Geschichte mit Zukunft – der Grüffelo-Deal im Zug

Wenn man in Zeiten von Corona ans Reisen denkt, bleibt es allermeist bei sehnsuchtsvollen Rückblicken – oder eifrig-trotzigen künftigen Reiseplänen. 2015 erlebte ich auf einer Dienstreise eine der zauberhaftesten Bahngeschichten überhaupt: Den Grüffelo-Deal mit Zukunft!

Chaos pur in Frankfurt am Main: Züge verspätet, ausgefallen oder verkürzt. Dazu war es brüllend heiß, was den Pisseammoniakgeruch im Durchgangstunnel zum Gleis noch verstärkte. Die Züge waren teils so geschrumpft, dass Passagiere, die Plätze reserviert hatten, in den Zug bzw. in die Röhre schauten, weil einfach ihre Waggons abgekoppelt worden waren. Freie Plätze gab es somit direkt nur noch an der Tür. Wenigstens kann man dort die Beine vernünftig ausstrecken, hat Frischluft, nur einen Schritt zum Klo und man kann Menschen von unten betrachten.

Der Grüffelo muss mit!
Der Grüffelo © Saffron Blaze (http://www.mackenzie.co)
Der Grüffelo © Saffron Blaze (http://www.mackenzie.co)

Neben mir kam ein kleines Menschlein zum Sitzen. Die kleine Luca (5 oder 6) mit ihrer Mama. Luca machte es sich auf der Verpackung eines aufblasbaren Schwimmbads bequem, zog aus ihrem kleinen rosafarbenen Walt-Disney-Märchenschloss-Rucksack einen DVD-Player und zog sich seelenruhig den Grüffelo rein. Nebenbei erzählte Luca Folgendes:

Luca war sehr tapfer gewesen, denn man hatte ihr vor ein paar Tagen einen Zahn ziehen müssen. Sie zeigte mir ganz stolz die vernähte Lücke, während ihre Mama die Augen nach oben verdrehte. Ich fands obercool, wie cool Luca war. Nach einer Weile wollte sie Multitasking und zog eine rosafarbene Blechbüchse heraus, in der sich trendy Gummibänder befanden, die man zu Ketten häkeln konnte. Die Gummibänder waren in Weiß-Pink und Orange-Pink.

Amusement par excellence

Ich guckte ein bisschen mit ihr den Grüffelo und amüsierte mich. Ein junger Mann (Typ Jungmanager) kam gegenüber auf seinem Koffer zu sitzen und gaffte. Luca hatte aber keine Zeit zum Zurückgaffen, denn sie strickte mir gerade aus den weiß-pink-farbenen Gummibändern einen Ring. Immer wieder testete sie, ob die Größe schon passte. Endlich war er fertig und sogar relativ bequem. Ich versprach ihr, dass wenn ich den Ring ablege, ihn stattdessen an meinem Schlüsselbund tragen würde. Luca strahlte.

Der Jungmanager beobachtete die Szenerie. Luca guckte ihn an und sagte: “Ich mach dir ein Armband!” Er war interessiert und meinte: “Prima, lass dir Zeit, ich bin jetzt zwei Stunden lang hier im Zug”. Luca fasste das als Arbeitsauftrag auf und legte los. Sie brachte das Armband fertig und lieferte es beim Jungmanager ab, der sie mit 5 € entlohnte. Während Luca laut überlegte, was sie mit dem Geld machen wolle (Eis kaufen), gab ihr der Jungmanager einen heißen Tipp: “Kauf dir kein Eis, sondern kauf dir von dem Geld neues Material und mach weiter mit deinem Geschäft.” Luca strahlte.

Panik statt Genussfahrt

An der nächsten Station (Aschaffenburg) stieg eine junge Frau ein, die nach Schweinfurt musste. Affen und Schweine. Perfekt. Allerdings fuhr der Zug nicht nach Schweinfurt, sondern nach Nürnberg, weil auf der Abfahrtstafel was Falsches angegeben war. Was sie in Tränen auflösen ließ, weil ihr Liebster verzweifelt am Bahnhof in Schweinfurt stünde. Beflügelt von seinem neuen Armband (in Weiß-Pink – passend zum anthrazitfarbenen Anzug) gab der Jungmanager auch dieser einen heißen Tipp: “Pass auf, wenn dir die Schaffner für die Rückfahrt was berechnen wollen, dann machst du das Chaos des Tages für die Unpässlichkeit verantwortlich und zahlst gar nix. Und wenn die was dagegen haben, dann red ich mal mit denen.” Karmaaaaaa!

Luca zog dann mit ihrer Mutter in Nürnberg von dannen. Der DVD-Player hatte pünktlich zur Zugeinfahrt den Geist aufgegeben. Ich selbst stieg in München aus, der Jungmanager ebenfalls.

Später sah ich ihn zufällig nochmal in der Stadt wieder. Er trug noch immer das weiß-pink-farbene Superpower-Gummiband.

Ring mit Grüffelo-Deal © Susanne Wosnitzka
Ring mit Grüffelo-Deal © Susanne Wosnitzka

So weit diese Geschichte. Und wenn ihr denkt, ich hätte meinen Superpowerring längst vergessen – nein! Er ist zwar nicht mehr am Finger und auch nicht am Schlüsselbund, sondern als Erinnerung an diese wunderschöne Begegnung in meinem Schmuckkästchen. Und vielleicht kann sich Luca (heute 10 oder 11) auch noch in Freude an diese Geschichte erinnern.

Ein paar weitere/heitere Zuggeschichten kann man hier nachlesen, auch wenn einem meist eher weniger zum Lachen ist bei Verhindernissen aller Art auf der Strecke.
Lustige Bahnansagen gibts bei Twitter.

Beethoven und ich – Die Erinnerung der Langsamkeit

Jetzt. Ich tippe konzentriert interessante historische Zeitungsmeldungen ab. Um meine geräuschfreie Ruhe zu haben, habe ich zuvor meine Hörgeräte herausgenommen und meine Kopfhörer aufgesetzt. Meistens höre ich neben dieser Recherche- und Forschungsarbeit eine Geschichtsdokumentation, ein Hörspiel oder – seltener – Musik.

Musik ist für mich meist dann furchtbar ablenkend, wenn ich über Musik nachdenke. Das ist dann in etwa so störend, wie Besteckschieben über Porzellan, obwohl Musikhören und Musikdenken an und für sich schön sind. Eigentlich wollte ich heute nur Samuel Barbers Agnus dei nebenbei haben, das auf die vielen zauberhaften, aber teils auch schrecklichen Meldungen historischer Zeiten im stetigen Wechsel so gut passt. Und das je nach Stimmung im Dauer-Repeat. Heute sollte es also Dauer-Repeat sein.

Aber heute ist daran etwas anders. Statt Dauer-Repeat läuft aus Versehen ein Mix mit aufeinanderfolgenden YouTube-Musikvideos. Deshalb folgt auf dieses Agnus dei der zweite Satz aus Beethovens Klavierkonzert Nr. 5, und zwar mit dem London Festival Orchestra und Sylvia Čápová-Vizváry am Flügel.

Weil ich gerade höchst konzentriert am Abtippen bin, lasse ich diese Musik trotzdem weiterlaufen. Und denke nach dem Orchesterintro nach der ersten Abwärtsbewegung der darauf einsetzenden Klaviertöne genervt: „Uff, schlaf halt ein beim Spielen“. Eine der langsamsten Interpretationen dieses Werks, die ich je gehört habe. „Beethoven und ich – Die Erinnerung der Langsamkeit“ weiterlesen

Die größten Schweizerinnen 1858

Wer waren die größten Schweizerinnen der 1850er Jahre? Da gab es zum Beispiel Wilhelmine von Hillern (1836–1916) – Tochter der höchst erfolgreichen Dramatikerin und (zugereisten) Züricher Theaterdirektorin Charlotte Birch-Pfeiffer (1800–1868) –, die zuerst als Schauspielerin agierte, sich aber nach ihrer Hochzeit von der Bühne verabschiedete (oder verabschieden musste) und der Schriftstellerei zuwandte. Deren heute bekanntestes Werk ist die vielfach verfilmte und legendäre Geier-Wally.

Groß, größer, am größten
Anna Susanna Fries, Szene aus "Romeo und Julia" © Amber Tree, flickr.com
Anna Susanna Fries, Szene aus “Romeo und Julia” © Amber Tree, flickr.com

Oder auch Anna Susanna Fries (1827–1901, kein Link, da leider noch kaum Informationen im Netz) aus Zürich, die sich trotz des Widerstandes ihres Vaters der Kunst widmete und an den Kunstschulen in München und Paris und dann bei einzelnen Malern in Zürich studierte. Mitte der 1850er Jahre ließ sie sich als Porträtistin in ihrer Heimatstadt nieder und malte u. a. die weltbekannte Schriftstellerin Johanna Spyri (Heidi, 1827–1901) – auch diese eine der größten Schweizerinnen. Durch den Auftrag, die niederländische Königin und deren Hof zu porträtieren, arbeitete Anna Susanna Fries für zwei Jahre in Holland. In Florenz gründete sie Anfang der 1870er Jahre eine Kunstschule für Frauen, in der sie zwölf bis zwanzig Schülerinnen hatte. Nach einer Reise in den Orient malte sie besonders auch Landschaften und Figuren. Ihre eigentliche Stärke aber war die Porträtmalerei.[1]

Seltene Angaben

So weit, so groß. Aber wer waren denn nun die wirklich größten Schweizerinnen der 1850er Jahre? In ganz, ganz seltenen Fällen kann man das nämlich auch auf die pure Körpergröße anwenden, sofern sich Angaben zu Körpergrößen von Menschen aus dieser Zeit überhaupt erhalten haben.

Einer dieser Fälle kam heute während meiner Recherchen in einer historischen Augsburger Tageszeitung zu Tage. Darin wurden zwei Schweizer Schwestern als wandelnde Riesensensation angekündigt mit folgenden Worten: „Die größten Schweizerinnen 1858“ weiterlesen

Gioachino Rossini – Superstar mit Pelz in Weinheim/Bergstraße

Es war einmal ein Mann, der – in Pelz gehüllt – an einem Tag im Herbst des Jahres 1856 im kleinen Weinheim an der Bergstraße (zwischen Frankfurt/Main und Mannheim gelegen) für einen Straßenauflauf sorgte. Eigentlich sorgte nicht der Mann in Pelz für Furore (der niemand Geringeres als der berühmte Komponist Gioachino Rossini war), sondern womit er reiste: Mit der Extrapost, das heißt einer extra schnellen Kutsche mit vier Pferden für geballte Vorwärtskommkraft und mit zwei Postillonen auf dem Kutschbock, die nicht überall hielt.

Hoch auf dem gelben Wagen
Hermann Kauffmann, Extrapost im Schneesturm, ca. 1855 © darkclassics.blogspot.com
Hermann Kauffmann, Extrapost im Schneesturm, ca. 1855 © darkclassics.blogspot.com

In der Zeit der Romantik waren Postkutschen ein beliebtes Motiv von Maler:innen. Solche Kutschen scheinen um 1856 offenbar aber bereits eine Seltenheit gewesen zu sein; erst wenige Jahre zuvor hatten moderne Eisenbahnen damit begonnen, die althergebrachten Reise- und Postkutschen nach und nach zu verdrängen. Zumindest auf den Straßen, die auf den kürzesten Strecken zwischen A und B mit Schienen für das Dampfross versehen wurden. Mit dem Zug kam man schneller und bequemer voran als in einer Kutsche, deren Pferde zudem an den einzelnen Wegstationen ausgetauscht und/oder umgespannt werden mussten. Die Cholera kam dadurch auch schneller von A nach B, aber das ist eine andere Geschichte.

Rossini im Klangrausch?

„Gioachino Rossini – Superstar mit Pelz in Weinheim/Bergstraße“ weiterlesen

Léocadie de Beauvoir – Das aufmüpfige Geschlecht

Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen. Sie bekommen nichts“ – Simone de Beauvoir (1908–1986) ist als französische Schriftstellerin und Philosophin weltbekannt. Besonders mit ihrem Werk Das andere Geschlecht (1949) hat sie einen Meilenstein der feministischen Literatur geschaffen. Aber wer kennt Léocadie de Beauvoir (1823–1859), die ein freies und eigenständiges Publizieren nicht nur für – die mit ihr nicht verwandte – Simone de Beauvoir, sondern wohl für alle Schriftstellerinnen durch ihre Hartnäckigkeit erst ermöglicht hat?

Genau. So habe ich auch geschaut, als ich heute diese ganz besondere Nachricht im Augsburger Tagblatt entdeckt habe und dieser weiter nachgegangen bin im Rahmen der derzeitigen Möglichkeiten bzw. Unmöglichkeiten.

Wer war Léocadie de Beauvoir

und was genau war dieser offensichtliche Meilenstein der Frauengeschichte und Frauenliteraturgeschichte, den sie da offenbar lange vor Simone de Beauvoir geschaffen hat? „Léocadie de Beauvoir – Das aufmüpfige Geschlecht“ weiterlesen

Ethel Smyth – Suffragette in München | #femaleheritage

Ethel Smyth (1858–1944) war ein Kracher. Sie ließ so gut wie nichts anbrennen, war ihrer Zeit voraus, bewegte sich in höchsten und coolsten Kreisen, war musisch wie schriftstellerisch höchstbegabt, war unglaublich mutig, indem sie sich gegen gesellschaftliche Normen und Frauenhasser stellte und dadurch großartiges Neues schuf, darunter ihr The March of the Women, den sie 1910 für die Treffen und Demos der britischen Frauenwahlrechtskämpferinnen zusammen mit der Poetin Cicely Hamilton (1872–1952) verfasst hatte. Dieser Marsch ist in den letzten Jahren bekannter geworden und wird gerne – weil er so wunderbar eingängig ist – mittlerweile wieder besonders zu Veranstaltungen rund um den Internationalen Frauentag gesungen. Auch im Film Suffragette (2015) konnte man einen Teil davon bei einer nachgestellten Demo hören.

Leipzig, ick hör dir trapsen

Ethel Smyth, aufgewachsen in einem Vorort von London in einer Familie der gehobenen Mittelschicht, hatte eine deutsche Nanny, die in Leipzig pianistisch ausgebildet worden war und Klein-Ethel Klavierunterricht gab. Es stellte sich schnell heraus, dass Ethel für Musik besonders begabt war. In ihr reifte die Idee, ebenfalls in Leipzig zu studieren. Aber nicht das Klavierspiel, um Interpretin zu werden, sondern um Komponistin zu werden! Das galt damals als ziemlich aussichtslos, da Frauen aufgrund ihres Geschlechts keine Chance hatten, als Kapellmeisterin einen Job zu bekommen. Was mit ein Grund ist, warum Großwerke von Frauen heute kaum bekannt sind – sie konnten ihre Werke eben nicht einfach mit einem Orchester, dem sie vorstanden, einüben und selbstverständlich aufführen.[1] Sie hätten dazu ein Orchester und einen Konzertsaal anmieten und hätten selbst für Werbung etc. sorgen müssen. Emilie Mayer (1812–1883), die als ‚weiblicher Beethoven‘ einst eine lebende Legende war, konnte das eine Zeit lang, weil sie über entsprechendes Privatgeld verfügt hatte – das dann irgendwann aufgebraucht war, sodass weitere Großwerke wohl deswegen zu Lebzeiten nie auf die Bühnen gebracht wurde. „Ethel Smyth – Suffragette in München | #femaleheritage“ weiterlesen

Anna Billmaier, die Schlächterin von Haidhausen | #femaleheritage

Historische Zeitungen sind nicht nur ein Quell der Freude an längst verschütt gegangenen Nachrichten zu Kunst und Kultur, sondern auch ein Hort der Dokumentation des Bösen wie im Fall der Anna Billmaier in München-Haidhausen 1848.

CN Gewaltverbrechen
Triggerwarnung!

Im Rahmen der Forschungen zu meiner musikwissenschaftlichen Dissertation anhand mehrerer historischer Augsburger Tageszeitungen der Jahre 1746 bis 1852, die national und international berichteten, kam auch eine Fülle an Gewaltverbrechen und vermeidbarer Tode hervor. Unter Ersteren auch eine Menge an – in heutigen Zeitungen gerne genannten – ‚Beziehungsdramen‘; Männer, die ihre Ehefrauen und/oder Kinder aus eigenem Lebensüberdruss umbrachten, aus Eifersucht, kleinem Ego und toxischen Männlichkeitsvorstellungen – die ganze Palette, die man noch heute in solchen Nachrichten findet. In historischen Zeitungen, die aus (pseudo)moralischen Gründen unschickliche Begriffe sonst vermieden, werden solche Morde sehr klar als solche bezeichnet. Das Wort ‚Beziehungsdrama‘ habe ich in keiner der vier von mir lückenlos untersuchten Magazine gelesen. „Anna Billmaier, die Schlächterin von Haidhausen | #femaleheritage“ weiterlesen

Politisches Credo in Hosen mit Löwinnen | #femaleheritage

„Wenn wir jedoch verstehen wollen, warum Frauen, selbst wenn ihnen nicht der Mund verboten wird, noch immer einen sehr hohen Preis zahlen, um Gehör zu finden – und wenn wir daran etwas ändern möchten –, dann müssen wir einsehen, dass das Ganze komplizierter ist und eine lange Geschichte dahintersteht.“ – Mary Beard, mit Weitsicht

Sie hat recht. Es. Ist. Kompliziert. Und es ist mit einer langen Geschichte dahinter. Auch noch unbekannter Geschichte, die ich in diesem Blogtext mit einer neuen Theorie für die #femaleheritage-Blogparade der Monacensia München erstmals vorstellen möchte. Was es nicht weniger kompliziert macht. Das Bekannte sind einzelne Leuchtpunkte der Frauenbewegungsgeschichte, die aber offenbar ein ganzes Lichtermeer hinter sich gehabt haben in Form einer noch unbekannten Pariser Frauenbewegung, die über klare Erkennungsmerkmale verfügte, einen Namen hatte und die meinen Überlegungen nach wegweisend für die deutsche Frauenbewegung ab 1848/49 gewesen war.

Neue Wege

Seit Jahren beschäftige ich mich im Rahmen meiner musikwissenschaftlichen Dissertation mit mehreren historischen Augsburger Tageszeitungen, die ich für die Jahre 1746 bis 1852 hauptsächlich auf Musikkulturnachrichten in Gänze abgegrast habe. Das ergab ein unglaublich dichtes Netz an großteils unbekannten Informationen nicht nur zum Musik- und Kulturleben, das Hand in Hand ging, sondern auch zu allem, was die Menschen bewegt hat. Angefangen von seltsamen Wettererscheinungen und Naturkatastrophen (lückenlos dokumentiert) und neuen Erfindungen (und bekannte, die teils noch weiter zurückdatiert werden können), über unbekannte Episoden und Einzelschicksale aus der Französischen Revolution bis hin zu politischen Begebenheiten, die die Welt aus den Fugen gebracht haben. „Politisches Credo in Hosen mit Löwinnen | #femaleheritage“ weiterlesen

Clara Schumann hat null Bock | #femaleheritage

Clara Schumann hat null Bock. Sidekick: Unbekanntes zu Franz Liszt in Augsburg. Neues zur Konzertorganisation im 19. Jahrhundert in Augsburg und München

Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)
Maximilianstraße Augsburg. I. Owen nach Robert Batty, ca. 1835 © wikimedia.commons (gemeinfrei)

Blogtext gewidmet meiner Freundin Luise Kimm, Sängerin

This blogtext, written for the #femaleheritage blogparade of the Monacensia Munich, is now available in English! Thanks to Gabriella Di Laccio to publish it on her website Donne365!

Geht man ins Konzert, geht man in ein Konzerthaus, ins Theater oder in eine Kirche. Im 18. und 19. Jahrhundert ging man dazu in eine Gaststätte, in ein Hotel oder in eines der Zunfthäuser, die über einen großen Tanzsaal für Hochzeiten und andere Anlässe verfügten. Eigens als Konzertsaal angelegte Lokalitäten gab es erst relativ spät mit steigender (Massen)Nachfrage von Konzerten der Virtuosen-Superstars Niccolò Paganini (1782–1840) und Franz Liszt (1811–1886), der Schwestern Teresa (1827–1904) und Maria (1832–1848) Milanollo sowie ganzer Orchestertrupps wie dem von Johann Strauss sen. (1804–1849), die auf ihren Tourneen überall und von sehr vielen Menschen gehört werden wollten. Einer der ersten neugebauten richtigen Konzertsäle war das Münchner Odeon, erbaut 1826/28 von Leo von Klenze (1784–1864) für genau solche Zwecke.

Gaststätten im Zentrum
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka
Apollo-Saal der Goldenen Traube. Postkarte um 1910 © Eigentum von Susanne Wosnitzka

In Augsburg hingegen gab es so etwas bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht. Dafür hatte man den großen Apollo-Saal der heute nur noch wenig bekannten Goldenen Traube, die im 18. und 19. Jahrhundert das Zentrum bürgerlicher Musikausübung war und Thema meiner sich in Arbeit befindenden Dissertation ist. Für diese durchforstete ich in den letzten Jahren mehrere Augsburger Tageszeitungen der Jahre 1746 bis (jetzt) 1852 auf Musik- und Kulturnachrichten – über 100 Jahre dichteste Lokal- und Weltgeschichte mit zahlreichen anderen hochinteressanten Funden anderer Sparten, mit denen sich zum Beispiel auch die Geschichte der Ballonfahrt neu schreiben ließe oder die europäische Frauenbewegungsgeschichte, zu der ich einen eigenen unbekannten französischen Strang entdeckt habe, der zum Inhalt eines anderen Histoblogs der #femaleheritage-Blogparade der Monacensia München wird. An dieser Stelle bedanke ich mich herzlich bei den Organisatorinnen für die persönliche Einladung, für diese Aktion mein Wissen in mehreren Blogtexten präsentieren zu können. Dieser hier ist der erste in der Reihe. „Clara Schumann hat null Bock | #femaleheritage“ weiterlesen

Die Podcastin | Die Rohnerin und laStaempfli über Komponistinnen

Seit gestern online findet man im Netz bzw. auf der gemeinsamen Website Die Podcastin der Literaturwissenschaftlerin und Publizistin Dr. Isabel Rohner und der Historikerin und Politikwissenschaftlerin Dr. Regula Staempfli – kurz: die Rohnerin und laStaempfli – eine grandios-frische Folge der Podcastin über Komponistinnen. Da die Einbettung nicht funktioniert hat, bitte aufs eingefügte Bild klicken, und Sie gelangen direkt zur Podcastin:

Wie das alles zusammenhängt:

laStaempfli: “[Auf das Thema] bin ich gestoßen dank Susanne Wosnitzka, die ist großartig auf Twitter als @Donauschwalbe, die macht wahnsinnig viel, kümmert sich extrem um das Archiv Frau und Musik […] und weiß extrem viel über Komponistinnen und um die Mechanismen der Sichtbarmachung. Also sie bietet uns großartige Werkzeuge, um den Kanon [der festgefahrenen klassischen Musik] völlig zu verändern.”

Rohnerin: “Folgt ihr unbedingt auf Twitter, und – liebe Leute, die ihr bei den Medien arbeitet: schreibt sie an für Expertise, nehmt sie auf, interviewt sie. Das ist die Expertin für Komponistinnen.”

Vielen Dank für die Blumen, die ich an euch zurückgeben kann, weil auch ihr in euren Sparten und mit der Podcastin so hervorragende Arbeit leistet, auch beim Netzwerken! „Die Podcastin | Die Rohnerin und laStaempfli über Komponistinnen“ weiterlesen

Fanny Hensel und die “Cholera-Kantate”

Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Fanny Hensel 1829. Zeichnung von Wilhelm Hensel © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Fanny Hensel geb. Mendelssohn (1805–1847) schrieb 1831 im Alter von 26 Jahren ein gut halbstündiges chorsinfonisches Werk, das Oratorium nach Bildern der Bibel, darin auch die Cantate für die Toten der Cholera-Epidemie, die damals über mehrere Jahre in vielen Städten grassierte und die Leute in schiere Panik versetzte.

Wie verheerend die Seuche in Preußen war, schildert zum Beispiel dieser Artikel (Dt. Ärzteblatt, 2007). Wie zum Beispiel das Augsburger Tagblatt berichtet, versuchte man mit allerlei Mitteln und Mittelchen vorzusorgen, von Blutegeln bis Aderlass:

Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Cholera Behandlungstipps 1830, Augsburger Tagblatt. Screenshot © Susanne Wosnitzka
Panikvermeidung trotz Cholera

In Städten waren Wirte und Toreinlasser verpflichtet, sämtliche Einreisende zu melden mit Herkunft, Namen, Pass etc. Zeitungsmeldungen zeigten an, wo die Cholera grade besonders grassierte. Briefe von auswärts wurden zum Beispiel in Wien durchstochen und geräuchert, um zu versuchen, damit Keime abzutöten.[1]

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Über die Donau – was Berblinger nicht schaffte, schaffte Madame Bittorf

Berblingers Flugversuch © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Berblingers Flugversuch © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Bittorf vs. Schneider von Ulm? Dieses Jahr würde der ‘Schneider von Ulm’, Albrecht Ludwig Berblinger (1770–1829) seinen 250. Geburtstag feiern – in Ulm soll er daher groß geehrt werden. Der Mann, der Pioniergeist besaß und vom Fliegen träumte und wegen widriger Umstände dann doch scheiterte. Nach einer erzwungenen Ausbildung zum Schneider – er wäre viel lieber Uhrmacher und Mechanikus geworden – entwickelte er erstaunlich arbeitende Bein- und Fußprothesen, die Vorbild für den Ulmer Chirurgen Johannes Palm (1749–1851) wurden, der als einer der ersten Ärzte überhaupt Chloroform und Äther zur Narkose einsetzte.

Berblingers bekanntestes Gerät ist ein Fluggleiter, mit dem er heimlich in den um Ulm liegenden Weinbergen übte, wo thermische Aufwinde für eine ideale Flugsituation vorhanden waren – aber nicht unten in der Stadt an der Donau, und genau das wurde ihm später zum Verhängnis. Wer solch ein Gestell durch die Stadt in die Weinberge trägt, bleibt nicht unbemerkt: Friedrich I. von Württemberg (1754–1816) hatte von Berblingers Versuchen buchstäblich Wind bekommen und wollte unbedingt einen Flug von ihm sehen, denn was heute für uns selbstverständlich erscheint, war damals eine unglaubliche Sensation. „Über die Donau – was Berblinger nicht schaffte, schaffte Madame Bittorf“ weiterlesen

Johnny and Bella – What If

Johnny and Bella (first published March 6, 2016) is my blog text at What if? Your participatory arts community on identity. What if? is part of TransCoding–From ‚Highbrow Art‘ to Participatory Culture, an arts-based research project conceived of by the artist and researcher Prof. Dr. Barbara Lüneburg (project leader), funded by the Austrian Science Fund FWF (PEEK AR 259-G21) and located at the University of Music and Performing Arts in Graz/Austria. The project was run by an international team of artists (e.g. composer Clio Montrey as social media strategist) and researchers from February 1, 2.2014 to January 30, 2017.

#GYHAFY – Give yourself a holiday away from yourself

#GYHAFY is part of ‚What if?‘. I’ve been invited by Barbara to be a part of it. Weeks ago before the invite I saw this picture on tagg magazine’s site about historical lesbian couples. To me this picture of these amazing persons is something magical. But the life of this couple is completely unknown. A wonderful occasion on giving an identity! Barbara asked some questions. The idea behind: be another (invented) person. The following story is a mix of invention, history, and my personal experiences. Johnny and Bella. A very special couple. The beginning of a new story… „Johnny and Bella – What If“ weiterlesen

In eigener Sache – kein Fußbreit

Zartes Pflänzchen Demokratie © Susanne Wosnitzka 2015
Zartes Pflänzchen Demokratie © Susanne Wosnitzka 2015

Seit dem 4. Dezember 2019 habe ich einen Eintrag im “Hetzportal” (Zitat Süddeutsche Zeitung, 28. Juli 2017) WikiMANNia, in dem ich fälschlicher und rufschädigender Weise als “männerhassende” Musikwissenschaftlerin bezeichnet werde, untermalt mit Fotos, für die ich niemals meine Genehmigung gegeben habe und deren Urheberrecht deutlich und unredlich missachtet wird.

Klarstellung: Ich setze mich selbstverständlich für Frauenrechte und Frauengeschichte ein. Frauenrechte sind Menschenrechte. Menschenrechte sind auch Frauenrechte. Ich fordere Parität in allen Belangen – Grundbedingung für ein demokratisches und freiheitliches Zusammenleben, auch und vor allem im Kulturbereich, weil: „In eigener Sache – kein Fußbreit“ weiterlesen

Nannette Streicher – die Frau, die zweimal feiern könnte, aber…

Nannette Streicher. Tuschezeichnung von Ludwig Krones 1836 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Nannette Streicher. Tuschezeichnung von Ludwig Krones 1836 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

This blogtext is now available in English! Thanks to Gabriella Di Laccio and DONNE | Women in Music for the kind support!

… offenbar von niemandem gefeiert wird. Weder in ihrer Heimatstadt Augsburg noch in Wien und anderen Klassikkreisen wird Nannette Streichers diesjähriger 250. Geburtstag (2. Januar 1769) gefeiert oder wertgeschätzt, obwohl die Musikkulturwelt ohne sie und ihr Instrumentenbaugenie wesentlich ärmer geblieben wäre. Sie ist eine der sog. „vergessenen“ Frauen bzw. deren Leistungen nach ihrem Tod bagatellisiert und/oder wie beiläufig abgetan und dadurch lange von der Musikgeschichtsschreibung übergangen wurde.

Das heute eher beschaulich wirkende Augsburg war zu Nannettes Lebzeiten ein geradezu begehrter Schmelztiegel der Kulturgeschichte. Besonders die Goldene Traube in der heutigen Maximilianstraße (damals Weinmarkt) mit mehreren Konzert- und Veranstaltungssälen war Hauptumschlagsplatz bürgerlicher Musikkultur neben dem privaten Fuggerischen Konzertsaal, der ums Eck am Zeugplatz lag, und den Sälen der Zunfthäuser, in denen Veranstaltungen der bürgerlichen Collegia musica stattfanden. Daneben war Augsburg hochbedeutendes Zentrum des Presse- und Verlagswesens, auch durch die Musikverlagshäuser von Johann Jakob Lotter, Anton Böhm & Sohn und später Andreas Gitter[1]. „Nannette Streicher – die Frau, die zweimal feiern könnte, aber…“ weiterlesen

Erbach – Ein Dorf schreibt “fast” Weltgeschichte

Schloss Erbach mit Barockgarten © Susanne Wosnitzka 2014
Schloss Erbach mit Barockgarten © Susanne Wosnitzka 2014

Wie kann ein Dorf fast Weltgeschichte schreiben? Mein Heimatdorf Erbach bei Ulm (seit über 15 Jahren Stadt, aber es fühlt sich nicht wirklich wie eine Stadt an) liegt beschaulich an der wirklich zauberhaften Oberschwäbischen Barockstraße an der alten Donau zwischen Ehingen und Ulm, mit dem malerischen Hochsträß im Rücken, etwas keltischer Geschichte im Wald und einem erhaben auf einem Hügel thronenden strahlend gelben Schloss aus der frühen Renaissance, in dem seither die Familie derer von Ulm zu Erbach wohnt.[1] Auf dem ansonsten geziegelten Dach des Schlosses befindet sich eine Stelle, die mit einem wirklich großen Stück Blech bedeckt ist. Auf die Frage nach dem Warum erhielten wir stets nur die Antwort: „Damit da die Geister besser raus- und reinfliegen können.“ Das war für uns als Kinder gleichermaßen gruselig wie faszinierend. Noch heute schaue ich immer zu diesem Stück Blech, wenn ich wieder daheim in Erbach bin.

Beziehung Erbach und Japan

Eine andere Geschichte lautet so, dass der erste Entwurf der japanischen Verfassung einer Legende nach auf Schloss Erbach entstanden sein soll. Dazu später mehr. Von diesem Schloss aus hat man „Erbach – Ein Dorf schreibt “fast” Weltgeschichte“ weiterlesen

Neuer Essay über Elke Mascha Blankenburg (1943–2013)

Elke Mascha Blankenburg © Christel Becker-Rau. CC BY-SA 4.0
Elke Mascha Blankenburg © Christel Becker-Rau. CC BY-SA 4.0

Am kommenden Sonntag, am 17. November 2019, feiert das Archiv Frau und Musik sein 40-jähriges Bestehen im Frankfurter Römer in einem großen Festakt mit Musik von Frauen und legendären Wegbereiterinnen wie Prof. Dr. Eva Rieger.

Triebfeder zur Gründung dieses weltweit ältesten, größten und bedeutendsten Archivs für Musikgeschichte von Frauen war ELKE MASCHA BLANKENBURG (1943–2013). Als Dirigentin im Studium war sie selbst als Frau schwer diskriminiert  worden und fragte sich, wo der Anteil von Frauen an der Kultur- bzw. Musikgeschichte geblieben ist. Sie recherchierte und verfasste 1977 einen Aufsehen erregenden Artikel in der EMMA, in dem auch ihre Wut über dieses “Vergessen” klar zum Ausdruck kam, das auch hauptsächlich eine Verleugnung an Frauengeschichte war.

Daraufhin bekam sie unzählige entsetzte und gleichzeitig begeisterte Zuschriften, wie man diesen Zustand der “Vergessenheit” ändern könne: Frauen kamen zusammen, um in Archiven gezielt nach unbekannten Werken von Geschlechtsgenossinnen zu suchen, sie zu sammeln und aufzuführen. Aus dieser Gruppe heraus gründete sich der Internationale Arbeitskreis Frau und Musik e. V., der bis heute Träger des Archivs Frau und Musik ist.

Digitalisierung = Sichtbarmachung

Durch eine Projektförderung durch den i.d.a.-Dachverband aller deutschsprachigen FrauenLesbenarchive bzw. durch dessen Projekt Digitales Deutsches Frauenarchiv war es möglich, die Geschichte dieses so bedeutenden Archivs teilweise aufzuarbeiten. Im September 2019 ging dieses Projekt in einem feierlichen Festakt in der Humboldt-Universität zu Berlin online. Eine Reihe von Essays auch zur Frauenmusikgeschichte generell runden diese Arbeit ab.

Der erste Essay dieser Reihe ist eine umfangreichere Biografie zur Gründerin des Archivs Frau und Musik, Elke Mascha Blankenburg, den ich zusammen mit meiner Kollegin Anne-Marie Bernhard verfasst habe. Dieser Aufsatz ist zugleich die bislang umfangreichste Biografie Blankenburgs. Im Archiv Frau und Musik ist ihr gesamter Nachlass zu finden, der einst aus 17 vollgepackten Umzugskartons bestand – ideal, um daraus eine richtig große Arbeit zu schreiben.

Eine Liste, die im Archiv Frau und Musik anfragbar ist, bietet mehr als 50 Bachelor-, Master- und Dissertationsthemen rund um Frauenmusikgeschichte. Nutzen Sie diese kostbaren Schätze! Unterstützen Sie dieses Juwel an Geschichte, das sich seit starken Mittelkürzungen noch immer auf der Roten Liste bedrohter Kultureinrichtungen befindet.

Leonore Siegele-Wenschkewitz-Preis 2019 EKHN

Helga Engler-Heidle und Ute Knie erzählen im Film © Susanne Wosnitzka

Heute (10. November 2019) wurde in der Evangelischen Akademie der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) am Römerberg in Frankfurt am Main der Leonore-Siegele-Wenschkewitz-Preis 2019 an die feministischen Theologinnen Helga Engler-Heidle und Ute Knie verliehen. In ihrem großartigen Projekt Frauenbewegung in der EKHN online – im Frühling 2020 auch als Buchform erhältlich – zeichnen sie die Geschichte der Frauenbewegung in der EKHN ab Ende der 1960er Jahre anhand von Porträts, Artikeln, Podcasts etc. nach. Dadurch wird dieser Teil der Frauengeschichte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Arbeit der in den verschiedenen Frauengruppen der EKHN agierenden Frauen ist zu verdanken, dass in der evangelischen Kirche Frauen gleichberechtigt Pfarrerinnen sein können.

Wikipedia – mehr Sichtbarkeit

Für diese Sichtbarkeit im Internet war von Helga Engler-Heidle und Ute Knie auch eine erweiterte Präsenz in der Wikipedia gewünscht. Von Dr. Antje Schrupp wurde ich als Beraterin und Lektorin empfohlen und dann von der EKHN beauftragt. Nach einem von mir erteilten Wikipedia-Workshop, an dem auch Führungspersonen der EKHN begeistert teilnahmen, konnte die Umsetzung beginnen. So entstanden unter meiner Anleitung nach und nach ein Hauptartikel zur Frauenbewegung in der EKHN sowie sechs Personenartikel zu bedeutenden Frauenpersönlichkeiten auch aus Forschung und Lehre, die massiv zu dieser Emanzipation, Bewegung und Gleichberechtigung in Kirche und Gesellschaft beigetragen haben, wie z. B. Heidi Rosenstock, Dr. h. c. Eva Renate Schmidt, Helga Trösken und Ursula Trautwein.

Einer der LaudatorInnen – Propst Dr. Klaus-Volker Schütz – hob “besonders die kompetente Integration von Wikipedia-Artikeln” und die “herausragende Beratung” hervor, die mit dazu beigetragen habe, dass “dieses Projekt so auszeichnungswürdig ist”. Die Sichtbarmachung von Leistungen von Frauen ist ein bedeutender Beitrag und unabdingbarer Baustein zur Gleichberechtigung.  Erstmals ging der Leonore-Siegele-Wenschkewitz-Preis an ein Online-Projekt.

Meilenstein

Miniatur in einer Pariser Handschrift der “Cité des Dames” © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Durch meine Arbeit konnte ich zu diesem Meilenstein beitragen – auch als Femmage und Fortsetzung an und von Christine de Pizans (1364–nach 1429) Stadt der Frauen. Darin erschaffen sich Frauen ihre eigene Erinnerungswelt, in der ihnen vorangegangene Frauen die Bausteine für die Gegenwart und Zukunft darstellen, weithin sichtbar als strahlende, glänzende Stadt und feste Burg.

Zum Weiterlesen:
Antje Schrupp: So kam die Frauengeschichte der hessen-nassauischen Kirche ins Internet, in: Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach (Hg.): Evangelisches Frankfurt und Offenbach, veröffentlicht am 22. August 2018 (Stand: 9. November 2019).
Melanie Keim: Wer schreibt eigentlich für Wikipedia? Vor allem Männer. Das soll sich ändern, in: Neue Zürcher Zeitung (NZZ, Hg.), Online-Artikel vom 8. Februar 2019 (Stand: 10. November 2019).

Vilma von Webenau – neueste Erkenntnisse zur Schönberg-Schülerin

Konzertplakat in Wien © Susanne Wosnitzka
Konzertplakat in Wien © Susanne Wosnitzka

Eine neue Publikation zu meiner Forschungsarbeit zu Vilma von Webenau (1875-1953, erste bekannte Schülerin von Arnold Schönberg) ist nun als Blogtext erschienen als eine Art Vorschau auf eine geplante größere Publikation mit dem Certosa-Verlag mit bislang unveröffentlichten und unbekannten Neuauffindungen zu Vilmas Todesumständen, zu ihrem lesbischen Freundinnenkreis (war auch sie selbst eine “Lesbe unterm Hakenkreuz”?), zu ihrem Nachlass, mit Überlegungen zu ihrer durchaus möglichen Mozart-Urenkelinnenschaft bis hin zu Aufführungen ihrer Werke in Graz unter GMD Oksana Lyniv (2020) und in Wien unter Marin Alsop (Saison 2019/20)!

Mit Dank an Gaby Dos Santos und dem Jourfixe Muenchen e. V. für die Veröffentlichung.

Danke für Vilma

Und das alles wäre NICHT möglich gewesen ohne die Vorarbeit von musica femina münchen e. V. und dem großen Interesse an meiner Arbeit durch das Münchner Stadtmuseum, der MDW Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, QWIEN, dem Primavera Festival Wien sowie zahlreichen begeisterten Leuten wie Andreas Brunner, Prof. Dr. Annegret Huber (mdw), Attilia Kiyoko Cernitori (Einstudierung/Dirigat von Webenau-Werken in Wien 2018), León de Castillo, Gerhard Alexander von Webenau, dem Frauen-Orchester-Projekt unter Leitung von Mary Ellen Kitchens (Einstudierung/Dirigat eines großen Webenau-Werks in Berlin 2018), Dr. Christian-Alexander Wäldner für u. a. Fotos von Vilmas ehem. Grablege, dem Archiv Frau und Musik für vorangegangene Veröffentlichungen dazu in der “VivaVoce”, dem Sophie Drinker Institut für eine ebensolche Veröffentlichung und so vielen mehr, die dafür gesorgt haben, dass ein Interesse an Leben und Werk von Vilma von Webenau nach “ganz oben” durchgesickert ist. Das kam nicht von alleine.

D*A*N*K*E für euren/Ihren Support für diese Arbeit, die ich derzeit noch privat betreibe.

Einzelheiten sowie den Blogtext finden Sie hier im Jourfixe-Blog sowie viele, viele wesentlich detailliertere Ausführungen mehr dann in der ausführlichen kommenden Publikation (in Arbeit).
 

Vilma von Webenau – verwehte Spuren finden

Als in Ulm einmal ein Elefant in der Donau badete

Nabadender Elefant in der Donau in Ulm © Susanne Wosnitzka
Nabadender Elefant in der Donau in Ulm © Susanne Wosnitzka

Im Juli des Jahres 1839 gastierte einst eine Schausteller- und Zirkustruppe in Ulm, unter deren Attraktionen sich auch ein Elefant befand. Solche durch die Lande rollenden Sensationen waren immer beliebt – und leider oft auch die einzige Möglichkeit für Menschen, die „anders“ beschaffen waren, eigenständig Geld zu verdienen: Kleinwüchsige oder die “dickste Frau der Welt”, KünstlerInnen ohne Arme oder Beine, die auf Musikinstrumenten spielten – alles war dort als ‘Freakshow’ zu sehen, alles strömte in die Vorstellungen und ergötzte sich auch an der Exotik “wilder” Tiere, die oft unter grauenhaften Umständen aus der Natur gerissen, über die Meere transportiert und in engen und kleinen Käfigen gehalten und begafft wurden.

Nabadender Elefant

Im jenem Sommer von 1838 war es wohl auch so heiß wie bei uns gerade jetzt. „Als in Ulm einmal ein Elefant in der Donau badete“ weiterlesen

Colette und Willy? Colette und Max!

Ich komme grade aus Colette, ein neues Biopic über die französische Schriftstellerin Colette mit Keira Knightley in der Hauptrolle.

Man hätte meinen können, Colette hätte nicht in Paris gelebt, sondern weiterhin im Dorf oder in einer Kleinstadt – als hätte sie vom Lebensgefühl der Zeit nicht viel mitbekommen. Willy und Colette wäre passender gewesen – viel zu viel Schwerpunkt auf Willy. Colette erschien mir nur eher als Beiwerk, sie erfuhr kaum Aha-Erlebnisse im Gegensatz zum Beispiel zur Hauptprotagonistin in Suffragette. Viel zu viel My-fair-Lady-Story als Emanzipationsvorgänge. Ersteres war zwar auch Colettes Lebensthema, aber eher später und später in ihren Romanen umfassender verarbeitet.

Leider fehlt in diesem Biopic Colettes wichtige Bezugsperson Natalie Clifford-Barney, mit der sie zeitweise zusammenlebte und ein Liebesverhältnis hatte, komplett. Ebenso fehlen „Colette und Willy? Colette und Max!“ weiterlesen

Dorothea Pichelt neu erlebbar – Lexikon

Deckblatt Lexikon mit Pichelt-Artikel © Susanne Wosnitzka
Deckblatt Lexikon mit Pichelt-Artikel © Susanne Wosnitzka

Frauen in Uniform – gar kein so seltenes Phänomen im 18. und 19. Jahrhundert. Im Zuge meiner Dissertation, in der ich eine Handvoll Augsburger Tageszeitungen zwischen 1746 und 1849 auf Musiknachrichten untersuchte, kam auch allerhand anderes Interessantes wieder ans Tageslicht, darunter eine Vielzahl an unbekannten Meldungen zu Frauen in Hosen, aus denen ich den Vortrag Die Löwinnen von Paris – Frauen in Hosen an vorderster Front kreiert habe, der seit dessen Premiere von München bis Wien begeistert die Runde macht.

Dorothea Pichelt ans Tageslicht

Aus diesen historischen Meldungen kristallisierte sich auch eines Tages die Biografie von Dorothea Pichelt verh. Geiger (1790-1824) heraus, die sich in Magdeburg in die dort hindurch reisende und Station machende Königin Luise von Preußen wohl schockverliebt hatte und „Dorothea Pichelt neu erlebbar – Lexikon“ weiterlesen

Polyeder für Vilma von Webenau

Vilma von Webenau (1875-1953), Komponistin, im Jahr 1924 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)
Vilma von Webenau (1875-1953), Komponistin, im Jahr 1924 © Wikimedia.Commons (gemeinfrei)

Nein, nicht aus Polyester, sondern als Polyeder. Die Komponistin Vilma von Webenau (1875-1953) gibts jetzt auch in den mathematischen Weiten des Universums. Auf die Idee brachte mich ein Artikel zu Polytopia: Für etwa 2.700 der hundertfach verschieden geformten Corpi werden in einem Spaßprojekt einer Geometrie-Forschungsgruppe unter Leitung der Berliner TU und der Deutschen Mathematiker*innen-Vereinigung noch “Abonnent*innen” gesucht. Nach kurzer und kostenloser Registrierung kann dort von so ziemlich jeder E-Mail-Adresse aus nach Registrierung und Login über ein grau-buntes Schaltfeld eine “Polly” ausgesucht, umbenannt und adoptiert werden. Das Ganze muss freigeschaltet werden. Man kann den Polyeder auch noch individualisieren.

Polyeder for free
Screenshot Polyeder von www.polytopia.eu © Susanne Wosnitzka
Screenshot Polyeder von www.polytopia.eu © Susanne Wosnitzka

Eine gute Idee, um besonders vergessene, wenig bekannte oder auch sehr bekannte Frauen auf diese Art und Weise “unters Volk” zu bringen. Das wäre doch gelacht, wenn man das nicht voll bekommen würde. “Fanny Hensel” ist auch bereits beantragt, also teilt – und herrscht!

(Vielleicht) Letztes Privatinterview mit Johannes Mario Simmel

Bücher von Johannes Mario Simmel zu verschenken © Susanne Wosnitzka
Bücher von Johannes Mario Simmel zu verschenken © Susanne Wosnitzka

Habe ich euch schon die Geschichte erzählt, wie mir der Schriftsteller Johannes Mario Simmel (1924–2009) sein (vielleicht) letztes Interview gab?

An der Universität Augsburg studierte ich nicht nur Musikwissenschaft, sondern im Nebenfach auch Europäische Ethnologie bzw. Volkskunde, wie es damals noch hieß. Die heutige Präsidentin der Uni, Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel, war damals Lehrstuhlinhaberin und meine Dozentin. Später legte ich auch alle meine Prüfungen in diesem Fach bei ihr ab. Dieses Fach fiel mir zu – schon von klein an nahmen meine Eltern mich und meine Schwester in jedem Urlaub und auch so in jedes erreichbare Heimat- und Kunstmuseum mit. Dieses Fach war mehr Bestätigung meines Wissens denn forderndes Studium. Prof. Dr. Doering-Manteuffel hatte immer die spannendsten Seminare. Eines davon war ein ganzes Semester lang zu sog. Trivialliteratur, und wir nahmen alles durch, vor allem das, was viele schon als Kinder verschlungen hatten:

Sämtliche Internatsliteratur wie Hanni und Nanni, Dolly und Fünf Freunde, aber auch Werke von Rosamunde Pilcher und „(Vielleicht) Letztes Privatinterview mit Johannes Mario Simmel“ weiterlesen

Female Composer’s Bullshit Bingo

Female Composer's Bullshit Bingo © Susanne Wosnitzka 2018
Female Composer’s Bullshit Bingo © Susanne Wosnitzka 2018

For some time now, I have been collecting original notes that I and other women encounter in our professional and everyday lives. Sometimes every day. Often always the same sayings. By always the same types of guys. A bit rarer but by women, too. These sayings testify to blatant misogyny, gyno-phobia, ignorance and a lack of empathy. And they are bullshit. Bingo!

We can do something against such hate speech: Education, education and education again and that from an early age. It is a problem when female composers (and also female conductors) are so disregarded that their works and they themselves hardly come into their own. „Female Composer’s Bullshit Bingo“ weiterlesen

Komponistinnen-Bullshit-Bingo

Komponistinnen-Bullshit-Bingo
Komponistinnen-Bullshit-Bingo

Here you can find this blogpost in English!

Seit geraumer Zeit sammle ich O-Töne, die mir und anderen Frauen in meinem Berufs- und Lebensalltag begegnen. Manchmal täglich. Oft immer dieselben Sprüche. Von immer denselben Typen. Etwas seltener aber durchaus auch von Frauen. Diese Sprüche zeugen von unverhohlener Misogynie, Gynophobie, Ahnungslosigkeit, Unwissen und einem Mangel an Empathie. Und sind Bullshit.

Dagegen gibts aber was: Bildung, Bildung und nochmals Bildung und das von klein an. Es ist ein Problem, wenn Komponistinnen (und auch Dirigentinnen) so dermaßen missachtet werden, dass ihre Werke und sie selbst kaum zur Geltung kommen.

Vielfalt? Gleichberechtigung? Bullshit!

In der Saison 2017/2018 gab es in Deutschland 444 Opernaufführungen, davon rund 30 als Uraufführungen (Quelle: nzm, badblog, 10.4.2018). Von diesen wiederum waren 4 Werke von Frauen, also 4 von 444. Der BR hat neulich stolz eine Charta der Vielfalt unterzeichnet – und bringt dann in seinem neuen Saisonprogramm in musica viva kein einziges Werk einer Frau. Auch keines, das von einer Frau dirigiert wird. Das soll Vielfalt sein? Dafür bezahlen wir Rundfunkbeiträge? „Komponistinnen-Bullshit-Bingo“ weiterlesen

Festrede/Zornrede – 30 Jahre musica femina münchen e. V.

Gasteig Black Box © Rita Draxlbauer
Gasteig Black Box © Rita Draxlbauer

Festrede/Zornrede 30 Jahre musica femina münchen, 29. April 2018

„Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen: Sie bekommen nichts.“ – Simone de Beauvoir

Auch ich begrüße Sie sehr herzlich im Namen des Vereins und der Vorstandsfrauen zu diesem heutigen Jubiläum von musica femina münchen und danke Ihnen, dass Sie mit uns feiern. Ich danke unseren Musikerinnen, die mit ihrer Brillanz diesen Tag zum Klingen bringen und bereits ihr Können gezeigt haben. Ich danke unseren Komponistinnen, die uns teilhaben lassen an ihrer Gedanken- und Gefühlswelt und uns mitnehmen in ihren Kosmos, individuell, bunt, intellektuell und begeisterungsvoll. Ich danke auch den Frauen, die daran beteiligt waren und geholfen haben, diesen Tag zu organisieren, darunter Irmgard Voigt, unsere Gestalterin, Marie-Pierre Beckius als unsere Botschafterin nach außen, Ulrike Keil, unserer Moderatorin, Katrin Schweiger als Künstlerische Leitung, Gaby dos Santos als unermüdliche Bloggerin und nicht zuletzt Anne Holler-Kuthe als Managerin – neben ihrem Beruf, ehrenamtlich und ohne Vergütung. Ohne Anne Holler-Kuthe wäre nichts gegangen: Sie hält unsere Fäden wunderbar zusammen – von der geschäftlichen Verwaltung über die Organisation bis hin zur Künstlerinnenbetreuung.

Ich danke unseren unermüdlichen Unterstützerinnen und Unterstützern, dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München sowie der Gleichstellungsstelle, der Gerda-Weiler-Stiftung, dem Internationalen Arbeitskreis Frau und Musik e. V. mit dem Archiv Frau und Musik und vielen privaten Förderinnen und Förderern, ohne die Erfolge in unserer Arbeit nicht [das Zornige kommt noch weiter unten] „Festrede/Zornrede – 30 Jahre musica femina münchen e. V.“ weiterlesen

Welttag Theater – Frauen machen Geschichte

In Augsburg wirkten im 18. Jahrhundert am Theater einige Frauen an der Geschichte mit, die es so leider bis heute noch nicht niedergeschrieben gibt. Mein Job wohl…

In dieser ehem. Reichsstadt wirkten v. a. reisende Theatergesellschaften – feste Theatergruppen gab es oft nur an den Höfen. Augsburg hatte schon recht lange ein Stadttheater, das an Stelle des alten Minnesängers-Stadels errichtet wurde und die beide neben der Kirche St. Jakob standen in der Vorstadt. Die Minnesänger waren in Augsburg einst wesentlich bedeutender als die in Nürnberg, die durch Richard Wagner popularisiert wurden.

Altes Theater Augsburg

Das alte Theater war historischen Beschreibungen nach, die ich in historischen Augsburger Tageszeitungen zwischen 1746 und 1849 gefunden habe, klamm, zugig und kalt. Niemand ging dort gern ins Theater. Allerdings hat Wolfgang Amadé Mozart dort zum ersten Mal auch Emanuel Schikaneder in einer Aufführung erlebt – zukunftsweisend für deren beide Zusammenarbeit. Schikaneder heiratete im Augsburger Dom Eleonore geborene Maria Magdalena Arth (1751/52–1821), die ihrerseits Schauspielerin und Sängerin war und dann auch zur Theaterdirektorin wurde – mit ihrem Mann verstand sie sich nicht wirklich; er zog dann mit einem Teil der Truppe weiter, und Eleonore blieb in Augsburg. „Welttag Theater – Frauen machen Geschichte“ weiterlesen

Hard Facts – Ehe in England

"Wenn die Freude im Haus stirbt"; Gemälde von Pietro Saltini, 19. Jh., © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)
“Wenn die Freude im Haus stirbt”; Gemälde von Pietro Saltini, 19. Jh., © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)

Eine scherzhaft-kritische Umfrage über die Ehe in England im Jahr 1767 ergab Folgendes:

“Gegenwärtiger Zustand der Ehen.
Frauen, die ihre Männer verlassen haben, um ihren Geliebten zu folgen: 1362.
Männer, die sich wegbegeben haben, um ihren Geliebten zu folgen: 2361.
Freywillig getrennte Paare: 4120.
Paare, die unter einem Dache in offenbarem Kriege leben: 191.023.
Paare, die sich von ganzem Herzen hassen, aber ihren Haß vor der Welt unter einer angenommenen Freundlichkeit verbergen: 162.320.
Paare, die in einer sichtbaren Gleichgültigkeit mit einander leben: 510.132.
Paare, welche die Welt für glüklich vermählt hält, die aber im Herzen über ihr Glük nicht so einig sind: 1102.
Paare, welche in Vergleich mit andern unglükseligern, glüklich sind: 135.
Wahrhaft glükliche Eheleute: 9 Paar.”*

Ehe in England

So ganz scherzhaft dürfte dies alles nicht gewesen sein, wenn „Hard Facts – Ehe in England“ weiterlesen

Hilde Firtels blaues Kleid

Indigo © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei) Hilde Firtels blaues Kleid
Indigo © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)

„In den Falten meines blauen Kleides
ruht ein matter Duft von deinen Küssen
und es ist, als ob die weiche Seide
deiner Hände Kosen treu bewahrte.

In den Falten meines blauen Kleides
webt Erinn’rung fort an tausend Träume,
die ich dir im Arme einst gesponnen.

Du gingst fort in weite weite Fernen,
mir blieb nichts als namenlose Sehnsucht
stumm drück ich die müdgeweinten Augen
in die Falten meines blauen Kleides.“

Geschichte Hilde Firtels

Vieles ist über die 1991 gestorbene, jüdische, zum Katholizismus konvertierte Autorin, Komponistin, Übersetzerin und Poetin Hilde Firtel nicht bekannt, auch weil eine umfangreiche Biografie bislang fehlt. Sie wurde am 23. Juli 1910 in eine jüdische Familie in Wien hineingeboren. Ihr Vater war Immobilienhändler. Schon als „Hilde Firtels blaues Kleid“ weiterlesen

Wie im Sog

Ethel Smyth bei der Einweihung des Pankhurst-Memorial 1930 © Flickr (allgemeinfrei)
Ethel Smyth bei der Einweihung des Pankhurst-Memorial 1930 © Flickr (allgemeinfrei)

Veröffentlicht am 26. Oktober 2017 

Wie im Sog schaute ich mir diese Bilder auf Flickr an – Suffragetten in Aktion. Eine solche Fülle an Bildmaterial fand ich noch nie an einer Stelle. Darunter auch zwei – rechtefreie – Fotos mit Komponistin Ethel Smyth, die im engsten Kreis der Suffragetten ganz vorne mit dabei agierte.

Eines davon zeigt sie wohl bei einem Päuschen in ihre Ehrendoktorinnen-Robe gehüllt zusammen mit einer kleinen Musikkapelle und Geistlichkeit. Während Flickr dazu nur “Ethel Smyth 1930” schreibt ohne weitere Informationen, weiß ich, zu welchem Anlass dieses Foto gemacht wurde, weil ich „Wie im Sog“ weiterlesen

Forschungseinblicke – Dorothea Pichelt

Viktoria Saws (1899-1979) als Soldat © Wikimedia.Commons (allgemeifrei)
Viktoria Saws (1899-1979) als Soldat © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)

Veröffentlicht am 9. Mai 2018

In Magdeburg lebte einst eine junge Frau – Dorothea Pichelt (Dorothea Geiger) –, die unerkannt als “Theodor Pichelt” als Dragoner um 1813/14 in einem Regiment diente. Bis vor Kurzem nahm man noch an, dass sie um 1850 verstarb. Im Bild zu sehen Viktoria Savs, die hier als “Symbolbild” dienen soll, da auch sie unter männlichem Pseudonym in der Armee kämpfte.

Frauen als Soldaten

“Als 15jähriges Mädchen sah sie [Dorothea Pichelt] am 1. Juni 1805 König Friedrich Wilhelm II. und seine Gemahlin Königin Luise beim Aufenthalt in den “Drei Linden”. Diese Begegnung entflammte eine große Verehrung für das Paar. Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 kamen zahlreiche preußische Soldaten beim Rückzug auch durch Nordhausen. Dorothea nahm lebhaften Anteil und soll „Forschungseinblicke – Dorothea Pichelt“ weiterlesen

Collegium Musicum Memmingen 1655-1786

Memmingen © Thomas Mirtsch, Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)
Memmingen © Thomas Mirtsch, Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)

“Eine der bedeutendsten Quellen zu den Collegia Musica im 18. Jahrhundert [musikalischer ‘Club’, meist der Patrizierschicht] hat sich im Stadtarchiv Memmingen erhalten. Die erhaltenen Bände dokumentieren diese musikalischen Zusammenkünfte in oft so anschaulicher und detaillierter Weise, dass wir uns ein sehr gutes Bild von der damaligen Bedeutung des Collegium, seiner Zusammensetzung, der aufgeführten Musik sowie deren zeitgenössischer Beurteilung machen können. In Vergleichen zu anderen Collegia Musica besteht die Möglichkeit, diese Institution im Zusammenhang der bürgerlichen und höfischen sowie auch zur kirchlichen bzw. klösterlichen Musikkultur im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert zu betrachten.” (Aus dem Vorwort zu Stadtarchiv Memmingen (Hg.): Das Collegium Musicum der Reichsstadt Memmingen. Edition der Protokolle 1775-1821. Übertragen von Nadine Sach, bearbeitet und eingeführt von Johannes Hoyer. Memmingen 2009.)

Gesellschaftliche Treffpunkte

Getroffen hat man sich in den Gaststuben der Zeit, wo „Collegium Musicum Memmingen 1655-1786“ weiterlesen

Pictures from the past

Ethel Smyth bei der Einweihung des Pankhurst-Memorial 1930 © Flickr (allgemeinfrei)
Ethel Smyth bei der Einweihung des Pankhurst-Memorial 1930 © Flickr (allgemeinfrei)

Erstmals veröffentlicht am 22. Juli 2015 auf Facebook

Ab und zu ergänze ich Wikipedia-Artikel. Immer wieder fallen mir Artikel auf, die eine Überarbeitung oder Ergänzungen brauchen, weil wichtige Daten, Fakten und Zusammenhänge fehlen oder unklar sind. Neulich ist mir wieder solch ein Artikel aufgefallen, der zum Thema das Emmeline and Christabel Pankhurst memorial in London hat. Was in diesem Artikel nicht erwähnt worden war: Dass die Komponistin Ethel Smyth (1858-1944) während der Einweihung des Denkmals zu Ehren der berühmten Frauenrechtlerin (Christabel kam als Figur erst später dazu) am 6. März 1930 die örtliche Polizei-Band dirigierte und ihren The March of the Women und einen Choral aus ihrer Oper The Wreckers dazu dirigierte! Der Marsch war die Hymne der Frauenbewegung.

Ethel Smyth Superstar

Ethel Smyth verfasste mit Zunahme ihrer Taubheit nicht mehr Musik, sondern autobiographische Texte, die einen absolut fantastischen Einblick in das Gesellschaftsleben ihrer Zeit bieten. Sie berichtete darin auch über Emmeline Pankhursts Verzweiflung im Holloway-Gefängnis: Als quasi Anführerin der Suffragettenbewegung war sie ständig im Fokus von Polizei und Ordnungsdiensten und wurde während Demonstrationen mehrmals verhaftet. Wie so viele ihrer Mitstreiterinnen ging sie in Hunger- und Durststreik, um mit noch größerem Eindruck das Frauenwahlrecht zu erwirken. Emmeline Pankhurst erzählte Ethel Smyth von ihren dunkelsten Nächten dort: „Pictures from the past“ weiterlesen

Vergessene Kulturschätze – Fürstin Daschkoff

Erstmals veröffentlicht am 22. März 2017 auf Facebook

Ekaterina Nikolaevna Khilkova (1827- ca. 1876), Frauenmalschule in St. Petersburg um 1855. © https://de.pinterest.com/ustava51/всё-русское-живопись-люди-архитектура/
Ekaterina Nikolaevna Khilkova (1827- ca. 1876), Frauenmalschule in St. Petersburg um 1855. © https://de.pinterest.com/ustava51/всё-русское-живопись-люди-архитектура/

Ein Bild, das mich heute besonders berührt hat: Es zeigt eine Malschule für Frauen in St. Petersburg, gemalt von Ekaterina Nikolaevna Khilkova (1827–ca. 1876) um 1855, mit Dank an Female Artists in History.

Ich liebe ja dieses helle Smaragdgrün, diese alte Bonbonfarbe, und Lichtspiel in Bildern. Man beachte auch den Hintergrund mit den Beispielen an klassischen griechischen Säulentypen, und ganz hinten im anderen Raum eine Kopie der berühmten Laokoon-Gruppe (noch mit dem alten Arm). Hochgebildete Frauen in diesem Raum, die sich mit diesen Kulturen auseinandersetzen und darüber im Gespräch sind.

Vergessene Kulturschätze – Fürstin Daschkoff

Warum St. Petersburg? Zum einen regierte noch vor der Zeit dieses Bildes Zarin Katharina II. (die Große, 1729–1796), die für ihren Kunstsinn berühmt war. Sie hatte aber auch eine sehr enge Freundin (Geliebte?), über die heute kaum noch jemand weiß und die man auch nur noch in historischen Nachschlagewerken ein wenig finden kann. Über eine Meldung in einer historischen Augsburger Tageszeitung bin ich auf sie gestoßen. Es handelt sich hierbei um Katharina Romanowa Fürstin Daschkoff, geb. von Woronzoff, die 1785 von Zarin Katharina zur obersten Chefin der Akademie der Wissenschaften und schönen Künste ernannt wurde! Ein altes Brockhaus-Lexikon berichtet über sie: „Vergessene Kulturschätze – Fürstin Daschkoff“ weiterlesen

Würdiges Grab für Sofie Menter

ophie Menter, Fotografie von Josef Löwy 1875. © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)
Sophie Menter, Fotografie von Josef Löwy 1875. © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)

Ein würdiges Grabmal für Sofie Menter – eine Aktion von mfm zu ihrem 170. Geburtstag 2016

Die Stadt München verfügt über eine einzigartige Oase am Rand des Glockenbachviertels: Den Alten Südfriedhof. Dort liegen berühmte (z. B. Carl Spitzweg) als auch weniger berühmte Personen und Persönlichkeiten der Isarstadt. Mit seiner herausragenden architektonischen Anlage als auch der „verwunschenen“ Gräberanlage reiht er sich ein in die „romantischen“ Friedhöfe dieser Welt wie Père Lachaise (Paris) oder St. Marx (Wien).

mfm

Mit musica femina münchen e.V. (mfm) existiert ein preisgekrönter Verein (Anita-Augspurg-Preis der Stadt München, Bundesverdienstkreuz), der sich um die Belange historischer Komponistinnen sorgt als auch in München aktiv schaffende Komponistinnen fördert (z. B. Auftragswerke mit dem Münchner Kammerorchester, eigene Konzertreihen). mfm sorgt auch dafür, dass „Würdiges Grab für Sofie Menter“ weiterlesen

Sehen im Nicht-Sehen

Maria Theresia Paradis. Zeichnung von F. Parmantié, 1784. © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)
Maria Theresia Paradis. Zeichnung von F. Parmantié, 1784. © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)

Erstmals veröffentlicht am 4. April 2016 auf Facebook

Inspiriert durch den Versuch einer Facebook-Followerin, einer blinden jungen Frau zu erklären, wie Sterne aussehen oder wie sie sich anfühlen können, habe ich mich an eine Begebenheit der blinden Komponistin Maria Theresia Paradis erinnert, die durch magnetische Behandlung plötzlich die Sterne sehen konnte, aber den Klang ihrer Musik verlor.

Ich erzähle eine Geschichte von ihr: Es war einst ein kleines Kind, das ein ganz furchtbares Erlebnis gehabt haben musste, denn es wurde über Nacht blind. Man erzählte, es sei ein Feuer gewesen, das sie erschreckt habe, aber vermutlich war es Missbrauch: Ihre Augen verdrehten sich nach innen, sodass es absolut dunkel um sie wurde. Bald darauf stellte man fest, dass sie eine wunderbare Begabung für die Musik hatte und fantastische Melodien auf dem Klavier spielen konnte. Sie erhielt regelmäßig Unterricht und wurde zu einer Sensation, die auch eine Art Rente vom Kaiserhaus bekam. Manchmal spielte sie auch Orgel in einer der Wiener Innenstadtkirchen.

Karriere

Und Maria Theresia Paradis schrieb gern: Eigene musikalische Werke und Briefe an Menschen, die sie über Gespräche und sonstigen Austausch in privaten „Sehen im Nicht-Sehen“ weiterlesen

Entdeckungen im Kleinen Lautertal – Linde Otto

Gasthaus zum Lamm im Kleinen Lautertal © Susanne Wosnitzka
Gasthaus zum Lamm im Kleinen Lautertal © Susanne Wosnitzka

Erstmals veröffentlicht am 30. März 2016 auf Facebook


Am Ostersonntag machte ich mit meiner Mama einen Ausflug ins Kleine Lautertal. In diesem versteckten Tal gleich hinter Herrlingen bei Ulm, durch das einst die Urdonau floss und die Kalkfelslandschaft prägte, machten wir früher schon oft Ausflüge oder picknickten in den Wiesen am Bächle der Lauter. Nicht weit davon befindet sich die legendären Höhlen, in denen die ältesten Kunstgegenstände der Menschheit gefunden wurden. Ganz hinten im Tal, in Lautern, findet sich ein kleines uraltes Kirchlein und daneben ein hübsches Fachwerkhäuschen. Wir hatten uns damals schon immer gefragt, wer wohl das Glück hatte, dort in dieser Idylle und in dieser Ruhe zu leben.

Geht man noch ein Stück weiter nach ganz hinten ins Tal, kommt man zum Gasthaus Zum Lamm, das von einem Frauenpaar betrieben wird. Diese hatten das lange Zeit leerstehende Gasthaus aufgekauft und führen es bioökologisch weiter, unter der Bedingung der Vorbesitzer:innen, nichts modern zu verändern. Dank dieser Auflage findet sich dort heute ein Juwel aus alter Zeit.

Entdeckungen im Kleinen Lautertal
Quelltopf im Kleinen Lautertal © Susanne Wosnitzka
Quelltopf im Kleinen Lautertal © Susanne Wosnitzka

Hinter dem Gasthof befindet sich der “rauschende Bach”, den wir als Kinder so genannt hatten, weil es dort eine Schleuse gibt, durch die das Wasser immer nur so durchgerauscht ist, wenn sie aufgedreht war. Das Wasser stammt aus einer Quelle im Felsen, die eigentlich keine Grundwasserquelle ist, sondern ein Seitenarm eines gigantischen „Entdeckungen im Kleinen Lautertal – Linde Otto“ weiterlesen

Revolutionen und ihre (tatsächlichen?) Opfer

Vicomte de Chateaubriand (1768-1748), Zeitzeuge der Frz. Revolution. Gemälde von Anne-Louis Girodet-Trioson. © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)
Vicomte de Chateaubriand (1768-1748), Zeitzeuge der Frz. Revolution. Gemälde von Anne-Louis Girodet-Trioson. © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)

Am 5. September 1793 wurde in Frankreich und v. a. in Paris die Einführung von Terror- und Gewaltmaßnahmen zur Unterdrückung von kontrarevolutionären Aktivitäten beschlossen. Die Unterdrücker hatten somit freies Spiel und konnten ihrer Gewalt freien Lauf lassen. Die Forschung spricht von mind. ca. 16.500 vollstreckten Todesurteilen, die Zahl der in den Gefängnissen gestorbenen Menschen oder derer, die ohne Prozess getötet wurde, belaufe sich auf ca. 40.000. Aus der schnellen Wiki-Recherche geht nicht hervor, wie viele Frauen und wie viele Männer getötet wurden, da in der Wikipedia[1] ausschließlich das gen. Maskulinum verwendet wird. Es wäre auch interessant, ob in der angegebenen Literatur speziell auf Frauen und Männer eingegangen bzw. auf die Geschlechterverhältnisse eingegangen worden ist.

Revolutionen – auch auf dem Papier

Heute habe ich in einer historischen Zeitung etwas entdeckt, das – sollten die Daten glaubhaft sein – sehr dazu beitragen kann, wie viele Frauen, Männer und auch Kinder tatsächlich ermordet worden waren: „Revolutionen und ihre (tatsächlichen?) Opfer“ weiterlesen

Schuld war wie immer die Frau?

Madame de Staël 1812 © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)
Madame de Staël 1812 © Wikimedia.Commons (allgemeinfrei)

In den Jahren nach 1800 drängte Napoleon seine Armeen durch Europa. Seine Taten und Untaten sind bekannt und auch, wie er mit Frauen umging. Eine der aufmüpfigsten Frauen dieser Zeit war Madame Germaine de Staël (1766–1817), die man heute als Literatursoziologin bezeichnen würde. Deren Vater war Jacques Necker, Finanzberater von König Ludwig XVI., der aus dem Amt verwiesen wurde. Wie es mit Ludwig ausging, ist ebenfalls bekannt. Durch dieses hohe Amt und diese für das französische Volk unglaublich hohe Verantwortung, geriet auch Neckers Tochter aufs Tapet der Öffentlichkeit.

Kritische Schriftstel