahmen meiner musikwissenschaftlichen Dissertation mit mehreren historischen Augsburger Tageszeitungen, die ich für die Jahre 1746 bis 1852 hauptsächlich auf Musikkulturnachrichten in Gänze abgegrast habe. Das ergab ein unglaublich dichtes Netz an großteils unbekannten Informationen nicht nur zum Musik- und Kulturleben, das Hand in Hand ging, sondern auch zu allem, was die Menschen bewegt hat. Angefangen von seltsamen Wettererscheinungen und Naturkatastrophen (lückenlos dokumentiert) und neuen Erfindungen (und bekannte, die teils noch weiter zurückdatiert werden können), über unbekannte Episoden und Einzelschicksale aus der Französischen Revolution bis hin zu politischen Begebenheiten, die die Welt aus den Fugen gebracht haben. „Politisches Credo in Hosen mit Löwinnen | #femaleheritage“ weiterlesen

Fanny Hensel und die “Cholera-Kantate”

Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Fanny Hensel geb. Mendelssohn (1805–1847) schrieb 1831 im Alter von 26 Jahren ein gut halbstündiges chorsinfonisches Werk, das Oratorium nach Bildern der Bibel, darin auch die Cantate für die Toten der Cholera-Epidemie, die damals über mehrere Jahre in vielen Städten grassierte und die Leute in schiere Panik versetzte.

Wie verheerend die Seuche in Preußen war, schildert zum Beispiel dieser Artikel (Dt. Ärzteblatt, 2007). Wie zum Beispiel das Augsburger Tagblatt berichtet, versuchte man mit allerlei Mitteln und Mittelchen vorzusorgen, von Blutegeln bis Aderlass:

Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Panikvermeidung trotz Cholera

In Städten waren Wirte und Toreinlasser verpflichtet, sämtliche Einreisende zu melden mit Herkunft, Namen, Pass etc. Zeitungsmeldungen zeigten an, wo die Cholera grade besonders grassierte. Briefe von auswärts wurden zum Beispiel in Wien durchstochen und geräuchert, um zu versuchen, damit Keime abzutöten.[1]

„Fanny Hensel und die “Cholera-Kantate”“ weiterlesen

Vilma von Webenau – neueste Erkenntnisse zur Schönberg-Schülerin

Konzertplakat in Wien © Susanne Wosnitzka
Konzertplakat in Wien © Susanne Wosnitzka

Eine neue Publikation zu meiner Forschungsarbeit zu Vilma von Webenau (1875-1953, erste bekannte Schülerin von Arnold Schönberg) ist nun als Blogtext erschienen als eine Art Vorschau auf eine geplante größere Publikation mit dem Certosa-Verlag mit bislang unveröffentlichten und unbekannten Neuauffindungen zu Vilmas Todesumständen, zu ihrem lesbischen Freundinnenkreis (war auch sie selbst eine “Lesbe unterm Hakenkreuz”?), zu ihrem Nachlass, mit Überlegungen zu ihrer durchaus möglichen Mozart-Urenkelinnenschaft bis hin zu Aufführungen ihrer Werke in Graz unter GMD Oksana Lyniv (2020) und in Wien unter Marin Alsop (Saison 2019/20)!

Mit Dank an Gaby Dos Santos und dem Jourfixe Muenchen e. V. für die Veröffentlichung.

Danke für Vilma

Und das alles wäre NICHT möglich gewesen ohne die Vorarbeit von musica femina münchen e. V. und dem großen Interesse an meiner Arbeit durch das Münchner Stadtmuseum, der MDW Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, QWIEN, dem Primavera Festival Wien sowie zahlreichen begeisterten Leuten wie Andreas Brunner, Prof. Dr. Annegret Huber (mdw), Attilia Kiyoko Cernitori (Einstudierung/Dirigat von Webenau-Werken in Wien 2018), León de Castillo, Gerhard Alexander von Webenau, dem Frauen-Orchester-Projekt unter Leitung von Mary Ellen Kitchens (Einstudierung/Dirigat eines großen Webenau-Werks in Berlin 2018), Dr. Christian-Alexander Wäldner für u. a. Fotos von Vilmas ehem. Grablege, dem Archiv Frau und Musik für vorangegangene Veröffentlichungen dazu in der “VivaVoce”, dem Sophie Drinker Institut für eine ebensolche Veröffentlichung und so vielen mehr, die dafür gesorgt haben, dass ein Interesse an Leben und Werk von Vilma von Webenau nach “ganz oben” durchgesickert ist. Das kam nicht von alleine.

D*A*N*K*E für euren/Ihren Support für diese Arbeit, die ich derzeit noch privat betreibe.

Einzelheiten sowie den Blogtext finden Sie hier im Jourfixe-Blog sowie viele, viele wesentlich detailliertere Ausführungen mehr dann in der ausführlichen kommenden Publikation (in Arbeit).
 

Vilma von Webenau – verwehte Spuren finden

Forschungseinblicke – Dorothea Pichelt

Viktoria Saws (1899-1979) als Soldat © Wikimedia.Commons (allgemeifrei)
Viktoria Saws (1899-1979) als Soldat © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)

Veröffentlicht am 9. Mai 2018

In Magdeburg lebte einst eine junge Frau – Dorothea Pichelt (Dorothea Geiger) –, die unerkannt als “Theodor Pichelt” als Dragoner um 1813/14 in einem Regiment diente. Bis vor Kurzem nahm man noch an, dass sie um 1850 verstarb. Im Bild zu sehen Viktoria Savs, die hier als “Symbolbild” dienen soll, da auch sie unter männlichem Pseudonym in der Armee kämpfte.

Frauen als Soldaten

“Als 15jähriges Mädchen sah sie [Dorothea Pichelt] am 1. Juni 1805 König Friedrich Wilhelm II. und seine Gemahlin Königin Luise beim Aufenthalt in den “Drei Linden”. Diese Begegnung entflammte eine große Verehrung für das Paar. Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 kamen zahlreiche preußische Soldaten beim Rückzug auch durch Nordhausen. Dorothea nahm lebhaften Anteil und soll „Forschungseinblicke – Dorothea Pichelt“ weiterlesen

Collegium Musicum Memmingen 1655-1786

Memmingen © Thomas Mirtsch, Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)
Memmingen © Thomas Mirtsch, Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)

“Eine der bedeutendsten Quellen zu den Collegia Musica im 18. Jahrhundert [musikalischer ‘Club’, meist der Patrizierschicht] hat sich im Stadtarchiv Memmingen erhalten. Die erhaltenen Bände dokumentieren diese musikalischen Zusammenkünfte in oft so anschaulicher und detaillierter Weise, dass wir uns ein sehr gutes Bild von der damaligen Bedeutung des Collegium, seiner Zusammensetzung, der aufgeführten Musik sowie deren zeitgenössischer Beurteilung machen können. In Vergleichen zu anderen Collegia Musica besteht die Möglichkeit, diese Institution im Zusammenhang der bürgerlichen und höfischen sowie auch zur kirchlichen bzw. klösterlichen Musikkultur im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert zu betrachten.” (Aus dem Vorwort zu Stadtarchiv Memmingen (Hg.): Das Collegium Musicum der Reichsstadt Memmingen. Edition der Protokolle 1775-1821. Übertragen von Nadine Sach, bearbeitet und eingeführt von Johannes Hoyer. Memmingen 2009.)

Gesellschaftliche Treffpunkte

Getroffen hat man sich in den Gaststuben der Zeit, wo „Collegium Musicum Memmingen 1655-1786“ weiterlesen

Revolutionen und ihre (tatsächlichen?) Opfer

Vicomte de Chateaubriand (1768-1748), Zeitzeuge der Frz. Revolution. Gemälde von Anne-Louis Girodet-Trioson. © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)
Vicomte de Chateaubriand (1768-1748), Zeitzeuge der Frz. Revolution. Gemälde von Anne-Louis Girodet-Trioson. © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)

Am 5. September 1793 wurde in Frankreich und v. a. in Paris die Einführung von Terror- und Gewaltmaßnahmen zur Unterdrückung von kontrarevolutionären Aktivitäten beschlossen. Die Unterdrücker hatten somit freies Spiel und konnten ihrer Gewalt freien Lauf lassen. Die Forschung spricht von mind. ca. 16.500 vollstreckten Todesurteilen, die Zahl der in den Gefängnissen gestorbenen Menschen oder derer, die ohne Prozess getötet wurde, belaufe sich auf ca. 40.000. Aus der schnellen Wiki-Recherche geht nicht hervor, wie viele Frauen und wie viele Männer getötet wurden, da in der Wikipedia[1] ausschließlich das gen. Maskulinum verwendet wird. Es wäre auch interessant, ob in der angegebenen Literatur speziell auf Frauen und Männer eingegangen bzw. auf die Geschlechterverhältnisse eingegangen worden ist.

Revolutionen – auch auf dem Papier

Heute habe ich in einer historischen Zeitung etwas entdeckt, das – sollten die Daten glaubhaft sein – sehr dazu beitragen kann, wie viele Frauen, Männer und auch Kinder tatsächlich ermordet worden waren: „Revolutionen und ihre (tatsächlichen?) Opfer“ weiterlesen