Augsburger Komponistinnen | Vortrag in Augsburg – online!

Sophie Schröder, Lithographie von Joseph Kriehuber 1828 © Wikimedia.Commons gemeinfrei
Sophie Schröder, Lithographie von Joseph Kriehuber 1828 © Wikimedia.Commons gemeinfrei

Augsburger Komponistinnen und Musikerinnen | Vortrag
Mittwoch, 8. Mai 2020 | Haus St. Ulrich Augsburg | 19:30 Uhr
⇒ verschoben auf Montag, 1. Februar 2021!
⇒ verschoben auf Donnerstag, 14. Oktober 2021!

“Modern sein heißt für die Frau” (hist. Zitat), einen Stellenwert und auch einen Platz in der Geschichte Augsburgs zu haben. Begeben Sie sich mit der Augsburger Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka auf die Spuren Augsburger Frauenmusikgeschichte und besonders zu musikschaffenden Frauen wie Erna Woll (Augsburger Kyrie 1984), Anna von Schaden (als Pianistin am Hof von Oettingen-Wallerstein angestellt, Förderin von Ludwig van Beethoven), Nannette Streicher geb. Stein (die auch Beethovens Klavierbauerin in Wien war), Hortense de Beauharnais (ehem. Königin von Holland) oder der bislang völlig unbekannten Augsburger Sopranistin Susanna Jacobina Jungert (Schülerin von Johann Gottfried Seyfert) und zu unbekanntem Neuen über die Goldene Traube als DAS Zentrum bürgerlicher Musikausübung in Augsburg zur Mozartzeit und darüber hinaus: Clara Schumanns Konzert- und Übernachtungsort in Augsburg ist nun bekannt!

Neueste Funde aus historischen Tageszeitungen brachten mehr in Augsburg wirkende Komponistinnen und Musikerinnen ans Tageslicht als gedacht und bislang bekannt! Auch das Wirken Sophie Schröders (Schauspielerin/Sängerin) und vieler weiterer am damaligen Augsburger Stadttheater wirkenden Frauen wird beleuchtet und die Theatergeschichte neu aufgerollt.

Der Vortrag wird Corona-bedingt nun voraussichtlich online stattfinden. Genaueres zu diesem Vortrag bzw. Link zur Veranstaltung wird zu gegebener Zeit noch geliefert.

Eine Veranstaltung des Katholischen Deutschen Frauenbunds (KDFB)

Assingmilieren in Florenz | Neufund zu Ludmilla Assing

Jemand in Florenz grade im Urlaub? Kunst- und kulturinteressiert? Auch an Frauengeschichte? Zu Ludmilla Assing? Ja? Dann macht doch im berühmten Boboli-Garten bitte der Länge nach ein philosophisches Lieg-In im Rasen. Warum? Als Gedenken!

Sich einfach so in einen Garten zu legen, faul zu sein und um über das Leben herumzuphilosophieren brachte wohl Ludmilla Assing (1821–1880), Herausgeberin der Rahel Varnhagen’schen Briefe, in Italien in Mode. Was offenbar so spektakulär war, dass 1862 darüber im Augsburger Tagblatt berichtet wurde.

Ludmilla Assing war aber auch wirklich eine Badass gewesen: Befreundet mit unter anderem Hedwig Dohm (1831–1919), berichtete als Augenzeugin von den Barrikadenkämpfen in Berlin der 1848er/1849er Jahre, gab auch die skandalträchtigen Briefe von Alexander von Humboldt (1769–1859) und ihrem Onkel heraus, setzte sich nach Florenz ab und wurde wegen royaler Beleidigungen steckbrieflich gesucht. Ihr Herz schlug links, ihr literarisches Wirken war enorm.

Hier die originale Meldung aus der Augsburger Zeitung, gerade gefunden:

Augsburger Tagblatt No. 200 1862 © Screenshot Susanne Wosnitzka
Augsburger Tagblatt No. 200 1862 © Screenshot Susanne Wosnitzka

“Florenz, 14. Juli. Von literarischen Berühmtheiten weilt seit einiger Zeit das landesflüchtige Fräulein Ludmilla Assing, die Herausgeberin der Varnhagen’schen Tagebücher, unter uns, welche sich, den Spottreden der Italiener Trotz bietend, allsonntäglich im Boboligarten der Länge nach im grünen Gras philosophisch ausstreckt.”[1]

Sollte ich jemals nach Florenz kommen, werde ich mich im Boboli-Garten zur löblichen Feier ihres Gedenkens im Gras ausstrecken. Eine liegende Gedenkstatue von ihr dort wäre doch auch eine grandiose Idee!

Man assimiliert sich dort dann nicht, sondern assingmiliert sich. Sich assingmilieren = faulenzend-philosophisch im Park im Gras herumliegen. Das wäre doch auch ein gutes neues Wort für den Duden.

 

Einzelnachweise

[1] ”Augsburger Tagblatt”, No. 200. Mittwoch 23. Juli 1862, S. 1749.
Beitragsbild: Ludmilla Assing, um 1850, Selbstportrait (Pastell) © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Elegie auf den Abriss des Gögginger Tors | Neufund

Elegie auf einen Abriss. Viele Augsburger:innen warteten im 19. Jahrhundert freudig darauf, ihre Stadt in die Zukunft geführt zu sehen. Nicht nur Augsburg wurde erleuchtet durch die Genialität von Ludwig August Riedinger (1809–1879), sondern auch buchstäblich mindestens halb Europa durch seine Technik der Gasbeleuchtung. Wiederkehrende Weltausstellungen in München, Paris und London erweiterten den Horizont technischer Art immens und auch die Vorstellungskraft, was noch alles kommen möge in der Zukunft. Man wollte Helle, Weite, Luft und Raum zum Atmen. Das sah man vielerorts durch Stadtmauern begrenzt, die dann um 1850 auch nicht mehr die großen Seuchen wie die Cholera abhielten, auch in Augsburg[1] – im Gegensatz zur Zeit um 1832 – tödlich zu wirken.

Todbringende Technik

Zur Todbringerin war auch die technische Errungenschaft der Eisenbahn geworden, die nicht nur die Menschen, sondern auch Keime schnell von Stadt zu Stadt brachten. Die Entscheidung, den Bahnhof vom Platz vor dem Roten Tor zum heutigen Ort zu verlegen, brachte auch eine neue Straße mit sich: Das war nicht die heutige bekannte Bahnhofstraße, sondern zunächst die heutige Prinzregentenstraße, die als erste dazu genutzt wurde, die Menschenmengen (die in den Augsburger Zeitungen dazu publizierten Zahlen und Baugeschichte habe ich festgehalten) in die Stadt zu bringen. Diese stauten sich allerdings stets an den Toren, da dort strenge Einreisekontrollen stattfanden. So durfte man zum Beispiel kein außerhalb gekauftes Brot oder Fleischwaren in die Stadt bringen (Letzteres auch wegen Seuchengefahr und vor allem, damit das Geld in der Stadt blieb). Immer lauter wurden die Stimmen, die alten Tore abzureißen und die Stadt für einen modernen Verkehr zu öffnen. Die heutige Bahnhofstraße wurde neu dann angelegt, und mit ihr war der Zustrom der Leute kaum mehr zu bewältigen – abgesehen von den vielen Unfällen mit in/an den Toren durch Kutschen zerdrückten Menschen.

Glanzpunkte
Gögginger Tor, kurz vor seinem Abriss 1862 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Gögginger Tor, kurz vor seinem Abriss 1862 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Liest man die alten Augsburger Zeitungen, so finden sich unfassbar viele Details wie die obigen zum Leben in und mit der Stadt. Und dann findet man bisweilen auch Gedichte – meist auf verstorbene Menschen, aber auch auf Unwiederbringliches wie doch auch liebgewonnene Stadttore, denen man auch weitere Glanzpunkte wie zum Beispiel Aufenthaltsorte berühmter Persönlichkeiten wie Clara Schumann in Augsburg entlocken kann. So fand ich heute diese anrührende Elegie aus unbekannter Feder auf den Fall des Gögginger Tors, der letzte Rest des Gögginger Walls – des Orts, der heute als Königsplatz bekannt ist. Mit dem Abbruch des Tors wurde am 16. Juni 1862[2] begonnen:

Elegie auf das Gögginger Thor

“Du sollst nun fallen, Du geheiligt Thor!
Auch Deine letzte Stunde wird nun schlagen,
Wie sie dem Wall’ der Mauer schlug, die treu
An Dich sich lehnten, fest, und Dich beschützten.

Ein alt Gesetz, das Thore, Mauern einst
Geheiliget, den Schmuck und Schutz der Städte,
Es ist gewichen und der Neuzeit Streben,
Nach Ebnung und nach freierm Laufe, siegte.

So leb denn wohl! Der Jugend Zeuge Du,
Du sahest auch des Mannes herbe Schmerzen,
Als seiner Lieben ird’sche Hülle einst
Der Tod durch Deine weiten Bogen führte.

Augusta’s Söhne manche trauern Dir,
Du sahest ja sie zieh’n zum Leid im Friedhof,[3]
Zur Freude auch, wo Pfeil und Bogen froh
Die Bürger eint bei Becherklang und Liedern.[4]

O daß ein Spiegelbild von Dir, o Thurm,
Von Dir uns würde, vor noch die Zerstörung
Auch Dich berührt, zum Denkmal Deiner Zeit,
Die unverjüngt Dich jetzt hat fallen sehen!

O Vaterstadt, Du theure, blühe fort,
In immer weitern Gränzen Deines Glückes!
Ist Deine Mauer offen auch, sey doch
Der beste Wall die Einigkeit der Bürger!”[5]

Einigkeit und Recht und Freiheit

Die Einigkeit und Vorstellungen nicht nur der Männer, sondern aller Bürgerinnen und Bürger, besonders in einer Friedensstadt, als auch noch heute gültiger Wall gegen Hass, Engstirnigkeit und Anfeindungen jeder Art – ein schöner, zeitloser Wunsch.

Elegie. Augsburger Tagblatt, No. 161. Freitag 13. Juni 1862, S. 1414. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Elegie. Augsburger Tagblatt, No. 161. Freitag 13. Juni 1862, S. 1414. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Update

Während die Abbrucharbeiten am Gögginger Tor weitergingen, starb ein anderer liebgewonnener Geselle: Der Schweizer Riesenbulle Bruno, der als Attraktion auf dem Vergnügungsplatz vor dem Gögginger Tor galt. Mit pathetischen Worten beschreibt das Augsburger Tagblatt dessen Ende, das als Sinnbild zweier Giganten galt:

“Eine europäische Berühmtheit, welche hieher gekommen war, nicht die Stadt zu besehen, sondern von der Stadt besehen zu werden, der berühmte Bruno, der größte Schweizer Riesenochse, wie er sich nannte, hat sich in der Nacht vom 12. auf den 13. d[ieses]. M[ona]ts. mit seinem ungeheuern Gewicht niedergelegt, um sich nie wieder zu erheben. Er hauchte unter dem Beil sein großes Leben in der Nähe des Gögginger=Thorthurmes aus, welcher in den nächsten Tagen auch seinem Ende entgegen geht.”[6]

Das Lied von der Glocke

Das Lied der Glocke des Gögginger Tors (man sieht sie auch auf dem historischen Foto aus dem Jahr 1862!) endete um den 15. Juli 1862. Zumindest an diesem Tag berichtete das Tagblatt von der Abnahme, aber auch dem Alter und der Inschrift der Glocke und wer diese gegossen hatte:

“Die Glocke des Gögginger=Thorthurmes, welche nun das „Reich des Schalles“ verlassen hat, trägt folgende Inschrift: Aus dem Feyr bin ich geflosen Wolff Neidhardt in Augsburg gos mich 1623.”[7]

Wolfgang Neidhardt (1575–1632) arbeitete zusammen mit dem berühmten Bildhauer Adriaen de Vries (1545/46–1626) an Augsburgs Prachtbrunnen und Brunnenbronzen, dem weltbekannten Merkur- und Herkulesbrunnen, die Teil des heutigen UNESCO-Welterbes zum Thema Wasser sind. Dass Neidhardt diese Glocke gegossen hat, ist wohl bislang nicht bekannt. Was mit dieser Glocke geschehen ist, konnte ich auf die Schnelle bislang nicht herausfinden.

 

Einzelnachweise

[1] Ein Blogtextbeitrag zur Cholera in Augsburg der 1850er Jahre ist in Arbeit. Dazu ist auch eine Liste der in Augsburger Tageszeitungen aufgefundenen Namen der Cholera-Toten Augsburgs geplant.
[2] Vgl. Augsburger Tagblatt, No. 166, Mittwoch 18. Juni 1862, S. 1461.
[3] Der wohl offizielle Weg der Toten hinaus zu den Friedhöfen an der Hermannstraße (katholisch) und Haunstetter Straße (protestantisch).
[4] Der Platz vor dem Gögginger Tor wurde über viele Jahre genutzt als Vergnügungsplatz, nicht weit entfernt vom unteren Schießgraben (heute Konrad-Adenauer-Allee) bzw. wohl auch mit diesem verbunden. Auf diesem Vergnügungsplatz fanden zuletzt nahezu ganzjährig die diversesten Attraktionen ihren Platz: Von reisenden Menagerien über Sommertheaterbühnen (zum Beispiel der Direktrice Frau Schweiger; mit Tochter Lina, einer Tänzerin) bis hin zu ‘Freakshows’ kleinwüchsiger Menschen und Welt- und Sensationspanoptiken, deren Aufenthalt vom Magistrat abgesegnet worden war. Auch diese Veranstaltungen habe ich in Gänze festgehalten.
[5] Vgl. Augsburger Tagblatt, No. 161, Freitag 13. Juni 1862, S. 1414.
[6] Vgl. ebda., No. 191. Montag 14. Juli 1862, S. 1673.
[7] Vgl. ebda., No. 192. Dienstag 15. Juli 1862, S. 1681.

Daniel Fenner von Fenneberg – Augsburgs Anti-Anti-Revolutionär

Daniel Fenner von Fenneberg (1818–1863) war einst eine literarische als auch politische große Nummer in Augsburg. Eine beinahe zu große für die Stadt in der Zeit der 1848er/1849er Jahre. Allerdings eine Nummer, die heute nicht mehr bekannt ist und wovon dieser Artikel erstmals erzählt – durch meine Recherchen an historischen Tageszeitungen wieder ans Licht gekommen. Und dieses Licht scheint beispielhaft für die Entwicklung der Demokratie in Augsburg.

Die Geschichte der Geschichte

Gibt es für die Märzrevolution einen Startschuss? Ein Tag, der das zuvor schon gärende Fass zum Explodieren brachte? Im Vormärz vielleicht? Vor dem März kommt der Februar. Einen dieser Tage kann man festmachen: Den 9. Februar 1848. Nach Handgreiflichkeiten zwischen seiner Geliebten Lola Montez (1821–1861) und Teilen der Münchner Bevölkerung, schloss König Ludwig I. (1786–1868) an diesem Tag kurzerhand die Münchner Universität und befahl allen Studenten, die Stadt binnen drei Tagen zu verlassen, was zu heftigem Protest und schließlich zur Ausweisung von Lola Montez aus Bayern bzw. Deutschland und der Abdankung von König Ludwig I. führte[1] – was auch in Augsburg großes und nahezu bleiernes Thema war: Eine quasi dahergelaufene ‘falsche Spanierin’ und ein Mann königlichen Geblütes. Zwei unterschiedliche Klassen. „Daniel Fenner von Fenneberg – Augsburgs Anti-Anti-Revolutionär“ weiterlesen

Augsburger Theatergeschichte neu erlebbar

Die Theatergeschichte Augsburgs ist zwar eine lange – allerdings existiert bislang so gut wie keine moderne Forschung bzw. Publikation dazu. Der Wikipedia-Artikel zum Augsburger Stadttheater bzw. nun Staatstheater liefert zwei historische Publikationen als Grundlage: Einen sehr umfassenden Versuch zur Geschichte der theatralischen Vorstellungen in Augsburg, geschrieben von Friedrich August Witz (1806–1880) und im Druck erschienen 1876[1] zum 100. Jubiläum der Eröffnung des neuen Schauspielhauses (1776) sowie ein paar wenige Seiten in einer Ausgabe des Augsburger Adressbuchs[2] (1971). Hie und da mögen noch einzelne weitere Artikel zu bestimmten Menschen und Ereignissen am/im Theater erschienen sein, aber diese reichen nicht aus, um diesen Teil der Augsburger Stadtgeschichte und der Theatergeschichte auch hinsichtlich der Aufführungen, des internen und externen Personals, der großen Stars, der Umbauten, der Modernisierungen, der Stadtgespräche, der Bewilligungen und Nichtbewilligungen, zu Kosten, Löhnen und Gehältern annähernd zu vervollkommnen. Zumindest so nah wie möglich an die Theatergeschichte heranzukommen, denn die Arbeit mit und an der Geschichte ist – wie Friedrich August Witz erkannt hat – nur ein Versuch, den Ereignissen in der Vergangenheit auf die Spur und damit näher zu kommen.

Theatergeschichte nicht ohne Konzertgeschichte

Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka

Letzteres ist nun möglich: Seit Beginn meiner Dissertation zur Musikgeschichte der Goldenen Traube, einer historischen und nicht mehr existenten Gaststätte im Herzen Augsburgs, die drei (!) Konzertsäle besaß, habe ich mich mit historischen Augsburger Tageszeitungen beschäftigt, in denen sich Informationen zu reisenden Musiker:innen, Komponist:innen und Künstler:innen befinden sowie Konzerte und Theaterspiele angekündigt und rezensiert werden. Nebenbei finden sich darin Diskussionen zum Augsburger Kulturleben, Auswirkungen politischer Angelegenheiten auf das Kulturleben sowie zur Theatergeschichte in abhängiger Vernetzung der großen Musikkulturzentren Theater, Goldener Traube, teils auch (aber selten) Kirchen und anderen Gaststätten und Zunfthäuser, die über einen größeren Saal verfügten.

Dienst an der Öffentlichkeit

Jede einzelne öffentliche (Theater, Gaststätten) oder halböffentliche (Zunfthäuser, Fugger-Konzertsaal) Kulturinstitution war von der anderen abhängig. Es wurde zudem streng darauf geachtet, dass sich Konzerte und Veranstaltungen nicht überschnitten, sodass niemand hinsichtlich Einnahmen benachteiligt wurde! Veranstalter waren zudem verpflichtet, einen gewissen Anteil an zu erwartenden Einnahmen an die Armenkasse der Stadt abzugeben.

Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei
Intelligenz=Zettel-Titel um 1800 © gemeinfrei

Für meine Forschungsarbeit nicht nur zur Theatergeschichte untersuchte ich sieben historische Augsburger Tageszeitungen auf Musik- und Kulturnachrichten für die Zeit zwischen 1746 und 1860. Und ich habe sie nicht nur auf Schlagworte durchgefiltert, sondern in Gänze gelesen (und nebenbei noch sehr, sehr viel Anderes und auch sehr, sehr viel Neues über Geschichte und einzelne Biografien erfahren – sprengt hier den Rahmen). Diese sind:

* Intelligenzzettel (Jahrgänge 1746 bis 1810)
* Augsburgische Ordinari Postzeitung (Jg. 1768 bis 1832)
* Augsburgische Ordinäre Zeitung (Jg. 1792 bis 1797)
* Intelligenzblatt (Jg. 1816 bis 1830)
* Neue Augsburger Zeitung (Jg. 1830 bis 1831, nur sehr kurz erschienen)
* Augsburger Postzeitung (Jg. 1833 bis 1848)
* Augsburger Tagblatt (Jg. 1830 bis 1860)

Diese einzelnen Zeitungen bzw. Abschriften all dieser abertausenden Kulturmeldungen habe ich chronologisch zusammengeführt, und nur dadurch ergibt sich ein unfassbar dichtes Bild hin zu einer neuen Betrachtung der Gesamtlage Augsburgs in Kriegs- und Friedenszeiten mit allen Wechselwirkungen auf die Kulturgeschichte generell als melting pot.

Theatermeldungen geballt

Daraus habe ich fürs Erste sämtliche Theatermeldungen alleinig das städtische Theater betreffend extrahiert und in einer Excel-Tabelle chronologisch aufgeführt, die nun rund 4.700 Einträge zu einzelnen dokumentierten Theatervorstellungen umfasst, die ich mit den Angaben aus Friedrich August Witzs Publikation vereinigt habe. Dadurch lässt sich zum Beispiel durch Filterung ersehen, welches das meistaufgeführte Werk des untersuchten Zeitraumes war (Carl Maria von Webers Der Freischütz, 52 Vorstellungen), dicht gefolgt von Mozarts Zauberflöte (37 x), Kreutzers Nachtlager in Granada (36 x) gleichauf mit Mozarts Don Giovanni (36 x) und gefolgt von Daniel-François-Esprit Aubers Stummen von Portici (35 x). Ebenso kann man mit den Schau- und Lustspielen verfahren.

Auch wird ersichtlich, welches Repertoire in einer Saison aufgefahren wurde, wie abwechslungsreich ein Saison-Programm war, welches Repertoire ein:e Theaterdirektor:in parat hatte, wie gut (oder wie schlecht) das beim Publikum ankam (durch Eintragung/Verlinkung von entsprechenden Rezensionen und Nachbesprechungen), wie und ob die Stadt das Theater unterstützte (laut Witz jährlich als Hänge- und Zitterpartie), mit welchen internen und externen Sternchen, Stars und Superstars besetzt wurde.

Interimsarbeit

War das Theater geschlossen, übernahmen oft und gerne die Theaterfreund:innen in der Sommerpause, indem sie die Schau- und Singspiele zum Beispiel im Lechhauser Kaffeehaus weiterführten. Dies war auch dann der Fall, wenn sich keine Theatertruppe bzw. Direktion fand, die in Augsburg spielen konnte oder wollte. Eleonore Schikaneder (1751/52–1821) versuchte sich an innovativem Theater, indem sie am Hochablass eine Schauspieler:innen-Unterkunft unterhielt und dort Theaterstücke mit Schlachtenszenen unter echtem Kanonendonner am Lechufer aufführte.

Akteur:innen im Blickfeld

Charlotte Birch-Pfeiffer um 1850 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Charlotte Birch-Pfeiffer um 1850 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Es lässt sich außerdem ablesen, wie sich die einzelnen Akteur:innen zueinander verhielten: Wie hoch der Frauenanteil an aufgeführten Autor:innen war (konnte sich sehen lassen, teils um 1840 in etwa 40:60 = fortschrittlicher als heute!), welche:r Autor:in der:die meistaufgeführte war – ok, das war August von Kotzebue (1761–1819, wie vermutlich annähernd überall zu jener Zeit) mit 205 Nennungen, aber dicht gefolgt von Charlotte Birch-Pfeiffer (1800–1868) mit 186 Aufführungen (die einen Heimvorteil hatte, da sie auch einige Zeit lang tatsächlich in Augsburg lebte), dann Friedrich Schiller (1759–1805) mit 112 Aufführungen, Roderich Benedix (1811–1873) mit 80, Carl Töpfer (1792–1871) mit 61, Louis Angely (1787–1835) mit 53 und Johanna Franul von Weißenthurn (1773–1847) mit 34 Aufführungen bzw. Nennungen. Dazu unzählige kleine und heute völlig unbekannte Werke, aber auch einige noch unbekannte Werke bekannter Persönlichkeiten, die auf weitere Untersuchung warten.

Oh!-Momente

Auch kamen ganz neue Oh!-Momente wieder ans Tageslicht durch Aufführungen von Harriet Beecher-Stowes (1811–1896) Onkel Toms Hütte (1852), das zu einem Theaterstück verarbeitet worden war, das entweder aus Hedwig (1799–1891) oder Marie von Olfers (1826–1924) Feder noch unbekannter Weise stammen dürfte. Dieses Werk bzw. dessen Übersetzung war für Augsburg so besonders, dass es hier in Luxus- und Prachtausgabe erhältlich war. Auch wurde als Folge dessen in den Zeitungen um die Weltpolitik der Sklaverei diskutiert, was ggf. einer hiesigen erstarkenden Arbeiter:innenschicht in ihrem Kampf um faire Löhne und bessere Arbeitsbedingungen sehr zu Hilfe gekommen sein könnte.

Forschung wie Luminol

Clara Schumann 1857, fotografiert in München von Franz Hanfstaengl © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Clara Schumann 1857, fotografiert in München von Franz Hanfstaengl © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Kombiniert man das alles noch mit einer Liste aller bekannten und gespielten Konzerte des genannten Zeitraums, wird sofort klar, wie vernetzt die einzelnen Kulturinstitutionen waren. Ein richtiges Konzerthaus gab es damals noch keines. Extra nur für Konzerte gebaute Häuser existierten nicht. Nur in der Goldenen Traube waren große Konzerte möglich: Passten in den großen Saal des damaligen Drei Mohren (heute Maximilian’s) um die 300 Personen, so fanden bei den größten und umjubeltsten Veranstaltungen in der Goldenen Traube bis zu 2.200 Personen Platz (belegt u. a. durch juristische Schreiben, Größenangaben, Grafiken zum Innenraum, wiederentdeckten Grundrissskizzen und Billetverkäufen). Allein in den großen Fest- bzw. Apollosaal passten 1.500 Menschen. Und dieser war bei den Konzerten von Franz Liszt (ebenfalls Neuentdeckung) mitsamt den Nebensälen ausverkauft. Die Goldene Traube verfügte über eine richtige Bühne, auf der Platz war für zum Beispiel Johann Strauss‘ sen. reisendes Orchester sowie bei Konzerten heimischer Musikinstitutionen für das städtische Orchester, ein Dilettantenorchester (mit mehreren jährlichen Konzertaufführungen), die sich gegenseitig ergänzten und musikalisch verstärkt wurden durch Kooperation mit den großen Chören Liedertafel, Liederkranz und einem Frauenchor.

Screenshot aus einer der Tageszeitungen @ Susanne Wosnitzka
Screenshot aus einer der Tageszeitungen @ Susanne Wosnitzka

Auch Clara Schumann konzertierte dort im Todesjahr ihres Mannes im Winter 1856 und Anfang 1857. Sie kann ich nun mit zwei Konzerten in der Goldenen Traube nachweisen.[3] Bislang wurde nach ihr vergeblich in den Zeitungen als Hotel-Übernachtungsgast gesucht, denn sie übernachtete erhalten gebliebenen Briefen zufolge sehr wahrscheinlich bei ihrer Schülerin Käthchen Then (1837–1905) am Frauentor und/oder bei ihren besten Freundinnen Emilie (1818–1902) und Elise List (1822–1893) im Friedrich Listschen Haus in der unteren Altstadt, die auch ihre Konzerte hier organisierten.

Ausblick und Möglichkeiten

Hintereingang Stadttheater Augsburg © Susanne Wosnitzka
Haupteingang Stadttheater Augsburg, Seite zum Lauterlech © Susanne Wosnitzka

Diese Achse Stadttheater und Goldene Traube ist für weitere Forschung zur Theatergeschichte als auch zur Musikkulturgeschichte unerlässlich, da auch die Musikdirektoren (und Kirchenmusikdirektoren!) in der Goldenen Traube eine Art zweites Standbein hatten, denn Ur- und Erstaufführungen neuer geistlicher Werke fanden i. d. R. nicht in den Kirchen statt, sondern in der Goldenen Traube oder in einem der Zunfthäuser.

An dieser Stelle könnte ich noch viel, viel mehr erzählen (um es noch spannender zu machen: zum Beispiel zu einem noch unbekannten Briefwechsel mit Felix Mendelssohn Bartholdy oder Augsburg als möglichem Hort von Mozarts und Beethovens originalen aber bislang verschollen gedachten Oboenkonzert-Manuskripten – Vorstellung von Letzterem angedacht zum musikwissenschaftlichen Symposium der Gesellschaft für Musikforschung Bonn im Herbst 2021). Fragen Sie nach bestimmten (reisenden) Musiker:innen und/oder Komponist:innen und ich kann Ihnen sagen, ob diese oder jene Person im genannten Zeitraum in der Stadt war oder nicht.

Die Augsburger Theatergeschichte und Stadtgeschichte bietet einen wahrhaft grandiosen Erzählstrang – greifen Sie diese Fäden gerne auf! Für Projektarbeit dieser Art bin ich offen, besonders hinsichtlich einer Wiedereröffnung des dann von Grund auf renovierten Großen Hauses des Staatstheaters Augsburg.

 

Einzelnachweise

[1] Friedrich August Witz: Versuch einer Geschichte der theatralischen Vorstellungen in Augsburg: Von den frühen Zeiten bis 1876. Augsburg (Selbstverlag) 1876, 315 S.
[2] Vom Komödienstadel am Lauterlech zum wiederaufgebaute Stadttheater, in: Adressbuch der Stadt Augsburg 1871, 86. Ausgabe. Augsburg (Augsburger Adreßbuchverlag Konrad Arnold), S. 23–28.
[3] Susanne Wosnitzka: Clara Schumann hat null Bock. Ein Gastblogbeitrag für die Aktion #femaleheritage der Monacensia München im Winter 2020. Erstmals veröffentlicht.

Beitragsbild: Theateransicht vom Lauterlech aus gesehen (heute NORMA-Parkplatz), Grafik aus Friedrich August Witz: Versuch einer Geschichte der theatralischen Vorstellungen in Augsburg: Von den frühen Zeiten bis 1876. Augsburg (Selbstverlag) 1876. Titelgrafik (gemeinfrei) innen, ohne Seitenangabe.

Der Zopfabschneider – Crime oder Frauenbewegung?

Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Von ‚Karl the Ripper‘, dem Mädchenschneider von Augsburg, der in den 1830er Jahren für extreme Ängste unter Frauen sorgte, zum Zopfabschneider. In einem Zeitraum von ca. 20 Jahren erlebte Augsburg ganze Serien an Verbrechen, die sich wie im Fall des sog. Mädchenschneiders über viele Jahre hinzogen und bis zur Aufklärung für Panik in der Stadt sorgten – inklusive einem falsch beschuldigten und in den Tod getriebenen Mann.
Ein Fall, der sich allerdings nicht wirklich klären ließ, war der des geheimnisvollen Zopfabschneiders. Die dazu in historischen Tageszeitungen erhaltenen Pressemeldungen lassen ein großes Fragezeichen zurück: War der Mädchenschneider eine reale Person oder steckt doch etwas ganz anderes dahinter? Etwa eine Inszenierung, ein bemäntelter Protest gegen vorherrschende Unterdrückungssysteme? „Der Zopfabschneider – Crime oder Frauenbewegung?“ weiterlesen

Augsburger jüdische Geschichte | Quellenerschließung

Grafik aus "Augsburg, wie es ist" (1846, gemeinfrei)
Grafik aus “Augsburg, wie es ist” (1846, gemeinfrei)

Seit Jahren befasse ich mich mit historischen Augsburger Tageszeitungen: dem Augspurgischen Intelligenz=Zettel/Intelligenz=Blatt (AIZ, Stadtarchiv Augsburg, nicht digitalisiert) und dessen Nachfolgeblatt, dem Augsburgischen Intelligenz=Blatt (AIB, Stadtarchiv Augsburg, nicht digitalisiert), der Augspurgischen Ordinari Postzeitung (AOP, Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, digitalisiert), der Augspurgischen Ordinären Zeitung (AOZ, Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, nicht digitalisiert), die parallel zur AOP nur von 1792–1797 existierte, im Augsburger Buchdruck und Verlagswesen (Hg. Helmut Gier/Johannes Janota) irrtümlich als Nachfolgeblatt der AOP angeben.
Dann weiter mit der Neuen Augsburger Zeitung (NOZ), die nur 1830/31 existierte (UB Augsburg, digitalisiert) und der Augsburger Postzeitung (AP, ab 1833 Nachfolgeblatt der AOP, UB Augsburg). Zum Zeitpunkt meiner Niederschrift hier war sie aber nur bis 1848 digitalisiert. Daher enden meine Abschriften in dieser Sammlung auch vorläufig mit diesem Jahr. „Augsburger jüdische Geschichte | Quellenerschließung“ weiterlesen

Beethoven und ich – Die Erinnerung der Langsamkeit

Jetzt. Ich tippe konzentriert interessante historische Zeitungsmeldungen ab. Um meine geräuschfreie Ruhe zu haben, habe ich zuvor meine Hörgeräte herausgenommen und meine Kopfhörer aufgesetzt. Meistens höre ich neben dieser Recherche- und Forschungsarbeit eine Geschichtsdokumentation, ein Hörspiel oder – seltener – Musik.

Musik ist für mich meist dann furchtbar ablenkend, wenn ich über Musik nachdenke. Das ist dann in etwa so störend, wie Besteckschieben über Porzellan, obwohl Musikhören und Musikdenken an und für sich schön sind. Eigentlich wollte ich heute nur Samuel Barbers Agnus dei nebenbei haben, das auf die vielen zauberhaften, aber teils auch schrecklichen Meldungen historischer Zeiten im stetigen Wechsel so gut passt. Und das je nach Stimmung im Dauer-Repeat. Heute sollte es also Dauer-Repeat sein.

Aber heute ist daran etwas anders. Statt Dauer-Repeat läuft aus Versehen ein Mix mit aufeinanderfolgenden YouTube-Musikvideos. Deshalb folgt auf dieses Agnus dei der zweite Satz aus Beethovens Klavierkonzert Nr. 5, und zwar mit dem London Festival Orchestra und Sylvia Čápová-Vizváry am Flügel.

Weil ich gerade höchst konzentriert am Abtippen bin, lasse ich diese Musik trotzdem weiterlaufen. Und denke nach dem Orchesterintro nach der ersten Abwärtsbewegung der darauf einsetzenden Klaviertöne genervt: „Uff, schlaf halt ein beim Spielen“. Eine der langsamsten Interpretationen dieses Werks, die ich je gehört habe. „Beethoven und ich – Die Erinnerung der Langsamkeit“ weiterlesen

Die größten Schweizerinnen 1858

Wer waren die größten Schweizerinnen der 1850er Jahre? Da gab es zum Beispiel Wilhelmine von Hillern (1836–1916) – Tochter der höchst erfolgreichen Dramatikerin und (zugereisten) Züricher Theaterdirektorin Charlotte Birch-Pfeiffer (1800–1868) –, die zuerst als Schauspielerin agierte, sich aber nach ihrer Hochzeit von der Bühne verabschiedete (oder verabschieden musste) und der Schriftstellerei zuwandte. Deren heute bekanntestes Werk ist die vielfach verfilmte und legendäre Geier-Wally.

Groß, größer, am größten
Anna Susanna Fries, Szene aus "Romeo und Julia" © Amber Tree, flickr.com
Anna Susanna Fries, Szene aus “Romeo und Julia” © Amber Tree, flickr.com

Oder auch Anna Susanna Fries (1827–1901, kein Link, da leider noch kaum Informationen im Netz) aus Zürich, die sich trotz des Widerstandes ihres Vaters der Kunst widmete und an den Kunstschulen in München und Paris und dann bei einzelnen Malern in Zürich studierte. Mitte der 1850er Jahre ließ sie sich als Porträtistin in ihrer Heimatstadt nieder und malte u. a. die weltbekannte Schriftstellerin Johanna Spyri (Heidi, 1827–1901) – auch diese eine der größten Schweizerinnen. Durch den Auftrag, die niederländische Königin und deren Hof zu porträtieren, arbeitete Anna Susanna Fries für zwei Jahre in Holland. In Florenz gründete sie Anfang der 1870er Jahre eine Kunstschule für Frauen, in der sie zwölf bis zwanzig Schülerinnen hatte. Nach einer Reise in den Orient malte sie besonders auch Landschaften und Figuren. Ihre eigentliche Stärke aber war die Porträtmalerei.[1]

Seltene Angaben

So weit, so groß. Aber wer waren denn nun die wirklich größten Schweizerinnen der 1850er Jahre? In ganz, ganz seltenen Fällen kann man das nämlich auch auf die pure Körpergröße anwenden, sofern sich Angaben zu Körpergrößen von Menschen aus dieser Zeit überhaupt erhalten haben.

Einer dieser Fälle kam heute während meiner Recherchen in einer historischen Augsburger Tageszeitung zu Tage. Darin wurden zwei Schweizer Schwestern als wandelnde Riesensensation angekündigt mit folgenden Worten: „Die größten Schweizerinnen 1858“ weiterlesen

Die Geschichte von der ‚unzüchtigen‘ Schmaraggel in Augsburg

Wer viel in Büchern stöbert, um über längst vergangene Geschichte zu erfahren, findet oft nicht das Gesuchte (oder erst im hundersten von hundert mühsam gewälzten Büchern), aber viele andere Geschichten drumherum – wie die der Schmaraggel: Von einer Frau, die es geschafft hatte, ein florierendes Finanzgeschäft aufzubauen. Zwar nicht wirklich legal, aber so, dass sie ein gutes eigenes Auskommen hatte und nicht Hunger litt. Was dem Magistrat der Stadt nicht ganz geheuer war und sie wegen ‚Beschützen‘ nächtlicher Diebereien, eines ‚unzüchtigen Lebenswandels und anderer gar böser Dinge am 19. Mai 1721 mit dem Schwerd [sic] und blutiger Hand vom Leben zum Tode gebracht‘ wurde.

Auskommen mit dem Einkommen

Ein gutes eigenes Auskommen hatten nur die wenigsten Frauen, die dadurch in dieser Zeit finanziell unabhängig sein konnten. Über eigenes Geld und ein eigenes Konto verfügen durften Frauen erst seit 1962.[1] Frauen, die ‚unbequem‘ waren und sich den bestehenden Moralvorstellungen der Zeit nicht anpassen konnten oder in so verheerende Lebenssituationen gebracht wurden (die diese Moralvorstellungen verursachten und keine Schuld der Frau waren), dass sie zwangsweise zu Kriminellen wurden, wurden einfach aus der Stadt entfernt. Das waren zum Beispiel Frauen, die außerhalb einer Ehe schwanger wurden (ob gewollt oder ungewollt) und somit unehelich gebaren. Wer heiraten wollte, musste vorher die Gunst des Stadtmagistrats besitzen, um eine Bewilligung zur Heirat zu erhalten. Einreichen konnten so eine Bitte um Bewilligung nur Männer, die einen mustergültigen Lebenswandel pflegten und der Stadt von Nutzen waren, d. h. Geld hereinbrachten – durch Steuern oder entsprechendes Kapital. „Die Geschichte von der ‚unzüchtigen‘ Schmaraggel in Augsburg“ weiterlesen

Gioachino Rossini – Superstar mit Pelz in Weinheim/Bergstraße

Es war einmal ein Mann, der – in Pelz gehüllt – an einem Tag im Herbst des Jahres 1856 im kleinen Weinheim an der Bergstraße (zwischen Frankfurt/Main und Mannheim gelegen) für einen Straßenauflauf sorgte. Eigentlich sorgte nicht der Mann in Pelz für Furore (der niemand Geringeres als der berühmte Komponist Gioachino Rossini war), sondern womit er reiste: Mit der Extrapost, das heißt einer extra schnellen Kutsche mit vier Pferden für geballte Vorwärtskommkraft und mit zwei Postillonen auf dem Kutschbock, die nicht überall hielt.

Hoch auf dem gelben Wagen
Hermann Kauffmann, Extrapost im Schneesturm, ca. 1855 © darkclassics.blogspot.com
Hermann Kauffmann, Extrapost im Schneesturm, ca. 1855 © darkclassics.blogspot.com

In der Zeit der Romantik waren Postkutschen ein beliebtes Motiv von Maler:innen. Solche Kutschen scheinen um 1856 offenbar aber bereits eine Seltenheit gewesen zu sein; erst wenige Jahre zuvor hatten moderne Eisenbahnen damit begonnen, die althergebrachten Reise- und Postkutschen nach und nach zu verdrängen. Zumindest auf den Straßen, die auf den kürzesten Strecken zwischen A und B mit Schienen für das Dampfross versehen wurden. Mit dem Zug kam man schneller und bequemer voran als in einer Kutsche, deren Pferde zudem an den einzelnen Wegstationen ausgetauscht und/oder umgespannt werden mussten. Die Cholera kam dadurch auch schneller von A nach B, aber das ist eine andere Geschichte.

Rossini im Klangrausch?

„Gioachino Rossini – Superstar mit Pelz in Weinheim/Bergstraße“ weiterlesen

Anna Billmaier, die Schlächterin von Haidhausen | #femaleheritage

Historische Zeitungen sind nicht nur ein Quell der Freude an längst verschütt gegangenen Nachrichten zu Kunst und Kultur, sondern auch ein Hort der Dokumentation des Bösen wie im Fall der Anna Billmaier in München-Haidhausen 1848.

CN Gewaltverbrechen
Triggerwarnung!

Im Rahmen der Forschungen zu meiner musikwissenschaftlichen Dissertation anhand mehrerer historischer Augsburger Tageszeitungen der Jahre 1746 bis 1852, die national und international berichteten, kam auch eine Fülle an Gewaltverbrechen und vermeidbarer Tode hervor. Unter Ersteren auch eine Menge an – in heutigen Zeitungen gerne genannten – ‚Beziehungsdramen‘; Männer, die ihre Ehefrauen und/oder Kinder aus eigenem Lebensüberdruss umbrachten, aus Eifersucht, kleinem Ego und toxischen Männlichkeitsvorstellungen – die ganze Palette, die man noch heute in solchen Nachrichten findet. In historischen Zeitungen, die aus (pseudo)moralischen Gründen unschickliche Begriffe sonst vermieden, werden solche Morde sehr klar als solche bezeichnet. Das Wort ‚Beziehungsdrama‘ habe ich in keiner der vier von mir lückenlos untersuchten Magazine gelesen. „Anna Billmaier, die Schlächterin von Haidhausen | #femaleheritage“ weiterlesen

Clara Schumann hat null Bock | #femaleheritage

Clara Schumann hat null Bock. Sidekick: Unbekanntes zu Franz Liszt in Augsburg. Neues zur Konzertorganisation im 19. Jahrhundert in Augsburg und München

Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Blogtext gewidmet meiner Freundin Luise Kimm, Sängerin

This blogtext, written for the #femaleheritage blogparade of the Monacensia Munich, is now available in English! Thanks to Gabriella Di Laccio to publish it on her website Donne365!

Geht man ins Konzert, geht man in ein Konzerthaus, ins Theater oder in eine Kirche. Im 18. und 19. Jahrhundert ging man dazu in eine Gaststätte, in ein Hotel oder in eines der Zunfthäuser, die über einen großen Tanzsaal für Hochzeiten und andere Anlässe verfügten. Eigens als Konzertsaal angelegte Lokalitäten gab es erst relativ spät mit steigender (Massen)Nachfrage von Konzerten der Virtuosen-Superstars Niccolò Paganini (1782–1840) und Franz Liszt (1811–1886), der Schwestern Teresa (1827–1904) und Maria (1832–1848) Milanollo sowie ganzer Orchestertrupps wie dem von Johann Strauss sen. (1804–1849), die auf ihren Tourneen überall und von sehr vielen Menschen gehört werden wollten. Einer der ersten neugebauten richtigen Konzertsäle war das Münchner Odeon, erbaut 1826/28 von Leo von Klenze (1784–1864) für genau solche Zwecke.

Gaststätten im Zentrum
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka

In Augsburg hingegen gab es so etwas bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht. Dafür hatte man den großen Apollo-Saal der heute nur noch wenig bekannten Goldenen Traube, die im 18. und 19. Jahrhundert das Zentrum bürgerlicher Musikausübung war und Thema meiner sich in Arbeit befindenden Dissertation ist. Für diese durchforstete ich in den letzten Jahren mehrere Augsburger Tageszeitungen der Jahre 1746 bis (jetzt) 1852 auf Musik- und Kulturnachrichten – über 100 Jahre dichteste Lokal- und Weltgeschichte mit zahlreichen anderen hochinteressanten Funden anderer Sparten, mit denen sich zum Beispiel auch die Geschichte der Ballonfahrt neu schreiben ließe oder die europäische Frauenbewegungsgeschichte, zu der ich einen eigenen unbekannten französischen Strang entdeckt habe, der zum Inhalt eines anderen Histoblogs der #femaleheritage-Blogparade der Monacensia München wird. An dieser Stelle bedanke ich mich herzlich bei den Organisatorinnen für die persönliche Einladung, für diese Aktion mein Wissen in mehreren Blogtexten präsentieren zu können. Dieser hier ist der erste in der Reihe. „Clara Schumann hat null Bock | #femaleheritage“ weiterlesen

Corona und Cholera – wortgleich wiederholte Geschichte

Wiederholt sich Geschichte nur dann nicht, wenn man aus ihr gelernt hat? Geschichte wiederholt sich manchmal sehr, und manchmal sogar als ziemlich exakte Kopie, auch im Wortlaut zu Corona und Cholera, mit rund 170 Jahren an Überlegungszeit dazwischen. Das ist mir in meinen Forschungen, zu denen ich mehrere Augsburger Tageszeitungen der Jahre 1746 bis 1850 in Gänze (!) auf Musik-, Kultur- und andere hochinteressante Meldungen[1] abgraste,  in dieser Deutlichkeit so nur im folgenden historischen Bericht begegnet, den ich gestern auf Twitter analysiert habe. Da dieser Tweet dort viral ging, stelle ich die ganze Geschichte hier noch einmal etwas weiter ausgebaut zur Verfügung:

„Corona existiert nicht, es ist eine künstliche, von der Politik geschaffene Krankheit!“ – 2020 zigfach auf sog. Corona-Demos gehört. „Die Cholera existirt nicht, es ist eine künstliche, politische Krankheit!“ – O-Ton 1849. Frappierende Ähnlichkeit? Es gibt weitere!

Verschwörungstheorie von Corona und der Cholera im Wortlaut, Augsburger Tagblatt 1849
Verschwörungstheorie von Corona und der Cholera im Wortlaut, Augsburger Tagblatt 1849

Augsburger Tagblatt, No. 234. Montag 27. August 1849, S. 1209: „Paris, 22. Aug. In Rochefort ist es am 14. August zu traurigen Scenen gekommen. Die Cholera trat dort so furchtbar auf, daß sie verhältnißmäßig die große Zahl von 21 Opfern täglich forderte, und fast nur aus der untern Volksclasse.“

Ein Volk in der Gosse
Augsburg um 1835. Stahlstich von F. Höfer © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Augsburg um 1835. Stahlstich von F. Höfer © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Weil die „untere Volksclasse“ regelrecht in der Kloake lebte. Über Jahre wurde zum Beispiel in Augsburg darum gebeten, pestilenzialisch stinkende Kanäle zu reinigen und abzudecken (besonders betroffen: der Hunoldsgraben hinter dem Rathaus), den Kot, der auf Haufen in den Straßen gesammelt wurde, regelmäßiger wegzufahren. Die Stadt reagierte kaum darauf. Augsburg war noch einigermaßen gut dran, da das „Corona und Cholera – wortgleich wiederholte Geschichte“ weiterlesen

Ohne Hefe kein Zwetschgendatschi – Datschipanik in Augsburg 1847

Augsburger Rathaus, Sitz des Magistrats, 1818 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Augsburger Rathaus, Sitz des Magistrats, 1818 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Die Stadt Augsburg und ihr Zwetschgendatschi: Myriaden an Artikeln[1] wurden bereits dazu verfasst, seit wann man diesen köstlichen Kuchen hier bereits kennt, woher das Rezept dafür sei oder wie dieser früher ausgesehen haben mag. Ein Thema, das dazu geführt hat, dass Augsburg auch ihren Zweitnamen Datschiburg irgendwann erhalten hat. Wie kam es dazu?

Es gab zwar bereits schon früh Haushaltungsschulen für Mädchen und junge Frauen in Augsburg; die Koch- und Backtraditionen scheinen darin aber eher vor allem mündlich weitergegeben und antrainiert worden zu sein, damit diese Künste dann im Familienalltag aus dem FF und dem Gedächtnis umgesetzt werden konnten, um auch Zeit zu sparen. „Ohne Hefe kein Zwetschgendatschi – Datschipanik in Augsburg 1847“ weiterlesen

Die Cholera 1832 in Augsburg – nur ein ‚Gespenst‘?

Karikatur eines Mannes, der sich vor der Cholera schützen will © Wellcome Collection, Attribution (CC BY 4.0)
Karikatur eines Mannes, der sich vor der Cholera schützen will © Wellcome Collection, Attribution (CC BY 4.0)

„Im Jahr 1817 war die Cholera von englischen Ärzten in Ostindien als eine bis dahin kaum beachtete Krankheit beschrieben worden. 1830 kam die Cholera erstmals nach Europa, 1831 tauchte sie in Deutschland auf. […] 1832 erreichte die Cholera Augsburg und forderte Tote.“[1] 1854 brandete diese Krankheit erneut auf, an der dann Hunderte gestorben sind. Doch wie viele starben 1832? Darüber erfährt man aus dem Artikel der Augsburger Allgemeinen (AZ) leider nichts. Offenbar gibt es dazu noch keinerlei Forschungen bzw. Veröffentlichungen. Daher stellt dieser Blogtext einen Versuch der Rekonstruktion der Ereignisse dieser Jahre dar. Laut meinen Funden starben in Augsburg genau fünf Personen an der Cholera, allerdings erst 1836/37 und nicht 1832 – im Gegensatz zu München, wo es Hunderte Tote gab. Wie kam das?

Vorgeschichte

Einer der Reporter, der 1832 für die AZ aus anderen betroffenen Städten berichtete, war Heinrich Heine (1797/98–1856), der aus seinen Erlebnissen ein Buch[2] machte und das – sehr lesenswert! – verblüffende Ähnlichkeiten zur Corona-Epidemie 2019/2020 aufweist. Solche Berichte waren für die Menschen überlebenswichtig: Wie kann man dieser Krankheit begegnen, wie kann man ihr am besten ausweichen? Welche Heilmittel stehen zur Verfügung? Wie kann man Ausbreitung verhindern? Denn dass das Bakterium Vibrio cholerae dahintersteckt, wusste man damals noch nicht. Damals erfuhr man zwar permanent, dass hinter abscheulich stinkenden Pfützen und Kot-Abraumen in den Gassen, von Klosettanlagen oder ähnlich verwendeten Kanälen ein ‚pestilenziarischer‘ Gestank ausging (und man durch diese Wortwahl auch ahnen kann, dass damit irgendwie Zusammenhänge hergestellt wurden), aber konkret wusste man zur tatsächlichen Verbreitung, Aufnahme und zu Erkrankungszusammenhängen so gut wie nichts. „Die Cholera 1832 in Augsburg – nur ein ‚Gespenst‘?“ weiterlesen

Grenzgänge – Wege zum historischen Stadttheater Augsburg

Wertachbrucker Tor © Susanne Wosnitzka
Wertachbrucker Tor © Susanne Wosnitzka

Auf der Trennlinie zwischen Stadt und Vorstadt lässt sich manches entdecken, das einem entlang der Hauptstraßen in die Stadt verborgen bleibt. In meiner Dissertation über die Musikgeschichte der Goldenen Traube spielt auch das historische alte Stadttheater am Lauterlech eine bedeutende Rolle, zu dem ich heute mit euch spazieren will.

Stadttheater und Goldene Traube

In der Goldenen Traube übernachteten die meisten Künstler:innen, die Auftritte im Stadttheater oder in der Goldenen Traube hatten: Letztere bot gleich drei Konzertsäle: Einen kleinen Saal, einen runden – den Rotunda-Saal – und den großen Apollo-Saal, in den bei Festlichkeiten über 1.000 Personen passten, während im Theater „nur“ Platz für rund 900 Personen war. Leider gibt es bis heute keine umfassende moderne Publikation zur Augsburger Theatergeschichte. Diese stückelt sich bislang aus Einzeldarstellungen und historischem Material. Eine hochinformative Quelle zu Anekdoten, Aufführungen, Besetzungen und der Theaterleitung sind Augsburger Tageszeitungen wie zum Beispiel das Intelligenz-Blatt und das Tagblatt, die ich für meine Recherchen der Jahre 1746 bis 1852 auf Musik- und Kulturnachrichten durchforstet habe. In Ersterem wird ersichtlich, welche Künstler:innen wo übernachtet hatten und wann sie angekommen sind; in den anderen Zeitungen gibt es Konzert- und Theaterankündigungen sowie Rezensionen und Rückschauen sowie vielfach Berichte, an denen man ablesen kann, wie sich die Augsburger Theater- und Orchesterlandschaft über Jahrzehnte geformt hat zu dem, was sie heute ist. Dazu später mehr. „Grenzgänge – Wege zum historischen Stadttheater Augsburg“ weiterlesen

Der Tanz als Akt des Todes – Alt-Augsburg berichtet

"Analysis of beauty". Stahlstich von William Hogarth um 1800 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
“Analysis of beauty”. Stahlstich von William Hogarth um 1800 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

“Tanzt! Tanzt! Vor allem aus der Reihe!”, findet man hin und wieder auf fröhlich-unbeschwerten Postkarten. In Zeiten der Corona-Pandemie sind Tanz- und andere Lokale geschlossen, in denen man sich bislang feiernd ausgetobt hat, dröge Fitness-Übungen wurden zu Tanzübungen von Jane Fonda bis Zumba. Geselliges Vergnügen war allerdings ein Dorn im Auge der Sittenwächter und hierzulande von religiös-patriarchalen Moralvorstellung geprägt. Einst glaubte man sogar, mit einem Tanz dem Gift der “Taranteln” trotzen zu können. Daraus entstand die sog. Tarantella als Tanzform. Trotz Trennung von Staat und Kirche sind Tanzveranstaltungen an bestimmten christlichen Feiertagen bis heute generell untersagt. Augsburg hatte in alter Zeit ein eigenes Tanzhaus für die Oberschicht, das sich bis zu seinem Abbruch 1632 auf dem damaligen Weinmarkt (heute Moritzplatz) gegenüber der Gaststätte Goldene Traube befand. „Der Tanz als Akt des Todes – Alt-Augsburg berichtet“ weiterlesen

Traudl Glogger-Prechtl – Augsburger Künstlerin neu entdecken

Wie schreibt man über die großartige, aber fast vergessene Künstlerin Traudl Glogger-Precht, wenn derzeit – im Corona-Shutdown – sämtliche Bibliotheken, Büchereien und andere Kunstinstitute, in denen man anfragen könnte, geschlossen sind und man auch nur wenig Material daheim zur Verfügung hat? Daher ist dieser Blogtext nur ein Versuch einer Rekonstruktion eines reichhaltigen Lebens, das aber genau deswegen noch so viel Spannendes zu entdecken bietet.

Traudl Glogger-Precht aus der Versenkung

Wie findet man so eine fast vergessene Künstlerin? Indem man zum Beispiel Flohmarkt-Besuche als Hobby hat. Bei mir daheim ums Eck findet bzw. fand bislang regelmäßig der samstägliche Flohmarkt auf dem Gelände der Rockfabrik statt. Gerne lasse ich mich dort treiben und habe vor Ort schon meine Lieblingshändler:innen, deren Stände und Waren immer interessant sind – alte Briefe, historische Fotografien und eben Bilder. Das meiste davon ist ausgesprochener Kitsch (wobei Schönheit wie immer im Auge des:der Betrachter:in liegt selbstverfreilich), aber manchmal sticht doch das eine oder andere interessante Ding hervor, das das Auge anzieht. „Traudl Glogger-Prechtl – Augsburger Künstlerin neu entdecken“ weiterlesen

Fanny Hensel und die “Cholera-Kantate”

Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Fanny Hensel geb. Mendelssohn (1805–1847) schrieb 1831 im Alter von 26 Jahren ein gut halbstündiges chorsinfonisches Werk, das Oratorium nach Bildern der Bibel, darin auch die Cantate für die Toten der Cholera-Epidemie, die damals über mehrere Jahre in vielen Städten grassierte und die Leute in schiere Panik versetzte.

Wie verheerend die Seuche in Preußen war, schildert zum Beispiel dieser Artikel (Dt. Ärzteblatt, 2007). Wie zum Beispiel das Augsburger Tagblatt berichtet, versuchte man mit allerlei Mitteln und Mittelchen vorzusorgen, von Blutegeln bis Aderlass:

Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Panikvermeidung trotz Cholera

In Städten waren Wirte und Toreinlasser verpflichtet, sämtliche Einreisende zu melden mit Herkunft, Namen, Pass etc. Zeitungsmeldungen zeigten an, wo die Cholera grade besonders grassierte. Briefe von auswärts wurden zum Beispiel in Wien durchstochen und geräuchert, um zu versuchen, damit Keime abzutöten.[1]

„Fanny Hensel und die “Cholera-Kantate”“ weiterlesen

Karl the Ripper – der Mädchenschneider von Augsburg

Maximilianstraße Augsburg um 1835 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg um 1835 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

In der Dämmerung schlitzte er drauf los, der sog. Mädchenschneider von Augsburg. Er trug einen weiten Mantel, hatte sein Gesicht durch eine ausladende Mütze verborgen und lauerte jungen Frauen heimtückisch in abgeschiedenen Augsburger Gassen auf. Allerdings so, dass er sie nicht umbrachte, sondern mit einem scharfen Gegenstand am Arm und/oder an den Händen aufschnitt und teilweise auch würgte. Im Gegensatz zu Jack the Ripper, der 1888 in London sein tödliches Unwesen trieb, kam keine der derart angegangenen Frauen zu Tode, aber seine Überfälle hielten die ganze Stadt in Angst und Schrecken und führten so weit, dass ein Unschuldiger durch Polizei- und Obrigkeitspfusch als Sündenbock in den Tod getrieben wurde. „Karl the Ripper – der Mädchenschneider von Augsburg“ weiterlesen

Über die Donau – was Berblinger nicht schaffte, schaffte Madame Bittorf

Berblingers Flugversuch © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Berblingers Flugversuch © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Bittorf vs. Schneider von Ulm? Dieses Jahr würde der ‘Schneider von Ulm’, Albrecht Ludwig Berblinger (1770–1829) seinen 250. Geburtstag feiern – in Ulm soll er daher groß geehrt werden. Der Mann, der Pioniergeist besaß und vom Fliegen träumte und wegen widriger Umstände dann doch scheiterte. Nach einer erzwungenen Ausbildung zum Schneider – er wäre viel lieber Uhrmacher und Mechanikus geworden – entwickelte er erstaunlich arbeitende Bein- und Fußprothesen, die Vorbild für den Ulmer Chirurgen Johannes Palm (1749–1851) wurden, der als einer der ersten Ärzte überhaupt Chloroform und Äther zur Narkose einsetzte.

Berblingers bekanntestes Gerät ist ein Fluggleiter, mit dem er heimlich in den um Ulm liegenden Weinbergen übte, wo thermische Aufwinde für eine ideale Flugsituation vorhanden waren – aber nicht unten in der Stadt an der Donau, und genau das wurde ihm später zum Verhängnis. Wer solch ein Gestell durch die Stadt in die Weinberge trägt, bleibt nicht unbemerkt: Friedrich I. von Württemberg (1754–1816) hatte von Berblingers Versuchen buchstäblich Wind bekommen und wollte unbedingt einen Flug von ihm sehen, denn was heute für uns selbstverständlich erscheint, war damals eine unglaubliche Sensation. „Über die Donau – was Berblinger nicht schaffte, schaffte Madame Bittorf“ weiterlesen

Nannette Streicher – die Frau, die zweimal feiern könnte, aber…

Nannette Streicher. Tuschezeichnung von Ludwig Krones 1836 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Nannette Streicher. Tuschezeichnung von Ludwig Krones 1836 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

This blogtext is now available in English! Thanks to Gabriella Di Laccio and DONNE | Women in Music for the kind support!

… offenbar von niemandem gefeiert wird. Weder in ihrer Heimatstadt Augsburg noch in Wien und anderen Klassikkreisen wird Nannette Streichers diesjähriger 250. Geburtstag (2. Januar 1769) gefeiert oder wertgeschätzt, obwohl die Musikkulturwelt ohne sie und ihr Instrumentenbaugenie wesentlich ärmer geblieben wäre. Sie ist eine der sog. „vergessenen“ Frauen bzw. deren Leistungen nach ihrem Tod bagatellisiert und/oder wie beiläufig abgetan und dadurch lange von der Musikgeschichtsschreibung übergangen wurde.

Das heute eher beschaulich wirkende Augsburg war zu Nannettes Lebzeiten ein geradezu begehrter Schmelztiegel der Kulturgeschichte. Besonders die Goldene Traube in der heutigen Maximilianstraße (damals Weinmarkt) mit mehreren Konzert- und Veranstaltungssälen war Hauptumschlagsplatz bürgerlicher Musikkultur neben dem privaten Fuggerischen Konzertsaal, der ums Eck am Zeugplatz lag, und den Sälen der Zunfthäuser, in denen Veranstaltungen der bürgerlichen Collegia musica stattfanden. Daneben war Augsburg hochbedeutendes Zentrum des Presse- und Verlagswesens, auch durch die Musikverlagshäuser von Johann Jakob Lotter, Anton Böhm & Sohn und später Andreas Gitter[1]. „Nannette Streicher – die Frau, die zweimal feiern könnte, aber…“ weiterlesen

Menagerien – Reisende Sensation und Grausamkeit. Funde in historischen Augsburger Zeitungen

Um 1850 existierten einige wenige fest eingerichtete Zoos und Tierparks wie z. B. der 1752 in Wien gegründete Tierpark in Schönbrunn, seit 1844 der Zoologische Garten Berlin oder der 1828 gegründete Londoner Zoo. Renner in dieser Zeit waren Menagerien, die von Stadt zu Stadt zogen und mit ihrem Angebot an exotischen Tieren (oder denen, die man dazu erklärte) und auch Menschen, die als „Sensation“ galten wie Schwarze und „behinderte“ Menschen, für großen Publikumsandrang sorgten. Was als „Völkerschauen“ deklariert war, war in Wirklichkeit ein grässliches Zurschaustellen kolonialer Menschenraube. Oft waren solche Zoos und Menagerien allerdings auch die einzige Möglichkeit für solche Menschen, überhaupt etwas Geld zu verdienen.[1]

Drinnen und draußen – Menagerien überall

Solche Menagerien machten auch in Augsburg Station – Nachrichten aus historischen Tageszeitungen zeugen davon. Schauplätze waren z. B. „Menagerien – Reisende Sensation und Grausamkeit. Funde in historischen Augsburger Zeitungen“ weiterlesen

Welttag Theater – Frauen machen Geschichte

In Augsburg wirkten im 18. Jahrhundert am Theater einige Frauen an der Geschichte mit, die es so leider bis heute noch nicht niedergeschrieben gibt. Mein Job wohl…

In dieser ehem. Reichsstadt wirkten v. a. reisende Theatergesellschaften – feste Theatergruppen gab es oft nur an den Höfen. Augsburg hatte schon recht lange ein Stadttheater, das an Stelle des alten Minnesängers-Stadels errichtet wurde und die beide neben der Kirche St. Jakob standen in der Vorstadt. Die Minnesänger waren in Augsburg einst wesentlich bedeutender als die in Nürnberg, die durch Richard Wagner popularisiert wurden.

Altes Theater Augsburg

Das alte Theater war historischen Beschreibungen nach, die ich in historischen Augsburger Tageszeitungen zwischen 1746 und 1849 gefunden habe, klamm, zugig und kalt. Niemand ging dort gern ins Theater. Allerdings hat Wolfgang Amadé Mozart dort zum ersten Mal auch Emanuel Schikaneder in einer Aufführung erlebt – zukunftsweisend für deren beide Zusammenarbeit. Schikaneder heiratete im Augsburger Dom Eleonore geborene Maria Magdalena Arth (1751/52–1821), die ihrerseits Schauspielerin und Sängerin war und dann auch zur Theaterdirektorin wurde – mit ihrem Mann verstand sie sich nicht wirklich; er zog dann mit einem Teil der Truppe weiter, und Eleonore blieb in Augsburg. „Welttag Theater – Frauen machen Geschichte“ weiterlesen

Erna Woll (1917–2005) | Vortrag

Erna Woll © Susanne Wosnitzka
Erna Woll © Susanne Wosnitzka

Erna Woll (19172005): Als fast vergessene Komponistin des Augsburger Kyrie (1984) und vielfältiger geistlicher Werke war Erna Woll, die an der Pädagogischen Hochschule Augsburg wirkte, Wegbereiterin und Miterfinderin der elektronischen Musikvermittlung (erste programmierte Unterweisung für Selbstlerner:innen im Bereich Musikerziehung)! Ihre Freundin und Lebensgefährtin Mathilde Hoechstetter (1899–1980), mit der sie zusammenlebte, setzte sich für das dichterische Werk Gertrud von le Forts (1876–1971) ein, das Erna Woll ebenfalls vielfältig in Musik setzte. Ihr Mitwirken und Komponieren an und zu den Donaueschinger Musiktagen und den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt trug wesentlich dazu bei, dass sich ein neuer Kirchenmusikstil nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem in den 1960er Jahren etablieren konnte. Mit Gebettet in den ew’gen Sinn. Erinnerungen an eine ungewöhnliche Frau setzte Erna Woll 1994 ihrer Freundin auch ein literarisches Denkmal.
Erna Woll entwickelte einen Personalstil, der bis an ihr Lebensende unverkennbar blieb.

Literaturtipp:
Wilhelm Keller u. a. (Hg.): Erna Woll. Schneider, Tutzing 1987, ISBN 3-7952-0509-3.

Hörbeispiel:
Erna Woll Wohin ich immer reise, Kammerchor der Universität Augsburg

Kosten:
VB (einzelne Vorträge ca. 90 Minuten; Anreise/Übernachtung exklusive)

Ideal für Kulturzentren, Firmenfeierlichkeiten, private Feste wie Geburtstage etc. – beschenken Sie einen Freund/eine Freundin oder Ihre Kundinnen und Kunden mit einem Vortrag aus meinem Repertoire | Hausvorführungen möglich – Beamer und weitere technische Gerätschaften vorhanden

Augsburger Persönlichkeiten | Vortrag

Nannette Streicher geb. Stein (17691833, Klavierbauerin, Pianistin, Sängerin und Komponistin), Anna von Schaden (17631834, Pianistin, Komponistin), Susanna Jacobina Jungert (17411799, Sopranistin), Hortense de Beauharnais (u. a. Königin von Holland, auch Komponistin, 17831837), Eleonore Schikaneder (17511821) und Madame Voltolini (~1790) – innovative Schauspieldirektorinnen mit Open-Air-Theater. Ohne Nannette Streichers Flügel hätte Ludwig an Beethoven seine besten Werke für Klavier wohl nie geschrieben, wie er selbst einmal sagte. Mit ihrem Bruder Matthäus Andreas Stein und ihrem Mann Johann Andreas Streicher, der bester Freund Friedrich Schillers war, führte sie in Wien die Ideen und Geschäfte ihres für den Pianoforte-Bau bedeutenden Vaters Johann Andreas Stein fort, hatte in Wien einen eigenen Musiksalon, in dem sie u.a. auch Carl Maria von Weber förderte. Anna von Schaden war Berufsmusikerin am Hof von Oettingen-Wallerstein und eng mit Nannette Streicher befreundet. Susanna Jacobina Jungert war Künstlerische Leiterin der Augsburger “musicübenden und -liebenden Gesellschaft” und war verantwortlich für die Augsburger Erstaufführungen einiger berühmten Werke. Weitere Frauenbiografien zeigen einen dichten Teppich an Vernetzung und Musikleben in dieser bedeutenden Reichsstadt.

Kosten:
VB (einzelne Vorträge ca. 90 Minuten; Anreise/Übernachtung exklusive)

Ideal für Kulturzentren, Firmenfeierlichkeiten, private Feste wie Geburtstage etc. – beschenken Sie einen Freund/eine Freundin oder Ihre Kundinnen und Kunden mit einem Vortrag aus meinem Repertoire | Hausvorführungen möglich – Beamer und weitere technische Gerätschaften vorhanden

“Komponistinnen” | Film mit Talk in Augsburg

Komponistinnen – Dokumentarfilm über Fanny Hensel, Mel Bonis, Emilie Mayer und Lili Boulanger

Montag, 11. März 2019 Augsburger Premiere um 18:30 Uhr im Liliom-Kino in Anwesenheit der Filmemacher*in Kyra Steckeweh und Tim van Beveren im Anschluss: Filmgespräch mit u. a. Susanne Wosnitzka

Ausgezeichnet als “Bester Dokufilm von oder über eine Frau” (Alive International Documentary Film Festival Los Angeles 2018) und als “best featured documentary” (10th World Music and Independent Film Festival Washington D.C.)!

“Eine überfällige Doku mit Musik, die packt und dazu exzellent erzählte Geschichte(n) – großes Kompliment” (Premieren-Besucher)

Weitere Infos dazu auf der Komponistinnen-Homepage oder – mit Making-of-Hintergründen auf meiner Webseite hier.

“Komponistinnen” | Film mit Talk in Augsburg

Komponistinnen – Dokumentarfilm über Fanny Hensel, Mel Bonis, Emilie Mayer und Lili Boulanger

Montag, 11. März 2019 Augsburger Premiere um 18:30 Uhr im Liliom-Kino in Anwesenheit der Filmemacher*in Kyra Steckeweh und Tim van Beveren im Anschluss: Filmgespräch mit u. a. Susanne Wosnitzka

Ausgezeichnet als “Bester Dokufilm von oder über eine Frau” (Alive International Documentary Film Festival Los Angeles 2018) und als “best featured documentary” (10th World Music and Independent Film Festival Washington D.C.)!

“Eine überfällige Doku mit Musik, die packt und dazu exzellent erzählte Geschichte(n) – großes Kompliment” (Premieren-Besucher)

Weitere Infos dazu auf der Homepage von Komponistinnen oder mit etwas mehr Infos zum Making-Of auf meiner Seite hier.