Der Tanz als Akt des Todes – Alt-Augsburg berichtet

"Analysis of beauty". Stahlstich von William Hogarth um 1800 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
“Analysis of beauty”. Stahlstich von William Hogarth um 1800 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

“Tanzt! Tanzt! Vor allem aus der Reihe!”, findet man hin und wieder auf fröhlich-unbeschwerten Postkarten. In Zeiten der Corona-Pandemie sind Tanz- und andere Lokale geschlossen, in denen man sich bislang feiernd ausgetobt hat, dröge Fitness-Übungen wurden zu Tanzübungen von Jane Fonda bis Zumba. Geselliges Vergnügen war allerdings ein Dorn im Auge der Sittenwächter und hierzulande von religiös-patriarchalen Moralvorstellung geprägt. Einst glaubte man sogar, mit einem Tanz dem Gift der “Taranteln” trotzen zu können. Daraus entstand die sog. Tarantella als Tanzform. Trotz Trennung von Staat und Kirche sind Tanzveranstaltungen an bestimmten christlichen Feiertagen bis heute generell untersagt. Augsburg hatte in alter Zeit ein eigenes Tanzhaus für die Oberschicht, das sich bis zu seinem Abbruch 1632 auf dem damaligen Weinmarkt (heute Moritzplatz) gegenüber der Gaststätte Goldene Traube befand.

Öffentlicher Tanz
Augsburger Tanzhaus im Kilianplan (1626) © Susanne Wosnitzka (gemeinfreier Abdruck)
Augsburger Tanzhaus im Kilianplan (1626) © Susanne Wosnitzka (gemeinfreier Abdruck)

Die niedereren Stände vergnügten sich in den Gaststätten. Jedes besser ausgestattete Lokal hatte einen größeren bis großen Saal, der für Feierlichkeiten und Konzerte aller Art zur Verfügung gestellt wurde, besonders für regelmäßig stattfindende Tanzveranstaltungen, die zum Beispiel im Augsburgischen Intelligenzzettel oder im Augsburger Tagblatt hervorragend dokumentiert sind. Einer der größten und meist genutzten öffentlichen Säle war der sog. Apollo-Saal der Goldenen Traube. Historischen Quellen nach war in der Goldenen Traube Platz für rund 2.200 Personen und in den Ställen für 110 Pferde! Die darin abgehaltenen Ballotage- und Redoutenveranstaltungen (= Faschingsveranstaltungen) waren legendär – teils spielte in jedem der drei nutzbaren Festsäle (Apollo-Saal, Rotunda-Saal und ein weiterer kleiner Saal) ein anderes Orchester zum Tanze auf bis morgens halb acht.

Quell allen Übels

Wie die Liebe in Zeiten der Cholera war auch das Tanzen in Zeiten der Cholera und anderer pestilenzartiger Seuchen eine gefährliche Angelegenheit wegen kurzer Übertragungswege der Keime von Mensch zu Mensch. Sittenwächter nutzten diese Gelegenheiten, um das Tanzen – also Körperlichkeiten an sich generell – und vor allem Bewegungen von Frauen als Quelle allen Übels und der “Verführung” zu deklarieren und Menschen und Völker auch rassistisch als minderwertig darzustellen. So hat sich folgender Bericht eines:r unbekannten Autors:in im Augsburgischen Intelligenzblatt erhalten. Interessant ist auch das Tagesdatum, der 9. November 1789. Ab diesem Tag tagte die verfassunggebende Nationalversammlung der Französischen Revolution im Salle du Manège, in der ehemaligen königliche Reithalle:

Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei
Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei

Augsburgisches Intelligenz=Zettel. Num. 45. Montag den 9. Nov. 1789. [S. 184] […] “(Auf Verlangen eingerückt.) Der Tanz als geselliges Vergnügen. Der Tanz als höchst schädliches Betragen. Der Hang zum Tanz ist so alt, als die Welt. Der Mensch hüpft, und springt in die Höhe, wenn er fröhlich ist, und dieser Ausdruck seiner Gefühle theilt sich unfreiwillig andern mit. Daher ist das Tanzen der Hauptgegenstand der gesellschaftlichen Freude, bei allen, auch den rohsten Nazionen der Erde.

Hand der Grazien

In Afrika, wie in Süd= und Nordamerika tanzen täglich Wölker Schaarenweise nach dem Takt einer elenden Trommel. Bei den wilden, und unkultivirten Nazionen z. B. bei den Ostindern, Arabern, Egyptern u. s. w. besteht das Tanzen meistens in wilden Springen, unzüchtigen Stellungen, und wollüstigen Bewegungen. In Europa hat glücklicherweise die Hand der Grazien und guten Sitten jene Rohheit von unserem geselligen Tanze wegpollirt, und die letztere schmuzzige [sic] Sittenlosigkeit davon verbannt. Der mässige Tanz ist das fröhliche Band der gesellschaftlichen Freuden, der Freund der Jugend worden, und selbst die reinste jungfräuliche Unschuld darf nicht mehr erröthen, daran Theil zu nehmen, und den Ausbruch ihrer Fröhlichkeit öffentlich zu zeigen: Er ist der Weg zur Höfflich= und Gefälligkeit, der Gangwagen für Kinder, Erwachsenen weist er den Weg, aufrecht, und auswärts zu gehen: Er ist der erste Gesellschafter bei jedem Freudenfest, ein Feind des Grams; seine ganze Behandlung ist gesellig, liebreich gefällig: ja selbst von medizinischem Nuzzen [sic] ist er.

Hypochondrisches Dasein
Augsburger Weinmarkt ohne Tanzhaus, 18. Jh. © Susanne Wosnitzka (gemeinfreier Abdruck)
Augsburger Weinmarkt ohne Tanzhaus, 18. Jh. © Susanne Wosnitzka (gemeinfreier Abdruck)

Bewegung, zuweilen selbst heftige Bewegung ist zu Erhaltung unserer Gesundheit unentbehrlich, sonderlich im Winter, wo, Sizzen [sic], und die verdikte [sic] Luft hypochondrisch macht. Nichts ist damit wirksamer, nichts stellt die Munter= und Thätigkeit unserer ganzen Maschine besser wieder her, als von Zeit zu Zeit mässiges, abwechselndes, und nicht zu langsames Tanzen.

Aber möchten doch unsere jungen Freunde, und Freundinnnen bei diesem Genuße nie vergessen, daß man den Becher der Freuden nur langsam, mit kleinen Zügen, und nie ganz austrinken soll, und daß der Tanz, der recht und mässig gebraucht, ihrem Leben Balsam sein könnte, unmässig genossen und gemißbraucht wird, ein sicheres Gift wird, das ihre Gesundheit und Leben mordet, oder doch sicher ihre Schönheit in wenig Wochen verblühend macht.

Abzehrung vorprogrammiert

Ich habe mehr als ein blühendes Mädchen, mehr als einen liebenswürdigen, raschen, feurigen Jüngling, die Freude und Hoffnung Aller als das Opfer eines einzigen wilden Balls, selbst eines einzigen Tanzes langsam abgezehren, ihre noch wenigen übrigen elenden Tage verzweiflungsvoll leben, und ohne Rettung zum Sarge tragen sehen: und es ist ein trauriger Gedanke für mich, indem ich dies schreibe, daß vielleicht manche unsrer jungen Damen, indem sie dies ließt, den Gift schon in ihrem Bußen fühlt, und die Blat[t] mit Thränen nezzet [sic].

Ein Tanz wird hässlich, sobald die Tanzenden die Grazie der Sittlich= und Wohlanständigkeit verlassen, und nicht mehr sanft, und zierlich tanzen. Ein Tänzer kann keine schöne und gefällige Stellung mehr machen, wenn er raset, wie ein trunkner Faun, und ich kenne kein ekleres Bild, als ein junges Mädchen, das wie eine wahnsinnige Bachantin bei ihren Orgyen tanzt.

Erhitzung verdirbt den Charakter!

Durch solch eine Art misfällt [sic] ein junges Mädchen nicht nur allgemein, sondern sie schadet auch ihrer Schönheit unwiederbringlich, weil ihre ganze gesunde Farbe durch solch eine gewaltige Erhizzung [sic] dahin schwelkt [sic], die Haut verdirbt, ihr schöner Reiz erbleicht, und fahl und braune Höfe um ihre hohlen Augen tretten; kömmt noch ein unglüklicher kalter Trunk dazu, so ist das Unglük [sic] vollendet, und das Leben dahin.

Tanzen sie also meine jungen Freunde und Freundinnen mässig, abwechselnd, und nie zu lange, weil der Tanz nur dann wohlthätig ist, wenn er die Kräfte nicht überspannt, und das Blut nicht zu sehr erhizt [sic], und bei Beobachtung dieser kleinen Vorsicht wird ihnen der Tanz nie gefährlich werden, sondern vielmehr können sie dieser kurzen Freude des Lebens sicher bis zur Asche genießen.”

In diesem Sinne: Freuen wir uns also auf achtsame Freudentänze in den Straßen nach der Corona-Pandemie!

Traudl Glogger-Prechtl – Augsburger Künstlerin neu entdecken

Wie schreibt man über die großartige, aber fast vergessene Künstlerin Traudl Glogger-Precht, wenn derzeit – im Corona-Shutdown – sämtliche Bibliotheken, Büchereien und andere Kunstinstitute, in denen man anfragen könnte, geschlossen sind und man auch nur wenig Material daheim zur Verfügung hat? Daher ist dieser Blogtext nur ein Versuch einer Rekonstruktion eines reichhaltigen Lebens, das aber genau deswegen noch so viel Spannendes zu entdecken bietet.

Traudl Glogger-Precht aus der Versenkung

Wie findet man so eine fast vergessene Künstlerin? Indem man zum Beispiel Flohmarkt-Besuche als Hobby hat. Bei mir daheim ums Eck findet bzw. fand bislang regelmäßig der samstägliche Flohmarkt auf dem Gelände der Rockfabrik statt. Gerne lasse ich mich dort treiben und habe vor Ort schon meine Lieblingshändler:innen, deren Stände und Waren immer interessant sind – alte Briefe, historische Fotografien und eben Bilder. Das meiste davon ist ausgesprochener Kitsch (wobei Schönheit wie immer im Auge des:der Betrachter:in liegt selbstverfreilich), aber manchmal sticht doch das eine oder andere interessante Ding hervor, das das Auge anzieht.

Traudl Glogger-Prechtl “Ein Hügel” (1967) © Eigentum Susanne Wosnitzka

So geschehen mit einem eher unscheinbar und trist wirkenden Schwarz-Weiß-Bild in schlichtem, künstlich gesilbertem Rahmen, das zusammen mit anderem Krimskrams an einer Zu-verschenken-Ramschkiste lehnte, mir aber gleich gefiel: Eindrücklich, starker Strich, interessante Aufteilung. Da war unten links ein Name angebracht: Glogger-Prechtl und eine mit Bleistift dazugesetzte Unterschrift. Ich googelte und stellte fest, dass diese Frau etwas mit Augsburg zu tun hatte. Bingo, dachte ich und handelte. Für 10 € war es dann das Meine. Wieder daheim machte es mich ganz fuchsig, Traudl Glogger-Prechtl nicht im Augsburger Frauenlexikon zu finden. Ich hing ihr Werk jedenfalls zu meinen anderen Bildern und freute mich darüber.

Twitter bringts ans Tageslicht

Zwei Jahre später. Ein Tweet von Martina von Dannen sorgte heute dafür, dass ich mich jetzt doch dransetzte, etwas über Traudl Glogger-Prechtl zu schreiben, weil ich sofort an meine Bilder dachte, sie zu twittern:

Spärlicher Lebenslauf

Laut einzigem online greifbaren Lexikon wurde Traudl Glogger-Prechtl – Malerin, Zeichnerin und Grafikerin – 1925 in Augsburg geboren und lebte zum Zeitpunkt des Lexikondrucks (2007) dort noch.[1] Sie erhielt ihre künstlerische Ausbildung bei Alexander Rosenlehner (1912–1996), in den Kursen der renommierten Internationalen Sommer-Akademie für Bildende Kunst Salzburg und lernte die Kunst des Radierens bei Johnny Friedländer (1912–1992), der zu den Wegbereiter:innen der modernen Farbradierung gehörte. In seinem Wikipedia-Artikel wird Traudl Glogger-Prechtl als „bedeutende Schülerin“ angegeben – neben u. a. dem bis heute tätigen Regisseur und Fotograf Wim Wenders. Ob Wim Wenders sie persönlich gekannt hatte? 1929 heiratete Traudl Prechtl den Maler und Grafiker Matthes/Matthias Glogger (1914–1981), der seine Karriere in Augsburg als Dekorationsmaler begann und ab 1956 freier Mitarbeiter des Münchner Simplicissimus-Magazins war. Von seinem Kunstschaffen in Augsburg zeugt der Kunstpreis des Bezirks Schwaben, den er 1970 für seine Leistungen erhielt.

Kunst für Augsburg

Traudl Glogger-Prechtl arbeitete u. a. in der Augsburger Antonspfründe, einem ehem. historischen Spital, das nach der Schließung als Altenheim ab 1966 von Augsburger Künstler:innen selbst ausgebaut und gestaltet wurde. Darin befinden sich in historischen Räumlichkeiten mit Gewölbedecken 18 Ateliers. Der Andrang auf diese Kunst- und Arbeitsstätte ist bis heute so groß, dass die Kunstvereinigung Die Ecke am Elias-Holl-Platz hinter dem Rathaus, die das Ganze verwaltet und eine eigene Galerie führt, eine Warteliste führt.[2]

Auch Traudl Glogger-Prechtl war Mitglied dieser Künstler:innenvereinigung, die in Augsburg seit der Zeit um 1900 für regelmäßige Ausstellungen in einer eigenen Galerie hinter dem Rathaus am Elias-Holl-Platz sorgt. Laut Augsburger Allgemeinen müssen die Kunstfeste der Ecke legendär gewesen sein, die besonders in den 1960er/1970er Jahren des allgemeinen Aufbruchs für Furore sorgten. Ob Verbindungen zur Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) mit deren innovativen Entwicklungen bestand?

Schönes nicht ums, sondern ins Eck bringen

Zum 60jährigen Bestehen der Augsburger Kunstgruppe Die Ecke (1967) steuerte Traudl Glogger-Prechtl die einfarbige Lithographie Ein Hügel zu einer Kunstmappe bei, die als limitierte Auflage publiziert wurde.[3] Offenbar zu diesem Anlass wurde dann wohl auch mein Bild dafür hergestellt und vervielfältigt. Auch in der Galerie im Holbein-Haus in Augsburg stellte Traudl Glogger-Prechtl im Jahr 1995 noch Bilder, die sie zwischen 1993 und 1995 geschafften hatte, aus.[4]
Die Stadt Augsburg vergibt seit 1958 jährlich einen Kunstförderpreis. Traudl Glogger-Prechtl wird für die Jahre 1968–1970 aus Preisträgerin der Sparte Bildende Kunst aufgeführt.[5] Eine Bilder-Galerie in der Süddeutschen online[6] zeigt Traudl Glogger-Prechtl beim Arbeiten vor einer Staffelei in ihrer Augsburger Wohnung (wo?), vor einer ganzen Wand voll ihrer Werke und – mit besonders ausdrucksstarkem Blick – vor einem Einzelbild, auf dem sie wohl auch im Selbstporträt erscheint:

Traudl Glogger-Prechtl in einer Reportage der “Süddeutschen” (Screenshot) © Susanne Wosnitzka

Vorbild und verehrte Lehrerin

Im Netz fand ich Martina Ludwig, die in ihrer Kinder- und Jugendzeit langjährige Schülerin von Traudl Glogger-Prechtl war. Ich rief sie an und sie erzählte mir freudig, dass Traudl Glogger-Prechtl ihr „großes Vorbild und persönliche Mentorin“ war und sie ermutigte, eigene künstlerische Wege zu gehen und sich nicht einfach an der Masse zu orientieren.[7] Sie erlebte sie als aufgeschlossene, begeisterte Frau, die selbst andere für Kunst begeistern konnte. Traudl Glogger-Precht war zudem eine große Katzenliebhaberin (Pluspunkt!), die gerne Landschaften zu bizarrer Architektur in verhaltenen Farben kreierte.[8] Für eine umfassendere Biografie Traudl Glogger-Prechtls kann man vielleicht noch viel mehr Weggefährt:innen ausfindig machen. Und natürlich stellen sich Fragen: Wo sind all ihre Werke hin? Existiert noch ein geschlossener Nachlass? Von wem wird dieser verwaltet oder geschützt?

Und vielleicht findet sich ja noch so viel, dass man Traudl Glogger-Prechtl zu Ehren eine Lebenswerk-Ausstellung an den Orten ihres offenbar reichhaltigen und vielseitigen Schaffens gestalten könnte…

Einzelnachweise

[1] K. G. Saur (Hg.): Allgemeines Künstler-Lexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Bd. 56. München-Leipzig 2007, S. 209.

[2] Vgl. https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/kultur/Die-Antonspfruende-eine-Klause-fuer-die-Kuenstler-id56162561.html (Stand: 22.03.2020).

[3] Vgl. https://www.zvab.com/Ecke-Grafikmappe-60j%C3%A4hrigen-Bestehen-Augsburger-K%C3%BCnstlervereinigung/2962158563/bd (Stand: 22.03.2020).

[4] Vgl. http://www.artsngrafix.de/traudlgloggerart.html (Stand: 22.03.2020).

[5] Vgl. https://www.augsburg.de/buergerservice-rathaus/rathaus/preistraeger-und-preise/kunstfoerderpreis (Stand: 22.03.2020).

[6] Vgl. https://www.sz-photo.de/result_webshop/augsburg-kunstszene-50er-und-60er-jahre—reportage-von-gert-maehler/dossier-1.742951 (Stand: 22.03.2020).

[7] Vgl. http://www.maras-welt.com/malerei.html (Stand: 22.03.2020).

[8] Vgl. K. G. Saur 2007.

Fanny Hensel und die “Cholera-Kantate”

Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Fanny Hensel geb. Mendelssohn (1805–1847) schrieb 1831 im Alter von 26 Jahren ein gut halbstündiges chorsinfonisches Werk, das Oratorium nach Bildern der Bibel, darin auch die Cantate für die Toten der Cholera-Epidemie, die damals über mehrere Jahre in vielen Städten grassierte und die Leute in schiere Panik versetzte.

Wie verheerend die Seuche in Preußen war, schildert zum Beispiel dieser Artikel (Dt. Ärzteblatt, 2007). Wie zum Beispiel das Augsburger Tagblatt berichtet, versuchte man mit allerlei Mitteln und Mittelchen vorzusorgen, von Blutegeln bis Aderlass:

Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Panikvermeidung trotz Cholera

In Städten waren Wirte und Toreinlasser verpflichtet, sämtliche Einreisende zu melden mit Herkunft, Namen, Pass etc. Zeitungsmeldungen zeigten an, wo die Cholera grade besonders grassierte. Briefe von auswärts wurden zum Beispiel in Wien durchstochen und geräuchert, um zu versuchen, damit Keime abzutöten.[1]

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Karl the Ripper – der Mädchenschneider von Augsburg

Maximilianstraße Augsburg um 1835 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg um 1835 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

In der Dämmerung schlitzte er drauf los, der sog. Mädchenschneider von Augsburg. Er trug einen weiten Mantel, hatte sein Gesicht durch eine ausladende Mütze verborgen und lauerte jungen Frauen heimtückisch in abgeschiedenen Augsburger Gassen auf. Allerdings so, dass er sie nicht umbrachte, sondern mit einem scharfen Gegenstand am Arm und/oder an den Händen aufschnitt und teilweise auch würgte. Im Gegensatz zu Jack the Ripper, der 1888 in London sein tödliches Unwesen trieb, kam keine der derart angegangenen Frauen zu Tode, aber seine Überfälle hielten die ganze Stadt in Angst und Schrecken und führten so weit, dass ein Unschuldiger durch Polizei- und Obrigkeitspfusch als Sündenbock in den Tod getrieben wurde. „Karl the Ripper – der Mädchenschneider von Augsburg“ weiterlesen

Über die Donau – was Berblinger nicht schaffte, schaffte Madame Bittorf!

Berblingers Flugversuch © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Berblingers Flugversuch © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Bittorf vs. Schneider von Ulm? Dieses Jahr würde der ‘Schneider von Ulm’, Albrecht Ludwig Berblinger (1770–1829) seinen 250. Geburtstag feiern – in Ulm soll er daher groß geehrt werden. Der Mann, der Pioniergeist besaß und vom Fliegen träumte und wegen widriger Umstände dann doch scheiterte. Nach einer erzwungenen Ausbildung zum Schneider – er wäre viel lieber Uhrmacher und Mechanikus geworden – entwickelte er erstaunlich arbeitende Bein- und Fußprothesen, die Vorbild für den Ulmer Chirurgen Johannes Palm (1749–1851) wurden, der als einer der ersten Ärzte überhaupt Chloroform und Äther zur Narkose einsetzte.

Berblingers bekanntestes Gerät ist ein Fluggleiter, mit dem er heimlich in den um Ulm liegenden Weinbergen übte, wo thermische Aufwinde für eine ideale Flugsituation vorhanden waren – aber nicht unten in der Stadt an der Donau, und genau das wurde ihm später zum Verhängnis. Wer solch ein Gestell durch die Stadt in die Weinberge trägt, bleibt nicht unbemerkt: Friedrich I. von Württemberg (1754–1816) hatte von Berblingers Versuchen buchstäblich Wind bekommen und wollte unbedingt einen Flug von ihm sehen, denn was heute für uns selbstverständlich erscheint, war damals eine unglaubliche Sensation.

Die Geschichte vor Madame Bittorf
Gebrüder Montgolfier in ihrer Montgolfière © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Gebrüder Montgolfier in ihrer Montgolfière © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Auch die Brüder Joseph Michel (1740–1810) und Jacques Étienne (1745–1799) Montgolfier waren von der Idee des Fliegens fasziniert gewesen. Als sie es tatsächlich schafften, Fluggeräte zu entwickeln, mit denen man in den Himmel aufsteigen konnte, war es soweit: Ein Hype ums Fliegen setzte weltweit ein, und es entwickelte sich ein regelrechter Wettbewerb, wer schneller, höher und weiter damit unterwegs sein konnte, vor allem mit Ballonen. In Augsburger Tageszeitungen der Jahre 1746 bis nun 1852, die ich für meine Dissertation auf Musik- und Kulturnachrichten untersucht habe, kamen auch hunderte Meldungen zu Ballonfahrern zum Vorschein. Und zu Ballonfahrerinnen. Viele davon noch gänzlich unbekannt mit unbekannten Anekdoten, Fluggeschichten, Absturz- und Brandtragödien. Über diese Geschichte(n) werde ich zu gegebener Zeit in einer eigenen Publikation berichten. Denn auch zur Augsburger Ballonfahrt- und Fluggeschichte vor Madame Bittorf kam Neues ans Tageslicht.

Ulm und die Welt im Flugrausch

Zurück nach Ulm. Berblingers Wikipedia-Artikel[1] berichtet folgendermaßen von der sich abzeichnenden Tragödie: „Ursprünglich wollte Berblinger seine Flugkünste erst am 4. Juni 1811 vorführen und schlug dazu einen Start vom Hauptturm des Ulmer Münsters vor, dessen Höhe zu diesem Zeitpunkt noch bei 100 Metern lag. Die Ulmer Ratsherren lehnten Berblingers Vorschlag jedoch ab. Sie trauten seinen Flugkünsten nicht und verlangten deshalb den Start von der 13 Meter hohen Mauer der Adlerbastei an der Donau. Berblinger stimmte diesem Startplatz schließlich zu, ohne sich der möglichen verhängnisvollen Folgen bewusst zu sein. Um die Donau überqueren zu können, vergrößerte Berblinger die Absprunghöhe durch ein Gerüst auf 20 Meter.

Die Abreise des Königs am 31. Mai führte wohl dazu, dass Berblinger schon am 30. Mai starten sollte. Der König und viele Ulmer warteten auf seine erste Flugvorführung, doch Berblinger verschob seinen Start auf den nächsten Tag. Die historischen Schilderungen lassen darauf schließen, dass er an diesem Tag die völlig anderen Windverhältnisse bemerkte und auf Veränderung am nächsten Tag hoffte. Aus heutiger Sicht ist klar, warum er die von ihm benannte ‚Fliegekraft‘ unter seinen Flügeln nicht spüren konnte. Durch das relativ kalte Wasser der Donau entstehen Fallwinde, die durch die Mauern der Bastei noch verstärkt werden.

Im freien Fall

Am folgenden Tag, dem 31. Mai, trat er erneut zu einem öffentlichen Flugversuch an. Der König war schon abgereist, aber sein Bruder, Herzog Heinrich, und die Prinzen schauten zu. Allerdings hatten sich die Windverhältnisse innerhalb eines Tages nicht verändert. Das muss ihm bewusst geworden sein, denn er verzögerte den für 16 Uhr geplanten Start, mit der Hoffnung es könnte sich noch etwas verändern. Gegen 17 Uhr wurden die zahlreichen Zuschauer und auch Herzog Heinrich ungeduldig und drängten ihn, endlich mit seiner Vorführung zu beginnen. Ein umstehender Polizeidiener rempelte Berblinger schließlich an und das Verhängnis nahm seinen Lauf.

Aus diesem Überraschungsmoment heraus konnte er die erforderliche Anfangsgeschwindigkeit für den Gleitflug nicht erreichen und die Tragflächen seines Fluggerätes nicht in einem günstigen Anstellwinkel ausrichten. Die Fallwinde und der Start mit Rückenwind bescherten dem Traum vom Fliegen ein jähes Ende. Bereitstehende Fischer retteten ihn nach dem Absturz unter dem Gejohle der vielen Zuschauer aus den Fluten der Donau.

Der Absturz mit seinem Flugapparat war auch mit einem sozialen Absturz verbunden. Man bezeichnete ihn nun als Lügner und Betrüger, was zur Folge hatte, dass auch die Kunden seiner Schneiderwerkstatt ausblieben. Mit 58 Jahren starb er im Hospital völlig verarmt und mittellos an Auszehrung. Berblingers Flugapparat war aus ‚indischem Rohr‘, vermutlich Bambus, fiel unter die Kontinentalsperre und wurde zusammen mit anderen englischen Waren wenig später unter amtlicher Aufsicht auf einem großen Scheiterhaufen verbrannt.“ Einen Nachbau seines Flugapparats kann man heute im Treppenhaus der Ulmer Rathauses bewundern.

Ballonfahrerinnen im Aufwind

Soweit die Vorgeschichte. Seitdem wurde über den gescheiterten ‘Schneider von Ulm’ gelacht, dessen Schicksal immer wieder für ähnliche Fälle herbeigezogen wurde. Dass es da allerdings jemanden gab, der nur kurze Zeit nach Berblinger erfolgreich über die Donau flog, ist in und um Ulm hingegen so gut wie unbekannt. Warum eigentlich? Weil “stilles Siegen” weniger spektakulär ist als krachendes Scheitern? Weil dieser Mensch erfolgreich war oder weil sich alles nicht unmittelbar in der Stadt ereignete? Weil dieser Mensch eine Frau war und Frauen in dieser Richtung verhältnismäßig wenig zugetraut wurde? Und nach dem Scheitern eines Mannes schon gleich gar nicht? Wer also war Madame Bittorf?

Tod von Madame Blanchard © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Tod von Madame Blanchard © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Der bislang bekannten Geschichte der Ballonfahrerinnen nach war die erste Ballon fahrende Frau die Französin Elisabeth Thible (Lebensdaten unbek.), die 1784 in Lyon zum ersten Mal aufstieg. Eine weitere sehr bekannte Ballonfahrerin war die Französin Sophie Blanchard (1778–1819), die zusammen mit ihrem Mann auftrat. Nachdem dieser 1809 mit einem Ballon tödlich verunglückt war, musste sie ihren Lebensunterhalt alleine verdienen und wurde dadurch zur ersten professionellen Ballonfahrerin, die von Napoleon Bonaparte (1769–1821) zur ‘kaiserlichen Aeronautin’ befördert wurde. Bei einer Flugschau wollte sie ein Feuerwerk in ihrem Ballon zünden, doch eine Rakete hatte eine Fehlzündung, die den Ballon in der Luft in Brand setzte. Sophie Blanchard stürzte vor den Augen des entsetzten Publikums tödlich ab.

Viel Unbekanntes

Leider ist derzeit noch nicht viel über Madame Bittorf bekannt, nicht einmal ihre Lebensdaten. Sie stammte aus Nürnberg und war nach Wilhelmine Reichardt (1788–1848) die zweite bekannte deutsche Ballonfahrerin. Ihre zweite bekannte Luftfahrt fand in Augsburg während einer Tournee durch die Lande statt. Bereits seit Februar 1811 in der Stadt, wo auch die Fluggeräte der Bittorfs ausgestellt waren[2], startete sie nach mehreren zuvor gescheiterten Versuchen durch ungünstiges Wetter[3] am 5. Juli 1811[4] vor dem Roten Tor und landete erfolgreich und unbeschadet zwischen Neusäß und Täfertingen und wurde von einem trompetenden Postillon und unter Vivat-Geschrei nach Augsburg zurück geführt, wo sie vom Fürstbischof von Augsburg – Clemens Wenzeslaus (1739–1812) – und seiner Schwester Maria Kunigunde von Sachsen (1740–1826) ansehnlich beschenkt wurde. Man achte auf dieses Datum, denn dieses Ereignis fand nur einen Monat nach Berblingers Scheitern statt. Interessant ist, dass in der Augsburgischen Ordinari Postzeitung von beiden Ereignissen in einer Ausgabe gleichzeitig berichtet wird. Möglich ist daher, dass auch Frau Bittorf durch Berichte in Augsburger und/oder Nürnberger Zeitungen von Berblingers Flugversuch gehört hat, was sie gegebenenfalls angespornt haben könnte, zu beweisen, dass ein Überfliegen der Donau doch möglich sein kann.

Auf Reisen
Madame Bittorf steigt in Augsburg auf © Bib. nat. de France, G145789 (gemeinfrei)
Madame Bittorf steigt in Augsburg auf © Bib. nat. de France, G145789 (gemeinfrei)

Nach diesem großen Erfolg reiste sie zusammen mit ihrem Mann und all ihren Gerätschaften weiter nach Ulm. Einen Ballon herzustellen, zu füllen und aufzurichten war ein sehr schwieriges Unterfangen, da in dieser Zeit nicht nur mit heißer Luft gearbeitet wurde, sondern mit „brennbarer Luft“, also mit Gas. Und zwar mit Wasserstoff. Hochbrennbarem Wasserstoff, wenn dieses Gas mit Sauerstoff zusammenkommt. Oft waren auch die Materialien, mit denen der Stoff des Ballons abgedichtet wurde, brennbar. Was in einem Ballon in der Luft und bei der Verarbeitung am Boden nicht ungefährlich ist. Zahlreiche Unglücksmeldungen in historischen Tageszeitungen zeugen davon. Um Wasserstoff herstellen zu können, wurden Eisenspäne mit verdünnter Schwefelsäure zum Reagieren gebracht, was die Brüder Montgolfier in Holzfässern umsetzten.[5] Der Abbildung nach schien Madame Bittorf einen Heißluftballon gehabt zu haben. Ob das kleine ‚Nest‘ zwischen Behältnis und Ballon ausgereicht hat, um die Hülle zu füllen, den Ballon aufzurichten und oben zu halten? Wie genau sind solche Abbildungen? Was kann man aus ihnen alles herauslesen? Jedenfalls startete sie einen Ballon aus Papier – angetrieben durch mitgeführtes Brennholz – am 12. Oktober 1811 von der Ulmer Friedrichsau aus und landete auf der anderen Seite der Donau, begleitet von Musik und dem begeisterten Applaus einer Menschenmenge am gegenüberliegenden Donauufer.[6] Einen Original-Ballon aus dem späten 18. Jahrhundert aus Segeltuch – den Intrépide (Der Furchtlose/Unverzagte) – findet man im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien sowie den Ad Astra (Zu den Sternen) im Städtischen Museum Braunschweig. Auch das Ballonmuseum Gersthofen ist zu all diesen Themen sehr empfehlenswert.

Was möglich wäre

Im Jahr 2011 plante Augsburg eine Performance anlässlich des 200. Jahrestages der Ballonfahrt einer Frau mit dem Titel Madame Bittorf hebt ab… (Regie/Inszenierung: Stefan Schön)[7], die wetterbedingt auf 2012 verschoben wurde, aber offenbar leider nie zustande kam. Diese wohl ausgearbeitete Performance könnte man für Ulm reaktivieren. Gerade das diesjährige Berblinger-Jubiläum wäre ein hervorragender Anlass, auch Madame Bittorf mit ihrer herausragenden Leistung in die Ulmer Stadtfeierlichkeiten einzubeziehen und auch ihr Wirken entsprechend zu würdigen. Diese Geschichte und die Leistung dieser bemerkenswerten Frau fehlen bislang auch im Wikipedia-Artikel zur Ulmer Stadtgeschichte. Ulm fehlt generell ein ulmwiki, also ein Webprojekt à la Wikipedia, das als virtuelles Handbuch und lebendiges Online-Lexikon zum Thema Ulm und Ulmerïnnen dient. Eine weitere Idee wäre, ihren Flug so originalgetreu wie möglich nachzustellen oder sie als neue historische Figur künftig beim bekannten Ulmer Fischerstechen einzusetzen, vielleicht auch zusammen mit der heute kaum noch bekannten Ulmer Komponistin Barbara Kluntz (1661–1730). In Ulm geht noch einiges.

Literaturtipps
Heinz Straub: Fliegen mit Feuer und Gas. Aarau 1984.
Wolf-Dieter Hepach/Wolfgang Adler: Flugpioniere in Ulm 1811–1911. Ulm 2010.

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[1] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Albrecht_Ludwig_Berblinger (Stand: 23.01.2020).

[2] Augsburgische Ordinari Postzeitung, Nro. 40. Freytag, den 15. Febr. Anno 1811, S. 4: „Augsburg. […] Unterzeichneter macht hiedurch bekannt, daß seine große ärostatische Maschine Sonntag den 17. Febr. und die ganze Woche hindurch in der ehemaligen Jesuitenkirche noch zu sehen ist, wozu er alle Liebhaber dieser Kunst höflichst einladet, indem der majestätische Anblick schon großen Beyfall gefunden, besonders jetzt, weil er nun ganz vollständig da steht. Es empfiehlt sich ergebenst Bittorf, Mechanikus.“ Möglich wäre, dass die Bittorfs ihre Fluggeräte auch entsprechend in Ulm zur Schau stellten.

[3] Div. Meldungen in der Augsburgischen Ordinari Postzeitung.

[4] Augsburgische Ordinari Postzeitung, Nro. 135. Donnerstag, den 6. Juni. Anno 1811, S. 3f.

[5] Vgl. http://www.chemieunterricht.de/dc2/schwefel/s-ballon.htm (Stand: 23.01.2020)

[6] Vgl. https://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Fluggeschichte-wurde-in-Ulm-geschrieben-id15065191.html (Stand: 23.01.2020)

[7] Vgl. https://www.daz-augsburg.de/madame-bittorf-hebt-erst-2012-ab/ (Stand: 23.01.2020)

Nannette Streicher – die Frau, die zweimal feiern könnte, aber…

Nannette Streicher. Tuschezeichnung von Ludwig Krones 1836 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Nannette Streicher. Tuschezeichnung von Ludwig Krones 1836 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

This blogtext is now available in English! Thanks to Gabriella Di Laccio and DONNE | Women in Music for the kind support!

… offenbar von niemandem gefeiert wird. Weder in ihrer Heimatstadt Augsburg noch in Wien und anderen Klassikkreisen wird Nannette Streichers diesjähriger 250. Geburtstag (2. Januar 1769) gefeiert oder wertgeschätzt, obwohl die Musikkulturwelt ohne sie und ihr Instrumentenbaugenie wesentlich ärmer geblieben wäre. Sie ist eine der sog. „vergessenen“ Frauen bzw. deren Leistungen nach ihrem Tod bagatellisiert und/oder wie beiläufig abgetan und dadurch lange von der Musikgeschichtsschreibung übergangen wurde.

Das heute eher beschaulich wirkende Augsburg war zu Nannettes Lebzeiten ein geradezu begehrter Schmelztiegel der Kulturgeschichte. Besonders die Goldene Traube in der heutigen Maximilianstraße (damals Weinmarkt) mit mehreren Konzert- und Veranstaltungssälen war Hauptumschlagsplatz bürgerlicher Musikkultur neben dem privaten Fuggerischen Konzertsaal, der ums Eck am Zeugplatz lag, und den Sälen der Zunfthäuser, in denen Veranstaltungen der bürgerlichen Collegia musica stattfanden. Daneben war Augsburg hochbedeutendes Zentrum des Presse- und Verlagswesens, auch durch die Musikverlagshäuser von Johann Jakob Lotter, Anton Böhm & Sohn und später Andreas Gitter[1].

Nannettes Wurzeln
Ehem. Wohn- und Geschäftshaus der Fam. Stein, Augsburg, Ulrichsplatz 10 © Tilman2007, CC BY-SA 3.0, Wikimedia.Commons
Ehem. Wohn- und Geschäftshaus der Fam. Stein, Augsburg, Ulrichsplatz 10 © Tilman2007, CC BY-SA 3.0, Wikimedia.Commons

Nannette Streichers Vater Johann Andreas Stein (1728–1792) wirkte als einer der bedeutendsten Klavierbauer Europas am oberen Ende der Maximilianstraße, am heutigen Ulrichsplatz Nr. 10. Dort stand sein Wohnhaus (obere Etagen), das im Erdgeschoss eine Werkstatt für Klavierbau enthielt. Stein entwickelte die sog. Prellzungenmechanik bedeutend weiter, mit dem forte (laut) und piano (leise) gespielt werden konnte – daher der Name Fortepiano oder Pianoforte für diese Art Tasteninstrument. „Nannette Streicher – die Frau, die zweimal feiern könnte, aber…“ weiterlesen

Menagerien – Reisende Sensation und Grausamkeit. Funde in historischen Augsburger Zeitungen

Um 1850 existierten einige wenige fest eingerichtete Zoos und Tierparks wie z. B. der 1752 in Wien gegründete Tierpark in Schönbrunn, seit 1844 der Zoologische Garten Berlin oder der 1828 gegründete Londoner Zoo. Renner in dieser Zeit waren Menagerien, die von Stadt zu Stadt zogen und mit ihrem Angebot an exotischen Tieren (oder denen, die man dazu erklärte) und auch Menschen, die als „Sensation“ galten wie Schwarze und „behinderte“ Menschen, für großen Publikumsandrang sorgten. Was als „Völkerschauen“ deklariert war, war in Wirklichkeit ein grässliches Zurschaustellen kolonialer Menschenraube. Oft waren solche Zoos und Menagerien allerdings auch die einzige Möglichkeit für solche Menschen, überhaupt etwas Geld zu verdienen.[1]

Drinnen und draußen – Menagerien überall

Solche Menagerien machten auch in Augsburg Station – Nachrichten aus historischen Tageszeitungen zeugen davon. Schauplätze waren z. B. „Menagerien – Reisende Sensation und Grausamkeit. Funde in historischen Augsburger Zeitungen“ weiterlesen

Welttag Theater – Frauen machen Geschichte

In Augsburg wirkten im 18. Jahrhundert am Theater einige Frauen an der Geschichte mit, die es so leider bis heute noch nicht niedergeschrieben gibt. Mein Job wohl…

In dieser ehem. Reichsstadt wirkten v. a. reisende Theatergesellschaften – feste Theatergruppen gab es oft nur an den Höfen. Augsburg hatte schon recht lange ein Stadttheater, das an Stelle des alten Minnesängers-Stadels errichtet wurde und die beide neben der Kirche St. Jakob standen in der Vorstadt. Die Minnesänger waren in Augsburg einst wesentlich bedeutender als die in Nürnberg, die durch Richard Wagner popularisiert wurden.

Altes Theater Augsburg

Das alte Theater war historischen Beschreibungen nach, die ich in historischen Augsburger Tageszeitungen zwischen 1746 und 1849 gefunden habe, klamm, zugig und kalt. Niemand ging dort gern ins Theater. Allerdings hat Wolfgang Amadé Mozart dort zum ersten Mal auch Emanuel Schikaneder in einer Aufführung erlebt – zukunftsweisend für deren beide Zusammenarbeit. Schikaneder heiratete im Augsburger Dom Eleonore geborene Maria Magdalena Arth (1751/52–1821), die ihrerseits Schauspielerin und Sängerin war und dann auch zur Theaterdirektorin wurde – mit ihrem Mann verstand sie sich nicht wirklich; er zog dann mit einem Teil der Truppe weiter, und Eleonore blieb in Augsburg. „Welttag Theater – Frauen machen Geschichte“ weiterlesen

Erna Woll (1917–2005) | Vortrag

Erna Woll © Susanne Wosnitzka
Erna Woll © Susanne Wosnitzka

Erna Woll (19172005): Als fast vergessene Komponistin des Augsburger Kyrie und vielfältiger geistlicher Werke war Erna Woll, die an der Pädagogischen Hochschule Augsburg wirkte Wegbereiterin und Miterfinderin der elektronischen Musikvermittlung. Ihre Freundin Mathilde Hoechstetter, mit der sie zusammenlebte, setzte sich für das dichterische Werk Gertrud von Le Forts ein, das Erna Woll vielfältig in Musik setzte. Ihr Mitwirken und Komponieren an und zu den Donaueschinger Musiktagen und den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt trug wesentlich dazu bei, dass sich ein neuer Kirchenmusikstil nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem in den 1960er Jahren etablieren konnte.

Literaturtipp:
Wilhelm Keller u. a. (Hg.): Erna Woll. Schneider, Tutzing 1987, ISBN 3-7952-0509-3.

Hörbeispiel:
Erna Woll Wohin ich immer reise, Kammerchor der Universität Augsburg

Kosten:
VB (einzelne Vorträge ca. 90 Minuten; Anreise/Übernachtung exklusive)

Ideal für Kulturzentren, Firmenfeierlichkeiten, private Feste wie Geburtstage etc. – beschenken Sie einen Freund/eine Freundin oder Ihre Kundinnen und Kunden mit einem Vortrag aus meinem Repertoire | Hausvorführungen möglich – Beamer und weitere technische Gerätschaften vorhanden

Augsburger Persönlichkeiten | Vortrag

Nannette Streicher geb. Stein (17691833, Klavierbauerin, Pianistin, Sängerin und Komponistin), Anna von Schaden (17631834, Pianistin, Komponistin), Susanna Jacobina Jungert (17411799, Sopranistin), Hortense de Beauharnais (u. a. Königin von Holland, auch Komponistin, 17831837), Eleonore Schikaneder (17511821) und Madame Voltolini (~1790) – innovative Schauspieldirektorinnen mit Open-Air-Theater. Ohne Nannette Streichers Flügel hätte Ludwig an Beethoven seine besten Werke für Klavier wohl nie geschrieben, wie er selbst einmal sagte. Mit ihrem Bruder Matthäus Andreas Stein und ihrem Mann Johann Andreas Streicher, der bester Freund Friedrich Schillers war, führte sie in Wien die Ideen und Geschäfte ihres für den Pianoforte-Bau bedeutenden Vaters Johann Andreas Stein fort, hatte in Wien einen eigenen Musiksalon, in dem sie u.a. auch Carl Maria von Weber förderte. Anna von Schaden war Berufsmusikerin am Hof von Oettingen-Wallerstein und eng mit Nannette Streicher befreundet. Susanna Jacobina Jungert war Künstlerische Leiterin der Augsburger “musicübenden und -liebenden Gesellschaft” und war verantwortlich für die Augsburger Erstaufführungen einiger berühmten Werke. Weitere Frauenbiografien zeigen einen dichten Teppich an Vernetzung und Musikleben in dieser bedeutenden Reichsstadt.

Kosten:
VB (einzelne Vorträge ca. 90 Minuten; Anreise/Übernachtung exklusive)

Ideal für Kulturzentren, Firmenfeierlichkeiten, private Feste wie Geburtstage etc. – beschenken Sie einen Freund/eine Freundin oder Ihre Kundinnen und Kunden mit einem Vortrag aus meinem Repertoire | Hausvorführungen möglich – Beamer und weitere technische Gerätschaften vorhanden

“Komponistinnen” | Film mit Talk in Augsburg

Komponistinnen – Dokumentarfilm über Fanny Hensel, Mel Bonis, Emilie Mayer und Lili Boulanger

Montag, 11. März 2019 Augsburger Premiere um 18:30 Uhr im Liliom-Kino in Anwesenheit der Filmemacher*in Kyra Steckeweh und Tim van Beveren im Anschluss: Filmgespräch mit u. a. Susanne Wosnitzka

Ausgezeichnet als “Bester Dokufilm von oder über eine Frau” (Alive International Documentary Film Festival Los Angeles 2018) und als “best featured documentary” (10th World Music and Independent Film Festival Washington D.C.)!

“Eine überfällige Doku mit Musik, die packt und dazu exzellent erzählte Geschichte(n) – großes Kompliment” (Premieren-Besucher)

Weitere Infos dazu auf der Komponistinnen-Homepage oder – mit Making-of-Hintergründen auf meiner Webseite hier.

“Komponistinnen” | Film mit Talk in Augsburg

Komponistinnen – Dokumentarfilm über Fanny Hensel, Mel Bonis, Emilie Mayer und Lili Boulanger

Montag, 11. März 2019 Augsburger Premiere um 18:30 Uhr im Liliom-Kino in Anwesenheit der Filmemacher*in Kyra Steckeweh und Tim van Beveren im Anschluss: Filmgespräch mit u. a. Susanne Wosnitzka

Ausgezeichnet als “Bester Dokufilm von oder über eine Frau” (Alive International Documentary Film Festival Los Angeles 2018) und als “best featured documentary” (10th World Music and Independent Film Festival Washington D.C.)!

“Eine überfällige Doku mit Musik, die packt und dazu exzellent erzählte Geschichte(n) – großes Kompliment” (Premieren-Besucher)

Weitere Infos dazu auf der Homepage von Komponistinnen oder mit etwas mehr Infos zum Making-Of auf meiner Seite hier.