Elegie auf den Abriss des Gögginger Tors | Neufund

Elegie auf einen Abriss. Viele Augsburger:innen warteten im 19. Jahrhundert freudig darauf, ihre Stadt in die Zukunft geführt zu sehen. Nicht nur Augsburg wurde erleuchtet durch die Genialität von Ludwig August Riedinger (1809–1879), sondern auch buchstäblich mindestens halb Europa durch seine Technik der Gasbeleuchtung. Wiederkehrende Weltausstellungen in München, Paris und London erweiterten den Horizont technischer Art immens und auch die Vorstellungskraft, was noch alles kommen möge in der Zukunft. Man wollte Helle, Weite, Luft und Raum zum Atmen. Das sah man vielerorts durch Stadtmauern begrenzt, die dann um 1850 auch nicht mehr die großen Seuchen wie die Cholera abhielten, auch in Augsburg[1] – im Gegensatz zur Zeit um 1832 – tödlich zu wirken.

Todbringende Technik

Zur Todbringerin war auch die technische Errungenschaft der Eisenbahn geworden, die nicht nur die Menschen, sondern auch Keime schnell von Stadt zu Stadt brachten. Die Entscheidung, den Bahnhof vom Platz vor dem Roten Tor zum heutigen Ort zu verlegen, brachte auch eine neue Straße mit sich: Das war nicht die heutige bekannte Bahnhofstraße, sondern zunächst die heutige Prinzregentenstraße, die als erste dazu genutzt wurde, die Menschenmengen (die in den Augsburger Zeitungen dazu publizierten Zahlen und Baugeschichte habe ich festgehalten) in die Stadt zu bringen. Diese stauten sich allerdings stets an den Toren, da dort strenge Einreisekontrollen stattfanden. So durfte man zum Beispiel kein außerhalb gekauftes Brot oder Fleischwaren in die Stadt bringen (Letzteres auch wegen Seuchengefahr und vor allem, damit das Geld in der Stadt blieb). Immer lauter wurden die Stimmen, die alten Tore abzureißen und die Stadt für einen modernen Verkehr zu öffnen. Die heutige Bahnhofstraße wurde neu dann angelegt, und mit ihr war der Zustrom der Leute kaum mehr zu bewältigen – abgesehen von den vielen Unfällen mit in/an den Toren durch Kutschen zerdrückten Menschen.

Glanzpunkte
Gögginger Tor, kurz vor seinem Abriss 1862 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Gögginger Tor, kurz vor seinem Abriss 1862 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Liest man die alten Augsburger Zeitungen, so finden sich unfassbar viele Details wie die obigen zum Leben in und mit der Stadt. Und dann findet man bisweilen auch Gedichte – meist auf verstorbene Menschen, aber auch auf Unwiederbringliches wie doch auch liebgewonnene Stadttore, denen man auch weitere Glanzpunkte wie zum Beispiel Aufenthaltsorte berühmter Persönlichkeiten wie Clara Schumann in Augsburg entlocken kann. So fand ich heute diese anrührende Elegie aus unbekannter Feder auf den Fall des Gögginger Tors, der letzte Rest des Gögginger Walls – des Orts, der heute als Königsplatz bekannt ist. Mit dem Abbruch des Tors wurde am 16. Juni 1862[2] begonnen:

Elegie auf das Gögginger Thor

“Du sollst nun fallen, Du geheiligt Thor!
Auch Deine letzte Stunde wird nun schlagen,
Wie sie dem Wall’ der Mauer schlug, die treu
An Dich sich lehnten, fest, und Dich beschützten.

Ein alt Gesetz, das Thore, Mauern einst
Geheiliget, den Schmuck und Schutz der Städte,
Es ist gewichen und der Neuzeit Streben,
Nach Ebnung und nach freierm Laufe, siegte.

So leb denn wohl! Der Jugend Zeuge Du,
Du sahest auch des Mannes herbe Schmerzen,
Als seiner Lieben ird’sche Hülle einst
Der Tod durch Deine weiten Bogen führte.

Augusta’s Söhne manche trauern Dir,
Du sahest ja sie zieh’n zum Leid im Friedhof,[3]
Zur Freude auch, wo Pfeil und Bogen froh
Die Bürger eint bei Becherklang und Liedern.[4]

O daß ein Spiegelbild von Dir, o Thurm,
Von Dir uns würde, vor noch die Zerstörung
Auch Dich berührt, zum Denkmal Deiner Zeit,
Die unverjüngt Dich jetzt hat fallen sehen!

O Vaterstadt, Du theure, blühe fort,
In immer weitern Gränzen Deines Glückes!
Ist Deine Mauer offen auch, sey doch
Der beste Wall die Einigkeit der Bürger!”[5]

Einigkeit und Recht und Freiheit

Die Einigkeit und Vorstellungen nicht nur der Männer, sondern aller Bürgerinnen und Bürger, besonders in einer Friedensstadt, als auch noch heute gültiger Wall gegen Hass, Engstirnigkeit und Anfeindungen jeder Art – ein schöner, zeitloser Wunsch.

Elegie. Augsburger Tagblatt, No. 161. Freitag 13. Juni 1862, S. 1414. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Elegie. Augsburger Tagblatt, No. 161. Freitag 13. Juni 1862, S. 1414. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Update

Während die Abbrucharbeiten am Gögginger Tor weitergingen, starb ein anderer liebgewonnener Geselle: Der Schweizer Riesenbulle Bruno, der als Attraktion auf dem Vergnügungsplatz vor dem Gögginger Tor galt. Mit pathetischen Worten beschreibt das Augsburger Tagblatt dessen Ende, das als Sinnbild zweier Giganten galt:

“Eine europäische Berühmtheit, welche hieher gekommen war, nicht die Stadt zu besehen, sondern von der Stadt besehen zu werden, der berühmte Bruno, der größte Schweizer Riesenochse, wie er sich nannte, hat sich in der Nacht vom 12. auf den 13. d[ieses]. M[ona]ts. mit seinem ungeheuern Gewicht niedergelegt, um sich nie wieder zu erheben. Er hauchte unter dem Beil sein großes Leben in der Nähe des Gögginger=Thorthurmes aus, welcher in den nächsten Tagen auch seinem Ende entgegen geht.”[6]

Das Lied von der Glocke

Das Lied der Glocke des Gögginger Tors (man sieht sie auch auf dem historischen Foto aus dem Jahr 1862!) endete um den 15. Juli 1862. Zumindest an diesem Tag berichtete das Tagblatt von der Abnahme, aber auch dem Alter und der Inschrift der Glocke und wer diese gegossen hatte:

“Die Glocke des Gögginger=Thorthurmes, welche nun das „Reich des Schalles“ verlassen hat, trägt folgende Inschrift: Aus dem Feyr bin ich geflosen Wolff Neidhardt in Augsburg gos mich 1623.”[7]

Wolfgang Neidhardt (1575–1632) arbeitete zusammen mit dem berühmten Bildhauer Adriaen de Vries (1545/46–1626) an Augsburgs Prachtbrunnen und Brunnenbronzen, dem weltbekannten Merkur- und Herkulesbrunnen, die Teil des heutigen UNESCO-Welterbes zum Thema Wasser sind. Dass Neidhardt diese Glocke gegossen hat, ist wohl bislang nicht bekannt. Was mit dieser Glocke geschehen ist, konnte ich auf die Schnelle bislang nicht herausfinden.

 

Einzelnachweise

[1] Ein Blogtextbeitrag zur Cholera in Augsburg der 1850er Jahre ist in Arbeit. Dazu ist auch eine Liste der in Augsburger Tageszeitungen aufgefundenen Namen der Cholera-Toten Augsburgs geplant.
[2] Vgl. Augsburger Tagblatt, No. 166, Mittwoch 18. Juni 1862, S. 1461.
[3] Der wohl offizielle Weg der Toten hinaus zu den Friedhöfen an der Hermannstraße (katholisch) und Haunstetter Straße (protestantisch).
[4] Der Platz vor dem Gögginger Tor wurde über viele Jahre genutzt als Vergnügungsplatz, nicht weit entfernt vom unteren Schießgraben (heute Konrad-Adenauer-Allee) bzw. wohl auch mit diesem verbunden. Auf diesem Vergnügungsplatz fanden zuletzt nahezu ganzjährig die diversesten Attraktionen ihren Platz: Von reisenden Menagerien über Sommertheaterbühnen (zum Beispiel der Direktrice Frau Schweiger; mit Tochter Lina, einer Tänzerin) bis hin zu ‘Freakshows’ kleinwüchsiger Menschen und Welt- und Sensationspanoptiken, deren Aufenthalt vom Magistrat abgesegnet worden war. Auch diese Veranstaltungen habe ich in Gänze festgehalten.
[5] Vgl. Augsburger Tagblatt, No. 161, Freitag 13. Juni 1862, S. 1414.
[6] Vgl. ebda., No. 191. Montag 14. Juli 1862, S. 1673.
[7] Vgl. ebda., No. 192. Dienstag 15. Juli 1862, S. 1681.

Daniel Fenner von Fenneberg – Augsburgs Anti-Anti-Revolutionär

Daniel Fenner von Fenneberg (1818–1863) war einst eine literarische als auch politische große Nummer in Augsburg. Eine beinahe zu große für die Stadt in der Zeit der 1848er/1849er Jahre. Allerdings eine Nummer, die heute nicht mehr bekannt ist und wovon dieser Artikel erstmals erzählt – durch meine Recherchen an historischen Tageszeitungen wieder ans Licht gekommen. Und dieses Licht scheint beispielhaft für die Entwicklung der Demokratie in Augsburg.

Die Geschichte der Geschichte

Gibt es für die Märzrevolution einen Startschuss? Ein Tag, der das zuvor schon gärende Fass zum Explodieren brachte? Im Vormärz vielleicht? Vor dem März kommt der Februar. Einen dieser Tage kann man festmachen: Den 9. Februar 1848. Nach Handgreiflichkeiten zwischen seiner Geliebten Lola Montez (1821–1861) und Teilen der Münchner Bevölkerung, schloss König Ludwig I. (1786–1868) an diesem Tag kurzerhand die Münchner Universität und befahl allen Studenten, die Stadt binnen drei Tagen zu verlassen, was zu heftigem Protest und schließlich zur Ausweisung von Lola Montez aus Bayern bzw. Deutschland und der Abdankung von König Ludwig I. führte[1] – was auch in Augsburg großes und nahezu bleiernes Thema war: Eine quasi dahergelaufene ‘falsche Spanierin’ und ein Mann königlichen Geblütes. Zwei unterschiedliche Klassen. „Daniel Fenner von Fenneberg – Augsburgs Anti-Anti-Revolutionär“ weiterlesen

Ethel Smyth – Suffragette in München | #femaleheritage

Read this article in English here: Ethel Smyth – a  firecracker in Munich. Thanks to Gabriella Di Laccio to publish it on her website ‘donne – women in music’ (28, Juni 2021)

Ethel Smyth (1858–1944) war ein Kracher. Sie ließ so gut wie nichts anbrennen, war ihrer Zeit voraus, bewegte sich in höchsten und coolsten Kreisen, war musisch wie schriftstellerisch höchstbegabt, war unglaublich mutig, indem sie sich gegen gesellschaftliche Normen und Frauenhasser stellte und dadurch großartiges Neues schuf, darunter ihr The March of the Women, den sie 1910 für die Treffen und Demos der britischen Frauenwahlrechtskämpferinnen zusammen mit der Poetin Cicely Hamilton (1872–1952) verfasst hatte. Dieser Marsch ist in den letzten Jahren bekannter geworden und wird gerne – weil er so wunderbar eingängig ist – mittlerweile wieder besonders zu Veranstaltungen rund um den Internationalen Frauentag gesungen. Auch im Film Suffragette (2015) konnte man einen Teil davon bei einer nachgestellten Demo hören.

Leipzig, ick hör dir trapsen

Ethel Smyth, aufgewachsen in einem Vorort von London in einer Familie der gehobenen Mittelschicht, hatte eine deutsche Nanny, die in Leipzig pianistisch ausgebildet worden war und Klein-Ethel Klavierunterricht gab. Es stellte sich schnell heraus, dass Ethel für Musik besonders begabt war. In ihr reifte die Idee, ebenfalls in Leipzig zu studieren. Aber nicht das Klavierspiel, um Interpretin zu werden, sondern um Komponistin zu werden! Das galt damals als ziemlich aussichtslos, da Frauen aufgrund ihres Geschlechts keine Chance hatten, als Kapellmeisterin einen Job zu bekommen. Was mit ein Grund ist, warum Großwerke von Frauen heute kaum bekannt sind – sie konnten ihre Werke eben nicht einfach mit einem Orchester, dem sie vorstanden, einüben und selbstverständlich aufführen.[1] Sie hätten dazu ein Orchester und einen Konzertsaal anmieten und hätten selbst für Werbung etc. sorgen müssen. Emilie Mayer (1812–1883), die als ‚weiblicher Beethoven‘ einst eine lebende Legende war, konnte das eine Zeit lang, weil sie über entsprechendes Privatgeld verfügt hatte – das dann irgendwann aufgebraucht war, sodass weitere Großwerke wohl deswegen zu Lebzeiten nie auf die Bühnen gebracht wurde. „Ethel Smyth – Suffragette in München | #femaleheritage“ weiterlesen

Clara Schumann hat null Bock | #femaleheritage

Clara Schumann hat null Bock. Sidekick: Unbekanntes zu Franz Liszt in Augsburg. Neues zur Konzertorganisation im 19. Jahrhundert in Augsburg und München

Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Blogtext gewidmet meiner Freundin Luise Kimm, Sängerin

This blogtext, written for the #femaleheritage blogparade of the Monacensia Munich, is now available in English! Thanks to Gabriella Di Laccio to publish it on her website Donne365!

Geht man ins Konzert, geht man in ein Konzerthaus, ins Theater oder in eine Kirche. Im 18. und 19. Jahrhundert ging man dazu in eine Gaststätte, in ein Hotel oder in eines der Zunfthäuser, die über einen großen Tanzsaal für Hochzeiten und andere Anlässe verfügten. Eigens als Konzertsaal angelegte Lokalitäten gab es erst relativ spät mit steigender (Massen)Nachfrage von Konzerten der Virtuosen-Superstars Niccolò Paganini (1782–1840) und Franz Liszt (1811–1886), der Schwestern Teresa (1827–1904) und Maria (1832–1848) Milanollo sowie ganzer Orchestertrupps wie dem von Johann Strauss sen. (1804–1849), die auf ihren Tourneen überall und von sehr vielen Menschen gehört werden wollten. Einer der ersten neugebauten richtigen Konzertsäle war das Münchner Odeon, erbaut 1826/28 von Leo von Klenze (1784–1864) für genau solche Zwecke.

Gaststätten im Zentrum
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka

In Augsburg hingegen gab es so etwas bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht. Dafür hatte man den großen Apollo-Saal der heute nur noch wenig bekannten Goldenen Traube, die im 18. und 19. Jahrhundert das Zentrum bürgerlicher Musikausübung war und Thema meiner sich in Arbeit befindenden Dissertation ist. Für diese durchforstete ich in den letzten Jahren mehrere Augsburger Tageszeitungen der Jahre 1746 bis (jetzt) 1852 auf Musik- und Kulturnachrichten – über 100 Jahre dichteste Lokal- und Weltgeschichte mit zahlreichen anderen hochinteressanten Funden anderer Sparten, mit denen sich zum Beispiel auch die Geschichte der Ballonfahrt neu schreiben ließe oder die europäische Frauenbewegungsgeschichte, zu der ich einen eigenen unbekannten französischen Strang entdeckt habe, der zum Inhalt eines anderen Histoblogs der #femaleheritage-Blogparade der Monacensia München wird. An dieser Stelle bedanke ich mich herzlich bei den Organisatorinnen für die persönliche Einladung, für diese Aktion mein Wissen in mehreren Blogtexten präsentieren zu können. Dieser hier ist der erste in der Reihe. „Clara Schumann hat null Bock | #femaleheritage“ weiterlesen

Clara Schumann (1819–1896) | Vortrag

Clara Schumann (18191896): Nicht “nur” die Frau von …, sondern Managerin ihres Mannes und ihres eigenen Konzertlebens, Mutter, Muse, Konzertmeisterin, Komponistin, Pianistin, Salonnière etc. pp. – von ihrem Vater Friedrich Wieck streng und unerbittlich zum “Wunderkind” gedrillt, blieb sie dieser Rolle später als “Überfrau” verhaftet und zog bis zu ihrem Tod eisern ihr Konzertprogramm durch – es war die einzige “Freiheit”, die sie hatte und selbst kontrollieren konnte. Von Johannes Brahms zur “Überfrau” proklamiert, hatte er selbst für komponierende Frauen nur Verachtung übrig. Clara Schumann war die einzige Musikerin, die es schaffte, als evangelisch Getaufte am streng katholischen Hof in Wien zur k.&k.-Kammermusikerin geehrt zu werden. Ohne ihr großes Zutun hätte sich ihr Mann im teils unbarmherzigen Musik- und Verlagsleben wohl nicht behaupten können.

Besonders geeignet fürs Clara-Schumann-Jubiläumsjahr 2019!

Hörbeispiel:
Clara Schumann, Klaviertrio op. 17(1846)

Kosten:
VB (einzelne Vorträge ca. 90 Minuten; Anreise/Übernachtung exklusive)

Ideal für Kulturzentren, Firmenfeierlichkeiten, private Feste wie Geburtstage etc. – beschenken Sie einen Freund/eine Freundin oder Ihre Kundinnen und Kunden mit einem Vortrag aus meinem Repertoire | Hausvorführungen möglich – Beamer und weitere technische Gerätschaften vorhanden