Die Cholera 1832 in Augsburg – nur ein ‚Gespenst‘?

Karikatur eines Mannes, der sich vor der Cholera schützen will © Wellcome Collection, Attribution (CC BY 4.0)
Karikatur eines Mannes, der sich vor der Cholera schützen will © Wellcome Collection, Attribution (CC BY 4.0)

„Im Jahr 1817 war die Cholera von englischen Ärzten in Ostindien als eine bis dahin kaum beachtete Krankheit beschrieben worden. 1830 kam die Cholera erstmals nach Europa, 1831 tauchte sie in Deutschland auf. […] 1832 erreichte die Cholera Augsburg und forderte Tote.“[1] 1854 brandete diese Krankheit erneut auf, an der dann Hunderte gestorben sind. Doch wie viele starben 1832? Darüber erfährt man aus dem Artikel der Augsburger Allgemeinen (AZ) leider nichts. Offenbar gibt es dazu noch keinerlei Forschungen bzw. Veröffentlichungen. Daher stellt dieser Blogtext einen Versuch der Rekonstruktion der Ereignisse dieser Jahre dar. Laut meinen Funden starben in Augsburg genau fünf Personen an der Cholera, allerdings erst 1836/37 und nicht 1832 – im Gegensatz zu München, wo es Hunderte Tote gab. Wie kam das?

Vorgeschichte

Einer der Reporter, der 1832 für die AZ aus anderen betroffenen Städten berichtete, war Heinrich Heine (1797/98–1856), der aus seinen Erlebnissen ein Buch[2] machte und das – sehr lesenswert! – verblüffende Ähnlichkeiten zur Corona-Epidemie 2019/2020 aufweist. Solche Berichte waren für die Menschen überlebenswichtig: Wie kann man dieser Krankheit begegnen, wie kann man ihr am besten ausweichen? Welche Heilmittel stehen zur Verfügung? Wie kann man Ausbreitung verhindern? Denn dass das Bakterium Vibrio cholerae dahintersteckt, wusste man damals noch nicht. Damals erfuhr man zwar permanent, dass hinter abscheulich stinkenden Pfützen und Kot-Abraumen in den Gassen, von Klosettanlagen oder ähnlich verwendeten Kanälen ein ‚pestilenziarischer‘ Gestank ausging (und man durch diese Wortwahl auch ahnen kann, dass damit irgendwie Zusammenhänge hergestellt wurden), aber konkret wusste man zur tatsächlichen Verbreitung, Aufnahme und zu Erkrankungszusammenhängen so gut wie nichts.

Verschluss der Stadt

Jedenfalls kursierten in den Augsburger Tageszeitungen, die täglich ein Sammelsurium an Meldungen aus aller Welt boten, genug Seuchen- und dazu passende Horrormeldungen, um den Menschen Angst und Schrecken vor dieser unsichtbaren Gefahr einzujagen. Man muss dazu wissen, dass in dieser Zeit noch strenge Sperrstunden galten: Reichsstädte wie Augsburg verfügten damals noch über eine geschlossene Stadtmauer, deren Tore auf- und zugesperrt werden konnten. Ab einer bestimmten Uhrzeit konnte man weder hinein noch hinaus. Es bestand eine Meldepflicht für jede einreisende und verweilende Person. Dazu musste man Meldezettel ausfüllen und polizeilich abgeben. Dazu war jeder Gastwirt und jede Privatperson angehalten und verpflichtet. Dadurch konnte man im Fall des Falles ersehen, welche Person aus welcher Stadt einreiste. War eine andere Stadt schon eine Gefahrenzone, konnte so schnell reagiert werden und eine ggf. betroffene Person ‚entfernt‘ werden.

Nicht nur gesundheitliche Gründe

So blieben allerdings auch andere Meinungen draußen: Franzosen und Französinnen, die vor den Gräueln der Französischen Revolution aus Paris und Frankreich geflohen waren, erfuhren in Augsburg keine Aufnahme, da man fürchtete, dass gewisse revolutionäre Ideen das Stadtleben und die ‚schöne Ordnung‘ durcheinander bringen könnten.

Augsburg um 1835. Stahlstich von F. Höfer © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Augsburg um 1835. Stahlstich von F. Höfer © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Man unterhielt sich in Augsburg auch mit Schreckensmeldungen und gedachte vergangenen Epidemien, die die Stadt heimgesucht hatten. So listet das Augsburger Tagblatt Seuchen der Jahre 1379, 1548 und 1562 auf, in denen offenbar sehr viel gebrochen wurde.[3] Cholera/Brechruhr oder Noro oder etwas Unbekanntes? Aus Moskau und Warschau wurde im April 1831 Übles berichtet. So wurden in Moskau die Theater geschlossen, um Ansteckungen zu verhindern, sodass die Schauspieler:innen des deutschen Theaters in Moskau arbeitslos wurden.[4] Im Juni 1831 hatte die Cholera Preußen erreicht. Birgit Nolte-Schuster geht dazu für diese Region mehr ins Detail.[5] Auch der Freundeskreis der Komponistin Fanny Hensel wurde nicht verschont. Aus ihrer Angst heraus schuf sie die sog. Cholera-Kantate, die auch als geniales Beispiel der psychischen Verarbeitung der Seucheneffekte gilt. Darüber bloggte ich am 9. März 2020.

Cholera-Kommission

Ende Juli 1831 formierte sich in Augsburg eine Cholera-morbus-Commission in der Residenz, „und ist fest entschlossen, die Brechruhr weder in die Stadt noch in den Kreis zu lassen. Im ganzen Kreise werden alle Judenquartiere beschrieben, in denselben fleißig visitirt, ob keine heimlichen Juden sich dort aufhalten, und alles Sachdienliche vorgekehrt, um von dieser Seite eine Importation des Uebels zu verhüten.“[6] Derartige Krankheiten gingen i. d. R. mit Ausgrenzung und/oder Vertreibung von allem, was irgendwie ‚anders‘ war oder dem man misstraute, einher. So liest man als erstes von Aktionen gegen jüdische Menschen, was in Zeiten zuvor bereits zu Pogromen geführt hatte, indem jüdische Menschen zu ‚Brunnenvergiftern‘ deklariert wurden.[7]

Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Allerdings hielt die tapfere Redaktion des Augsburg Tagblatts gegen solche amtlichen Untersuchungen und Heimsuchungen: „Wir sind überzeugt, daß kein Vernünftiger einer solchen durchaus unterwiesenen Sage Glauben schenken wird; wir erlauben uns aber die dringende Bitte an sämmtliche Behörden, die größtmöglichste Sorge zu tragen, daß solche Nachrichten nicht unter dem Volke ausgestreut werden können, ja den Verbreitern sogar nachzuforschen und sie zu bestrafen. Die Sicherheit und die Ruhe des Landes erheischen dringend diese Vorsorge, da wir ja wissen, daß sogar Unruhen auf dem Grund dieser Ausstreuungen entstanden sind.“[8]

Die Panik steigt

Am 31. Juli 1831 erreichte das Gerücht, dass die Cholera Ingolstadt erreicht habe, auch die Augsburger Zeitungen.[9] Die Panik dürfte gestiegen sein. Während man bei der jüdischen Bevölkerung weiterhin Razzien durchführte, fiel den Augsburger:innen auf, dass allerdings in der Stadt selbst offenbar sonst keine weiteren Vorkehrungen getroffen wurden: „Während dem man von allen Seiten auf Reinlichkeit, besonders bei den jüdischen Familien dringt, und sogar deshalb Hausvisitationen vor sich gehen, so bleibt doch der Mißstand im Orte Steppach unberührt, wo die Metzger das Blut von dem geschlachteten Vieh in die Straßengräben laufen lassen; welchen pestartigen Geruch dieses bei jetziger Witterung verbreitet, läßt sich wohl denken. Eben so ist zwischen dem Wirthshaus und einem Kaufmanne eine Mistjauche, wo Schweindünger und Blut von der dortigen Metzge sich stets in großer Quantität befindet, eine abscheuliche Ansicht, und verbreitet bei der gegenwärtigen Jahreszeit einen der Gesundheit sehr nachtheiligen Geruch.“[10]

Man kann sich vorstellen, was das für ein Gestank im Hochsommer war! Die Augsburger:innen hatten sogar noch weitere konkrete Vorstellungen, wo genau die Cholera als erstes ausbrechen könnte: „Lassen wir also unsere Post bei dem alten Thore [hier ist das Rote Tor gemeint] hereinfahren, und sind wir zufrieden, daß sie nicht hinter der Stadtmauer hereinfährt, denn da könnte sie leicht umwerfen, und die Passagiere mit buchstäblicher Wahrheit in Schlamm und Morast legen. Da ist die mephistische Luft zu Hause, und da muß die Cholera zuerst ausbrechen, wenn sie zu uns kömmt.“[11]

Antisemitismus und Nießbrauch

Bedrängte man auf der einen Seite die jüdische Bevölkerung aus Furcht vor dem Unbekannten bzw. Antisemitismus, griff man doch auf jüdische Rezepte zurück, die Heilung von der Cholera versprachen:

Oberrabbiner Akiva Eger, unbek. Jahr © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Oberrabbiner Akiva Eger, unbek. Jahr © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

„Das von den Witzinger Juden in Gallizien ¾ Meilen von Bochnia gegen die Cholera mit so gutem Erfolg angewendete Heilmittel, daß von 240 Kranken, nur zwei unfolgsame Individuen das Opfer dieser Krankheit wurden, besteht in folgendem: Mann nimmt 1 Seidel starken Weingeist und ½ Seidel starken Weinessig und thut darein 1 Loth gestossenen Kampfer, 1 Loth gestossene Senfkörner oder Senfmehl, ½ Loth gestossenen Pfeffer, ¼ Loth Canthariden oder Spanischfliegen=Pulver und 1 starken Kaffeelöffel von gestossenen Knoblauch; mischt alles in einer gut verstopften Flasche wohl durcheinander und läßt das Ganze durch 12 Stunden an der Sonne oder einem andern warmen Orte destilliren. Sobald jemand erkrankt, müssen augenblicklich Arme, Hände und Füsse des Kranken unter der Decke oder Tuchent, durch starke Leute, mit einem in obige Mischung getauchten wollenen Fleck, so lange fleißig gerieben werden bis ungefähr nach ¼ Stunde starker Schweiß ausbricht. Zugleich wenn man mit dieser Einreibung anfängt, muß man dem Kranken 1 Glas warmen Thee, aus halb Kamillen halb Krausemünzen oder Melissenblätter eingeben. Sobald der Kranke zu schwitzen anfängt, wird er mit einer zweiten Decke oder Tuchent bis über den Kopf zugedeckt und in diesem Schweiß 2 bis 3 Stunden erhalten, während welcher Zeit er jedoch nicht schlafen auch nicht einen Finger unter der Decke hervorbringen darf, da die mindeste Verkühlung bei diesem Schweiß tödlich ist. Wenn der Kranke auf diese Art 2 bis 3 Stunden geschwitzt hat, wird die obere Bedeckung ganz langsam abgenommen, worauf der Kranke in einen Schlaf verfällt, der gewöhnlich 6 bis 8 Stunden unter mäßiger Transpiration fortdauert. Nach dem Erwachen ist der Kranke zwar noch schwach aber schon vollkommen gerettet und er hat sich nur noch einige Tage zu schonen, um sich seiner völligen Gesundheit wieder zu erfreuen. Bei eintreffenden Magenkrämpfen giebt man heiße Umschläge von Kleye und Asche ganz trocken auf den Unterleib, auch nöthigen Fallen ein Besicator [?] auf die Nabelgegend.“[12]

Man griff auch auf Schriften des Oberrabbiners Akiba Eger[13] aus Posen zurück, der in einem 200 Jahre alten Buch in hebräischer Schrift ein Mittel gefunden habe, das bei einer „Cholera=Morbus ähnliche[n] Krankheit“ geholfen habe. Selbst der damalige König von Preußen Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) interessierte sich für dieses Rezept und befand es in einem Schreiben offiziell für gut.[14]

Tropfen auf heiße Steine

Man kam sogar auf die Idee, ankommende Briefe an den Stadttoren abzufangen, sie zu durchstechen und über Feuer zu räuchern, um „Übles“ hinfortzuscheuchen.[15] Allerdings belustigte man sich auch an den eintreffenden Warnungen: Man könne die Seuche ja durch das Aufführen von gottesdienstlicher Musik vertreiben: „Der dortige Chorregent [von St. Georg] könnte sich dann in Wahrheit rühmen, die Stadt von dieser asiatischen Seuche durch seine schlechten Produktionen gerettet zu haben.“[16] In München verbat man sich den Begriff der Cholera in den Privatzirkeln, indem „dasjenige Mitglied mit 12 kr. zum Vortheile der Armenkassa zu bestrafen [ist], das in ihrem Zirkel ein Wort über die Cholera spricht.“

Hilfstrupp gebildet

Im Herbst 1831 wurde die Gefahr für Augsburg allerdings so konkret, dass sich sechs Männer zur Verfügung stellten mit dem Versprechen, allen Cholera-Kranken Hilfe zu leisten[17], während der neu gebildete Wohlthätigkeitsverein gegen die Cholera=Noth Statuten ausarbeitete. Augsburger Ärzte wie ein Dr. Sander[18] rüsteten sich und reisten nach Wien, um die Krankheit vor Ort zu studieren. Man sorgte sich, ob diese Ärzte überleben würden: Wären sie gestorben, hätte man in Augsburg weniger Ärzte zur Verfügung gehabt.[19] Währenddessen erinnerte man sich an die Tarantella, einen italienischen Tanz, mit dem man Spinnengift aus dem Körper tanzen könne; Kranzfelder gab einen Cholera-Galopp für das Pianoforte für 9 Kreuzer heraus (der Galopp war die schnellste Form, im 2/4-Takt zu tanzen, der allerdings oft als gesundheitsschädlich deklariert wurde, weil geglaubt wurde, schnelles Tanzen sei für Lungenkrankheiten wie Tuberkulose ursächlich). Zur Abwendung der Cholera wurde im Obermainkreis auch gesetzlich veranlasst, dass die ländliche Bevölkerung „keine Ziegen, Schaafe, Gänse, Hühner u. w. w. mehr in den Wohnzimmern halten dürfen.“[20] Währenddessen verbreitete sich die Cholera in Prag und England. Im Januar 1832 tauchten im Tagblatt erstmals konkrete Zahlen zu den Cholera-Toten in Wien, Ungarn, Galizien, Böhmen und Mähren auf. In Halle wurde die ganze Stadt durch die Cholera buchstäblich gelähmt.[21] In Wien waren bis 9. Februar 1832 „im Ganzen erkrankt 4125, genesen 2150, gestorben 1972, in ärztlicher Behandlung geblieben 3.“[22]

Augsburg wird vorläufig verschont

In Augsburg war der Schmutz in den Straßen und Gassen währenddessen noch immer nicht entsorgt: „Die Kohler=Gasse sollte man künftig Cholera=Gasse nennen; denn dort wird letztere ohne Zweifel absteigen, wenn sie uns besucht. Der Gestank, den die Schweine des Mannheimer Koches, und die Seifensiederei in der ganzen Nachbarschaft verbreiten, können der Seuche diesen Aufenthalt sehr beliebt machen.“[23]

Man hatte aber Glück in Augsburg – die Cholera zog an der Lechstadt vorüber. In den Todesanzeigen lässt sich kein einziger Fall herauslesen. 1835 brandete die Cholera – von Mittenwald[24] über München kommend – wieder auf. In dieser Residenzstadt wütete die Cholera relativ stark, doch die Partys gingen weiter: „Obgleich die leidige Brechruhr bei uns einige Verstimmung in den geselligen Kreisen hervorbringt, so sind doch nichts desto weniger die höhern Kunstgenüsse unterbrochen, und die schönen Concerte, welche gegenwärtig unter der Leitung des königl. Hofkapellmeisters [Franz] Lachner im Odeon gegeben werden, sind immer zahlreich besucht, und bieten außerordentliche Genüsse.“[25]

Einzelfall Cholera
Augsburg und Umgebung, vor 1830 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Augsburg und Umgebung, vor 1830 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Während fast täglich die Cholera-Zahlen aus München aktualisiert in Augsburg erschienen, spielte sich in Pfersee (einem der Stadt Augsburg vorgelagerten Dorf; heute Stadtteil) ein Drama ab, das beinahe zur Einschleppung der Seuche in die Innenstadt geführt hätte. Dort starb am 17. Dezember 1836 eine 65 Jahre alte Frau an der Cholera, die „drei Tage lang den sie täglich besuchenden Aerzten die Diarrhoe [verheimlichte], von der sie befallen war, bis auch bei ihr die Brechruhr zum Ausbruche kam, welche Freitags den 23. d[es]. M[onats Dezember]. mit dem Tode endigte. Eine weitere Tochter dieser Frau befindet sich in prophylaktischer Behandlung, und es ist alle Hoffnung vorhanden, daß sie werde gerettet werden können. Sonst herrscht zu Pfersee der beste Gesundheitszustand. Es sind alle von allerhöchster Stelle angeordneten so weisen Maßregeln getroffen, um der Verbreitung der Krankheit entgegen zu wirken. Ein eigener exponirter Arzt besorgt die Besuchs=Anstalt, unterstützt von dem k. Landgerichts=Arzte und dem sehr thätigen Orts=Chirurgen, der k. Hr. Landrichter Reiber befindet sich an Ort und Stelle, und leitet mit lobenswerthem Eifer die polizeilichen Anordnungen in Bezug auf die Suppen=Anstalten, auf Kleidung und Unterstützung der Armen. Die ergriffene Familie ist mit allem Nöthigen gut versehen, und so ist mit Zuversicht zu hoffen, daß die Krankheit im Entstehen werde unterdrückt werden können.“[26]

Erfolgreich vertrieben!

Welch’ Parallelen zum heutigen Corona-Eindämmung! Anfang Januar 1837 konnte dann Entwarnung gegeben werden: „Sicherem Vernehmen nach hat die in unserm benachbarten Pfersee ausgebrochene epidemische Brechruhr nun gänzlich aufgehört, indem seit mehreren Tagen kein Erkrankungsfall wieder vorkam. Die Familie Rosenberger verlor an derselben 5 Mitglieder, 3 Erwachsene und 2 Kinder, und außer diesen erkrankten noch 7 Personen, welche jedoch bald vollkommen genesen seyn werden.“[27] Nach Augsburg scheint die Krankheit nicht gedrungen zu sein; die Eindämmungsmaßnahmen waren offenbar erfolgreich verlaufen.

In München konnte man die Cholera nicht weiter eindämmen. In den Augsburger Zeitungen wird vom Ableben von Theaterstars wie Wilhelm Vespermann (1784–1837) berichtet, der auch am Augsburger Stadttheater gespielt hatte. Der Bassist Giulio Pellegrini (1806–1858), der im Münchner Hoftheater wirkte, lag gefährlich daran erkrankt darnieder.[28] Erst Ende Januar 1837 stellte sich eine leichte Besserung ein: Karnevalslustbarkeiten wurden wieder gegeben, nachdem ein Teil des öffentlichen Lebens per Dekreten stillgestellt worden war, und die ersten Dankgottesdienste abgehalten.[29] Anfang März 1837 schien die Cholera in München vorbei zu sein; allerdings schlug man sich nun mit einer Grippe herum, die wiederum zu ärztlicher Arbeit am Limit führte.[30] Noch im Juni 1837 wütet die Cholera in Neapel mit über 4000 Toten; vergleichsweise waren von 990 Erkrankten 560 gestorben.[31]

Gefahr gebannt?

Im September hatte die Seuche Rom erreicht[32]: „Die Gesammtzahl der an der Cholera zu Rom Erkrankten belief sich auf 9372 (4444 männlichen, 4928 weiblichen Geschlechts), die der Gestorbenen aber auf 5419 (2551 männlichen, 2868 weiblichen Geschlechtes).“[33] Rom hatte im Jahr 1839 153.720 Einwohner:innen (Jüdinnen und Juden wurden nicht hinzugezählt, sondern auf 4000 bis 5000 nur geschätzt).[34]

Im November dankte man in Turin, dass die Cholera aufgehört hatte, indem man eine Marienstatue in Silber arbeiten ließ.[35] Im August 1838 wütete die Cholera dann in Polen.[36] Ab da verliert sich ihre Spur in den Augsburger Zeitungen für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

Einzelnachweise

[1] Vgl. Franz Häussler: Als die Cholera in Augsburg wütete, in: Alexandra Holland (Hg.): Augsburger Allgemeine Zeitung online, 20.10.2016: https://www.augsburger-allgemeine.de/special/augsburger-geschichte/Als-die-Cholera-in-Augsburg-wuetete-id39448597.html (Stand: 10.08.2020).

[2] Heinrich Heine: Ich rede von der Cholera. Ein Bericht aus Paris. Neuauflage (Hoffmann und Campe) 2020.

[3] Vgl. Augsburger Tagblatt. Nro. 27. Donnerstag 27. Januar 1831, S. 107.

[4] Vgl. ebda.

[5] Vgl. Birgit Nolte-Schuster: Medizingeschichte: Preußen im Kampf gegen die Cholera, in: Deutscher Ärzteverlag (Hg.): Deutsches Ärzteblatt online: https://www.aerzteblatt.de/archiv/56970/Medizingeschichte-Preussen-im-Kampf-gegen-die-Cholera (Stand: 10.08.2020).

[6] Vgl. Augsburger Tagblatt. Nro. 207. Samstag 30 Juli 1831, S. 899.

[7] Vgl. Alfred Haverkamp: Die Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes im Gesellschaftsgefüge deutscher Städte, in: Alfred Haverkamp (Hg.): Zur Geschichte der Juden in Deutschland des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Vorträge gehalten auf dem Internationalen Kolloquium an der Universität Trier vom 12. bis 14. Oktober 1977. Stuttgart (Hiersemann) 1981.

[8] Vgl. Augsburger Tagblatt. Nro. 274. Freitag 7. Oktober 1831, S. 1173.

[9] Vgl. ebda. Nro. 208. Sonntag 31. Juli 1831, S. 903.

[10] Vgl. ebda. Nro. 212. Donnerstag 4. August 1831, S. 919f.

[11] Vgl. ebda. Nro. 219. Freitag 12. August 1831, S. 947.

[12] Vgl. ebda. Nro. 224. Mittwoch 17. August 1831, S. 968f.

[13] Im Augsburger Tagblatt wird von einem Oberrabbiner Eigen gesprochen. Dabei handelt es sich vermutlich um Oberrabbiner Akiba Eger (1761–1837) handeln. Vgl. John F. Oppenheimer u. a.: Lexikon des Judentums. 2. Auflage. Gütersloh u. a. (Bertelsmann Lexikon Verlag) 1971, Sp. 176.

[14] Vgl. Augsburger Tagblatt. Nro. 266. Donnerstag 29. September 1831, S. 1142.

[15] Vgl. ebda. Nro. 242. Sonntag 4. September 1831, S. 1039.

[16] Vgl. ebda. Nro. 268. Samstag 1. Oktober 1831, S. 1150.

[17] Vgl. ebda. Nro. 275. Samstag 8. Oktober 1831, S. 1177.

[18] Bruder oder Sohn von Ludwig Sander? Vgl. https://www.wissner.com/stadtlexikon-augsburg/artikel/stadtlexikon/sander/5262 (Stand: 10.08.2020). Dr. Sander veröffentlichte seine Beobachtungen zur Cholera in der Allgemeinen Augsburger Zeitung vom 8. September 1831. Vgl. https://books.google.de/books?id=8_gfAQAAMAAJ&pg=PA28&lpg=PA28&dq=Dr.+Sander+Augsburg+1831&source=bl&ots=0RAFUPoQxP&sig=ACfU3U3dz_j3K7JQk64m2O1qL9RGfyJdxA&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjXgeKbuZHrAhUM-aQKHfL5BWYQ6AEwEXoECB0QAQ#v=onepage&q=Dr.%20Sander%20Augsburg%201831&f=false (Stand: 10.08.2020).

[19] Vgl. Augsburger Tagblatt. Nro. 305. Montag 7. November 1831, S. 1298.

[20] Vgl. ebda. Nro. 334. Dienstag 6. December 1831, S. 1418.

[21] Vgl. ebda. Nro. 35. Samstag 4. Februar 1832, S. 143.

[22] Vgl. ebda. Nro. 47. Donnerstag 16. Februar 1832, S. 191.

[23] Vgl. ebda. Nro. 138. Samstag 19. Mai 1832, S. 553.

[24] Vgl. ebda. Nro. 263. Freitag 23. September 1836, S. 968.

[25] Vgl. ebda. Nro. 313. Samstag 12. November 1836, S. 1170.

[26] Vgl. ebda. Nro. 356. Montag 26. Dezember 1836, S. 1342.

[27] Vgl. ebda. Nro. 3. Dienstag 3. Januar 1837, S. 9.

[28] Vgl. ebda. Nro. 10. Dienstag 10. Januar 1837, S. 38, und Nro. 12. Donnerstag 12. Januar 1837, S. 46.

[29] Vgl. ebda. Nro. 25. Mittwoch 25. Januar 1837, S. 98, und Nro. 26. Donnerstag 26. Januar 1837, S. 103.

[30] Vgl. ebda. Nro. 68. Donnerstag 9. März 1837, S. 276.

[31] Vgl. ebda. Nro. 166. Montag 19. Juni 1837, S. 676.

[32] Vgl. ebda. Nro. 260. Freitag 22. September 1837, S. 1054.

[33] Vgl. ebda. Nro. 103. Donnerstag 13. April 1838, S. 414.

[34] Vgl. ebda. Nro. 246. Sonntag 8. September 1839, S. 1110.

[35] Vgl. ebda. Nro. 307. Mittwoch 8. November 1837, S. 1261.

[36] Vgl. ebda. Nro. 225. Samstag 18. August 1838, S. 966.

Der Tanz als Akt des Todes – Alt-Augsburg berichtet

"Analysis of beauty". Stahlstich von William Hogarth um 1800 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
“Analysis of beauty”. Stahlstich von William Hogarth um 1800 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

“Tanzt! Tanzt! Vor allem aus der Reihe!”, findet man hin und wieder auf fröhlich-unbeschwerten Postkarten. In Zeiten der Corona-Pandemie sind Tanz- und andere Lokale geschlossen, in denen man sich bislang feiernd ausgetobt hat, dröge Fitness-Übungen wurden zu Tanzübungen von Jane Fonda bis Zumba. Geselliges Vergnügen war allerdings ein Dorn im Auge der Sittenwächter und hierzulande von religiös-patriarchalen Moralvorstellung geprägt. Einst glaubte man sogar, mit einem Tanz dem Gift der “Taranteln” trotzen zu können. Daraus entstand die sog. Tarantella als Tanzform. Trotz Trennung von Staat und Kirche sind Tanzveranstaltungen an bestimmten christlichen Feiertagen bis heute generell untersagt. Augsburg hatte in alter Zeit ein eigenes Tanzhaus für die Oberschicht, das sich bis zu seinem Abbruch 1632 auf dem damaligen Weinmarkt (heute Moritzplatz) gegenüber der Gaststätte Goldene Traube befand.

Öffentlicher Tanz
Augsburger Tanzhaus im Kilianplan (1626) © Susanne Wosnitzka (gemeinfreier Abdruck)
Augsburger Tanzhaus im Kilianplan (1626) © Susanne Wosnitzka (gemeinfreier Abdruck)

Die niedereren Stände vergnügten sich in den Gaststätten. Jedes besser ausgestattete Lokal hatte einen größeren bis großen Saal, der für Feierlichkeiten und Konzerte aller Art zur Verfügung gestellt wurde, besonders für regelmäßig stattfindende Tanzveranstaltungen, die zum Beispiel im Augsburgischen Intelligenzzettel oder im Augsburger Tagblatt hervorragend dokumentiert sind. Einer der größten und meist genutzten öffentlichen Säle war der sog. Apollo-Saal der Goldenen Traube. Historischen Quellen nach war in der Goldenen Traube Platz für rund 2.200 Personen und in den Ställen für 110 Pferde! Die darin abgehaltenen Ballotage- und Redoutenveranstaltungen (= Faschingsveranstaltungen) waren legendär – teils spielte in jedem der drei nutzbaren Festsäle (Apollo-Saal, Rotunda-Saal und ein weiterer kleiner Saal) ein anderes Orchester zum Tanze auf bis morgens halb acht.

Quell allen Übels

Wie die Liebe in Zeiten der Cholera war auch das Tanzen in Zeiten der Cholera und anderer pestilenzartiger Seuchen eine gefährliche Angelegenheit wegen kurzer Übertragungswege der Keime von Mensch zu Mensch. Sittenwächter nutzten diese Gelegenheiten, um das Tanzen – also Körperlichkeiten an sich generell – und vor allem Bewegungen von Frauen als Quelle allen Übels und der “Verführung” zu deklarieren und Menschen und Völker auch rassistisch als minderwertig darzustellen. So hat sich folgender Bericht eines:r unbekannten Autors:in im Augsburgischen Intelligenzblatt erhalten. Interessant ist auch das Tagesdatum, der 9. November 1789. Ab diesem Tag tagte die verfassunggebende Nationalversammlung der Französischen Revolution im Salle du Manège, in der ehemaligen königliche Reithalle:

Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei
Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei

Augsburgisches Intelligenz=Zettel. Num. 45. Montag den 9. Nov. 1789. [S. 184] […] “(Auf Verlangen eingerückt.) Der Tanz als geselliges Vergnügen. Der Tanz als höchst schädliches Betragen. Der Hang zum Tanz ist so alt, als die Welt. Der Mensch hüpft, und springt in die Höhe, wenn er fröhlich ist, und dieser Ausdruck seiner Gefühle theilt sich unfreiwillig andern mit. Daher ist das Tanzen der Hauptgegenstand der gesellschaftlichen Freude, bei allen, auch den rohsten Nazionen der Erde.

Hand der Grazien

In Afrika, wie in Süd= und Nordamerika tanzen täglich Wölker Schaarenweise nach dem Takt einer elenden Trommel. Bei den wilden, und unkultivirten Nazionen z. B. bei den Ostindern, Arabern, Egyptern u. s. w. besteht das Tanzen meistens in wilden Springen, unzüchtigen Stellungen, und wollüstigen Bewegungen. In Europa hat glücklicherweise die Hand der Grazien und guten Sitten jene Rohheit von unserem geselligen Tanze wegpollirt, und die letztere schmuzzige [sic] Sittenlosigkeit davon verbannt. Der mässige Tanz ist das fröhliche Band der gesellschaftlichen Freuden, der Freund der Jugend worden, und selbst die reinste jungfräuliche Unschuld darf nicht mehr erröthen, daran Theil zu nehmen, und den Ausbruch ihrer Fröhlichkeit öffentlich zu zeigen: Er ist der Weg zur Höfflich= und Gefälligkeit, der Gangwagen für Kinder, Erwachsenen weist er den Weg, aufrecht, und auswärts zu gehen: Er ist der erste Gesellschafter bei jedem Freudenfest, ein Feind des Grams; seine ganze Behandlung ist gesellig, liebreich gefällig: ja selbst von medizinischem Nuzzen [sic] ist er.

Hypochondrisches Dasein
Augsburger Weinmarkt ohne Tanzhaus, 18. Jh. © Susanne Wosnitzka (gemeinfreier Abdruck)
Augsburger Weinmarkt ohne Tanzhaus, 18. Jh. © Susanne Wosnitzka (gemeinfreier Abdruck)

Bewegung, zuweilen selbst heftige Bewegung ist zu Erhaltung unserer Gesundheit unentbehrlich, sonderlich im Winter, wo, Sizzen [sic], und die verdikte [sic] Luft hypochondrisch macht. Nichts ist damit wirksamer, nichts stellt die Munter= und Thätigkeit unserer ganzen Maschine besser wieder her, als von Zeit zu Zeit mässiges, abwechselndes, und nicht zu langsames Tanzen.

Aber möchten doch unsere jungen Freunde, und Freundinnnen bei diesem Genuße nie vergessen, daß man den Becher der Freuden nur langsam, mit kleinen Zügen, und nie ganz austrinken soll, und daß der Tanz, der recht und mässig gebraucht, ihrem Leben Balsam sein könnte, unmässig genossen und gemißbraucht wird, ein sicheres Gift wird, das ihre Gesundheit und Leben mordet, oder doch sicher ihre Schönheit in wenig Wochen verblühend macht.

Abzehrung vorprogrammiert

Ich habe mehr als ein blühendes Mädchen, mehr als einen liebenswürdigen, raschen, feurigen Jüngling, die Freude und Hoffnung Aller als das Opfer eines einzigen wilden Balls, selbst eines einzigen Tanzes langsam abgezehren, ihre noch wenigen übrigen elenden Tage verzweiflungsvoll leben, und ohne Rettung zum Sarge tragen sehen: und es ist ein trauriger Gedanke für mich, indem ich dies schreibe, daß vielleicht manche unsrer jungen Damen, indem sie dies ließt, den Gift schon in ihrem Bußen fühlt, und die Blat[t] mit Thränen nezzet [sic].

Ein Tanz wird hässlich, sobald die Tanzenden die Grazie der Sittlich= und Wohlanständigkeit verlassen, und nicht mehr sanft, und zierlich tanzen. Ein Tänzer kann keine schöne und gefällige Stellung mehr machen, wenn er raset, wie ein trunkner Faun, und ich kenne kein ekleres Bild, als ein junges Mädchen, das wie eine wahnsinnige Bachantin bei ihren Orgyen tanzt.

Erhitzung verdirbt den Charakter!

Durch solch eine Art misfällt [sic] ein junges Mädchen nicht nur allgemein, sondern sie schadet auch ihrer Schönheit unwiederbringlich, weil ihre ganze gesunde Farbe durch solch eine gewaltige Erhizzung [sic] dahin schwelkt [sic], die Haut verdirbt, ihr schöner Reiz erbleicht, und fahl und braune Höfe um ihre hohlen Augen tretten; kömmt noch ein unglüklicher kalter Trunk dazu, so ist das Unglük [sic] vollendet, und das Leben dahin.

Tanzen sie also meine jungen Freunde und Freundinnen mässig, abwechselnd, und nie zu lange, weil der Tanz nur dann wohlthätig ist, wenn er die Kräfte nicht überspannt, und das Blut nicht zu sehr erhizt [sic], und bei Beobachtung dieser kleinen Vorsicht wird ihnen der Tanz nie gefährlich werden, sondern vielmehr können sie dieser kurzen Freude des Lebens sicher bis zur Asche genießen.”

In diesem Sinne: Freuen wir uns also auf achtsame Freudentänze in den Straßen nach der Corona-Pandemie!

Fanny Hensel und die “Cholera-Kantate”

Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Fanny Hensel geb. Mendelssohn (1805–1847) schrieb 1831 im Alter von 26 Jahren ein gut halbstündiges chorsinfonisches Werk, das Oratorium nach Bildern der Bibel, darin auch die Cantate für die Toten der Cholera-Epidemie, die damals über mehrere Jahre in vielen Städten grassierte und die Leute in schiere Panik versetzte.

Wie verheerend die Seuche in Preußen war, schildert zum Beispiel dieser Artikel (Dt. Ärzteblatt, 2007). Wie zum Beispiel das Augsburger Tagblatt berichtet, versuchte man mit allerlei Mitteln und Mittelchen vorzusorgen, von Blutegeln bis Aderlass:

Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Panikvermeidung trotz Cholera

In Städten waren Wirte und Toreinlasser verpflichtet, sämtliche Einreisende zu melden mit Herkunft, Namen, Pass etc. Zeitungsmeldungen zeigten an, wo die Cholera grade besonders grassierte. Briefe von auswärts wurden zum Beispiel in Wien durchstochen und geräuchert, um zu versuchen, damit Keime abzutöten.[1]

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Erbach – Ein Dorf schreibt “fast” Weltgeschichte

Schloss Erbach mit Barockgarten © Susanne Wosnitzka 2014
Schloss Erbach mit Barockgarten © Susanne Wosnitzka 2014

Wie kann ein Dorf fast Weltgeschichte schreiben? Mein Heimatdorf Erbach bei Ulm (seit über 15 Jahren Stadt, aber es fühlt sich nicht wirklich wie eine Stadt an) liegt beschaulich an der wirklich zauberhaften Oberschwäbischen Barockstraße an der alten Donau zwischen Ehingen und Ulm, mit dem malerischen Hochsträß im Rücken, etwas keltischer Geschichte im Wald und einem erhaben auf einem Hügel thronenden strahlend gelben Schloss aus der frühen Renaissance, in dem seither die Familie derer von Ulm zu Erbach wohnt.[1] Auf dem ansonsten geziegelten Dach des Schlosses befindet sich eine Stelle, die mit einem wirklich großen Stück Blech bedeckt ist. Auf die Frage nach dem Warum erhielten wir stets nur die Antwort: „Damit da die Geister besser raus- und reinfliegen können.“ Das war für uns als Kinder gleichermaßen gruselig wie faszinierend. Noch heute schaue ich immer zu diesem Stück Blech, wenn ich wieder daheim in Erbach bin.

Beziehung Erbach und Japan

Eine andere Geschichte lautet so, dass der erste Entwurf der japanischen Verfassung einer Legende nach auf Schloss Erbach entstanden sein soll. Dazu später mehr. Von diesem Schloss aus hat man „Erbach – Ein Dorf schreibt “fast” Weltgeschichte“ weiterlesen

Als in Ulm einmal ein Elefant in der Donau badete

Nabadender Elefant in der Donau in Ulm © Susanne Wosnitzka
Nabadender Elefant in der Donau in Ulm © Susanne Wosnitzka

Im Juli des Jahres 1839 gastierte einst eine Schausteller- und Zirkustruppe in Ulm, unter deren Attraktionen sich auch ein Elefant befand. Solche durch die Lande rollenden Sensationen waren immer beliebt – und leider oft auch die einzige Möglichkeit für Menschen, die „anders“ beschaffen waren, eigenständig Geld zu verdienen: Kleinwüchsige oder die “dickste Frau der Welt”, KünstlerInnen ohne Arme oder Beine, die auf Musikinstrumenten spielten – alles war dort als ‘Freakshow’ zu sehen, alles strömte in die Vorstellungen und ergötzte sich auch an der Exotik “wilder” Tiere, die oft unter grauenhaften Umständen aus der Natur gerissen, über die Meere transportiert und in engen und kleinen Käfigen gehalten und begafft wurden.

Nabadender Elefant

Im jenem Sommer von 1838 war es wohl auch so heiß wie bei uns gerade jetzt.

Wegen der nächtlichen großen Hitze kam ein Elefantenwärter auf die Idee, den Elefanten, für den er verantwortlich war, zum Abkühlen und Baden in die Donau zu führen. Im kühlen und fließenden Wasser gefiel es diesem großen Geschöpf anscheinend so gut, dass es die Zurufe seines Führers ignorierte und den Fluss nabadete (hinunterbadete) und an den Ufern auch spazieren ging. Das richtig offizielle Nabada findet in Ulm seit 1927 statt. Jedenfalls hatte der Elefant erst nachts um drei vom Baden genug und kam wieder ans Ufer, um seinen Wärtern, die vermutlich mit den Nerven am Ende waren, ganz gemächlich und zufrieden wieder in die Stadt zu folgen.

Ob die UlmerInnen in jener Nacht davon etwas mitbekommen hatten und Maulaffen feilhielten, ist mir derzeit nicht bekannt. Vielleicht findet sich ja in Ulm jemand, der nach dieser Geschichte auch in den Ulmer Zeitungen suchen kann – solche Aufsehen erregenden Ereignisse und Anekdoten standen meist an auffälliger Stelle in den lokalen Blättern und waren oft wochenlang Tagesgespräch.

Törööö!

Jedenfalls bereichert diese Anekdote nicht nur die Ulmer Stadtgeschichte, sondern wäre auch eine gute Idee für ein neues Kinderbuch als Ergänzung zu den Kinderbüchern rund um weitere Ulmer Persönlichkeiten wie zum Beispiel den Ulmer Spatz oder die Münster-Fledermaus Lilli Langohr.

Diese bislang in Ulm heute völlig unbekannte Anekdote entdeckte ich in einer Augsburger Tageszeitung, von denen ich drei für meine Dissertation auf Kultur- und andere hochinteressante Nachrichten der Jahre 1750 bis 1850 durchforstete. Einst wollten die Ulmer ihr Fischerstechen auch in einem der mit Wasser gefüllten Stadtgräben in Augsburg abhalten, um richtig Geld damit zu verdienen, aber in Augsburg war man wohl ziemlich „schwäbisch“ – das Ganze wurde wegen mangelndem Publikum wieder abgesagt, dem die Eintrittspreise zu teuer waren. Noch etliche andere solcher Geschichten aus Ulm, aus Augsburg und aus aller Welt kamen dadurch wieder ans Tageslicht, die noch auf ihre Veröffentlichung warten…

Quellenbad

Hier die Originalquelle zur Elefantengeschichte im originalen Wortlaut:

Augsburgische Ordinari Postzeitung, Nr. 197. Mittwoch, 17. Juli 1839, S. 4: “Ulm, den 13. Juli. In letzter Nacht 12 Uhr wurde ein seit einigen Tagen zur Schau hier ausgestellter Elephant von seinem Führer zum Baden in die Donau begleitet. Auf die große Hitze in den letzten Tagen behagte es diesem Thier dermaßen im Wasser, daß es, statt nach Verfluß einer angemessenen Zeit, wie es seine Führer wünschten, herauszugehen, eine Strecke weit die Donau hinab theils schwamm, theils ging. Die Führer, in der größten Besorgniß, das Thier mitten in der Nacht zu verlieren, wandten lange vergeblich alle Mühe an, ihn durch ihre gewohnten Worte und Signale herauszulocken; einer derselben schwamm ihm nach. Endlich schien der Elephant genug gebadet zu haben und gegen 3 Uhr diesen Morgen kam er von selbst aus dem Wasser und folgte in aller Ruhe seinen Eigenthümern zur Stadt zurück.”

Bild: Collage © Susanne Wosnitzka unter Verwendung eines Scans eines Gemäldes von Johannes Hans (Ansicht auf Ulm, um 1810) © Stadtarchiv Ulm mit freundlich erteilter Genehmigung zur Verwendung sowie eines zeitgenössischen Elefantenabbilds (gemeinfrei)

Welttag Theater – Frauen machen Geschichte

In Augsburg wirkten im 18. Jahrhundert am Theater einige Frauen an der Geschichte mit, die es so leider bis heute noch nicht niedergeschrieben gibt. Mein Job wohl…

In dieser ehem. Reichsstadt wirkten v. a. reisende Theatergesellschaften – feste Theatergruppen gab es oft nur an den Höfen. Augsburg hatte schon recht lange ein Stadttheater, das an Stelle des alten Minnesängers-Stadels errichtet wurde und die beide neben der Kirche St. Jakob standen in der Vorstadt. Die Minnesänger waren in Augsburg einst wesentlich bedeutender als die in Nürnberg, die durch Richard Wagner popularisiert wurden.

Altes Theater Augsburg

Das alte Theater war historischen Beschreibungen nach, die ich in historischen Augsburger Tageszeitungen zwischen 1746 und 1849 gefunden habe, klamm, zugig und kalt. Niemand ging dort gern ins Theater. Allerdings hat Wolfgang Amadé Mozart dort zum ersten Mal auch Emanuel Schikaneder in einer Aufführung erlebt – zukunftsweisend für deren beide Zusammenarbeit. Schikaneder heiratete im Augsburger Dom Eleonore geborene Maria Magdalena Arth (1751/52–1821), die ihrerseits Schauspielerin und Sängerin war und dann auch zur Theaterdirektorin wurde – mit ihrem Mann verstand sie sich nicht wirklich; er zog dann mit einem Teil der Truppe weiter, und Eleonore blieb in Augsburg. „Welttag Theater – Frauen machen Geschichte“ weiterlesen